Was ist das Konzept „Tempelhofer Atem“?

Tempelhofer Feld: Berlins grüne Lunge im Wandel

28/03/2023

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Das Tempelhofer Feld in Berlin ist weit mehr als nur eine riesige Freifläche. Es ist ein Symbol für Bürgermitbestimmung, ein Erholungsort für Millionen und ein Brennpunkt urbaner Entwicklung. Einst ein geschichtsträchtiger Flughafen, dient es heute als eine der größten innerstädtischen Grünflächen Europas. Doch wie kann man diesen einzigartigen Ort betreten, und welche Zukunftsvisionen gibt es für ihn? Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Debatten, die Ergebnisse eines wegweisenden Ideenwettbewerbs und die anhaltende Diskussion um die Gestaltung dieses Berliner Wahrzeichens.

Wie kommt man zum Tempelhofer Damm?
Mit dem Auto Über die Stadtautobahn, Abfahrt Tempelhofer Damm. Über den Tempelhofer Damm und über den Columbiadamm. Im Westen Haupteingang Tempelhofer Damm / S- und U-Bahnhof Tempelhof. Haupteingang Oderstraße / Herrfurthstraße sowie 5 weitere Eingänge an der Oderstraße. Nach Ende der Öffnungszeiten werden die Eingänge geschlossen.

Das Tempelhofer Feld ist für die Öffentlichkeit frei zugänglich und wird gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern gepflegt und entwickelt. Grundlage hierfür ist das Gesetz zum Erhalt des Tempelhofer Feldes sowie ein umfassender Entwicklungs- und Pflegeplan. Es gibt mehrere Zugänge rund um das Gelände, die es den Besuchern ermöglichen, dieses einzigartige Areal für Freizeitaktivitäten, Sport oder einfach nur zur Entspannung zu nutzen. Die genauen Zugänge finden sich typischerweise an den Rändern des Feldes, beispielsweise am Tempelhofer Damm, an der Columbiadamm oder an der Oderstraße.

Inhaltsverzeichnis

Das Tempelhofer Feld: Ein einzigartiger Freiraum

Das Tempelhofer Feld ist mit seinen rund 300 Hektar nicht nur die größte innerstädtische Freifläche Berlins, sondern auch ein Ort von immenser ökologischer Bedeutung. Es beherbergt seltene Tier- und Pflanzenarten, die sich in dieser weitläufigen Steppenlandschaft inmitten einer Millionenmetropole ansiedeln konnten. Für die Berlinerinnen und Berliner ist es ein unverzichtbarer Ort der Erholung, des Sports und der Kultur. Hier trifft man Jogger, Skater, Radfahrer, Drachensteiger und Familien, die die offene Weite und die frische Luft genießen. Die Geschichte des ehemaligen Flughafens Tempelhof, einem Ort von historischer Tragweite, verleiht dem Feld zusätzlich eine besondere Aura.

Der Ideenwettbewerb „Tempelhofer Atem“: Visionen für die Zukunft

Die Frage, wie das Tempelhofer Feld künftig aussehen soll, ist Gegenstand intensiver Diskussionen und Planungen. Der Berliner Senat hatte zu einem internationalen Ideen-Wettbewerb unter dem Titel „Tempelhofer Atem“ aufgerufen, um visionäre Konzepte für die Weiterentwicklung dieses einzigartigen Raumes zu sammeln. Dieser Wettbewerb ist nun abgeschlossen und hat sechs herausragende stadtplanerische Entwürfe hervorgebracht, die von einer hochkarätigen Jury ausgewählt wurden.

Der Hintergrund dieser Debatte ist der Volksentscheid von 2014, bei dem sich eine Mehrheit der Berliner gegen eine Bebauung des Tempelhofer Feldes aussprach und damit für den Erhalt der riesigen Grünfläche votierte. Trotz dieses klaren Votums sind die Diskussionen nicht verstummt. Auch der aktuelle schwarz-rote Senat hegt den Wunsch, zumindest an den Rändern des Feldes Wohnungen zu errichten, um dem akuten Wohnraummangel in Berlin entgegenzuwirken. Diese Spannung zwischen Naturschutz und Wohnraumbedarf bildet das Herzstück der aktuellen Debatte.

Der Dialogprozess: Bürgerbeteiligung im Fokus

Bereits vor zwei Jahren startete der Senat den sogenannten Dialogprozess zur Zukunft des Tempelhofer Felds. In zwei Dialogwerkstätten erarbeiteten 275 zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger ihre Wünsche und Empfehlungen für die künftige Gestaltung. Diese Empfehlungen waren ein integraler Bestandteil der Aufgabenstellung für den Ideenwettbewerb, bei dem Architekten und Landschaftsarchitekten aus aller Welt ihre Entwürfe einreichen konnten. Dies unterstreicht den hohen Stellenwert der Bürgermitbestimmung bei der Entwicklung dieses wichtigen Areals.

Die Auswahl der Gewinner-Konzepte

Ein Preisgericht, bestehend aus fünf Berlinerinnen und Berlinern sowie sechs Expertinnen und Experten aus verschiedenen Fachbereichen, bewertete die eingereichten Arbeiten und wählte sechs als herausragend eingestufte Entwürfe aus. Zwei dieser Konzepte sehen eine Randbebauung vor, während vier Konzepte keine zusätzliche Bebauung planen. Die prämierten Arbeiten dienen als Grundlage für die dritte sogenannte Dialogwerkstatt, die Mitte Juli 2025 stattfinden soll. Hier werden die Bürgerinnen und Bürger erneut die Möglichkeit haben, über die vorgestellten Konzepte zu diskutieren und ihre Präferenzen zu äußern.

Die 6 Gewinner-Konzepte im Detail

Die sechs prämierten Entwürfe bieten ein breites Spektrum an Visionen für das Tempelhofer Feld, von der Stärkung der vorhandenen Natur bis hin zu Vorschlägen für innovative Wohnkonzepte. Jedes Konzept hat seine eigene Philosophie und Schwerpunkte:

1. „Bestand stärken, Vielfalt fördern“

Von Some Place Studio, Berlin, und FWD Landscape Architecture Inc., Kalifornien USA.
Dieses Konzept legt den Fokus auf die Verbesserung der Zugänge zum Tempelhofer Feld, beispielsweise durch zwei Brücken im südlichen Bereich und weitere Öffnungen in Richtung Bergmannkiez und Schöneberg. Ein flexibles Modulsystem soll die Infrastruktur über das gesamte Gelände hinweg verbessern, wozu Spielplätze und Toiletten gehören. Bestehende Gebäude sollen renoviert und neu belebt werden; exemplarisch dafür steht die Idee, aus der ehemaligen Müllverbrennungsanlage ein Gewächshaus mit Räumen für Bildung und Begegnung zu schaffen. Die ökologische Funktion des Tempelhofer Feldes soll dabei gezielt verbessert werden, um seine Rolle als grüne Lunge Berlins zu festigen.

2. „Build it Green! Der Park des 21. Jahrhunderts“

Von der BBZ Landschaftsarchitekten Berlin GmbH.
Wie der Name schon andeutet, setzt „Build it Green!“ vor allem auf Natur pur. Der Entwurf verfolgt das Ziel, das Tempelhofer Feld langfristig als unbebauten Raum zu sichern und einen Park neuen Typs zu schaffen. Die fast baumfreie Steppenlandschaft soll erhalten bleiben, während die Randzone zu einer durchgehenden „Waldmembran“ mit klimaresistenten Bäumen entwickelt wird. Es entstehen drei unterschiedliche Landschaftstypen: Savanne, Lichtwald und Urwald, die die ökologische Vielfalt und Widerstandsfähigkeit des Feldes stärken sollen.

3. „Seilziehn“

Von De Zwarte Hond und Grieger Harzer Dvorak Landschaftsarchitekten ParGmbB.
Das Konzept „Seilziehn“, dessen Name für ein „Nehmen und Geben“ steht, ist eines der beiden Konzepte, die eine Randbebauung vorschlagen. Es sieht eine Bebauung an der südlichen Kante des Feldes vor. Verlagerte Kleingärten sollen Platz für ein neues Quartier mit 2400 Wohnungen, einer Kita und einer Grundschule schaffen. Eine neue S-Bahn-Station „THF“ an der Komturstraße soll das Feld besser an den öffentlichen Nahverkehr anbinden. Im denkmalgeschützten Flughafengebäude ist ein „Zentrum für urbanes Handwerk“ mit Werkstätten und Platz für eine Berufsschule geplant. Die ehemalige Gärtnerei wird zur „Neuen Gärtnerei“, wo unter anderem zu klimaresistenten Pflanzenarten geforscht werden soll.

4. „Stadtlichtung“

Von der Franz Reschke Landschaftsarchitektur GmbH.
Im Konzept „Stadtlichtung“ soll der prägnante Kontrast zwischen der dichten Stadt und der Weite des Feldes erhalten bleiben. Fünf Haine mit nach und nach wachsenden Bäumen sollen in direkter Nachbarschaft zu den Stadtquartieren den Rahmen bilden, dabei aber bewusst „Fenster“ zur weiten Wiese freilassen. Dieser Ansatz versucht, die Natur in die Stadtränder zu integrieren, ohne die charakteristische Offenheit des Feldes zu opfern.

5. „Tempelhofer Atem“

Von Schønherr, Kopenhagen.
Dieses nach dem Wettbewerb benannte Konzept aus Dänemark plant ebenfalls eine Bebauung, und zwar sowohl am westlichen Rand, im Anschluss an das Flughafengebäude, als auch weitflächig am südlichen Rand des Feldes. Die geplante Bebauung soll als „Wohnlabor“ dienen, mit öffentlicher und privater Nutzung, in dem neue, zukunftsweisende Erkenntnisse aus dem Wohnungsbau umgesetzt werden. Zäune und Barrieren sollen zugunsten einer dichteren Bepflanzung bis hin zu kleinen Wäldchen weichen, was eine nahtlosere Integration von Stadt und Natur ermöglichen soll.

Welche Betten sind belastbar?

6. „Übe-Räume für Stadttransformation Tempelhof 2050“

Vom Raumlabor und Klaus Overmeyer.
Beim Konzept „Übe-Räume“ steht die breitere Zugänglichkeit des Tempelhofer Feldes im Vordergrund, indem Zäune entfernt werden. Es sollen unter anderem drei Brücken im Süden entstehen, und ein neuer S-Bahnhof mit dem Namen „Tempelhofer Freiheit“ ist geplant. Eine Straßenbahn soll das Feld umrunden und das bestehende Nahverkehrsnetz sinnvoll ergänzen. Bestehende Gebäude sollen neu genutzt werden; so ist beispielsweise vorgesehen, die Zentralbibliothek ins Flughafengebäude zu verlegen. Dieses Konzept betont die Transformation und die Nutzung des Feldes als Experimentierfeld für urbane Entwicklungen.

Vergleich der Konzepte

Um die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der sechs prämierten Konzepte besser zu verstehen, hilft ein direkter Vergleich:

KonzeptRandbebauung vorgesehen?SchwerpunktBesondere Merkmale
Bestand stärken, Vielfalt fördernNeinInfrastruktur, Bildung, ÖkologieVerbesserte Zugänge (Brücken), Gewächshaus aus Müllverbrennungsanlage
Build it Green! Der Park des 21. JahrhundertsNeinNaturerhalt, neuer Parktyp„Waldmembran“, drei Landschaftstypen (Savanne, Lichtwald, Urwald)
SeilziehnJa (südliche Kante)Wohnungsbau, Mobilität, Handwerk2400 Wohnungen, neue S-Bahn-Station, Zentrum für urbanes Handwerk
StadtlichtungNeinKontrast Stadt/Feld, NaturintegrationFünf Haine, „Fenster“ zur Wiese frei
Tempelhofer AtemJa (Westen, Süden)Wohnlabor, öffentliche/private NutzungZäune weg, dichtere Bepflanzung, kleine Wäldchen
Übe-Räume für Stadttransformation Tempelhof 2050NeinZugänglichkeit, Mobilität, neue NutzungenZäune weg, drei Brücken, neue S-Bahn-Station, Tram um Feld, Zentralbibliothek im Flughafen

Erste Reaktionen und Kritik

Die vorgestellten Entwürfe haben erwartungsgemäß unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Der Naturschutzbund (Nabu) Berlin äußerte sich skeptisch zu den Ergebnissen des Wettbewerbs. Während einige der prämierten Entwürfe den Naturerhalt in den Mittelpunkt stellten, was begrüßenswert sei, bewertete der Nabu eine Randbebauung, etwa entlang des Tempelhofer Damms, als „extrem kritisch“. Dies spiegelt die anhaltende Besorgnis wider, dass eine Bebauung die ökologische Integrität und den Charakter des Feldes beeinträchtigen könnte.

Die Grünen-Fraktion zog ebenfalls ein kritisches Fazit. Der stadtentwicklungspolitische Sprecher Julian Schwarze erklärte: „Der Senat ist mit seiner Strategie gescheitert, durch einen teuren Wettbewerb eine Bebauung des Tempelhofer Feldes zu legitimieren.“ Er betonte, dass der Ausgang des Wettbewerbs die Ergebnisse der Dialogwerkstatt bestätige, in der die Bürgerinnen und Bürger klar gegen eine Bebauung gestimmt hätten. Für die Grünen ist es nun an der Zeit, dass der Senat diese Ergebnisse akzeptiert und seine „Bebauungsfantasien beendet“.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Ist das Tempelhofer Feld für die Öffentlichkeit zugänglich?

Ja, das Tempelhofer Feld ist ein öffentlicher Park und für alle zugänglich. Es gibt mehrere Eingänge rund um das Gelände. Es ist ein beliebter Ort für Freizeitaktivitäten und Erholung.

Warum gibt es eine Debatte über die Zukunft des Tempelhofer Feldes?

Die Debatte entspringt dem Konflikt zwischen dem Wunsch nach dem Erhalt der großen Grünfläche und dem Bedarf an neuem Wohnraum in der wachsenden Stadt Berlin. Ein Volksentscheid im Jahr 2014 sprach sich gegen eine Bebauung aus, doch die Diskussionen halten an.

Was war der Volksentscheid von 2014 zum Tempelhofer Feld?

Im Jahr 2014 stimmte eine Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner in einem Volksentscheid gegen die Bebauung des Tempelhofer Feldes und sprach sich für dessen vollständigen Erhalt als Freifläche aus.

Was ist der Ideenwettbewerb „Tempelhofer Atem“?

„Tempelhofer Atem“ war ein internationaler Ideenwettbewerb, den der Berliner Senat ins Leben rief, um Konzepte für die zukünftige Gestaltung und Entwicklung des Tempelhofer Feldes zu sammeln. Er sollte verschiedene Perspektiven und innovative Lösungen aufzeigen.

Gibt es konkrete Pläne für neue Gebäude auf dem Tempelhofer Feld?

Zwei der sechs prämierten Konzepte des Ideenwettbewerbs sehen eine Randbebauung vor, während die anderen vier auf den Erhalt der unbebauten Fläche setzen. Eine endgültige Entscheidung über eine Bebauung ist noch nicht gefallen und wird im Rahmen weiterer Dialogwerkstätten diskutiert.

Wie können Bürgerinnen und Bürger an der Entwicklung des Tempelhofer Feldes teilnehmen?

Der Senat hat einen Dialogprozess ins Leben gerufen, in dem zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger ihre Empfehlungen für die Gestaltung des Feldes erarbeiten konnten. Die prämierten Konzepte werden in weiteren Dialogwerkstätten diskutiert, bei denen die Öffentlichkeit erneut die Möglichkeit zur Beteiligung haben wird.

Fazit: Eine Zukunft im Dialog

Das Tempelhofer Feld bleibt ein zentrales Thema in der Berliner Stadtentwicklung. Die Ergebnisse des Ideenwettbewerbs „Tempelhofer Atem“ zeigen die Vielfalt möglicher Zukünfte auf, von der Stärkung der Natur bis hin zu innovativen Wohnkonzepten. Die anhaltende Debatte zwischen den Befürwortern des vollständigen Naturerhalts und denen, die eine behutsame Randbebauung zur Linderung des Wohnraummangels befürworten, spiegelt die komplexen Herausforderungen einer wachsenden Metropole wider. Der weitere Dialogprozess, insbesondere die bevorstehende dritte Dialogwerkstatt im Juli 2025, wird entscheidend sein, um einen Konsens zu finden und die Zukunft dieses einzigartigen Berliner Wahrzeichens zu gestalten. Es bleibt ein Ort, der die Geschichte Berlins atmet und dessen Zukunft durch die Stimmen seiner Bürgerinnen und Bürger mitbestimmt wird.

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