20/07/2022
Der Zohar, oft auch Sohar genannt, hebräisch זֹהַר, was „(strahlender) Glanz“ bedeutet, ist zweifellos das bedeutendste Schriftwerk der Kabbala. Seine Ursprünge gehen auf biblische Texte bei den Propheten Ezechiel und Daniel zurück, die von einem leuchtenden Glanz sprechen. Dieses monumentale Werk der jüdischen Mystik, verfasst in einem künstlich altertümlichen Aramäisch und zu geringen Teilen in Hebräisch, enthält vor allem tiefgründige Kommentare zur Tora. Es ist eine faszinierende Mischung aus homiletischen Meditationen, allegorischen Erzählungen, mystischen Dialogen und spekulativen Abhandlungen, die den Leser auf eine einzigartige Reise in das Wesen des Göttlichen und die Struktur des Kosmos mitnimmt.

Der Zweck des Zohar: Eine Brücke zum Göttlichen
Der zentrale Zweck des Zohar ist es, das verborgene Wesen Gottes zu erfassen und es dem Menschen auf kontemplative und spekulative Weise mitzuteilen. Da Gott als unbegreiflich und jenseits jeder Beschreibung gilt (das sogenannte En Sof, das Unendliche), kann diese Mitteilung nicht in einer direkten oder lehrhaften Form geschehen. Stattdessen nutzt der Zohar eine reiche Symbolsprache, Allegorien und mystische Erzählungen, um die komplexen Zusammenhänge zwischen dem Göttlichen, der Schöpfung und dem Menschen zu beleuchten.
Im Vordergrund steht dabei stets die Auslegung der Tora, die als das wesentliche religiöse Fundament des Judentums betrachtet wird. Der Zohar erkennt für die biblische Exegese vier Stufen des Verständnisses an, die zusammen den Begriff PaRDeS (‚Obstgarten‘ oder Paradies) bilden. Dieser Begriff ist ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben der vier hebräischen Wörter für diese Stufen:
- Pschat (פשט): Der wortwörtliche Text oder Literalsinn.
- Remez (רמז): Die übertragene Bedeutung oder Allegorie.
- Drasch (דרוש): Die Bedeutung im Leben, die Auslegung oder Auskunft.
- Sod (סוד): Die mystische Bedeutung oder das Geheimnis.
Dieses Modell des Schriftstudiums deutet den Sinn des Lernens als einen Gang durch einen blühenden Garten an, der auch als geistiger Gang durch die verschiedenen Hallen des jüdischen Tempels interpretiert wird. Der Zohar lädt den Leser ein, über die Oberfläche des Textes hinauszublicken und in die tieferen, mystischen Dimensionen der Tora einzudringen.
Zohar und Kabbala: Eine untrennbare Verbindung
Oftmals stellt sich die Frage nach dem Unterschied zwischen Zohar und Kabbala. Es ist wichtig zu verstehen, dass der Zohar nicht von der Kabbala getrennt ist, sondern ihr bedeutendstes Schriftwerk darstellt. Die Kabbala ist die umfassende Tradition der jüdischen Mystik, die sich mit der verborgenen, esoterischen Dimension der Tora und des Universums befasst. Der Zohar ist das zentrale Dokument, das die kabbalistischen Vorstellungen und Lehren in einer umfassenden und tiefgründigen Weise formuliert und überliefert.
Der Zohar nimmt kabbalistische Konzepte wie die zehn Sefirot auf, die als Sphären der Manifestation Gottes verstanden werden. Diese Emanationen bilden die Brücke zwischen dem unendlichen, unbegreiflichen En Sof und der materiellen Welt. Der Zohar beschreibt, wie aus dem En Sof das Sein wie aus einem einzigen Punkt entsteht und sich in der Bewegung zu den vielen Erscheinungen des Lebens ausfächert. Er vertieft das Verständnis dieser göttlichen Struktur und ihrer Wechselwirkungen mit der menschlichen Existenz.
Die Entstehung des Zohar: Ein historisches Rätsel
Der Zohar ist eine Sammlung von Texten, die zumeist fünf Bände umfasst. Traditionell wird als Autor Schimon ben Jochai genannt, ein bedeutender talmudischer Rabbiner (Tannait) des zweiten Jahrhunderts, der auch die wichtigste handelnde Person in den Erzählungen des Zohar ist. Er gilt historisch als „Vater der Kabbala“. Die tatsächliche Autorschaft für den Zohar ist jedoch vor allem aus sprachlichen und literarischen Gründen fraglich, weshalb von einem pseudepigraphischen Charakter der Schrift ausgegangen werden muss.
Der Zohar tauchte zuerst gegen Ende des 13. Jahrhunderts in Spanien auf, wobei seine Herausgabe und Verbreitung dem Kabbalisten Mosche ben Schemtow de León zugeschrieben wird, der bis 1305 in Kastilien lebte. Literarische, sprachliche und quellentheoretische Beobachtungen haben de León historisch auch die Autorschaft des Zohar zugeschrieben. Eine Anekdote, die auf das Tagebuch des Kabbalisten Isaak ben Samuel aus Akko zurückgeht, besagt sogar, dass die Witwe von Mosche de León zugegeben haben soll, dass ihr Mann den Zohar geschrieben habe, obwohl dies eine Erzählung aus dritter Hand ist.
Akademische vs. Traditionelle Sichtweise der Autorschaft
| Aspekt | Traditionelle Sichtweise | Akademische Sichtweise |
|---|---|---|
| Autor | Rabbi Schimon ben Jochai (2. Jh.) | Mosche ben Schemtow de León (13. Jh.) |
| Entstehungszeit | 2. Jahrhundert n. Chr. | Ende 13. Jahrhundert n. Chr. |
| Sprache | Authentisches Aramäisch der Tannaitenzeit | Künstlich altertümliches Aramäisch mit Neologismen und spanischen Einflüssen |
| Charakter | Direkte Offenbarung mystischer Geheimnisse | Pseudepigraphie (Zuschreibung an eine ältere Autorität zur Stärkung der Bedeutung) |
| Historische Hinweise | Keine Anachronismen | Hinweise auf Kreuzzüge, mittelalterliche Rabbiner, hebräische Rechtschreibkonventionen des Mittelalters |
Unabhängig von der Frage der Autorschaft bleibt der Zohar ein Werk von immenser spiritueller Tiefe, das ältere mystische Traditionen aufgreift und entscheidend durch die Erfahrungen der jüdischen Diaspora im mittelalterlichen Spanien geformt wurde. Er ist eine „merkwürdige Mischung“ aus mythologischen Bildern, Dichtung, neoplatonischer Philosophie, volkstümlichen Aberglauben und mystischer Psychologie.
Inhalt und Aufbau des Zohar
Der Zohar ist ein komplexes Werk, das eine Vielzahl von Abhandlungen und Kommentaren zur Tora umfasst. Der Gesamtbestand wurde erstmals 1558 und 1560 in Mantua und Cremona gedruckt. Gershom Scholem, ein führender Gelehrter der jüdischen Mystik, sieht den Korpus des Zohar aus drei Hauptschichten aufgebaut:
- Midrasch ha-ne'elam (‚Dem mystischen oder verborgenen Midrasch‘)
- Der Hauptteil mit den Idrot, Sitre Tora und kleineren Schriften
- Ra'ja Mehemna und die Tikkune Zohar
Die fünf Bände des Zohar bestehen aus folgenden Teilen:
- Zohar (Hauptteil): Kommentar zur Tora, gegliedert nach den synagogalen Wochenlesungen.
- Sifra di-Tzeniutha (‚Buch der Verborgenheit‘): Ein dunkler Kommentar zu den ersten sechs Kapiteln des Buches Genesis.
- Idra Rabba (‚Große Versammlung‘): Ekstatische Vorträge von Schimon ben Jochai und seinen Schülern über Schöpfungsthemen.
- Idra Sutta (‚Kleine Versammlung‘): Erzählung vom Tode Schimon ben Jochais und seiner Vermächtnisrede.
- Hechalot (‚Hallen‘): Beschreibung der Hallen des Tempels, die von den Seelen der Frommen durchschritten werden.
- Rasa de-Rasin (‚Das Geheimnis der Geheimnisse‘): Abhandlungen über die Verbindung von Seele und Körper.
- Saba (‚Der Greis‘): Erkenntnisse eines greisen Kabbalisten über die Seele und die Seelenwanderung.
- Jenuka (‚Das Kind‘): Erkenntnisse eines Wunderkindes über die Tora.
- Rab Methibtha (‚Das Haupt der Schule‘): Visionärer Gang durch das Paradies mit Betrachtungen über das Schicksal der Seelen.
- Sitre Tora (‚Geheimnisse der Tora‘): Deutungen verschiedener Abschnitte der Tora.
- Matnitin: Auslegungen zur Tora im Stil der Mischna.
- Zohar zum Hohenlied.
- Kaw ha-Midda (‚Das Maß des Maßes‘): Auslegungen zum Schma Jisrael, einem der Hauptgebete des Judentums.
- Sitre Otiot (‚Geheimnisse der Zeichen‘): Deutungen zu den Buchstaben des Gottesnamens und des Textes der Schöpfungsgeschichte.
- Midrasch ha-ne'elam zur Tora und zum Buch Rut.
- Ra'ja Mehemna (‚Der treue Hirte‘): Deutung der Gebote und Verbote der Tora.
- Tikkune Zohar (‚Vollendung des Zohar‘): Ein weiterer Kommentar zu den ersten sechs Kapiteln der Tora.
Zentrale theologische Konzepte
Neben den Sefirot behandelt der Zohar weitere fundamentale Konzepte der Kabbala:
- En Sof: Das Unendliche, der unmanifestierte Urgrund Gottes, aus dem alles Sein entspringt.
- Schefa (שֶׁפַע): Der göttliche Überfluss oder die Gnade, ein kontinuierlicher Fluss spiritueller Energie, der die Schöpfung durchdringt und nährt.
- Gottesnamenslehre (Sod HaShem): Das ‚Geheimnis des Namens‘, welches besagt, dass Gottes Wesenheit in seinem Namen enthalten ist. Der Schöpfungsprozess wird als Entfaltung des göttlichen Namens verstanden, insbesondere des Tetragrammatons (יהוה).
- Ethik: Die höchste Wertschätzung gilt der tätigen Liebe zu Gott (Debekut), die sich auch in der sozialen Hinwendung zum Mitmenschen äußert. Der Zohar vertritt ein starkes Armutsideal und beschreibt den gerechten Menschen (Tzaddik) als Tora-Gelehrten, Gottsucher und Wohltäter, der seine eigenen Bedürfnisse radikal hinter die Sorge für den Nächsten zurückstellt.
Literarischer Charakter und handelnde Personen
Der Zohar kann als eine Erzählung betrachtet werden, die viele poetische Qualitäten aufweist. Er fungiert als eine Art dramatische Literatur, in der die Enthüllung mystischer Geheimnisse für den Leser demonstriert und dramatisiert wird. Die Erzählstruktur ist nicht linear, sondern umfasst eine Vielzahl von Geschichten, Dialogen und allegorischen Erklärungen, die miteinander verwoben sind. Dabei bedient sich der Zohar des Genres der „Wanderliteratur“, in der die handelnden Figuren – eine Gruppe von Weisen unter der Führung von Rabbi Schimon bar Jochai – auf ihrer Reise durch das Heilige Land die Tora diskutieren und mystische Lehren offenbaren.
Wichtige handelnde Personen und Figuren
- Rabbi Schimon bar Jochai: Die zentrale Figur und der Hauptprotagonist, der die tiefsten Geheimnisse der Kabbala offenbart.
- Rabbi Eleasar: Schimons Sohn und wichtiger Gesprächspartner, der zur Verständlichkeit der Lehren beiträgt.
- Rabbi Abba: Ein enger Schüler, der Fragen stellt und die Konzepte für die anderen Zuhörer erläutert.
- Die Schechina: Tritt als personifizierte Figur oder abstraktes Prinzip auf, repräsentiert die göttliche weibliche Präsenz.
- Elija der Prophet: Ein himmlischer Führer und mystischer Lehrer, der den Kabbalisten göttliches Wissen offenbart.
- Der Engel Metatron: Ein Erzengel und ‚Schreiber Gottes‘, der göttliche Geheimnisse übermittelt.
- Lilith und Samael: Repräsentieren dunkle Kräfte, die die Schöpfung herausfordern und ins Gleichgewicht bringen, als Teil des kosmischen Spiels von Licht und Dunkelheit.
- Adam und Eva: Symbolisieren die göttliche Ordnung und Erneuerung der Welt, tragen göttliches Licht.
Symbolische Räume der Erzählung
Im Zohar sind „Raum“ und „Erzählung“ eng miteinander verbunden. Der Raum ist nicht nur ein physischer Ort, sondern eine symbolische und metaphysische Entität, an der göttliche Offenbarungen stattfinden:
- Physische Orte: Wie die Höhle von Rabbi Schimon bar Jochai oder die Synagoge, die zu Orten mystischer Erleuchtung werden.
- Natürliche Landschaften: Berge, Gärten, Wüsten und Meere, die als spirituelle Metaphern für innere Zustände oder mystische Prüfungen dienen. Die Wüste etwa symbolisiert Reinigung und spirituelle Erneuerung.
- Kosmische Räume: Höhere Ebenen, die die göttliche Ordnung und die Sefirot repräsentieren, zugänglich durch mystische Erfahrungen.
- Spirituelle Räume: Gan Eden (Garten Eden) als Ort der Vollkommenheit, Gehinom (Hölle) als Ort der Läuterung, und der Adam Olam Katan (Mikrokosmos des Menschen), der das gesamte Universum in sich trägt.
Die Reiseerzählung dient als äußere Struktur, um die tiefsten Geheimnisse der Tora zu erläutern, da jeder Ort auf der Reise als idealer Ort für Offenbarungen gilt.

Bedeutung und Einfluss des Zohar
Schon bald nach seiner Entstehung erlangte der Zohar eine außergewöhnliche Bedeutung, zunächst unter Kabbalisten und dann auch im Judentum allgemein. Seine Verbreitung nahm insbesondere nach der Vertreibung der Juden aus Spanien (1492) stark zu. Vor allem für die chassidische Tradition im osteuropäischen Judentum erlangte der Zohar geradezu kanonisches Ansehen.
Auch unter christlichen Gelehrten fand der Zohar Resonanz, insbesondere in der Neuzeit durch lateinische Übersetzungen. Die spekulative Kraft seiner Sprache führte sogar zu thematischen Verbindungslinien zur christlichen Lehre, bis hin zu Ähnlichkeiten im Wesen des dreifaltigen Gottes. Mystische Traditionen zeigen oft die stärksten und fruchtbarsten Verbindungen zwischen den Religionen, und der Zohar ist hierfür ein Paradebeispiel.
Die lurianische Kabbala, entwickelt von Isaak Luria im 16. Jahrhundert, baute maßgeblich auf den Konzepten des Zohar auf. Während der Zohar die göttlichen Prozesse symbolisch deutete, entwarf Luria eine dynamische, kosmisch-historische Ordnung, die den Menschen zum aktiven Mitgestalter der Erlösung machte.
Häufig gestellte Fragen zum Zohar
Was ist der Hauptzweck des Zohar?
Der Hauptzweck des Zohar ist es, das Wesen Gottes zu erfassen und es dem Menschen durch mystische Auslegung der Tora zu offenbaren. Er zielt darauf ab, die verborgenen Dimensionen des Göttlichen, der Schöpfung und der menschlichen Seele zu ergründen und ein tiefes spirituelles Verständnis zu vermitteln.
Wer hat den Zohar geschrieben?
Traditionell wird Rabbi Schimon ben Jochai (2. Jh.) als Autor genannt. Die moderne Forschung geht jedoch davon aus, dass der Zohar ein pseudepigraphisches Werk ist, das hauptsächlich von Mosche ben Schemtow de León im späten 13. Jahrhundert in Spanien verfasst oder redigiert wurde, möglicherweise unter Einbeziehung älterer mystischer Traditionen.
Was ist der Unterschied zwischen Zohar und Kabbala?
Die Kabbala ist die umfassende Tradition der jüdischen Mystik. Der Zohar ist das bedeutendste und zentrale Schriftwerk innerhalb dieser Tradition. Man könnte sagen, die Kabbala ist das Feld der jüdischen Mystik, und der Zohar ist ihr wichtigstes Lehrbuch.
Welche Sprachen werden im Zohar verwendet?
Der Zohar ist hauptsächlich in einem künstlich altertümlichen Aramäisch verfasst, das sich von anderen aramäischen Dialekten unterscheidet. Zu einem geringen Teil sind auch hebräische Texte enthalten.
Was sind die PaRDeS-Stufen der Tora-Auslegung?
PaRDeS ist ein Akronym, das vier Stufen des Verständnisses der Tora im Zohar beschreibt: Pschat (wörtlicher Sinn), Remez (allegorische Bedeutung), Drasch (Bedeutung im Leben/Auslegung) und Sod (mystisches Geheimnis). Sie symbolisieren einen Weg durch die verborgenen Dimensionen der Schrift.
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