Was ist eine islamische Bestattung?

Islamische Trauerkultur: Vielfalt und Rituale

22/09/2022

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Der Tod ist ein universelles Phänomen, doch die Art und Weise, wie Gesellschaften und Religionen damit umgehen, variiert stark. Im Islam, einer Religion, die weltweit Milliarden von Anhängern hat, ist die Trauerkultur von einer bemerkenswerten Vielfalt geprägt. Dies liegt nicht zuletzt an der pluralistischen Natur der muslimischen Gemeinschaft, die Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern und Kulturkreisen umfasst. Während es bestimmte übergeordnete Prinzipien gibt, die im Koran und in der Sunna verankert sind, zeigen sich in der Praxis oft regionale, theologische und kulturell bedingte Unterschiede, die die islamische Trauerlandschaft äußerst facettenreich machen.

Was ist das Recht des verstorbenen Muslims gegenüber den Muslimen?
Alles Lob gebührt Allah, und der Segen und Frieden seien auf den Gesandten Allahs. Um fortzufahren: Es ist notwendig, die Leiche zu tragen und ihr zu folgen, denn es ist das Recht des verstorbenen Muslims gegenüber den Muslimen. Es gibt einen großen Segen für diejenigen, die dies tun.

Ein zentraler Aspekt, der oft diskutiert wird, ist die Frage nach dem Ausmaß der Trauer und des Weinens. Fikrun Kesikbas von der Hamburger Hicret-Moschee weist darauf hin, dass „ein bisschen Trauer und Weinen erlaubt“ sei, jedoch nicht „so lautstark, wie man das manchmal sieht“. Dies sei vom Islam verboten. Demgegenüber steht die Beobachtung von Özgür Uludağ, dessen Familie ein Bestattungsunternehmen in Hamburg betreibt. Er betont, dass zwar einige Muslime so trauern, aber bei Weitem nicht alle. Die Zulässigkeit lauten Trauerns hänge stark von der jeweiligen islamischen Rechtsschule ab. Einige türkische Gelehrte verbieten das Trauern sogar komplett. Ihre Argumentation basiert auf dem Glauben, dass Gott das Leben gibt und nimmt. Demnach sei der Tod ein göttlicher Befehl, und Trauern könnte als eine Art Blasphemie verstanden werden, da es dem Willen Gottes widersprechen würde. Diese unterschiedlichen Ansichten verdeutlichen bereits die enorme Bandbreite innerhalb der islamischen Gemeinschaft.

Inhaltsverzeichnis

Die Vielfalt der Trauer im Islam

Die Art und Weise, wie Muslime trauern, kann sich je nach Glaubensrichtung und kulturellem Hintergrund erheblich unterscheiden. Ein eindrückliches Beispiel hierfür ist das Ashura-Ritual der Schiiten, bei dem sich Gläubige selbst auf die Brust schlagen, um dem Leiden verstorbener Imame zu gedenken. Dies ist eine sehr spezifische Ausdrucksform der Trauer, die in anderen islamischen Strömungen nicht praktiziert wird. Doch auch abseits solcher rituellen Handlungen gibt es bemerkenswerte kulturelle Eigenheiten. Özgür Uludağ berichtet von seinen Erfahrungen mit Algeriern, die direkt sogenannte Klageweiber engagieren. Diese Frauen, die den Verstorbenen nicht persönlich kennen, sind professionelle Trauernde, die in der Regel schwarz gekleidet kommen und lauthals klagen und jammern. Solche Praktiken zeigen, wie tief verwurzelte Traditionen die Trauerkultur prägen können, selbst wenn sie von einigen religiösen Autoritäten kritisch gesehen werden.

Ali Özdil, Dozent am Islamischen Wissenschafts- und Bildungsinstitut Hamburg, unterstreicht die Notwendigkeit, von einer „pluralistischen Gemeinschaft“ zu sprechen, wenn es um die Muslime in Deutschland geht. Mit 3,5 Millionen Muslimen aus 42 verschiedenen Ländern bringen diese Menschen ihre sehr unterschiedlichen Kulturen und damit auch ihre spezifischen Trauerbräuche mit. Es gibt demnach nicht „die eine, muslimische Art zu trauern“. Diese kulturelle und theologische Vielfalt macht den Umgang mit muslimischer Trauer zu einer komplexen Angelegenheit, insbesondere für Außenstehende wie medizinisches Personal oder Bestatter.

Wichtige Fragen am Lebensende: Organentnahme und Hirntod

Ali Özdil ist als Islamwissenschaftler ein gefragter Experte, wenn es um das Thema „Tod im Islam“ geht. Er hält Vorträge in Hospizen, Krankenhäusern und auf Intensivstationen, wo praktische Fragen zum Umgang mit sterbenden und verstorbenen Muslimen aufkommen. Besonders relevant sind hierbei ethische und rechtliche Fragen, die im islamischen Recht unterschiedlich interpretiert werden können. Eine häufig gestellte Frage betrifft die Organentnahme: Ist sie im Islam erlaubt oder nicht? Özdil erklärt, dass es dazu verschiedene Meinungen gibt, die Mehrheit der islamischen Gelehrten jedoch Organtransplantationen legitimiert. Dies ist ein wichtiger Punkt für die medizinische Praxis, da er das Potenzial für Missverständnisse oder ethische Konflikte minimiert.

Eine weitere zentrale Frage ist die Definition des Todes, insbesondere im Kontext des Hirntodes. Gilt ein hirntoter Mensch im Islam als tot? Auch hierzu gibt es unterschiedliche Ansichten. Özdil zufolge ist die vorherrschende Meinung jedoch, dass ein Mensch als tot gilt, sobald der Hirntod eintritt und er nur noch durch Maschinen am Leben erhalten wird. In diesem Fall können die Maschinen abgestellt werden. Diese Klarstellung ist von entscheidender Bedeutung für das medizinische Personal, das in solchen Situationen oft mit der Unsicherheit konfrontiert ist, wie man sich gegenüber muslimischen Angehörigen verhalten soll, die möglicherweise andere Vorstellungen vom Tod haben.

Bestattung in der Heimat versus Deutschland: Ein Dilemma

Ein besonders prägnantes Merkmal der muslimischen Trauerkultur in Deutschland ist die starke Tendenz zur Überführung der Verstorbenen in ihre Herkunftsländer. Ali Özdil schätzt, dass „99 Prozent“ der Gemeindemitglieder in die Heimat überführt werden. Dies führt zu einem „zweifachen Tod“: Die Muslime sterben in Deutschland, werden aber in ihrem Heimatland beerdigt. Obwohl es keine islamische Regel gibt, die eine Bestattung im Heimatland vorschreibt, ist dieser Wunsch bei vielen Menschen der ersten Generation tief verwurzelt. Özdil bedauert diese Tendenz, da sie „sehr viel Zeit, Kraft und Geld“ erfordert. Die Kosten für eine solche Überführung liegen oft um die 3000 Euro, und wenn die verstorbene Person keine Vorsorge getroffen hat oder keine Angehörigen die Kosten tragen können, erfolgt die Bestattung in Deutschland als „Notlösung“.

Diese Präferenz für die Bestattung im Herkunftsland ist ein Indikator für das Gefühl vieler Muslime, sich in Deutschland nicht vollständig zu Hause zu fühlen. Obwohl es auf deutschen Friedhöfen gesonderte muslimische Grabfelder gibt, die eine Bestattung nach islamischem Brauch ermöglichen – das heißt, der Leichnam wird gen Mekka ausgerichtet, ohne Sarg, nur in ein Leinentuch gehüllt –, werden diese Möglichkeiten nur sehr eingeschränkt genutzt. Özgür Uludağ spricht von einer „bitteren Bilanz für die Integration“, wenn Muslime hier nicht begraben werden wollen, weil sie sich hier nicht heimisch fühlen.

Die Herausforderung der Grabesewigkeit in Deutschland

Ein großes Problem, das die Bestattung in Deutschland für Muslime erschwert, ist das islamische Gebot der Grabesewigkeit. Im Islam sollte ein Grab möglichst für die Ewigkeit angelegt sein. In Deutschland hingegen ist die Nutzungsdauer eines Grabes in der Regel befristet, oft auf 25 Jahre, mit der Möglichkeit der Verlängerung. Während dies theoretisch eine „ewige“ Nutzung der Grabstelle als solche des Verwandten ermöglicht, indem man die Pacht immer wieder verlängert, ist die Praxis im islamischen Raum anders: Dort wird ein Grab angelegt und bleibt dann für immer bestehen, ohne dass man sich nach Jahrzehnten um eine Verlängerung kümmern muss. Dieser Konflikt zwischen religiöser Tradition und deutschem Friedhofsrecht stellt eine erhebliche Hürde dar und ist ein Hauptgrund, warum viele Muslime die Bestattung in der Heimat bevorzugen.

Rituale und Pflichten: Waschen, schnelle Bestattung und Anteilnahme

Die islamische Trauerkultur ist reich an spezifischen Ritualen und Pflichten. Ein wesentliches Element ist die rituelle Waschung des Toten, die von kundigen Personen durchgeführt wird – entweder von spezialisierten Bestattungsinstituten, Moscheegemeinden oder den Familienmitgliedern selbst. Diese Waschung bereitet den Leichnam auf die Beisetzung vor und ist von großer spiritueller Bedeutung. Ein weiteres zentrales Gebot ist die schnelle Beerdigung. „Für uns ist es auch wichtig, dass jemand so schnell beerdigt wird, wie es geht“, erklärt Özgür Uludağ. Dies rührt teilweise aus der Tradition in heißen Regionen her, wo eine Kühlung des Leichnams früher nicht oder nur eingeschränkt möglich war. Ideal ist eine Beisetzung innerhalb der ersten drei Tage nach dem Tod.

Trauerzüge, wie sie in der islamischen Welt oft zu sehen sind, sind ebenfalls eine Besonderheit. Ob bei berühmten Persönlichkeiten oder normalen Beerdigungen, die Anteilnahme der Gemeinschaft ist eine religiöse Pflicht. Große Menschenmengen begleiten den Verstorbenen auf seinem letzten Weg, was die Bedeutung des Zusammenhalts und der Solidarität in der muslimischen Gesellschaft unterstreicht.

Vergleich: Bestattungspraxis im Islam und in Deutschland

Um die Unterschiede und Gemeinsamkeiten besser zu verstehen, bietet sich ein Vergleich der idealen islamischen Bestattungspraxis mit den gängigen Standards in Deutschland an:

MerkmalIslamische Bestattung (ideal)Deutsche Bestattung (Standard)
SargpflichtNein (Leinentuch, Kain)Ja (meistens vorgeschrieben)
AusrichtungGen MekkaKeine religiöse Vorschrift
BeisetzungSehr schnell (innerhalb von 3 Tagen)Nach Frist, oft später (meist 24-96 Std.)
GrabesewigkeitGrundlegend für immerBefristet (Verlängerung möglich)
Rituelle WaschungVorgeschriebenNicht üblich
TrauerzugOft groß, Ausdruck von AnteilnahmeVariiert, oft kleiner Kreis
KlageweiberIn einigen Kulturen ja, nicht universellNicht üblich

Tipps für den Umgang mit trauernden Muslimen

Angesichts der zunehmenden Zahl von Muslimen, die in Deutschland leben und sterben, ist es für medizinisches Personal und andere Helfende wichtig, einen sensiblen Umgang mit trauernden Muslimen zu finden. Ali Özdil gibt hierzu praktische Ratschläge: Suchen Sie Körperkontakt, schauen Sie den Menschen in die Augen. Diese grundlegenden menschlichen Gesten tun in einer existenziellen Situation wie dem Tod eines Angehörigen jedem gut. Wichtig ist, sich nicht zu verkrampfen oder aus Angst, etwas falsch zu machen, Distanz aufzubauen. Behandeln Sie Muslime einfach als ganz normale Menschen. Das Nachdenken über „tausend verschiedene Dinge“ – wie man bei einem Araber, einem Perser, einem Türken oder einem Afrikaner reagieren soll – verwirrt nur und führt zu Unsicherheiten. Eine offene, empathische und respektvolle Haltung ist der beste Weg, um trauernden Muslimen beizustehen.

Häufig gestellte Fragen zur islamischen Trauerkultur

Ist lautes Weinen und Klagen im Islam erlaubt?
Die Meinungen hierzu gehen auseinander. Einige Gelehrte erlauben ein moderates Maß an Trauer und Weinen, während andere, insbesondere in bestimmten Rechtsschulen, lautes Klagen als verboten ansehen, da es als Aufbegehren gegen Gottes Willen interpretiert werden kann.
Müssen Muslime in ihrem Heimatland beerdigt werden?
Nein, es gibt keine islamische Regel, die eine Beisetzung im Heimatland vorschreibt. Die starke Tendenz zur Überführung in die Herkunftsländer ist eher kulturell und emotional bedingt als religiös vorgeschrieben.
Ist Organentnahme im Islam erlaubt?
Die Mehrheit der islamischen Gelehrten legitimiert Organtransplantationen. Es gibt jedoch unterschiedliche Meinungen zu diesem Thema innerhalb der islamischen Rechtswissenschaft.
Gilt Hirntod im Islam als Tod?
Die vorherrschende Meinung besagt, dass ein Mensch als tot gilt, sobald der Hirntod eintritt und die lebenserhaltenden Maschinen abgestellt werden können.
Warum ist eine schnelle Bestattung im Islam wichtig?
Eine schnelle Beisetzung, idealerweise innerhalb von drei Tagen, ist traditionell wichtig. Dies hat historische Gründe (Konservierung des Leichnams in heißen Klimazonen) und spirituelle Bedeutung, da der Abschied zügig erfolgen soll.
Gibt es spezielle Grabfelder für Muslime in Deutschland?
Ja, auf vielen deutschen Friedhöfen gibt es spezielle Grabfelder oder Parzellen, die eine Bestattung nach muslimischem Brauch ermöglichen, inklusive der Ausrichtung gen Mekka und der Beisetzung ohne Sarg.

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