09/06/2021
Die Begriffe „Neues Testament“ und „Evangelien“ werden oft im Zusammenhang mit christlichen Schriften verwendet, doch ihre genaue Beziehung zueinander ist nicht immer sofort ersichtlich. Während das Neue Testament eine Sammlung verschiedener Texte darstellt, sind die Evangelien eine spezifische Gattung innerhalb dieser Sammlung. Doch was unterscheidet sie voneinander, und warum gibt es andere Schriften, die zwar Jesus-Worte enthalten, aber nicht in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen wurden? Eine dieser faszinierenden und oft diskutierten Schriften ist das sogenannte Thomasevangelium. Dieses Dokument, das erst im 20. Jahrhundert in seiner vollständigen Form wiederentdeckt wurde, wirft wichtige Fragen über die Entstehung des biblischen Kanons und die Kriterien seiner Anerkennung auf.

- Neues Testament und Evangelien: Eine grundlegende Unterscheidung
- Das Thomasevangelium: Eine ungewöhnliche Schrift
- Die Entdeckung: Ein Fund, der Fragen aufwirft
- Die Entstehung und frühe Rezeption
- Der Kanonisierungsprozess: Wie Schriften anerkannt wurden
- Kriterien für die Anerkennung neutestamentlicher Schriften
- Das Ende des Schwebezustands: Athanasius und die definitive Liste
- Vergleich: Kanonische Evangelien vs. Thomasevangelium
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Neues Testament und Evangelien: Eine grundlegende Unterscheidung
Das Neue Testament ist der zweite Hauptteil der christlichen Bibel und umfasst insgesamt 27 Bücher. Es ist eine vielfältige Sammlung von Schriften, die die Entstehung und Ausbreitung des frühen Christentums dokumentieren. Dazu gehören:
- Vier Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas, Johannes)
- Die Apostelgeschichte (eine Chronik der frühen Kirche)
- Briefe (von Aposteln wie Paulus, Petrus, Johannes und Jakobus an Gemeinden oder Einzelpersonen)
- Die Offenbarung des Johannes (ein prophetisches Buch)
Die Evangelien sind somit ein integraler Bestandteil des Neuen Testaments, aber nicht das gesamte Neue Testament. Sie sind spezifische Berichte über das Leben, die Lehren, den Tod und die Auferstehung Jesu Christi. Jedes der vier kanonischen Evangelien bietet eine einzigartige Perspektive auf diese zentralen Ereignisse, ergänzt sich jedoch in seiner Botschaft und zeichnet ein umfassendes Bild des Wirkens Jesu. Sie sind narrative Texte mit einer klaren chronologischen oder thematischen Struktur, die auf einen Höhepunkt – die Passion und Auferstehung – zulaufen.
Das Thomasevangelium: Eine ungewöhnliche Schrift
Im krassen Gegensatz zu den kanonischen Evangelien steht das Thomasevangelium. Bei dieser Schrift handelt es sich nicht um einen zusammenhängenden Bericht über das Leben Jesu. Stattdessen besteht es aus einer Sammlung von 114 Sprüchen, kurzen Szenen und Dialogen, die Jesus zugeschrieben werden und oft mit einem „Jesuswort“ enden. Diese sogenannten Logien stehen unverbunden nebeneinander, ohne eine erkennbare durchgehende Ordnung oder eine narrative Struktur. Der bedeutendste Unterschied zu den Evangelien des Neuen Testaments ist das völlige Fehlen der für diese Evangelien wesentlichen Leidens- und Auferstehungsgeschichte Jesu. Während einige Logien Ähnlichkeiten mit Aussagen aus den kanonischen Evangelien aufweisen, erinnern andere eher an gnostische Texte, also an Lehren, vor denen das Neue Testament ausdrücklich warnt. Diese gnostischen Strömungen legten oft Wert auf geheimes Wissen und eine dualistische Weltsicht, die im Widerspruch zur orthodoxen christlichen Lehre stand.
Die Entdeckung: Ein Fund, der Fragen aufwirft
Vor dem Jahr 1945 war das Thomasevangelium praktisch unbekannt. Es war lediglich in Fragmenten und durch Erwähnungen in anderen Schriften bekannt, die seine Existenz belegten, aber wenig über seinen Inhalt verrieten. Dies änderte sich dramatisch, als in diesem Jahr in Nag Hammadi in Ägypten ein sensationeller archäologischer Fund gemacht wurde. Man entdeckte 13 Papyrus-Codizes, die eine Fülle antiker Texte enthielten, darunter auch die nahezu vollständige koptische Übersetzung der 114 Logien des Thomasevangeliums. Diese koptische Übersetzung wird auf etwa 350 n. Chr. datiert und trug die Unterschrift „Evangelium nach Thomas“. Der Fund von Nag Hammadi ermöglichte es Forschern, bereits zuvor gefundene einzelne Papyrus-Fragmente in griechischer Sprache, die zwischen 1897 und 1903 in Ägypten entdeckt worden waren, dem Thomasevangelium eindeutig zuzuordnen. Diese Entdeckung war von immenser Bedeutung für das Verständnis der frühen christlichen Literatur und der Vielfalt der damals existierenden Schriften.
Die Entstehung und frühe Rezeption
Die Geschichte des Thomasevangeliums in der Alten Kirche ist bemerkenswert. Bis zum frühen dritten Jahrhundert war es offenbar weitgehend unbekannt. Bedeutende Kirchenväter wie Irenäus von Lyon, Tertullian und Clemens von Alexandria, die sich intensiv mit verschiedenen christlichen Strömungen auseinandersetzten und deren Schriften erwähnten, schweigen über das Thomasevangelium. Dies deutet darauf hin, dass es zu ihrer Zeit entweder nicht existierte oder keine nennenswerte Verbreitung oder Bedeutung hatte.
Erst um das Jahr 233 n. Chr. wurde es von Origenes erwähnt, und zwar in einer kritischen Weise. Er zählte es zu den Evangelien, die vom eigentlichen Kanon abwichen. Ein Jahrhundert später ordnete Eusebius von Caesarea das Thomasevangelium den Apokryphen zu – Schriften, die zwar religiösen Inhalt haben, aber nicht als inspiriert oder kanonisch anerkannt wurden. Spätere griechische Autoren, darunter Kyrill von Jerusalem, erwähnten ein „Evangelium nach Thomas“ als eine Schrift, die von den Manichäern, einer als häretisch eingestuften Bewegung, genutzt wurde. Diese Assoziation mit als irrig angesehenen Lehren trug sicherlich dazu bei, dass das Thomasevangelium von der breiteren christlichen Gemeinschaft abgelehnt wurde.
Der Verfasser der 114 Logien nennt sich Didymos Judas Thomas. Ein solcher Name ist im Neuen Testament jedoch unbekannt. Zwar gibt es verschiedene Thomasse (einer davon mit dem Beinamen Didymus) und verschiedene Judasse (einer war ein Bruder Jesu), aber keinen „Didymos Judas Thomas“. Der genaue Zeitpunkt und Ort der Entstehung dieser Texte sind umstritten, doch es wird angenommen, dass sie um die Mitte des 2. Jahrhunderts in Syrien niedergeschrieben wurden. Dies würde erklären, warum sie in den frühesten Zeugnissen der Kirchenväter nicht auftauchen.
Der Kanonisierungsprozess: Wie Schriften anerkannt wurden
Es gibt keinen einzigen Beleg dafür, dass das Thomasevangelium jemals als heilige Schrift anerkannt worden ist. Dies steht im direkten Gegensatz zu den neutestamentlichen Schriften, die alle noch vor dem Ende des ersten Jahrhunderts entstanden. Schon in dieser frühen Zeit gab es jedoch auch andere christliche Schriften, wie die Didache oder der erste Klemensbrief, die von den christlichen Gemeinden hoch geachtet wurden, aber dennoch nicht in den Kanon aufgenommen wurden. Im zweiten Jahrhundert und später entstanden wesentlich mehr christliche Schriften, von denen einige Namen trugen, die auch im Neuen Testament vorkommen, wie zum Beispiel die Apokalypse des Petrus oder die Paulusakten. Diese konnten jedoch genauso wenig wie das Thomasevangelium von den Aposteln stammen. Manche dieser Schriften wurden eine Zeitlang in Gemeinden vorgelesen, später aber als nicht kanonisch aussortiert.
Die Anerkennung der heiligen Schriften des Neuen Testaments war hauptsächlich ein langwieriger Kanonisierungsprozess oder Ausleseprozess, der insgesamt etwa 250 Jahre dauerte. Es ist wichtig zu betonen, dass diese Anerkennung nie von einem Konzil oder einer Kirchenleitung zentral bestimmt wurde, sondern sich unmerklich und organisch in den einzelnen Gemeinden vollzog. Nur dreimal wurden in dieser ganzen Zeit Listen von Büchern veröffentlicht, die göttliche Autorität haben sollten – die sogenannten Kanonlisten –, die jedoch untereinander nicht immer völlig übereinstimmten. Abgesehen von diesen Kanonlisten geben vor allem die Zitate des Neuen Testaments, die sich in den Schriften der Kirchenväter finden, Aufschluss über die Anerkennung der heiligen Schriften. Wenn man dies mit der gebotenen Vorsicht statistisch untersucht, tritt eine überraschende Kontinuität zutage.
Kein einziges Buch wurde deshalb kanonisch, weil Menschen es in den Kanon aufgenommen haben. Vielmehr war es genau umgekehrt: Die inspirierten Schriften besaßen von vornherein göttliche Autorität. Die Menschen haben dies nur erkannt und anerkannt. Alle Bücher, die schon im 2. Jahrhundert intensiv gebraucht und zitiert wurden, gehören auch unserem heutigen Neuen Testament an und machen den allergrößten Teil davon aus. Es wurde also sehr schnell ein hohes Maß an Übereinstimmung unter den Gemeinden offenbar. Die Gemeinden legten eine passive und demütige Haltung an den Tag und fällten keine eigenwilligen Urteile über bestimmte Bücher, bei denen sie unsicher waren, ob sie zum Kanon gehören oder nicht. Im Vergleich zum 2. Jahrhundert findet sich im 3. Jahrhundert eine bemerkenswerte Kontinuität in der Verwendung der neutestamentlichen Schriften.
Die Sammlung der neutestamentlichen Schriften ist eine Geschichte ohne alle Revolutionen; das Wesentliche ist von Beginn an gegeben, die geringfügigen Änderungen geschehen so allmählich, dass sie niemandem auffallen.
Kriterien für die Anerkennung neutestamentlicher Schriften
Es ist schwierig, die genauen Kriterien anzugeben, nach denen die Gemeinden entschieden haben, eine Schrift als kanonisch anzusehen oder nicht. Man kann dies nur aus gewissen Indizien schließen. Gewiss war es ein notwendiges, aber noch nicht hinreichendes Kriterium, dass die Schrift von einem Apostel verfasst oder von ihm beglaubigt worden war. Dies wird als die apostolische Autorität bezeichnet. Das könnte der Grund gewesen sein, weshalb manche Gemeinden zum Beispiel beim Hebräerbrief wegen der Anonymität des Verfassers mit der Anerkennung zögerten oder beim 2. Petrusbrief wegen des Verdachts einer Fälschung.
Die Tatsache, dass man bei bestimmten Büchern zögerte, sie anzuerkennen, weist darauf hin, dass man nicht leichtfertig irgendwelche Schriften für kanonisch erklärte, sondern mit Sorgfalt und Unterscheidungsvermögen zu Werke ging. Denn nicht allein der Anspruch einer Schrift, Autorität zu haben, macht sie schon zu einer Autorität, sondern erst der Erweis der geistlichen Kraft (Hebr 4,12), die sich dann auch in der freiwilligen allgemeinen Anerkennung ausdrückte. Dies ist das Kriterium der inneren Autorität oder geistlichen Kraft.
Ein weiteres wichtiges Kriterium war die historische und dogmatische Genauigkeit, also die Übereinstimmung mit der bereits etablierten Lehre und den historischen Fakten. Das hat wahrscheinlich beim Jakobusbrief eine Rolle gespielt, bis man verstand, dass seine Lehre nicht im Widerspruch zu der des Paulus stand. Der Judasbrief wurde wegen seiner Zitate aus nicht autorisierten Schriften nicht überall sofort anerkannt. Andererseits sorgte dieses Kriterium dafür, dass viele apokryphe Schriften und solche mit falscher Verfasserangabe (Pseudepigrafen) zu Recht als nicht kanonisch verworfen wurden. Diese Kriterien – apostolische Herkunft, innere Autorität und theologische Kohärenz – waren entscheidend für die Auslese.
Bemerkenswert ist außerdem, dass es wegen der Kanonfrage nie einen Bannfluch oder Federkrieg unter den Gläubigen gab, obwohl dies in anderen theologischen Fragen sehr häufig der Fall war. Dies unterstreicht die organische und einvernehmliche Natur des Prozesses. Andererseits wurden die Gemeinden davor bewahrt, Schriften aufzunehmen, die abweichende Lehren enthielten, wie sie damals schon aufgetaucht waren, insbesondere die gnostischen Texte.
Das Ende des Schwebezustands: Athanasius und die definitive Liste
Der Schwebezustand, der jeder Gemeinde die Freiheit gab, selbst zu entscheiden, welche der Schriften sie für kanonisch hielt oder nicht, endete praktisch im Jahre 367 n. Chr. mit dem 39. Osterbrief des Bischofs von Alexandrien, Athanasius. In diesem Brief listete Athanasius die 27 Bücher auf, die den Kanon des Neuen Testaments bilden sollten, und schrieb dazu die eindringlichen Worte: „Dies sind die Quellen des Heils … gebt nicht zu, dass jemand von ihnen wegnehme oder hinzufüge.“
Diese Liste, die genau unserem heutigen Kanon entspricht, wurde später auch von verschiedenen Synoden, wie der Synode von Hippo (393 n. Chr.) und der Synode von Karthago (397 n. Chr.), anerkannt. Damit war der Kanonisierungsprozess zwar nicht abgeschlossen, aber die allgemeine Übereinstimmung gefestigt und eine definitive Sammlung der Schriften des Neuen Testaments etabliert, die bis heute Bestand hat.
Vergleich: Kanonische Evangelien vs. Thomasevangelium
| Merkmal | Kanonische Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas, Johannes) | Thomasevangelium |
|---|---|---|
| Inhaltstyp | Zusammenhängende narrative Berichte über Leben, Lehren, Tod und Auferstehung Jesu. | Sammlung von 114 Sprüchen (Logien) und kurzen Dialogen Jesu. |
| Struktur | Narrative, chronologische oder thematische Abfolge, mit Anfang, Höhepunkt und Ende. | Unverbundene Sprüche ohne durchgehende Ordnung oder Geschichte. |
| Passion & Auferstehung | Zentraler und wesentlicher Bestandteil der Erzählung. | Völlig fehlend. |
| Theologische Ausrichtung | Bilden die Grundlage der orthodoxen christlichen Lehre. | Enthält Züge, die gnostischen oder anderen als irrig angesehenen Lehren ähneln. |
| Anerkennung im Kanon | Von Beginn an als inspiriert und autoritativ anerkannt; Teil des Neuen Testaments. | Niemals als heilige Schrift anerkannt; als apokryph und abweichend eingestuft. |
| Entstehungszeit | Vor dem Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. | Vermutlich Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. |
| Frühe Erwähnung | Intensiv zitiert und genutzt ab dem 2. Jahrhundert. | Erst ab ca. 233 n. Chr. kritisch erwähnt; vorher unbekannt. |
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist der Unterschied zwischen einem Neuen Testament und einem Evangelium?
Das Neue Testament ist eine Sammlung von 27 Büchern, die die zweite Hälfte der christlichen Bibel bilden. Es enthält Evangelien, die Apostelgeschichte, Briefe und die Offenbarung. Ein Evangelium ist somit eine spezifische Art von Buch innerhalb des Neuen Testaments, das sich auf das Leben, die Lehren, den Tod und die Auferstehung Jesu Christi konzentriert. Die Evangelien sind narrative Berichte, während das Neue Testament eine breitere Vielfalt an Textgattungen umfasst.
Warum ist das Thomasevangelium nicht im Neuen Testament enthalten?
Das Thomasevangelium wurde aus mehreren Gründen nicht in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen. Es handelt sich nicht um einen zusammenhängenden narrativen Bericht über Jesus, sondern um eine Sammlung unverbundener Sprüche. Vor allem fehlt die für die kanonischen Evangelien zentrale Leidens- und Auferstehungsgeschichte. Zudem enthält es theologische Ansichten, die als gnostisch und damit als abweichend von der frühchristlichen Lehre angesehen wurden. Es wurde auch erst relativ spät (Mitte des 2. Jahrhunderts) verfasst und war den frühen Kirchenvätern weitgehend unbekannt oder wurde kritisch beurteilt.
Wer schrieb das Thomasevangelium?
Der Verfasser des Thomasevangeliums nennt sich selbst Didymos Judas Thomas. Es ist jedoch umstritten, ob es sich dabei tatsächlich um den Apostel Thomas handelt. Der Name Didymos Judas Thomas ist im Neuen Testament unbekannt. Die Forschung geht davon aus, dass die Schrift um die Mitte des 2. Jahrhunderts in Syrien entstanden ist und der Name Thomas möglicherweise pseudepigraphisch verwendet wurde, um der Schrift Autorität zu verleihen.
Wie wurde der Kanon des Neuen Testaments festgelegt?
Der Kanon des Neuen Testaments wurde nicht durch eine einzelne Entscheidung oder ein Konzil festgelegt, sondern durch einen über etwa 250 Jahre andauernden, organischen Ausleseprozess innerhalb der christlichen Gemeinden. Schriften wurden als kanonisch anerkannt, wenn sie bestimmte Kriterien erfüllten: apostolische Herkunft (vom Apostel verfasst oder beglaubigt), innere geistliche Kraft und Autorität, sowie dogmatische und historische Genauigkeit, die mit der etablierten Lehre übereinstimmten. Die Liste der 27 Bücher, wie wir sie heute kennen, wurde erstmals 367 n. Chr. von Bischof Athanasius von Alexandrien in seinem Osterbrief veröffentlicht und später von verschiedenen Synoden bestätigt.
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