Das Lukasevangelium: Hoffnung für die Verlorenen

25/10/2022

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Das dritte Evangelium, auch bekannt als Lukasevangelium, nimmt eine besondere Stellung innerhalb der neutestamentlichen Schriften ein. Sein Verfasser, der uns nicht nur dieses Evangelium, sondern auch die Apostelgeschichte hinterlassen hat, war ein gebildeter und sprachgewandter Erzähler. Er spannt in seinen beiden Werken einen beeindruckenden Bogen von den bescheidenen Anfängen der Jesusgeschichte bis hin zur dynamischen Entstehung der frühen Kirche. Seine Erzählweise ist reich an Details und menschlicher Tiefe, was das Lukasevangelium zu einer der zugänglichsten und beliebtesten biblischen Schriften macht. Es ist das Evangelium, dem wir einige der bekanntesten und berührendsten Geschichten verdanken, die bis heute Millionen von Menschen inspirieren.

Was ist das dritte Evangelium?
Dem Verfasser des dritten Evangeliums verdanken wir nicht nur eine Schrift, sondern gleich zwei: das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte. Lukas ist ein gebildeter und sprachgewandter Erzähler, der mit seinen beiden Werken einen Bogen von den Anfängen der Jesusgeschichte bis zur Entstehung der Kirche spannt.
Inhaltsverzeichnis

Wer war Lukas und wann schrieb er?

Die kirchliche Tradition identifiziert den Verfasser des dritten Evangeliums als Lukas. Obwohl die Bibel selbst wenig über ihn verrät, wird er in der Tradition oft als Arzt und Begleiter des Apostels Paulus beschrieben. Diese Zuschreibung passt gut zu dem detaillierten und oft medizinisch präzisen Vokabular, das in seinen Schriften zu finden ist. Lukas war zweifellos ein gebildeter Mann, der die griechische Sprache meisterhaft beherrschte und seine Erzählungen mit großer Sorgfalt und literarischem Geschick gestaltete. Er war kein Augenzeuge der Ereignisse, die er beschreibt, sondern stützte sich auf vorhandene Quellen und Zeugenaussagen, um eine geordnete Darstellung zu verfassen. Dies betont er auch selbst am Anfang seines Evangeliums (Lukas 1,1-4), wo er erklärt, dass er alles von Grund auf sorgfältig erforscht hat, um Theophilus, dem Adressaten seiner Werke, Gewissheit zu geben.

Das Lukasevangelium wurde wahrscheinlich in den Jahren 80-90 n. Chr. verfasst. Diese Zeitspanne liegt nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 n. Chr., was sich in einigen Passagen des Evangeliums widerspiegeln könnte. Der genaue Entstehungsort ist bis heute Gegenstand von Debatten unter Bibelwissenschaftlern. Mögliche Orte sind Griechenland, Kleinasien, Syrien oder sogar Rom. Unabhängig vom genauen Ort zeugt das Werk von einer tiefen Kenntnis der hellenistischen Kultur und der römischen Welt, was darauf hindeutet, dass Lukas für ein Publikum außerhalb Palästinas schrieb – möglicherweise für Heidenchristen oder solche, die sich für das Christentum interessierten.

Ein einzigartiger Erzähler: Lukas' besondere Akzente

Lukas kannte, wie auch Matthäus, das Markusevangelium und nutzte es als wichtige Vorlage für sein eigenes Werk. Er ging jedoch weit darüber hinaus und ergänzte es mit einer Fülle von Material, das ihm einzigartig war. Diese Ergänzungen machen das Lukasevangelium zu einer reichhaltigen Quelle für Geschichten und Lehren, die wir in keinem anderen Evangelium finden.

Die Kindheitsgeschichten: Ein doppelter Anfang

Im Gegensatz zu Markus, der sein Evangelium mit dem Wirken Johannes des Täufers beginnt, lässt Lukas sein Werk mit ausführlichen und poetischen Kindheitsgeschichten einsetzen. Dabei stellt er die Geburtsgeschichte Jesu parallel zur Ankündigung und Geburt Johannes des Täufers. Diese parallele Erzählweise unterstreicht die besondere Rolle Johannes als Vorläufer Jesu und bereitet den Boden für das Verständnis von Jesu Wirken vor. Wir erfahren zunächst von der Verheißung der Geburt Johannes an Zacharias (Lukas 1,5-25) und unmittelbar darauf von der Verheißung der Geburt Jesu an Maria (1,26-38). Dazwischen begegnen sich die beiden schwangeren Frauen, Elisabet und Maria, und Maria stimmt ihr prophetisch-kraftvolles «Magnificat» an (1,46-55), einen Lobgesang, der bis heute im kirchlichen Stundengebet seinen festen Platz hat. Auch das «Benedictus», der Lobgesang des Zacharias anlässlich der Geburt seines Sohnes (1,67-80), stammt aus dieser Kindheitsgeschichte. Weitere einzigartige Erzählungen sind die Begegnung von Jesu Eltern mit dem greisen Simeon und der Prophetin Hanna im Jerusalemer Tempel (2,22-40) sowie die Geschichte vom zwölfjährigen Jesus, der im Tempel mit den Gelehrten diskutiert (2,41-52). Diese frühen Geschichten sind nicht nur wunderschöne Erzählungen, sondern legen auch theologische Grundlagen für das spätere Wirken Jesu.

Erweiterte Ostererzählungen

Auch den Schluss des Markusevangeliums ergänzte Lukas bedeutsam. Während Markus ursprünglich mit der Auffindung des leeren Grabes endete (Markus 16,1-8), erzählt Lukas darüber hinaus noch weitere und ausführlichere Ostergeschichten. Dazu gehören die bewegende Begegnung der beiden trauernden Jünger auf dem Weg nach Emmaus mit dem Auferstandenen (Lukas 24,13-35), eine Erscheinung Jesu vor der gesamten Gruppe der Jünger:innen in Jerusalem (24,36-49) sowie die Aufnahme Jesu in den Himmel (24,50-53), womit das Werk seinen Abschluss findet. Diese erweiterten Erzählungen betonen die Realität der Auferstehung und die Fortsetzung von Jesu Wirken durch den Heiligen Geist, der in der Apostelgeschichte seine volle Entfaltung finden wird.

Die "Feldrede" und weitere prägende Gleichnisse

Wie Matthäus hatte auch Lukas Zugang zu einer Sammlung von Jesusworten, die heute oft als „Q-Quelle“ bezeichnet wird. Aus dieser Quelle entnahm er wichtige Texte wie das Vaterunser (Lukas 11,2-4) oder das Gleichnis vom Sauerteig (13,20-21). Eine direkte Entsprechung zur Bergpredigt des Matthäus findet sich bei Lukas zwar nicht; stattdessen präsentiert er die «Feldrede» (Lukas 6,20-49). Diese Rede beginnt ebenfalls mit Seligpreisungen, enthält aber auch herausfordernde Texte wie die Aufforderung zur Feindesliebe und zur radikalen Nächstenliebe. Typische Gleichnisse, die nur im Lukasevangelium zu finden sind und die Barmherzigkeit Gottes und Jesu Zuwendung zu den Ausgestoßenen besonders hervorheben, sind das vom barmherzigen Samariter (10,25-37) oder von der hartnäckigen Witwe (18,1-8). Auch die bekannten Erzählungen über Maria und Marta, bei denen Jesus zu Gast ist (10,38-42), oder über den Oberzöllner Zachäus, bei dem sich Jesus selbst einlädt und der daraufhin sein Leben radikal ändert (19,1-10), sind einzigartig für Lukas.

Um die Unterschiede zwischen den Evangelien besser zu veranschaulichen, hier eine vergleichende Übersicht:

MerkmalMarkusevangeliumMatthäusevangeliumLukasevangelium
AnfangDirekter Beginn mit Johannes dem Täufer und Jesu WirkenGeburtsgeschichte Jesu (Josef im Fokus, Stern von Bethlehem, Weisen)Ausführliche Kindheitsgeschichten von Jesus und Johannes dem Täufer (parallel, Magnificat, Benedictus)
EndeUrsprünglich mit dem leeren Grab (Markus 16,1-8)Erscheinungen des Auferstandenen, MissionsbefehlErweiterte Ostergeschichten (Emmaus, Erscheinungen, Himmelfahrt)
Jesusworte (Q-Quelle)Nicht direkt genutzt (Markus ist die älteste Quelle)Umfangreich genutzt (z.B. Vaterunser, Sauerteig)Umfangreich genutzt (z.B. Vaterunser, Sauerteig)
PredigtKeine große zusammenhängende PredigtBergpredigt (umfassende Lehre Jesu)Feldrede (Seligpreisungen, Feindesliebe)
FokusJesu Taten, Geheimnis des Reiches GottesJesus als Messias, Lehrer, Erfüller der ProphezeiungenJesus als Retter der Verlorenen, Barmherzigkeit, Umgang mit Besitz

Jesus, der den Verlorenen begegnet

Eines der zentralen Themen im Lukasevangelium ist Jesu besondere Zuwendung zu den Ausgestoßenen und den gesellschaftlich Randständigen. Lukas zeichnet ein Bild von Jesus, der aktiv die sucht, die am Rande stehen und scheinbar keine Hoffnung haben. Dies wird prägnant in dem Satz zusammengefasst, den Jesus bei der Begegnung mit dem Oberzöllner Zachäus spricht:

«Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.» (Lukas 19,10)

Diese Mission durchzieht das gesamte Evangelium. Es ist kein Zufall, dass Lukas die Hirten, die zur damaligen Zeit als sozial niedrigste Schicht galten, als erste Zeugen der Geburt Jesu darstellt (Lukas 2,8-20). Ihnen wird die frohe Botschaft zuerst verkündet, was Marias prophetischem Lied, dem Magnificat, entspricht, in dem sie besingt, dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht, die Armen mit Gaben beschenkt und die Reichen leer ausgehen lässt (Lukas 1,52-53). Dies ist eine radikale Umkehrung der gesellschaftlichen Werte.

Die Botschaft der Seligpreisung

Beim ersten öffentlichen Auftreten Jesu in der Synagoge von Nazaret macht Lukas anhand eines Schriftzitats aus dem Buch Jesaja deutlich, dass Jesus ein Messias ist, der zuerst zu den Armen und Verlorenen gesandt ist:

«Der Geist Gottes ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr Gottes ausrufe.» (Lukas 4,18-19)

Lukas wählte bewusst diese Verse aus Jesaja 61,1-2 und Jesaja 58,6, um Jesus von Anfang an als denjenigen zu präsentieren, der sich den Armen, Gefangenen, Zerschlagenen, Menschen mit Beeinträchtigungen oder Verschuldeten zuwendet. Sie dürfen aufatmen und sich freuen, ja, sich beglückwünschen, wie es auch die Seligpreisungen in der Feldrede bekräftigen (Lukas 6,20-23). Dies ist eine Botschaft der Hoffnung für alle, die leiden oder gesellschaftlich ausgegrenzt sind.

Neubeginn für Sünder:innen

Zu den „Verlorenen“ gehören nach Lukas auch die Sünder:innen. Lukas zeichnet einen Jesus, der Sünder:innen annimmt und ihnen einen Neubeginn ermöglicht. Dies wird eindrücklich bei der Berufung des Zöllners Levi deutlich. Zöllner waren wegen ihrer Kollaboration mit den römischen Besatzern und oft betrügerischer Praktiken verhasst. Doch Jesus beruft nicht nur Levi, sondern feiert sogar ein Festmahl mit ihm und vielen anderen Zöllnern. Damit sendet Jesus eine klare Botschaft: An seinem Tisch haben alle Platz, auch jene, die gesellschaftlich geächtet sind und als „Sünder“ gelten. Die Kritik der „Ordentlichen“ an dieser Mahlgemeinschaft (Lukas 5,29-30) kontert Jesus mit den bekannten Worten:

«Nicht die Gerechten bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, um Gerechte, sondern Sünder zur Umkehr zu rufen.» (Lukas 5,31-32)

Lukas betont hier, dass Jesu Mission gerade denjenigen gilt, die der Heilung und Umkehr am dringendsten bedürfen. Dieses Motiv wird im Verlauf des Evangeliums weiter entfaltet. Nur im Lukasevangelium wird die Frau, die Jesus salbt, ausdrücklich als Sünderin bezeichnet, der Jesus Vergebung zuspricht (Lukas 7,36-50), was die Tiefe seiner Barmherzigkeit unterstreicht.

Das unermessliche Erbarmen Gottes

Ein Höhepunkt der lukanischen Theologie der Barmherzigkeit findet sich in Kapitel 15, wo drei Gleichnisse die Gnade Gottes gegenüber Sünder:innen und Verlorenen verdeutlichen: das Gleichnis vom verlorenen Schaf, von der verlorenen Drachme und vom barmherzigen Vater (oft auch vom verlorenen Sohn genannt). Diese Gleichnisse werden erzählt, weil sich Pharisäer und Schriftgelehrte darüber empörten, dass Jesus mit Zöllnern und Sündern aß und ihnen zuhörte (Lukas 15,1-2). Sie illustrieren eindrücklich die Freude Gottes über die Umkehr eines einzelnen Sünders, die größer ist als über neunundneunzig Gerechte, die der Umkehr nicht bedürfen.

In diese Reihe gehört auch das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner (Lukas 18,9-14), die beide im Tempel beten. Während der Pharisäer seine guten Taten aufzählt, fleht der Zöllner um Erbarmen. Es ist der Zöllner, der „als Gerechter“ nach Hause zurückkehrt, weil er seine Sündhaftigkeit erkannte und sich auf Gottes Erbarmen verließ. Dies zeigt, dass wahre Gerechtigkeit nicht in der Selbstrechtfertigung, sondern in der demütigen Anerkennung der eigenen Bedürftigkeit vor Gott liegt.

Rettung bis zur letzten Minute

Die Zuwendung Jesu zu den Verlorenen reicht im Lukasevangelium buchstäblich bis zur letzten Minute seines Lebens. Noch am Kreuz spricht Jesus einem der beiden mit ihm gekreuzigten Verbrecher, der sich mit der Bitte um Rettung an ihn wendet, diese Rettung zu:

«Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.» (Lukas 23,43)

Selbst in dieser extremen Situation, in der Stunde des Todes, ist Umkehr und Rettung möglich. Jesus bleibt bis zu seinem letzten Atemzug der Retter, dessen Geburt in Lukas 2,11 von den Engeln bejubelt worden war. Sein Sterben ist somit nicht nur ein Opfer, sondern auch eine letzte Geste der Zuwendung zu den Menschen, insbesondere zu den Verlorenen, und macht Gottes unendliche Barmherzigkeit sichtbar.

Was ist das kürzeste Evangelium?
Das Markusevangelium ist das kürzeste – und wie viele meinen älteste – der vier Evangelien. Es ist nach seinem Autor, Markus, benannt. Markus – eigentlich Johannes Markus – war zwar kein Apostel, aber er wohnte in Jerusalem und war den Aposteln bekannt (Apg 12,12).

Der solidarische Umgang mit Besitz: Eine zentrale Herausforderung

Wenn Lukas einen Jesus zeichnet, der sich den Armen, Verlorenen und Ausgeschlossenen zuwendet und die Armen und Hungernden selig preist, weil sich Gott genau ihnen zugewandt hat, dann stellt sich unweigerlich die Frage, was dies für die Menschen bedeutet, die Jesus nachfolgen. Der Umgang mit materiellem Besitz ist ein herausragendes und wiederkehrendes Thema im Lukasevangelium. Lukas macht im Verlauf seines Werkes deutlich, dass seine Leser:innen, die wohl nicht mehr alle zu den materiell Armen gehörten, Jesus nacheifern und sich wie dieser für die Armen einsetzen sollen. Dies ist ein Prüfstein für die Authentizität ihrer Nachfolge.

Nachfolge bedeutet Verzicht

Die Frage eines gerechten Umgangs mit dem Besitz spielt eine große Rolle. Wer Jesus nachfolgt, soll bereit sein, auf seinen Besitz zu verzichten. Dies wird exemplarisch an den zuerst berufenen Jüngern Simon, Johannes und Jakobus gezeigt, von denen es in Lukas 5,11 heißt, dass sie „alles“ zurückließen und Jesus nachfolgten. Gleiches wird über den Zöllner Levi gesagt, den Jesus wenig später von seiner Zollstation wegruft. Diese Menschen, die sich dem Wort Jesu öffnen, alles zurücklassen und sich in die Nachfolge begeben, verwirklichen damit bereits zu Beginn des Lukasevangeliums in idealer Weise, was Jesus später als grundlegend für das Jünger:innen-Sein betonen wird:

«Darum kann keiner von euch mein:e Jünger:in sein, wenn er:sie nicht auf seinen:ihren ganzen Besitz verzichtet.» (Lukas 14,33; vgl. 18,28-29)

Auch die Frauen, die Jesus nachfolgen, setzen nach Lukas 8,3 ihren Besitz für die Jesusgruppe ein. Die Apostelgeschichte, als Fortsetzung des Lukasevangeliums, zeigt ebenfalls solche idealen Jüngerfiguren wie Josef Barnabas (Apostelgeschichte 4,36-37), der ein Feld verkauft und den Erlös den Aposteln bringt, oder die Jüngerin Tabita aus Joppe (Apostelgeschichte 9,36), die viel Gutes tut und den Armen hilft. Diese Beispiele verdeutlichen, dass radikale Großzügigkeit und ein Bruch mit herkömmlichen Vorstellungen von Reichtum und Besitz integraler Bestandteil der Nachfolge sind.

Zwei Wege des Teilens

All dies zeigt: Nach Lukas ist Jesusnachfolge nicht von einem gerechten Umgang mit Besitz zu trennen. Lukas bietet seinen Leser:innen dabei zwei gangbare Modelle an, wie ein solcher solidarischer und gerechter Umgang mit dem Besitz konkret aussehen könnte:

Der radikale Besitzverzicht

Das erste Modell ist der bereits angesprochene radikale Weg des völligen Besitzverzichtes. Dieser wird in idealer Weise von den erstberufenen Jüngern verwirklicht (Lukas 5,11.28), die als Vorbild gesehen werden sollen. Darüber hinaus wird dies den Leser:innen auch als direkte Forderung Jesu und als Bedingung für die Nachfolge nahegebracht:

«Verkauft euren Besitz und gebt Almosen! Macht euch Geldbeutel, die nicht alt werden! Verschafft euch einen Schatz, der nicht abnimmt, im Himmel, wo kein Dieb ihn findet und keine Motte ihn frisst! Denn wo euer Schatz ist, da ist euer Herz.» (Lukas 12,33-34; vgl. 14,33; 18,22)

In der Apostelgeschichte wird dieses Idealbild in der Beschreibung der Jerusalemer Urgemeinde weitergeführt, in der die wohlhabenden Gemeindemitglieder ihren Besitz der gesamten Gemeinde zur Verfügung stellten, so dass allen alles gehörte und niemand mehr Mangel leiden musste (Apostelgeschichte 2,44-45; 4,34-35). Dies beschreibt eine Gemeinschaft, in der wirtschaftliche Ungleichheit überwunden wurde und die Fürsorge für den Nächsten an erster Stelle stand.

Das Modell des Ausgleichs

Das zweite Modell eines solidarischen Umgangs mit dem Besitz, das Lukas seinen Leser:innen vorlegt, ist das eines Ausgleichs innerhalb der Gemeinde. Das bedeutet, dass die Wohlhabenden der Gemeinde einen Teil ihres Besitzes zur Verfügung stellen, um die Lebensgrundlage der Bedürftigen zu sichern, ohne dass sie selbst völlig verarmen und der Gemeinschaft zur Last fallen. Für dieses Modell war vermutlich die jüdische Armenfürsorge Vorbild, wie sie in den Synagogengemeinden gepflegt wurde.

Dieses Modell des Teilens findet sich im Lukasevangelium bereits in der Predigt Johannes des Täufers. Auf die Frage, was sie angesichts des Gerichtes Gottes tun sollen, legt er denen nahe, ihren Besitz (Kleidung und Nahrung) mit denen zu teilen, die nichts haben, konkret: die Hälfte abzugeben (Lukas 3,10-11). Zu denen, die ihren Besitz teilen, gehören im Lukasevangelium auch die nachfolgenden Frauen, die die Jesusgemeinschaft finanziell unterstützen (Lukas 8,3). Die Hälfte seines Besitzes gibt auch der bereits genannte Oberzöllner Zachäus ab. Er wird geradezu zum Leitbild eines nach Lukas angemessenen Umgangs mit Reichtum, indem er nicht nur die Hälfte seines Vermögens den Armen gibt, sondern auch das Unrecht, das er begangen hat, vierfach wiedergutmacht (Lukas 19,8). Dies zeigt, dass es Lukas nicht nur um eine theoretische Forderung, sondern um eine praktische Umsetzung im Alltag geht.

Die Relevanz der materiell Armen

All dies zeigt, wie sehr die Fragen des Besitzes und der Armut die Gemeinde des Lukas beschäftigt haben müssen. Die Glaubwürdigkeit einer Gemeinde, die sich als Gemeinde Jesu versteht, wurde daran gemessen, wie sie mit diesen Fragen umging. Nur eine Gemeinde, die tatsächlich die Armen in den Mittelpunkt stellt und so handelt, dass alle genug zum Leben haben, verwirklicht das, was Jesus selbst vorgelebt und gefordert hat. Eine solche Haltung ist nicht optional, sondern fundamental für die Identität der christlichen Gemeinschaft. Nur eine solche Gemeinde ist nach dem Lukasevangelium und der Apostelgeschichte letztlich glaubwürdig in ihrer Verkündigung der frohen Botschaft.

Die Herausforderungen, die das Lukasevangelium seinen heutigen Leser:innen mit auf den Weg gibt, sind vielfältig und tiefgreifend. Doch gerade an diesen Fragen von Barmherzigkeit, Solidarität und Gerechtigkeit muss sich Kirche bis heute messen lassen, wenn sie wirklich Kirche Jesu Christi sein will. Das Lukasevangelium ruft uns auf, über den eigenen Tellerrand zu blicken, uns für die Schwächsten einzusetzen und eine Gesellschaft zu gestalten, in der niemand ausgeschlossen wird und alle in Würde leben können. Es ist eine fortwährende Einladung, Jesu Geist der Liebe und des Dienstes in der Welt zu leben.

Häufig gestellte Fragen zum Lukasevangelium

  • Wer war Lukas?

    Lukas war der Verfasser des dritten Evangeliums und der Apostelgeschichte. Die Tradition identifiziert ihn als Arzt und Begleiter des Apostels Paulus. Er war ein gebildeter und sprachgewandter Erzähler, der seine Werke sorgfältig recherchierte.

  • Wann wurde das Lukasevangelium geschrieben?

    Es wird angenommen, dass das Lukasevangelium zwischen 80 und 90 n. Chr. verfasst wurde.

  • Was sind typische Merkmale des Lukasevangeliums?

    Typisch sind die ausführlichen Kindheitsgeschichten von Jesus und Johannes dem Täufer, die Betonung von Jesu Zuwendung zu den Armen, Sündern und Ausgestoßenen, sowie die Gleichnisse vom barmherzigen Samariter und vom verlorenen Sohn. Auch der Umgang mit Besitz ist ein zentrales Thema.

  • Gibt es eine "Bergpredigt" im Lukasevangelium?

    Nein, Lukas hat keine "Bergpredigt" wie Matthäus. Stattdessen enthält sein Evangelium die "Feldrede" (Lukas 6,20-49), die ebenfalls mit Seligpreisungen beginnt und ethische Forderungen Jesu enthält.

  • Warum ist der Umgang mit Besitz im Lukasevangelium so wichtig?

    Lukas betont den solidarischen Umgang mit Besitz als zentralen Aspekt der Jesusnachfolge. Er zeigt, dass die Glaubwürdigkeit der christlichen Gemeinde davon abhängt, wie sie sich um die Armen kümmert und materielle Ungleichheit angeht, sei es durch radikalen Verzicht oder durch Teilen und Ausgleich.

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