Was ist der Unterschied zwischen Protestantismus und katholisch?

Evangelisch vs. Katholisch: Eine Frage des Alters?

23/03/2026

Rating: 4.55 (8760 votes)

„Wie lange gibt es denn schon die Kirche?“, fragt der Religionslehrer seine Grundschulklasse. Ein Junge antwortet prompt: „Fast zweitausend Jahre.“ Doch der Klassenprimus korrigiert: „Zweitausend Jahre ist richtig, aber das gilt nur für die Katholiken. Die evangelische Kirche gibt es erst seit Martin Luther!“ Hat der Primus Recht? Ist die evangelische Kirche tatsächlich jünger als die katholische, existiert sie erst seit knapp 500 Jahren? Diese Fragen berühren nicht nur historische Fakten, sondern auch tiefgreifende theologische und sprachliche Nuancen, die oft missverstanden werden.

Was ist der Unterschied zwischen evangelischen und römisch-katholischen Kirchen?
Dem deutschen Sprachgebrauch zum Trotz sind die evangelische und die römisch-katholische Kirche gleich alt. Sie verkörpern beide die universale Kirche Jesu Christi, zu der alle christlichen Konfessionen gehören, ungeachtet zahlreicher Unterschiede in Lehre und Liturgie.

Die landläufige Meinung, die katholische Kirche sei deutlich älter als die evangelische, ist weit verbreitet. Sie basiert auf der Annahme, dass die evangelische Kirche erst mit der Reformation im 16. Jahrhundert durch Martin Luther entstand, während die katholische Kirche ihre Ursprünge direkt auf die Apostel und somit auf die Zeit Jesu zurückführt. Doch diese Sichtweise ist, wie wir sehen werden, zu vereinfacht und bedarf einer präziseren Betrachtung.

Inhaltsverzeichnis

Die Frage nach dem Alter: Eine historische Betrachtung

Um die Frage nach dem Alter der Kirchen zu beantworten, müssen wir zunächst klären, was wir unter „katholisch“ verstehen. In der deutschen Umgangssprache wird mit dem Adjektiv „katholisch“ fast ausschließlich die römisch-katholische Kirche bezeichnet, die den Papst in Rom als ihr Oberhaupt anerkennt. Diese Kirche, so die überraschende Erkenntnis, ist genau genommen sogar einige Jahrzehnte jünger als die evangelische Kirche – zumindest in ihrer heutigen Form und Selbstdefinition.

Die römisch-katholische Kirche, wie wir sie heute kennen, formierte sich erst nach dem Tod Martin Luthers während des Konzils von Trient (1545-1563). Dieses Konzil war die direkte Antwort des Papsttums auf die Ereignisse der Reformation und diente der Neuordnung und theologischen Festigung der Kirche im Angesicht der reformatorischen Herausforderungen. Vor dem Konzil von Trient gab es zwar eine Kirche unter der Leitung des Bischofs von Rom, aber die Abgrenzung und Selbstbezeichnung als „römisch-katholisch“ in Opposition zu den reformatorischen Bewegungen etablierte sich erst in dieser Zeit.

Interessanterweise bezeichneten Luther und seine Anhänger die Befürworter der Papstkirche zu ihrer Zeit nicht als „Katholiken“. Sie nannten sie „Altgläubige“, „Römer“ oder, in weniger freundlicher Manier, „Papisten“. Dies liegt daran, dass die Reformatoren selbst davon überzeugt waren, in strikter Kontinuität zur Alten Kirche zu stehen. Martin Luther wollte keine neue Konfession gründen, sondern die bestehende heilige katholische Kirche reformieren und zu ihren Ursprüngen zurückführen. Hätte man Luther gefragt: „Bist du katholisch?“, hätte er zweifellos geantwortet: „Natürlich, was denn sonst?“

Was bedeutet „katholisch“ wirklich?

Der Schlüssel zum Verständnis liegt in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes „katholisch“. „Katholisch“ in seinem ursprünglichen Sinne meint nämlich gerade nicht eine bestimmte christliche Konfession, sondern vielmehr die Summe aller Kirchen und Konfessionen. Das Wort stammt vom griechischen „katholikos“ und bedeutet im Deutschen am besten „allgemein“ oder „allumfassend“.

In diesem Sinne findet sich das Wort auch im dritten Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses, einem Text, der bereits Ende des 2. Jahrhunderts entstand: „Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche.“ Hier ist „katholisch“ als „allgemein“ oder „universal“ zu verstehen, im Sinne einer weltumspannenden Gemeinschaft der Gläubigen, die über lokale oder regionale Unterschiede hinausgeht. Die evangelische Theologie betont, dass diese „eine heilige christliche Kirche“ über alle nationalen oder konfessionellen Kirchenstrukturen hinausgeht und alle Menschen, Gemeinschaften und Gemeinden umfasst, die seit Jesu Kreuzigung seine Auferstehung und seine Botschaft verkündigen.

In den zweisprachigen Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche ist das Apostolische Glaubensbekenntnis gleich vorn abgedruckt. Im lateinischen Text heißt es: „Credo in Spiritum Sanctum. Sanctam Ecclesiam Catholicam.“ Die deutsche Übersetzung lautet jedoch: „Ich glaube an den Heiligen Geist. Eine heilige christliche Kirche.“ Dies zeigt, dass die Übersetzer damals klar verstanden, dass „eine“ hier nicht „irgendeine“ Kirche bedeutet, sondern die eine, allgemeine, allumfassende, universale Kirche – die universale Kirche Christi.

Sprachliche Verengung und Konfessionsbildung

Doch wie kam es zur umgangssprachlichen Verengung von „katholisch“ auf die Kirche des Papstes? Ein entscheidender Moment war der Vorabend des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648), als sich auf der Seite der romtreuen Fürsten die „Katholische Liga“ bildete. Seitdem hat der Begriff „katholisch“ in Deutschland eine „römische Schlagseite“ bekommen und wird fast ausschließlich mit der römisch-katholischen Kirche assoziiert.

In anderen Ländern ist das anders. Ein prominentes Beispiel ist England. Auch dort sagte sich die Kirche im 16. Jahrhundert von Rom los, doch die Anglikanische Kirche verzichtet bis heute keinesfalls auf das Attribut „katholisch“. Selbstverständlich bekennen die Anglikaner: „I believe (...) in the holy catholic church.“ Ihr katholisches – nicht römisch-katholisches – Selbstbewusstsein zeigt sich auch darin, dass in vielen englischen Kirchen in einer Liste alle Geistlichen seit Beginn der Christianisierung verzeichnet sind, ohne eine Bruchlinie bei der Trennung von Rom zu ziehen.

Vergleich der Kirchen: Alter und Selbstverständnis

Um die Frage des Alters und der Unterschiede greifbarer zu machen, betrachten wir die Selbstwahrnehmung und die historischen Fakten:

MerkmalEvangelische KircheRömisch-Katholische Kirche
Historischer Ursprung (Konfession)Formierte sich im 16. Jh. durch die ReformationFormierte sich nach dem Konzil von Trient (1545-1563) als Reaktion auf die Reformation
Ursprung (Kirche Christi)Sieht sich in Kontinuität zur Alten Kirche und ApostelzeitSieht sich in direkter, ununterbrochener Sukzession zu den Aposteln
Verständnis von „katholisch“Bezieht sich auf die universale, allumfassende Kirche ChristiBezieht sich auf die eigene Konfession unter dem Papst
OberhauptKein zentrales Oberhaupt; verschiedene Landeskirchen mit eigener LeitungDer Papst in Rom als sichtbares Oberhaupt
Alter (konfessionell)Ca. 500 JahreCa. 450-500 Jahre (in ihrer heutigen Form/Definition)
Alter (als Kirche Christi)Ca. 2000 Jahre (als Teil der universalen Kirche)Ca. 2000 Jahre (als Teil der universalen Kirche)

Wie die Tabelle zeigt, ist die Frage des Alters stark von der Definition abhängig. Wenn wir von der konfessionellen Identität sprechen, dann sind beide Kirchen in ihrer heutigen, klar voneinander abgegrenzten Form etwa gleich alt, entstanden im Zuge und als Reaktion auf die Reformation. Wenn wir jedoch von der „Kirche Christi“ im ursprünglichen, universalen Sinne sprechen, dann sind beide Kirchen uralt, da sie sich als Teile der einen, von Jesus Christus gestifteten Kirche verstehen, die seit fast zweitausend Jahren existiert.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Lehre und Praxis

Abgesehen von der Frage des Alters gibt es natürlich substantielle Unterschiede zwischen der evangelischen und der römisch-katholischen Kirche in Lehre und Praxis, die zur Spaltung im 16. Jahrhundert führten und bis heute bestehen:

  • Autorität: Die römisch-katholische Kirche betont die Autorität des Papstes und des Lehramtes, die neben der Heiligen Schrift als Quelle der Offenbarung gilt. Die evangelische Kirche legt den Schwerpunkt auf die „sola scriptura“ (allein die Schrift) als höchste Autorität.
  • Sakramente: Die römisch-katholische Kirche kennt sieben Sakramente (Taufe, Eucharistie, Firmung, Buße, Krankensalbung, Weihe, Ehe). Die evangelischen Kirchen erkennen in der Regel nur Taufe und Abendmahl als Sakramente im ursprünglichen Sinne an, da sie direkt von Jesus Christus eingesetzt wurden.
  • Marien- und Heiligenverehrung: In der römisch-katholischen Kirche spielen die Verehrung Marias und der Heiligen eine wichtige Rolle als Fürsprecher bei Gott. In der evangelischen Kirche wird dies abgelehnt, da Christus als einziger Mittler zwischen Gott und den Menschen gilt.
  • Priesteramt: Die römisch-katholische Kirche kennt ein hierarchisch strukturiertes Priesteramt mit Zölibat. Die evangelische Kirche kennt ein „Priestertum aller Gläubigen“ und erlaubt verheirateten Geistlichen.
  • Gnade und Werke: Während die römisch-katholische Theologie die Rolle der guten Werke für das Heil betont (wobei die Gnade immer vorausgeht), lehrt die evangelische Theologie die „sola gratia“ (allein aus Gnade) und „sola fide“ (allein durch Glauben) als Weg zum Heil.

Trotz dieser Unterschiede ist es wichtig zu betonen, dass beide Konfessionen auf dem gemeinsamen Fundament des christlichen Glaubens stehen, wie er im Nizänischen und Apostolischen Glaubensbekenntnis formuliert ist. Beide glauben an die Dreieinigkeit Gottes, an Jesus Christus als Sohn Gottes und Erlöser und an die Auferstehung der Toten.

Die universale Kirche: Eine umfassende Sichtweise

Dem deutschen Sprachgebrauch zum Trotz sind die evangelische und die römisch-katholische Kirche, in ihrem Kern und als Teile der umfassenden Kirche Jesu Christi, gleich alt. Sie verkörpern beide die universale Kirche Jesu Christi, zu der im Prinzip alle christlichen Konfessionen gehören, ungeachtet zahlreicher Unterschiede in Lehre und Liturgie. Der evangelische Theologe Fulbert Steffensky formulierte treffend: „Keine der Einzelkirchen ist alles; keine ist die ,wahre‘ Kirche, und darum ist auch keine der Kirchen genug für uns.“

Wer diese Einsicht teilt, dem kommt es vielleicht gar nicht mehr darauf an, welche Konfession nun jünger oder älter ist. Vielmehr rückt die gemeinsame Zugehörigkeit zur einen, heiligen, christlichen und apostolischen Kirche in den Vordergrund, die über alle konfessionellen Grenzen hinweg besteht und alle umfasst, die sich zu Jesus Christus bekennen.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Ist die evangelische Kirche jünger als die katholische?

Nein, in ihrer Form als eigenständige Konfession sind beide Kirchen in etwa gleich alt, da die römisch-katholische Kirche in ihrer heutigen Ausprägung erst nach der Reformation (Konzil von Trient, 1545-1563) als Reaktion auf die evangelischen Bewegungen entstand. Als Teil der gesamten Kirche Christi sind beide fast 2000 Jahre alt.

Wie alt ist die katholische Kirche wirklich?

Wenn mit „katholische Kirche“ die römisch-katholische Kirche gemeint ist, hat sie sich in ihrer heutigen, klar definierten Form nach dem Konzil von Trient im 16. Jahrhundert herausgebildet. Wenn mit „katholisch“ jedoch die ursprüngliche Bedeutung von „allgemein“ oder „universal“ gemeint ist, dann ist die katholische Kirche als gesamte Gemeinschaft der Gläubigen seit den Anfängen des Christentums vor fast 2000 Jahren existent.

Was ist der Hauptunterschied zwischen evangelisch und katholisch?

Die Hauptunterschiede liegen in der Autorität (Bibel allein vs. Bibel und Lehramt), der Anzahl und Bedeutung der Sakramente (zwei vs. sieben), der Rolle des Papstes, der Marien- und Heiligenverehrung sowie im Verständnis von Erlösung (allein aus Gnade/Glaube vs. Gnade und Werke).

Warum nennt sich die katholische Kirche „römisch-katholisch“?

Die Bezeichnung „römisch-katholisch“ entstand, um die Kirche, die dem Papst in Rom untersteht, von anderen christlichen Konfessionen abzugrenzen, insbesondere nach der Reformation. Sie betont die Einheit mit dem Bischof von Rom (dem Papst) und die Universalität („katholisch“) der Kirche.

Was bedeutet „katholisch“ im ursprünglichen Sinne?

Im ursprünglichen griechischen Sinne bedeutet „katholikos“ „allgemein“ oder „allumfassend“. Es beschreibt die weltweite, universale Gemeinschaft aller Christen und aller christlichen Kirchen, unabhängig von konfessionellen oder geografischen Grenzen.

Wenn du andere Artikel ähnlich wie Evangelisch vs. Katholisch: Eine Frage des Alters? kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Religion besuchen.

Go up