20/08/2022
Am Karfreitag, dem Tag, der in der christlichen Tradition dem Gedenken an das Leiden und Sterben Jesu Christi gewidmet ist, herrscht eine ganz besondere, feierliche Stille. Es ist ein Tag der Besinnung, des Innehaltens und der tiefen Demut. Die Liturgie dieses Tages unterscheidet sich maßgeblich von anderen Gottesdiensten im Kirchenjahr und ist geprägt von einer einzigartigen Atmosphäre, die auf das zentrale Ereignis des Kreuzes hinführt. Im Mittelpunkt steht nicht das eucharistische Opfer, sondern die feierliche Wortliturgie, die ihren Höhepunkt in den sogenannten Großen Fürbitten findet. Diese Gebete sind seit Jahrhunderten ein fester und unverzichtbarer Bestandteil der Karfreitagsfeier und spiegeln die universellen Anliegen der Kirche und der gesamten Menschheit wider.
Die Karfreitagsliturgie beginnt auf eine Weise, die sofort die Ernsthaftigkeit und Tiefe des Tages unterstreicht: mit einem Einzug in vollkommener Stille. Es gibt keine Orgelmusik, kein festliches Lied. Die liturgischen Dienste, angeführt vom Priester, legen sich vor dem Altar in Prostratio auf den Boden – ein Zeichen tiefster Demut und des Gedenkens an den Tod Jesu. Die Gemeinde kniet nieder, und alle verharren gemeinsam in einem stillen Gebet. Diese anfängliche Stille ist nicht nur ein Mangel an Geräusch, sondern eine aktive Form des Gebets, ein Raum, in dem jeder Einzelne zur Todesstunde Jesu mit ihm verbunden sein kann. Nach dieser intensiven Phase des Schweigens folgt unmittelbar das Tagesgebet, ohne jegliche Begrüßung oder liturgische Eröffnung. Es ist, als würde man direkt in das Herz des Geschehens hineingezogen.
Im Anschluss an das Tagesgebet folgen die Lesungen, die die Prophezeiungen des Alten Testaments über das Leiden des Gottesknechtes mit der neutestamentlichen Erfüllung im Leben Jesu verbinden. Den Höhepunkt der Wortliturgie bildet die Passion, meist aus dem Johannesevangelium. Das Johannesevangelium zeichnet ein besonders eindringliches Bild des Leidensweges Jesu, das sich von den Darstellungen der anderen Evangelien in einem entscheidenden Punkt unterscheidet: Es betont noch stärker, dass Jesus sich aus freiem Willen und mit vollem Bewusstsein dem Tod ausgeliefert hat. Die Botschaft ist klar: Niemand konnte ihm das Leben entreißen; er selbst gab es hin. Diese freiwillige Hingabe, dieses ultimative Opfer, wird als Zusage Gottes interpretiert, dass das Kreuz nicht das Scheitern bedeutet, sondern der Ort ist, an dem letztlich das Heil für die Menschheit liegt. Unter diese tiefgreifende Zusage stellen sich die Gläubigen am Karfreitag.
Die Großen Fürbitten: Wie viele sind es und wofür wird gebetet?
Nach der Passion und der Predigt folgen die Großen Fürbitten. Sie sind der Moment, in dem die Gemeinde ihre eigenen Anliegen und die Anliegen der ganzen Welt vor Gott bringt. Die Bezeichnung „Große Fürbitten“ ist kein Zufall; sie spiegelt die umfassende und weitreichende Natur dieser Gebete wider. Es wird nicht nur für die eigene Gemeinde gebetet, sondern für die Kirche weltweit, für ihre Hirten, für die Einheit der Christen, für das jüdische Volk, für die Nichtglaubenden, für Regierende, für alle Notleidenden und für das Heil der ganzen Welt. Sie sind ein Ausdruck der Solidarität und der umfassenden Liebe, die die christliche Botschaft kennzeichnet.
Die Frage „Wie viele Fürbitten gibt es am Karfreitag?“ lässt sich in der Regel präzise beantworten: Traditionell sind es zehn Fürbitten. Diese Zahl hat sich über Jahrhunderte etabliert und ist ein fester Bestandteil der römisch-katholischen Liturgie. Jede dieser zehn Fürbitten folgt einem festgelegten Schema und behandelt ein spezifisches, weitreichendes Anliegen.
Es gab jedoch auch Ausnahmen, die die Anpassungsfähigkeit und Aktualität der Liturgie unterstreichen. Ein bemerkenswertes Beispiel hierfür ist das Jahr 2022. Angesichts des Krieges in der Ukraine wurde als vorletzte Bitte eine zusätzliche Fürbitte eingefügt. Dies erhöhte die Gesamtzahl der Fürbitten in diesem speziellen Jahr auf elf. Solche Ergänzungen sind selten, zeigen aber die Fähigkeit der Kirche, auf globale Ereignisse und dringende menschliche Nöte im Gebet zu reagieren.
Eine Übersicht über die Anzahl der Fürbitten:
| Zeitraum | Anzahl der Fürbitten | Besonderheit |
|---|---|---|
| Regulär / Traditionell | 10 | Standardanzahl in der römisch-katholischen Liturgie |
| Im Jahr 2022 | 11 | Zusätzliche Fürbitte anlässlich des Krieges in der Ukraine |
Der Aufbau jeder einzelnen Fürbitte
Jede der Großen Fürbitten am Karfreitag ist sorgfältig strukturiert und besteht aus drei wesentlichen Teilen, die den gemeinschaftlichen Charakter des Gebets hervorheben und gleichzeitig Raum für persönliche Besinnung geben:
- Einladung zum Gebet: Zunächst wird die Gemeinde von einem Diakon, Priester oder Lektor eingeladen, in einem bestimmten Anliegen zu beten. Diese Einleitung benennt klar den Gebetsgegenstand, zum Beispiel „Lasst uns beten für die heilige Kirche Gottes.“
- Stille und persönliches Gebet: Auf die Einladung folgt eine Phase der Stille. Diese Stille ist von entscheidender Bedeutung; sie ist die eigentliche Zeit des Betens, in der jeder Gläubige das genannte Anliegen in sein persönliches Gebet aufnehmen und es vor Gott tragen kann. Oft wird diese Stille mit dem Aufruf „Beuget die Knie“ eingeleitet und mit „Erhebet euch“ beendet, was die physische Haltung des Gebets und der Erhebung symbolisiert. Diese Geste verstärkt die Demut und die Erwartung des Gebets.
- Zusammenfassendes Gebet: Nach der Stille fasst der Priester die Bitte in einem laut gesprochenen Gebet zusammen. Dieses Gebet ist eine Kollekte, die die individuellen Gebete der Gemeinde aufnimmt und vereint vor Gott bringt.
Dieses dreiteilige Schema ermöglicht eine tiefe Beteiligung der gesamten Gemeinde, verbindet persönliches Gebet mit gemeinschaftlicher Fürbitte und verleiht jeder einzelnen Bitte eine besondere Gewichtung.
Historische Verwurzelung und Vorbildfunktion
Die Großen Fürbitten sind nicht nur ein aktueller Bestandteil der Karfreitagsliturgie, sondern blicken auf eine lange und ununterbrochene Tradition zurück. Seit jeher waren sie ein fester Bestandteil dieses besonderen Gottesdienstes. Ihre Beständigkeit ist bemerkenswert, denn es gab Zeiten in der Kirchengeschichte, in denen Fürbitten in anderen Gottesdiensten völlig in Vergessenheit gerieten oder nur noch rudimentär vorhanden waren. Doch am Karfreitag haben sie sich stets erhalten und ihre Bedeutung bewahrt.
Mehr noch, sie wurden zum Vorbild und zur Inspiration für die Fürbitten, die heute in den regulären Messfeiern gebetet werden. Die Struktur, der Umfang und die thematische Breite der Großen Fürbitten am Karfreitag haben die Entwicklung der allgemeinen Fürbitten in der römisch-katholischen Kirche maßgeblich beeinflusst. Dies unterstreicht ihre theologische und liturgische Wichtigkeit.
Warum die Fürbitten so zentral sind: Das Zusammenspiel von Gottes Wort und menschlichem Gebet
Auch wenn der Karfreitagsgottesdienst keine Messe im eigentlichen Sinne ist – es wird keine Eucharistie gefeiert –, so wird doch durch seine Liturgie sehr deutlich, was im Zentrum eines jeden Gottesdienstes steht: das dynamische Zusammenspiel zwischen Gott und den Gläubigen. Gott spricht den Gläubigen in den biblischen Lesungen und der Verkündigung sein Heil zu, seine Zusage der Erlösung und des Lebens. Und die Gläubigen machen sich diese Heilszusage im Gebet zu eigen. Sie antworten auf Gottes Wort, indem sie ihre Bitten, ihre Dankbarkeit und ihre Hingabe zum Ausdruck bringen.
Die Fürbitten sind somit nicht nur eine Liste von Anliegen, sondern ein Akt der tiefen Kommunikation und des Glaubens. Sie sind der Moment, in dem die Gemeinde aktiv an der Heilsgeschichte teilnimmt, indem sie sich der universellen Not bewusst wird und diese im Vertrauen auf Gottes Gnade vor ihn trägt. Sie erinnern daran, dass der Glaube nicht nur eine private Angelegenheit ist, sondern eine gemeinschaftliche Dimension hat, die sich auf die ganze Welt erstreckt.
Häufig gestellte Fragen zu den Großen Fürbitten am Karfreitag
F: Ist der Karfreitagsgottesdienst eine Messe?
A: Nein, der Karfreitagsgottesdienst ist keine Messe im eigentlichen Sinne, da an diesem Tag keine Eucharistie gefeiert wird. Es ist eine Wortliturgie mit Kreuzverehrung und Kommunionempfang (aus am Gründonnerstag konsekrierten Gaben). Die Abwesenheit der Eucharistiefeier unterstreicht den Charakter des Karfreitags als Tag des Fastens und der Trauer über den Tod des Herrn.
F: Wofür wird in den Großen Fürbitten gebetet?
A: Die Großen Fürbitten decken ein breites Spektrum ab. Es wird gebetet für die heilige Kirche, für den Papst, für alle Stände der Kirche, für die Katechumenen, für die Einheit der Christen, für das jüdische Volk, für die, die nicht an Christus glauben, für die, die nicht an Gott glauben, für die Regierenden, für alle Notleidenden und für das Heil der ganzen Welt. Sie umfassen somit die Anliegen der Kirche und der gesamten Menschheit.
F: Warum ist die Stille in den Fürbitten so wichtig?
A: Die Stille ist ein zentrales Element jeder Fürbitte. Sie dient als Raum für das persönliche Gebet und die Besinnung. Es ist die Zeit, in der jeder Gläubige das genannte Anliegen innerlich aufnehmen und es im Zwiegespräch mit Gott vertiefen kann. Sie betont die persönliche Dimension des Gebets innerhalb des gemeinschaftlichen Rahmens.
F: Warum gibt es am Karfreitag so viele Fürbitten?
A: Die große Anzahl und der Umfang der Fürbitten am Karfreitag spiegeln die umfassende Bedeutung des Kreuzestodes Jesu wider. Das Opfer Christi am Kreuz ist für die gesamte Menschheit und alle ihre Anliegen geschehen. Die Fürbitten sind daher ein Ausdruck der universellen Erlösung und der Verantwortung der Kirche, für alle Menschen und Nöte der Welt einzutreten.
Der Karfreitag ist somit ein Tag von unschätzbarer Tiefe und Bedeutung. Die Großen Fürbitten sind ein leuchtendes Beispiel dafür, wie Gebet die Brücke zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen schlagen kann, wie die Kirche in ihrer Liturgie die Anliegen der Welt aufnimmt und sie im Vertrauen auf das Heil des Kreuzes vor Gott trägt. Sie sind ein Zeugnis der lebendigen Tradition und der ständigen Aktualität des Glaubens, der in Stille, Demut und umfassender Fürbitte seinen Ausdruck findet.

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