Die Bardos: Reise durch den tibetischen Tod

19/11/2022

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Der Tod ist ein universelles Phänomen, das in allen Kulturen und Religionen auf unterschiedliche Weise betrachtet wird. Im tibetischen Buddhismus nimmt er jedoch eine besonders zentrale Rolle ein, nicht als Ende, sondern als eine entscheidende Phase des Übergangs und der Transformation. Die tibetische Lehre der Bardos, der sogenannten Zwischenzustände, bietet eine detaillierte Landkarte dieser Reise, die vom Moment des Sterbens bis zur nächsten Wiedergeburt reicht. Diese tiefgründige Perspektive auf das Sterben und das Jenseits ist im berühmten Bardo Thödröl, oft als „Tibetisches Totenbuch“ bekannt, festgehalten und dient Praktizierenden als Anleitung für diese bedeutsamste aller Übergangsphasen.

Was ist der tibetische Buddhismus?
Praktizierende des Tibetischen Buddhismus erlernen die Yoga- und Meditationstechniken für den Bardo des Sterbens (Tschikhai-Bardo) und die Bardos nach dem Tod (Tschönyi-Bardo und Sidpa-Bardo), um sie nach dem Tod wieder abrufen zu können. Dem Verstorbenen wird das Buch von einem Lama vorgelesen.

Was sind die Bardos? Eine Einführung in die Zwischenzustände

Das Wort „Bardo“ (tibetisch: བར་དོ་, bar do) bedeutet wörtlich „Zwischenzustand“ oder „Übergangszustand“. Im tibetischen Buddhismus gibt es nicht nur einen Bardo, sondern mehrere, die verschiedene Phasen des Lebens, des Sterbens und des Nach-Todes beschreiben. Die Lehren des Bardo Thödröl konzentrieren sich jedoch auf die drei Haupt-Bardos, die nach dem Tod erlebt werden. Diese Zustände sind keine statischen Orte, sondern dynamische mentale und energetische Landschaften, die von den individuellen karmischen Prägungen und dem Bewusstseinszustand des Verstorbenen geformt werden. Das Verständnis dieser Bardos ist von entscheidender Bedeutung, da sie Möglichkeiten zur Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara) bieten.

Der Tschikhai-Bardo: Der Moment des Todes und das Klare Licht

Der erste und vielleicht wichtigste Zwischenzustand ist der Tschikhai-Bardo. Dieser Teil der Lehre widmet sich den detaillierten physischen und psychischen Ereignissen, die während des Sterbeprozesses und im eigentlichen Moment des Todes ablaufen. Es ist eine Phase des Auflösens, in der die Elemente des Körpers – Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum – sich nacheinander zurückziehen und die Sinne erlöschen. Begleitet wird dieser Prozess von inneren Visionen und Erfahrungen, die für den Sterbenden oft verwirrend oder beängstigend sein können.

Das entscheidende Ereignis im Tschikhai-Bardo ist die Wahrnehmung des Klaren Lichts. Nach buddhistischer Lehre ist dieses Klare Licht die letztendliche Natur des Geistes selbst und somit die fundamentale Realität des gesamten Universums. Es ist die reine, ungetrübte Bewusstheit, die jenseits aller Konzepte, Dualitäten und Illusionen liegt. Dieser Zustand wird manchmal in den Neurowissenschaften mit dem „Void-State“ oder „White Light-State“ in Verbindung gebracht, der in Nahtoderfahrungen berichtet wird. Für einen kurzen, aber entscheidenden Augenblick erscheint dieses Klare Licht jedem Lebewesen auf natürliche Weise. Dieser Moment wird als die größte Chance betrachtet, den Kreislauf der Wiedergeburten zu verlassen und in den Zustand des Nirvāṇa einzutreten. Die Fähigkeit, dieses Klare Licht zu erkennen und mit ihm zu verschmelzen, ist das höchste Ziel der Bardo-Praxis zu Lebzeiten.

Der Tschönyi-Bardo: Die karmischen Illusionen und Gottheiten

Wenn die Möglichkeit, das Klare Licht im Tschikhai-Bardo zu erkennen, verpasst wird, tritt der Verstorbene in den Tschönyi-Bardo ein. Dieser Zwischenzustand ist weitaus komplexer und oft herausfordernder. Er ist geprägt von den sogenannten karmischen Illusionen, die als Projektionen des eigenen Geistes erscheinen. In diesem Bardo entfaltet sich die Essenz der höchsten Wirklichkeit in Form eines sich entwickelnden Mandalas, repräsentiert durch die friedvollen und rasenden Gottheiten. Diese Gottheiten sind keine externen Wesenheiten, sondern Manifestationen der verschiedenen Aspekte des eigenen Bewusstseins und der karmischen Prägungen.

Die friedvollen Gottheiten erscheinen zuerst, gefolgt von den rasenden Gottheiten. Ihre Erscheinungsformen können überwältigend sein, aber die Lehre betont, dass sie alle Projektionen des eigenen Geistes sind. Die tatsächlichen Wahrnehmungen dieser Gottheiten und der begleitenden Landschaften können von Individuum zu Individuum leicht variieren, obwohl die zugrundeliegende Struktur dieselbe ist. Eine „Landschaft aus Licht“ könnte für den einen als unendliche, strahlende, ätherische Landschaft mit blumenartigen Strukturen erscheinen, während ein anderer sie als Blumenwiese wahrnimmt. Der Tschönyi-Bardo endet mit einer überwältigenden Erscheinung der bisherigen Entwicklung des gesamten Universums und den potenziellen zukünftigen Entwicklungsmöglichkeiten, ein Zustand, der in Nahtoderfahrungen als Allwissenheitsempfinden beschrieben wird. Das Ziel in diesem Bardo ist es, die illusionshafte Natur dieser Erscheinungen zu durchschauen und zu erkennen, dass sie nichts anderes als Projektionen des eigenen Geistes sind. Dieses Erkennen führt zur Befreiung.

Der Sipa-Bardo: Karma, Wiedergeburt und die Sechs Daseinsbereiche

Der dritte Zwischenzustand ist der Sipa-Bardo, der sich mit den Abläufen vor dem Eintritt in eine neue Wiedergeburt befasst. In diesem Bardo werden das persönliche Karma (Ursache und Wirkung) und die Taten des vergangenen Lebens rekapituliert. Es ist eine Phase, in der der Geist des Verstorbenen die Erfahrungen und Handlungen des Lebens noch einmal durchlebt und die Konsequenzen dieser Handlungen klar werden. Dieser Bardo ist die Brücke zur nächsten Existenz, in der der Geist in einen der Sechs Daseinsbereiche der Wiedergeburt eintritt.

Die Sechs Daseinsbereiche umfassen die Bereiche der Götter, Halbgötter, Menschen, Tiere, hungrigen Geister und Höllenwesen. Die Wiedergeburt in einem dieser Bereiche wird direkt durch das angesammelte Karma des Individuums bestimmt. Im Sipa-Bardo werden die Eindrücke und Tendenzen, die zur nächsten Geburt führen, manifest. Dies kann sich in Visionen von zukünftigen Eltern oder Umgebungen äußern. Das Verständnis dieses Bardos ermöglicht es, die Anziehungskraft auf bestimmte Daseinsbereiche zu erkennen und, falls die vorherigen Bardos nicht zur Befreiung führten, eine günstigere Wiedergeburt anzustreben. Das Ziel ist es, die Anhaftung an die Manifestationen zu überwinden und den Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara) zu beenden.

Die praktische Anwendung des Bardo Thödröl

Das Bardo Thödröl, oder das „Tibetische Totenbuch“, ist nicht nur ein philosophischer Text, sondern vor allem ein praktischer Leitfaden. Die Lehre besagt, dass das Buch dem Verstorbenen von einem Lama oder einem anderen erfahrenen Praktizierenden vorgelesen wird. Während des Vorlesens wird der Geist des Verstorbenen immer wieder daran erinnert, dass die Visionen und Erscheinungen, die er erlebt, Projektionen seines eigenen Geistes sind. Die Anweisungen sind präzise und zielen darauf ab, den Verstorbenen durch die verschiedenen Phasen der Bardos zu führen, ihn zu beruhigen und ihn an die Möglichkeit der Befreiung zu erinnern.

Der entscheidende Punkt für den Erfolg dieser Praxis liegt jedoch nicht nur im Vorlesen des Textes nach dem Tod, sondern in der Vorbereitung zu Lebzeiten. Die Lehren betonen, dass der Sterbende sich bereits vor dem Tod mit den beschriebenen Erscheinungen und ihrer illusorischen Natur vertraut gemacht haben muss. Durch Meditation und Yoga-Techniken, insbesondere die des Traum-Yoga und des Yoga des Bewusstseinsübertrags, sollen Praktizierende die Fähigkeit entwickeln, die Natur des Geistes zu erkennen und die Erscheinungen als Projektionen zu durchschauen. Nur wer „bereits im Leben durch das Erlebnis des Todes gegangen ist“, kann die Anweisungen im Bardo effektiv umsetzen und die Chance auf eine gute Wiedergeburt oder die völlige Befreiung ergreifen.

Was ist der tibetische Buddhismus?
Praktizierende des Tibetischen Buddhismus erlernen die Yoga- und Meditationstechniken für den Bardo des Sterbens (Tschikhai-Bardo) und die Bardos nach dem Tod (Tschönyi-Bardo und Sidpa-Bardo), um sie nach dem Tod wieder abrufen zu können. Dem Verstorbenen wird das Buch von einem Lama vorgelesen.

Warum ist die Vorbereitung so wichtig?

Die tibetisch-buddhistische Lehre der Bardos ist im Kern eine Lehre über das Leben selbst. Sie lehrt uns, dass unsere Erfahrungen im Moment des Todes und danach direkt von unserem Bewusstseinszustand und unseren Handlungen zu Lebzeiten abhängen. Die Praxis des tibetischen Buddhismus zielt darauf ab, den Geist so zu schulen, dass er auch unter extremen Bedingungen – wie dem Sterben – klar und stabil bleibt. Die Konfrontation mit den eigenen karmischen Prägungen im Bardo kann überwältigend sein, aber die Vorbereitung ermöglicht es dem Praktizierenden, diese als Chancen und nicht als Bedrohungen zu sehen. Das Erkennen der „innersten Natur des Geistes“, die als Rigpa oder Klares Licht bezeichnet wird, ist das höchste Ziel dieser lebenslangen Praxis. Es ist die Einsicht, dass alle Phänomene, ob im Leben oder im Tod, letztlich Manifestationen des eigenen Geistes sind.

Das Tibetische Totenbuch: Eine Brücke zwischen Welten

Das Bardo Thödröl ist ein Schlüsseltext der Nyingma-Schule des tibetischen Buddhismus und erlangte im Westen durch die Übersetzung von Walter Y. Evans-Wentz (1927) große Bekanntheit. Diese erste englische Ausgabe basierte auf der Arbeit von Lama Kazi Dawa-Samdup (1868–1922). Die deutsche Übersetzung von Louise Göpfert-March (1935) enthielt zudem einen psychologischen Kommentar von C. G. Jung, der dem Buch eine zusätzliche Dimension verlieh und es auch für westliche Psychologen und Philosophen zugänglich machte. Jungs Interpretation sah in den Erscheinungen der Bardos Parallelen zu den Archetypen des kollektiven Unbewussten, was die universelle Relevanz der tibetischen Weisheit unterstreicht. Es gibt in Tibet mehrere Varianten des Totenbuches, aber die Nyingma-Version ist die in Europa bekannteste geworden.

Vergleichstabelle der Bardos nach dem Tod

BardoBeschreibungSchlüsselerfahrungZiel / Chance
Tschikhai-BardoSterbeprozess und Moment des Todes, Auflösen der Elemente.Wahrnehmung des Klaren Lichts (Rigpa).Erkennen der Geistesnatur und Eintritt ins Nirvāṇa.
Tschönyi-BardoKarmische Illusionen, Erscheinung friedvoller und rasender Gottheiten als Mandala.Begegnung mit Projektionen des eigenen Geistes (Gottheiten, Lichtlandschaften).Durchschauen der Illusionshaftigkeit der Erscheinungen und Befreiung.
Sipa-BardoRekapitulation des Karmas, Prägungen für die nächste Existenz.Visionen der zukünftigen Wiedergeburt, Anziehung zu den Sechs Daseinsbereichen.Erkennen der Mechanismen der Wiedergeburt und Streben nach einer günstigen Wiedergeburt oder Befreiung.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Was passiert, wenn man das Klare Licht im Tschikhai-Bardo nicht erkennt?
Wenn das Klare Licht nicht erkannt wird, tritt der Geist in den Tschönyi-Bardo ein, wo komplexere und potenziell beängstigende Visionen der eigenen karmischen Prägungen erscheinen. Die Chance auf Befreiung ist dann schwieriger, aber weiterhin möglich, indem man die illusorische Natur dieser Erscheinungen erkennt.

Sind die Gottheiten im Tschönyi-Bardo real?
Nach tibetisch-buddhistischer Lehre sind die friedvollen und rasenden Gottheiten keine externen, objektiven Wesenheiten, sondern Manifestationen oder Projektionen des eigenen Geistes und der eigenen karmischen Energien. Sie erscheinen, um den Geist zur Befreiung zu führen, wenn ihre wahre Natur erkannt wird.

Kann jeder das Tibetische Totenbuch nutzen, um den Tod zu meistern?
Das Buch ist eine Anleitung, aber seine Wirksamkeit hängt stark von der Vorbereitung zu Lebzeiten ab. Ohne vorherige meditative Praxis und das Verständnis der Lehren ist es schwierig, die Anweisungen im Moment des Todes umzusetzen. Es ist kein magisches Ritual, sondern ein Wegweiser für einen geschulten Geist.

Was bedeutet „Rigpa“ im Kontext der Bardos?
Rigpa ist ein zentraler Begriff im tibetischen Buddhismus, der die reine, unkonditionierte und ursprüngliche Natur des Geistes bezeichnet. Es ist die ungetrübte Bewusstheit, die jenseits aller Konzepte und Dualitäten liegt. Im Tschikhai-Bardo manifestiert sich Rigpa als das Klare Licht, das die ultimative Gelegenheit zur Befreiung bietet.

Was ist das Ziel der Praxis im tibetischen Buddhismus bezüglich der Bardos?
Das Hauptziel ist das Durchschauen der in den Bardos erscheinenden Phänomene als Projektionen des eigenen Geistes und das Erkennen ihrer illusionshaften Natur. Dies legt die innere Natur des Geistes, Rigpa, frei und ermöglicht den Austritt aus dem Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara) und den Eintritt in den Zustand des Nirvāṇa.

Fazit

Die Lehren der Bardos im tibetischen Buddhismus bieten eine einzigartige und tiefgründige Perspektive auf den Tod als eine Fortsetzung des Lebens und eine ultimative Gelegenheit zur spirituellen Transformation. Sie betonen die Bedeutung der Vorbereitung zu Lebzeiten, da unser Bewusstseinszustand im Moment des Todes entscheidend ist. Durch das Verständnis der drei Haupt-Bardos – des Tschikhai-Bardo des Sterbens, des Tschönyi-Bardo der karmischen Illusionen und des Sipa-Bardo der Wiedergeburt – wird der Sterbeprozess von einem unbekannten und gefürchteten Ereignis zu einer bewussten Reise. Das Bardo Thödröl ist somit mehr als nur ein „Totenbuch“; es ist ein lebendiger Wegweiser zur Befreiung, der uns lehrt, die Natur des Geistes zu erkennen und die ultimative Freiheit zu erlangen, nicht nur im Tod, sondern in jedem Moment unseres Lebens.

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