28/01/2026
Wenn wir über 'Sünde' sprechen, denken viele zuerst an individuelle Verfehlungen oder moralische Mängel. Doch das Johannesevangelium, insbesondere im Zeugnis des Johannes des Täufers über Jesus als das 'Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt' (Joh 1,29), bietet eine weitaus tiefere und umfassendere Perspektive. Es geht hier nicht nur um persönliche Vergehen, sondern um eine grundlegende Verirrung – ein Verfehlen des eigentlichen Ziels, das sowohl Israel als auch die gesamte Weltordnung betrifft. Diese Betrachtung lädt uns ein, die Botschaft des Evangeliums neu zu entdecken und ihre befreiende Kraft zu erkennen, die weit über das hinausgeht, was wir gemeinhin unter Sünde verstehen.
Die Erzählung in Johannes 1,29-34 ist eingebettet in eine größere theologische Struktur des Evangelisten Johannes. Sie schließt an den Prolog (1,1-18) und den Beginn des Erzählfadens (1,19-28) an, in dem Johannes der Täufer bereits als Zeuge des Messias auftritt. Die hier vorliegende Perikope spielt sich nach der Befragung des Täufers durch die amtlichen Behörden ab und markiert den Beginn einer Reihe aufeinanderfolgender Tage, die zur Offenbarung Jesu als Messias führen, die ersten Jünger berufen und schließlich in der Hochzeit zu Kana kulminieren, wo Jesu Herrlichkeit sich offenbart. Dieser Kontext ist entscheidend, um die volle Tragweite von Jesu Rolle als 'Lamm Gottes' und die Bedeutung der 'Sünde' zu erfassen.
- Was bedeutet 'Sünde' im Johannesevangelium?
- Das Lamm Gottes: Ein Symbol der Befreiung und Überwindung
- Jesus: Der Erste und der Weg der Solidarität
- Der Geist der Befreiung: Eine neue Schöpfung
- Der Sohn Gottes: Widerstand und Treue
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Ist 'Sünde' im Johannesevangelium dasselbe wie 'Fehler machen'?
- Warum wird Jesus als 'Lamm Gottes' bezeichnet?
- Was bedeutet es, dass Jesus die 'Sünde der Welt hinwegnimmt'?
- Wie hängt die Taufe mit dem Heiligen Geist mit der Sünde zusammen?
- Was ist die 'unbescheidene Hoffnung' im Kontext dieses Evangeliums?
- Fazit
Was bedeutet 'Sünde' im Johannesevangelium?
Das griechische Wort im Johannesevangelium, das mit ‚Sünde‘ übersetzt wird, meint primär eine Verirrung im Sinne des Verfehlens eines Zieles oder das Machen eines Fehlers. Es ist kein abstraktes, immerwährend schlechtes Konzept, sondern bezieht sich auf konkrete historische und politische Realitäten. Für Israel bedeutete diese Verirrung, das Ziel der Befreiung zu verfehlen. Statt auf Gott zu vertrauen, setzte Israel auf Macht und Könige, was zu Spaltung und Zerstörung führte, deren Folge das babylonische Exil war.
Wenn vom Begriff ‚Welt‘ die Rede ist, geht es nicht um die Welt als solche, sondern um die römische Welt, den Kosmos – die Weltordnung Roms. Diese römische Herrschaft war es, deren Opfer auch Israel wurde, insbesondere im römischen Krieg gegen Israel. Die Sünde ist hier also die Verstrickung Israels in die Verirrungen der römischen Weltordnung, die sich in ihrer Herrschaft über die ‚Welt‘ ausdrückt. Die Frage, die sich stellt, ist: Gibt es aus diesen Verirrungszusammenhängen einen Ausweg, nachdem der Tempel zerstört und das Volk zerstreut wurde?
Das Lamm Gottes: Ein Symbol der Befreiung und Überwindung
Die Antwort des Evangelisten Johannes ist unmissverständlich: Er sieht in dem Messias Jesus einen Weg, diese Verirrungen aufzuheben. Dies findet seinen Ausdruck im Zeugnis des Täufers: „Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“ (Joh 1,29). Das Bild vom Lamm Gottes stellt zwei entscheidende Bezüge zum Ersten Testament her, die die Tiefe dieser Aussage unterstreichen:
Der leidende Gottesknecht (Jesaja 53)
Zum einen heißt es bei Jesaja über den Gottesknecht:
„Er wurde bedrängt und misshandelt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf vor seinen Scherern verstummt, so tat auch er seinen Mund nicht auf.“ (Jes 53,7)
Und weiter:
„Er hob die Sünden der Vielen auf und trat für die Abtrünnigen ein.“ (Jes 53,12b)
Diese Texte weisen auf jemanden hin, der in Stille und Leiden die Sünden der Vielen trägt und abhebt. Es ist ein Bild der passiven Hingabe, die dennoch eine tiefgreifende Wirkung hat.
Der Sündenbock (Levitikus 16)
Zum zweiten kommt Lev 16,21f zur Geltung, das die Rolle des Sündenbocks beschreibt:
„Aaron soll seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes legen und über ihm alle Schuld der Israeliten und all ihre Frevel mitsamt all ihren Sünden bekennen. Nachdem er sie auf den Kopf des Bockes geladen hat, soll er ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste schicken und der Bock soll all ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen…“
Hier geht es um ein aktives Hinwegtragen der Sünden, die in die Wildnis geschickt werden, weg von der Gemeinschaft. Jesus als das Lamm Gottes vereint diese beiden Traditionen. Er ist der Leidende, der stumm die Verirrungen trägt, und zugleich derjenige, der sie wie der Sündenbock hinwegnimmt. Es ist ein Prozess des Aufhebens und Hinwegnehmens, das die Verstrickungen Israels in die Verirrungen der römischen Weltordnung betrifft. Sie sollen wie der Bock in die Wüste geschickt werden.
Der Weg, aus diesen Verirrungen herauszukommen, ist – das macht die Anspielung auf den Gottesknecht deutlich – nicht der Kampf darum, die Herrschaft Roms mittels der Überlegenheit eigener Macht und Stärke durch eine neue Herrschaft zu ersetzen. Vielmehr geht es darum, jegliche Herrschaft zu überwinden. Von einem solchen Weg erzählt der Evangelist, wenn er von dem Weg erzählt, den der Messias geht. Seine Solidarität mit denen, die unter der Weltherrschaft zu leiden haben, führt ihn an das Kreuz der Römer. Hier wird er zum von Rom geschlachteten Pessachlamm, zum ‚Lamm Gottes‘, in dem die Traditionen vom Sündenbock und vom Gottesknecht zusammenkommen.
Dass der Evangelist Jesus als ‚Lamm Gottes‘ versteht, wird auch darin deutlich, dass Johannes die Hinrichtung Jesu auf den Tag vor Pessach fallen lässt, also auf Tag und Zeit, an dem die Pessachlämmer geschlachtet werden (Joh 19,33.36). Hier offenbart sich Jesus als ‚Lamm Gottes‘, als Misshandelter, der verstummt, als Bock, der als Opfer römischer Herrschaft die Verirrungen Israels und der Weltordnung (weg)trägt. Der Evangelist spannt also einen Bogen vom Zeugnis des Täufers bis hin zur Kreuzigung des Messias. Darauf läuft das, was er zu erzählen hat, hinaus.
| Alttestamentlicher Bezug | Symbolik | Bezug zu Jesus als Lamm Gottes |
|---|---|---|
| Jesaja 53 (Gottesknecht) | Stilles Leiden, Sünden der Vielen tragen | Jesus als der Leidende, der schweigend die Last der Verirrungen auf sich nimmt |
| Levitikus 16 (Sündenbock) | Sünden wegtragen, in die Wildnis schicken | Jesus als derjenige, der die Verirrungen der Weltordnung und Israels hinwegträgt und aufhebt |
| Passahlamm | Opfer zur Befreiung aus der Knechtschaft | Jesu Kreuzigung als das ultimative Opfer, das zur Befreiung von Herrschaft und Sünde führt |
Jesus: Der Erste und der Weg der Solidarität
Der Täufer spricht von Jesus als einem „Mann“, der zeitlich nach ihm kommt, ihm aber dennoch „voraus ist“ (Joh 1,30). Er ist ihm deshalb voraus, weil er – wie es wörtlich bereits in 1,15 heißt – „der erste“ ist. Für den Evangelisten ist der Messias deshalb der „erste“, weil er den Weg der Solidarität bis ans Kreuz der Römer gegangen ist und auf diesem Weg Gott selbst als das fleischgewordene Wort (1,14) ‚geschieht‘. Er kommt zur Geltung als Gott derer, deren Fleisch gefoltert wird und verblutet. So wird sichtbar, dass Befreiung nicht auf dem Weg der Herrschaft, sondern auf den Wegen der Solidarität mit ihren Opfern möglich werden kann.
Es wäre verfehlt, daraus einen Kult der Ohnmacht Gottes oder einen Sinn der Opfer aufgrund der Nähe Gottes zu ihnen ableiten zu wollen. Zur Geltung kommen muss die Macht und Stärke Gottes, die sich in der Ohnmacht zeigt. Sie wird in der Auferweckung des Gekreuzigten sichtbar, in der Roms Macht negiert wird. Gottes schöpferisches Wort im Anfang (Joh 1,1) ist auch sein ‚letztes Wort‘, das Wort, das er in der Auferweckung des Gekreuzigten als Anfang eines neuen Himmels und einer neuen Erde neu spricht. Nur wenn das gilt und zur Geltung kommt, verkommt die Rede von der Nähe Gottes im Leiden nicht zu einer überhöhenden, beschwichtigenden und leeren Vertröstung. Nur dann kann Gottes Wort neu aufrichten für Wege der Befreiung, nur dann hat die Hoffnung einen Grund, dass niemand verloren ist.
Dies ist freilich eine Hoffnung, die zu groß erscheint. Deshalb bescheiden sich manche lieber mit kleineren Hoffnungen, die ‚realistischer‘ erscheinen. Zu deren Realismus gehört dann aber auch, dass es keine Rettung für die Opfer gibt, dass ‚letztlich‘ alle verloren sind. Die große und unbescheidene Hoffnung auf Rettung aller, die für den Evangelisten Johannes aus Jesu Solidarität mit den Opfern der Gewaltherrschaft erwächst, kommt nicht aus uns selbst, sondern ist uns von Generationen vor uns ‚überliefert‘. In dieser Überlieferung ist uns ihre Weigerung anvertraut, sich mit nicht weniger als der Rettung der Opfer und damit aller zufrieden zu geben. Genau dafür steht der Name Gottes. Solch unbescheidene Hoffnung kann nur lebendig bleiben, wenn sie immer neu erinnert und buchstabiert wird aus den biblischen Überlieferungen und als Widerspruch zu den Strukturen der Herrschaft, die als real und alternativlos gelten. Diese Hoffnung ist keine ‚Idee‘, sondern ist im Leben des Messias Fleisch geworden. Fleisch und anschauliche Gestalt bekommt sie auch im Leben der messianischen Gemeinde, in dem schon vorweg genommen wird, was für alle erhofft wird.
Der Geist der Befreiung: Eine neue Schöpfung
„Und Johannes bezeugte, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb“ (Joh 1,32). In dem Messias Jesus kommt Israels Gott zur Geltung, weil er ganz aus dem Geist der Befreiung lebt. Nicht die römische Herrschaft prägt ihn, bestimmt seinen Charakter, die Form seines Lebens, sondern der Geist Gottes, der weder aus uns selbst noch aus der Immanenz der Geschichte abgeleitet werden kann, aber in der Geschichte seine Spuren hinterlassen hat. Auch hier schlägt der Evangelist wieder einen Bogen zum Ende seines Evangeliums.
In der Stunde des Todes, nachdem alles „vollbracht“, der Weg der Solidarität an sein Ziel gekommen ist, neigte Jesus „das Haupt und übergab den Geist“ (Joh 19,30). Für Johannes ist dies die Stunde der Verherrlichung Gottes und des Messias, die Stunde, auf der das ganze Schwergewicht Gottes und des Weges liegt, den der Messias gegangen ist. Der Rom übergebene (ausgelieferte) Messias übergibt seinen Geist seinem Gott der Befreiung. Johannes benutzt für beide Zusammenhänge das gleiche griechische Wort. Hier wird bereits deutlich, dass der Messias nicht nur passives Opfer römischer Macht ist, sondern der letzte Akt ihm gehört: die Übergabe seines Geistes an Israels Gott, bei dem der Unterschied zwischen Lebenden und Toten aufgehoben ist.
Den Geist, der am Kreuz des Messias lebendig ist und zur Geltung kommt, macht die hinter verschlossenen Türen versammelten JüngerInnen am Ostertag wieder lebendig. Der Messias haucht sie an und sagt: „Empfangt den Heiligen Geist!“ (Joh 20,22). Als neue Schöpfung einer messianischen Gemeinde werden sie gesandt, „die Sünden“ zu erlassen, neu aufzubrechen und sich nicht von der Angst vor herrschaftlichen Gewalten und Strukturen bannen zu lassen. Wer jedoch weiter auf die Macht Roms setzen will, kann durch Gottes Geist auch nicht lebendig werden, folglich behält er seine Sünde (Joh 20,23).
Da es um neues Leben, um eine neue Schöpfung geht, ist es kein Zufall, dass der Täufer den Geist „wie eine Taube“ auf den Messias herabkommen sieht. Das Bild der Taube taucht in der Genesis (8,6-12) auf. Die Erde versinkt in den Fluten der Gewalt, die im Bild des steigenden Wassers symbolisiert werden. Aus der vor den Fluten rettenden Arche schickt Noah eine Taube aus, um zu erkunden, ob die Erde wieder bewohnbar ist. Sie ist ein Zeichen für die Bewohnbarkeit der Erde. Wenn Johannes dieses Bild aufgreift, wird deutlich: Mit dem Messias Jesus will Israels Gott die Erde wieder zu einem bewohnbaren Ort des Lebens machen.
| Johannes der Täufer | Jesus der Messias |
|---|---|
| Taufe mit Wasser | Taufe mit dem Heiligen Geist |
| Bereitet den Weg für den Messias | Führt Gott und sein Volk wieder zusammen |
| Weist auf den Messias hin | Ist derjenige, auf dem der Geist bleibt |
| Symbolisiert Reinigung und Vorbereitung | Symbolisiert neue Schöpfung und Trennung von unterdrückenden Mächten |
Der Sohn Gottes: Widerstand und Treue
„Dieser ist der Sohn Gottes“ (Joh 1,34). ‚Söhne Gottes‘ sind nicht mehr die Könige aus Israel, die bei ihrer Inthronisation als von Israels Gott adoptierte Söhne proklamiert wurden (vgl. Ps 2,7) und schon gar nicht die römischen Kaiser, die sich mit diesem Titel schmücken ließen. ‚Sohn Gottes‘ ist jener Messias, der sich Verhältnissen der Macht widersetzt und deren Opfern die Treue hält. Er ist derjenige, der den Weg der Solidarität bis zum Äußersten geht und damit die wahre Natur Gottes offenbart, die sich nicht in Herrschaft, sondern in Befreiung und Hingabe zeigt.
Und auch hier begegnen wir wieder einer ‚Klammer‘ um das gesamte Evangelium des Johannes: Von dem vom Täufer bezeugten „Sohn Gottes“ heißt es am Ende des Evangeliums: Es ist „aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist (d.h. der Messias), der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen“ (Joh 20,31). Die Erkenntnis Jesu als Sohn Gottes ist somit nicht nur eine theologische Aussage, sondern ein Aufruf zum Glauben, der zu neuem, befreitem Leben führt.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Ist 'Sünde' im Johannesevangelium dasselbe wie 'Fehler machen'?
Nein, es ist umfassender. Das griechische Wort bedeutet zwar ‚Verirrung‘ oder ‚Verfehlen eines Zieles‘, doch im Kontext des Johannesevangeliums bezieht sich ‚Sünde‘ nicht nur auf individuelle Fehler, sondern auf tiefgreifende historische und politische Verfehlungen. Es geht um das Verfehlen des Weges der Befreiung durch Israel (indem es auf Macht statt auf Gott setzte) und die verheerende Weltordnung Roms, die Unterdrückung und Leid verursacht. Jesus nimmt diese umfassende ‚Verirrung der Welt‘ hinweg.
Warum wird Jesus als 'Lamm Gottes' bezeichnet?
Die Bezeichnung ‚Lamm Gottes‘ verbindet Jesus mit zwei wichtigen alttestamentlichen Bildern: Zum einen mit dem leidenden Gottesknecht aus Jesaja 53, der stumm das Leiden erträgt und die Sünden der Vielen auf sich nimmt. Zum anderen mit dem Sündenbock aus Levitikus 16, der die Sünden der Gemeinschaft in die Wildnis trägt und damit hinwegnimmt. Zusätzlich wird Jesus im Johannesevangelium zur Zeit der Schlachtung der Pessachlämmer gekreuzigt, was ihn als das ultimative Opfer zur Befreiung von der Knechtschaft identifiziert. Jesus ist das Opfer, das die Verirrungen der Welt hinwegträgt, nicht durch Kampf, sondern durch Solidarität.
Was bedeutet es, dass Jesus die 'Sünde der Welt hinwegnimmt'?
Es bedeutet, dass Jesus die tief verwurzelten Verirrungen und Verstrickungen der Menschheit – insbesondere Israels und der römischen Weltordnung – in Systeme der Herrschaft und Unterdrückung aufhebt. Er tut dies nicht durch die Ersetzung einer Herrschaft durch eine andere, sondern durch einen Weg der Solidarität mit den Opfern der Herrschaft, der bis zum Kreuz führt. Sein Tod und seine Auferstehung negieren die Macht Roms und eröffnen einen Weg zur Befreiung von jeglicher Form von Herrschaft und Knechtschaft. Es ist die Hoffnung auf eine neue Schöpfung, in der niemand verloren ist.
Wie hängt die Taufe mit dem Heiligen Geist mit der Sünde zusammen?
Johannes der Täufer tauft mit Wasser zur Vorbereitung auf den Messias. Jesus hingegen tauft mit dem Heiligen Geist. Der Geist, der wie eine Taube auf Jesus herabkommt und auf ihm bleibt, ist der Geist der Befreiung. Nach seiner Auferstehung haucht Jesus seinen Jüngern den Heiligen Geist ein, der sie befähigt, Sünden zu erlassen und sich nicht von der Angst vor herrschaftlichen Gewalten bannen zu lassen. Wer den Geist empfängt und sich dem Weg Jesu anschließt, kann von der Sünde befreit werden. Wer jedoch weiterhin an den Mächten der Unterdrückung festhält, behält seine Sünde.
Was ist die 'unbescheidene Hoffnung' im Kontext dieses Evangeliums?
Die ‚unbescheidene Hoffnung‘ ist die radikale und umfassende Hoffnung auf die Rettung aller Menschen, die aus Jesu Solidarität mit den Opfern der Gewaltherrschaft erwächst. Sie steht im Gegensatz zu ‚realistischeren‘, kleineren Hoffnungen, die die Möglichkeit der Rettung für alle Opfer ausschließen. Diese Hoffnung ist keine bloße Idee, sondern ist im Leben des Messias Fleisch geworden und wird in der messianischen Gemeinde lebendig gehalten. Sie fordert dazu auf, sich nicht mit weniger als der Rettung aller zufrieden zu geben und ist ein ständiger Widerspruch zu den Strukturen der Herrschaft, die sich als alternativlos präsentieren.
Fazit
Die johanneische Perspektive auf die Sünde ist zutiefst befreiend. Sie entführt uns aus dem engen Korsett individueller Schuld und öffnet den Blick für eine umfassendere Verirrung der Weltordnung. Jesus, das Lamm Gottes, ist nicht nur ein Opfer für individuelle Vergehen, sondern derjenige, der durch seinen Weg der Solidarität und der Überwindung jeglicher Herrschaft die Wurzel der Sünde angreift. Der Geist der Befreiung, der auf ihm ruht und den er weitergibt, befähigt uns, uns von den Fesseln der Angst und Unterdrückung zu lösen und einen Weg des neuen Lebens zu gehen. Als Sohn Gottes bezeugt Jesus eine alternative Realität, in der die Hoffnung auf die Rettung aller nicht nur eine Utopie, sondern eine lebendige, göttliche Zusage ist. Die Botschaft des Johannesevangeliums ist somit ein kraftvoller Aufruf zur Hoffnung, zur Befreiung und zur Teilnahme an Gottes Werk der Erneuerung der Welt.
Wenn du andere Artikel ähnlich wie Sünde im Johannesevangelium: Ein Weg zur Befreiung kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Religion besuchen.
