06/12/2022
Viele Eltern machen sich Gedanken über die Qualität der Betreuung und Förderung im Kindergarten, besonders wenn die Gruppe eine hohe kulturelle und sprachliche Vielfalt aufweist. Die Sorge, dass das eigene Kind in einem Umfeld, in dem viele Kinder kaum Deutsch sprechen, möglicherweise nicht optimal gefördert wird, ist nachvollziehbar. Doch dieses Unbehagen ist in den meisten Fällen unbegründet, solange die pädagogischen Fachkräfte der Herausforderung mit Motivation und entsprechender Ausbildung begegnen. Tatsächlich spielt die „Migrationsquote“ dann kaum eine Rolle. Ob 20, 40 oder 60 Prozent der Kinder aus unterschiedlichen Kulturkreisen kommen, ist letztendlich irrelevant, wenn der Kindergarten die richtigen Strategien anwendet.

Der entscheidende Faktor für gute Bildung und erfolgreiche Integration ist die Sprachförderung. Kindergärten sind heute mehr denn je Orte, an denen Sprache zum beherrschenden Thema wird. Die Art und Weise, wie Erzieherinnen und Erzieher mit Deutsch und den Herkunftssprachen der Kinder umgehen, entscheidet maßgeblich darüber, wie wohl sich die Kinder in ihrer Gruppe fühlen und wie gut sie auf die Schule vorbereitet werden. Es geht nicht darum, spezielle Sprachförderprogramme abzuarbeiten, die oft isoliert wirken. Vielmehr ist es entscheidend, dass Sprache im normalen Kindergartenalltag lebendig wird.
Sprachförderung im Alltag: Mehr als nur Vokabeln
Wie Dr. Karin Jampert, Diplompädagogin am Deutschen Jugendinstitut, betont, ist es sinnvoller, den Kindern im ganz normalen Kindergartenalltag vielfältige Gelegenheiten zum Reden zu bieten. Beim Toben und Spielen, beim gemeinsamen Singen, bei kleinen Naturexperimenten oder beim Basteln – überall ergeben sich natürliche Situationen, in denen Kinder miteinander und mit den Erzieherinnen und Erziehern ins Gespräch kommen können. In solchen Einrichtungen müssen die Pädagogen möglicherweise mehr erklären und die Kommunikation bewusster gestalten als in homogenen Gruppen, aber genau das fördert die sprachliche Entwicklung aller Kinder auf natürliche und nachhaltige Weise.
Ein kompetentes Kindergartenteam erkennen Eltern daran, dass die Erzieherinnen und Erzieher sich um eine reichhaltige Sprache bemühen. Das bedeutet, dass sie bewusst mit den Kindern sprechen, ihrem Entwicklungsstand entsprechend, und dass sie „korrigieren“, indem sie ganze Sätze korrekt wiederholen, statt Fehler direkt zu monieren. Wenn ein Kind zum Beispiel sagt: „Ich hab Ball gespielt“, könnte die Erzieherin antworten: „Ja, du hast mit dem Ball gespielt, das ist toll!“. Diese Art der Korrektur ist unterstützend und ermutigend.
Die Wertschätzung der Muttersprache: Ein Fundament für Identität und Lernen
Besonders wichtig ist das Interesse an den jeweiligen Herkunftssprachen der Kinder. Ein guter Kindergarten sieht die Muttersprache nicht als Hindernis, sondern als wertvolle Ressource. Erzieherinnen und Erzieher können die Kinder ermutigen, Lieder aus der Heimat ihrer Eltern zu singen, sie fragen, ob der Hahn in ihrem Land anders kräht oder wie „Bein“ in ihrer Sprache heißt. Solche Fragen signalisieren Wertschätzung und Anerkennung der kulturellen Identität des Kindes. Eltern können gebeten werden, zum Geburtstag etwas Typisches aus ihrer Heimat mitzubringen oder Geschichten aus ihrer Kultur zu erzählen. Diese Praktiken stärken nicht nur das Selbstwertgefühl der Kinder, sondern bereichern auch die gesamte Gruppe.
Die Verkehrssprache im Kindergarten muss natürlich Deutsch sein, um die sprachliche Entwicklung und die Vorbereitung auf die Schule zu gewährleisten. Es wäre jedoch fatal, den Kindern zu verbieten, untereinander in ihrer Muttersprache zu kommunizieren, sei es Türkisch, Kroatisch oder eine andere Sprache. Wenn Kinder das Gefühl bekommen, dass ihre Muttersprache nicht akzeptiert wird, fühlen sie sich oft auch als Person nicht akzeptiert. Dies kann dazu führen, dass sie sich zurückziehen, allein bleiben oder sich in kleine Grüppchen zurückziehen. Dies ist das Gegenteil von dem, was Integration und Bildung erreichen sollen. Ein Kindergarten, der es schafft, Sprache spielerisch und respektvoll zum Thema zu machen, schafft eine Atmosphäre, in der sich alle Kinder wohlfühlen und optimal entwickeln können.
Vorteile für alle Kinder: Eine Bereicherung für die sprachliche Entwicklung
Die Kinder mit Migrationshintergrund lernen Deutsch in kürzester Zeit, da sie täglich in die Sprache eintauchen und von einem unterstützenden Umfeld profitieren. Doch auch die deutschen Kinder erhalten eine besondere Förderung. Wie Dr. Christa Preissing, Soziologin an der Internationalen Akademie in Berlin, erklärt, sind sie oft fasziniert von den fremden Lauten, die sie im Kindergarten hören, auch wenn sie diese zunächst nicht verstehen. Sie beginnen, über Laute, Worte, Sprachrhythmus und -melodie nachzudenken. All das fördert die eigene sprachliche Entwicklung, das Sprachgefühl und die phonologische Bewusstheit. Zudem lernen sie viel über andere Kulturen, über Normen und Werte, die sich von den eigenen unterscheiden können. Sie können vergleichen, entwickeln ihre eigene Meinung und lernen, Vielfalt zu schätzen. Solche Lernerfahrungen sind im Zeitalter der Globalisierung unabdingbar und bereiten die Kinder optimal auf eine vernetzte Welt vor.
Vergleich: Sprachförderung – Alte vs. Neue Ansätze
Um die Unterschiede in der Sprachförderung zu verdeutlichen, betrachten wir die Merkmale eines weniger effektiven Ansatzes im Vergleich zu dem, was einen guten, modernen Kindergarten auszeichnet:
| Aspekt | Weniger effektiver Ansatz | Guter, integrativer Ansatz |
|---|---|---|
| Umgang mit Muttersprache | Verbot oder Ignorieren der Muttersprache; Fokus nur auf Deutsch. | Wertschätzung und Einbeziehung der Muttersprache als Ressource; Deutsch als Verkehrssprache. |
| Methode der Sprachförderung | Isolierte Sprachkurse oder spezielle Übungen; oft losgelöst vom Alltag. | Integration der Sprachförderung in alle Alltagsaktivitäten (Spielen, Singen, Essen, Projekte). |
| Interaktion Erzieher-Kind | Fokus auf Korrektur von Fehlern; wenig bewusste Sprachgestaltung. | Bewusst reichhaltige Sprache; korrigierende Wiederholungen; altersgerechte Kommunikation. |
| Kulturelle Akzeptanz | Kulturelle Unterschiede werden kaum beachtet oder als Hindernis empfunden. | Aktives Interesse an und Einbeziehung von Herkunftskulturen; Förderung interkultureller Kompetenz. |
| Vorteile für alle Kinder | Primär Fokus auf Defizitausgleich bei Nicht-Muttersprachlern; wenig Mehrwert für andere Kinder. | Alle Kinder profitieren durch erweiterte Sprachkompetenz, kulturelles Verständnis und soziale Fähigkeiten. |
Häufig gestellte Fragen zur Sprachförderung im Kindergarten
Eltern haben oft konkrete Fragen, wenn es um die sprachliche Entwicklung ihrer Kinder in einem vielfältigen Kindergarten geht. Hier sind einige der häufigsten:
Ist mein Kind benachteiligt, wenn viele Kinder kein Deutsch sprechen?
Nein, nicht per se. Eine Benachteiligung tritt nur dann ein, wenn der Kindergarten die Herausforderung der Mehrsprachigkeit nicht aktiv und professionell angeht. Ist das Personal motiviert, gut ausgebildet und setzt auf eine integrative Sprachförderung im Alltag, profitieren alle Kinder. Die Exposition gegenüber verschiedenen Sprachen kann sogar die sprachliche Neugier und das Sprachgefühl Ihres Kindes stärken.
Wie kann ich als Elternteil die Sprachförderung meines Kindes unterstützen?
Lesen Sie Ihrem Kind viel vor, sprechen Sie bewusst und in ganzen Sätzen mit ihm. Ermutigen Sie es, von seinem Kindergartentag zu erzählen. Bei Kindern mit Migrationshintergrund ist es wichtig, die Muttersprache zu Hause aktiv zu pflegen, da eine starke Basis in der Erstsprache das Erlernen einer Zweitsprache erleichtert. Arbeiten Sie eng mit den Erzieherinnen und Erziehern zusammen und tauschen Sie sich regelmäßig aus.
Was sind die Anzeichen eines guten Kindergartens bezüglich Sprachförderung?
Achten Sie darauf, ob die Erzieherinnen und Erzieher eine reichhaltige Sprache verwenden, Sätze korrekt wiederholen, anstatt nur Fehler zu korrigieren, und ob sie aktiv Interesse an den Herkunftssprachen und Kulturen der Kinder zeigen. Ein gutes Zeichen ist auch, wenn Sprache spielerisch im Alltag integriert wird und nicht nur in speziellen „Sprachstunden“ stattfindet.
Lernen deutsche Kinder durch die vielen Herkunftssprachen weniger Deutsch?
Ganz im Gegenteil. Studien zeigen, dass der Kontakt mit anderen Sprachen und Kulturen die kognitive Entwicklung und die sprachliche Bewusstheit bei deutschen Kindern fördern kann. Sie lernen, über Sprache nachzudenken, entwickeln ein besseres Gehör für Laute und Rhythmen und erweitern ihren Horizont im Hinblick auf kulturelle Vielfalt. Dies sind wertvolle Fähigkeiten in einer zunehmend globalisierten Welt.
Fazit: Vielfalt als Stärke
Die Bedenken vieler Eltern bezüglich der sprachlichen Förderung in einem Kindergarten mit hohem Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund sind verständlich, aber oft unbegründet, wenn die Einrichtung die richtigen pädagogischen Ansätze verfolgt. Ein guter Kindergarten erkennt die Kompetenz im Umgang mit Mehrsprachigkeit als zentrale Aufgabe an. Er sieht die Vielfalt der Sprachen und Kulturen nicht als Herausforderung, sondern als enorme Bereicherung für alle Kinder. Durch eine integrative und alltagsnahe Sprachförderung, die Wertschätzung für alle Sprachen und Kulturen zeigt, werden nicht nur die Kinder mit Migrationshintergrund optimal auf die Schule vorbereitet und integriert, sondern auch die deutschen Kinder profitieren enorm. Sie entwickeln ein erweitertes Sprachgefühl, lernen Toleranz und Offenheit und werden so zu weltoffenen und sprachkompetenten Persönlichkeiten. Die Qualität eines Kindergartens misst sich nicht an der ethnischen Zusammensetzung der Gruppe, sondern an der Professionalität und dem Engagement, mit dem er die Potenziale aller Kinder fördert.
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