08/09/2021
Der Fastenmonat Ramadan ist für Musliminnen und Muslime weltweit eine Zeit tiefgreifender spiritueller Reflexion, Enthaltsamkeit und intensiver Gottesdienste. Neben dem täglichen Fasten von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang und den fünf Pflichtgebeten, gibt es eine besondere Gebetsform, die diesen Monat noch einzigartiger macht: das Tarawih-Gebet. Dieses freiwillige, aber überaus verdienstvolle Gebet ist ein zentraler Bestandteil der Ramadan-Nächte und wird von Millionen Gläubigen mit großer Hingabe erwartet und praktiziert.

Das Tarawih-Gebet, arabisch „Salāt at-Tarāwīh“, ist kein gewöhnliches Gebet, sondern eine spezielle Form, die ausschließlich im Monat Ramadan verrichtet wird. Es ist mehr als nur eine Reihe von Gebetseinheiten; es ist eine spirituelle Reise, die die Gläubigen einlädt, sich intensiver mit ihrem Schöpfer zu verbinden und die Segnungen des Ramadans in vollen Zügen zu erleben. Die Bezeichnung „Tarawih“ selbst ist aufschlussreich. Sie leitet sich von der Pluralform des arabischen Wortes „tarwīḥa“ ab, was „Erholung“, „Erquickung“ oder „Pause“ bedeutet. Dieser Name verweist auf die kurzen Ruhepausen, die zwischen den einzelnen Gebetsabschnitten eingelegt werden und den Betenden die Möglichkeit geben, durchzuatmen und sich auf die nächste Einheit vorzubereiten.
Wann und wo wird Tarawih gebetet?
Das Tarawih-Gebet wird im Ramadan jeden Abend nach dem Nachtgebet (Salatu’l Ischaa, türkisch Yatsi Namazi) verrichtet. Es beginnt somit bereits in der Nacht zum ersten Ramadan und setzt sich bis zur letzten Nacht des Monats fort. In vielen muslimischen Ländern und auch unter Musliminnen und Muslimen in Deutschland füllen sich die Moscheen abends nach dem Fastenbrechen mit Gläubigen, die gemeinsam dieses besondere Gebet verrichten möchten. Die gemeinschaftliche Atmosphäre in der Moschee, das gemeinsame Stehen, Knien und Rezitieren, schafft ein Gefühl der Einheit und Verbundenheit, das von vielen als besonders bereichernd empfunden wird. Es ist ein lebendiges Zeugnis des starken Gemeinschaftslebens im Islam.
Obwohl das Gebet in der Moschee als sehr verdienstvoll gilt und zur Sunna des Propheten gezählt wird, ist es wichtig zu wissen, dass das Tarawih-Gebet nicht zwingend in der Moschee verrichtet werden muss. Es kann ebenso zu Hause, allein oder mit der Familie gebetet werden. Für manche ist das Gebet in den eigenen vier Wänden sogar eine bevorzugte Option, da sie sich dort noch besser konzentrieren und eine tiefere innere Ruhe finden können. Die Flexibilität, die der Islam in dieser Hinsicht bietet, ermöglicht es jedem Gläubigen, das Tarawih-Gebet auf die Weise zu verrichten, die seiner persönlichen spirituellen Reise am besten dient.
Die Sunna des Propheten und die Gemeinschaft
Die gemeinschaftlichen Tarawih-Gebete gehören zur Sunna des Propheten Muhammad (Allahs Segen und Friede auf ihm), sind also freiwillige, aber verdienstvolle Handlungen. Der Prophet selbst betete dieses Gebet mal in Gemeinschaft und mal allein. Dies tat er, um zu verhindern, dass es als ein Pflichtgebet (Fard) missverstanden wird. Er befürchtete, dass, wenn es zur Pflicht gemacht würde, die Umma (Gemeinschaft) es möglicherweise nicht immer erfüllen könnte, was zu Schwierigkeiten führen würde. Diese weise Voraussicht des Propheten unterstreicht die Barmherzigkeit des Islam und die Erleichterung, die er seinen Anhängern bietet.

Eine Überlieferung von Zaid ibn Thâbit (Allahs Wohlgefallen auf ihm) berichtet, wie der Prophet sich in ein eigenes kleines Zimmer zurückzog, um dort zu beten. Männer folgten ihm, um sich seinem Gebet anzuschließen. Eines Nachts, als sie wieder erschienen, verspätete sich der Prophet und kam nicht zu ihnen. Sie erhoben ihre Stimmen und klopften an die Tür. Daraufhin kam der Prophet verärgert zu ihnen und sagte: „Euer eifriges Verhalten hält noch immer an, so dass ich glaubte, dass euch dieses Gebet vorgeschrieben wird. Vielmehr sollt ihr in euren Häusern beten, denn die besten Gebete des Mannes sind die, die er zu Hause verrichte – außer den Pflichtgebeten.“ (Überliefert von Al-Buchârî und Muslim). Dies zeigt die Bedeutung des Gebets zu Hause, aber auch die große Sehnsucht der Gläubigen nach dem gemeinsamen Gebet mit dem Propheten.
Trotz der Möglichkeit, Tarawih zu Hause zu beten, wird das gemeinschaftliche Gebet in der Moschee als besser und segensreicher erachtet. Es ist das einzige Sunna-Gebet, das regelmäßig in Gemeinschaft verrichtet wird, und es trägt maßgeblich zur besonderen Atmosphäre des Ramadans bei. Die gemeinsame Rezitation des Korans, die während des Tarawih-Gebets oft vollständig über den Monat hinweg vollzogen wird, ermöglicht es jedem Muslim, der daran teilnimmt, den gesamten Koran innerhalb des Ramadans zu hören – eine tief spirituelle Erfahrung.
Ablauf und Form des Tarawih-Gebets
Das Tarawih-Gebet ist in mehrere Abschnitte unterteilt und kann je nach Rechtsschule und Rezitationsstil des Imams variieren. Eine kurze Fassung dauert mindestens 20 Minuten, während die gesamte Dauer bis zu 90 Minuten betragen kann, abhängig von der Schnelligkeit der Rezitation. Traditionell wird während des Tarawih-Gebets über den gesamten Monat der gesamte Koran rezitiert, wobei jeden Abend ein Teil des Korans gelesen wird. Dies ermöglicht den Betenden, den Heiligen Koran vollständig zu hören und seine Botschaft tief in sich aufzunehmen.
Die Anzahl der Gebetseinheiten, der sogenannten Rakʿas, variiert ebenfalls. Drei der vier sunnitischen Rechtsschulen empfehlen 20 Rakʿas, während die Malikiten 36 Rakʿas verrichten. Normale muslimische Tagesgebete bestehen im Vergleich dazu nur aus zwei bis vier Rakʿas. Bei den Tarawih-Gebeten werden jeweils zwei Rakʿas als eine „taslīma“ bezeichnet. Jeder „taslīma“ geht eine Absichtserklärung voraus, zum Beispiel: „uṣallī sunnata t-tarāwīḥi rakʿataini imāman (od. maʾmūman) li-Llāhi taʿālā, Allāhu akbar“ („Ich bete jetzt das empfohlene Tarawih-Gebet, das aus zwei Rakʿas besteht, als Vorbeter bzw. dem Vorbeter folgend, zu Gott, erhaben ist er. Gott ist groß“).

Nach jeweils zwei „taslīmas“ folgen die namensgebenden Erholungsphasen. In diesen Pausen werden oft verschiedene Zusatzgebete und Lobpreisungen auf den Propheten Muhammad, die rechtgeleiteten Kalifen und die Prophetengefährten eingeschoben. Dies trägt zur spirituellen Tiefe und zur Meditationsatmosphäre des Gebets bei. Nach Abschluss der Tarawih-Gebete folgt in vielen Moscheen das ebenfalls als empfehlenswert eingestufte Witr-Gebet, das aus einer ungeraden Anzahl von Rakʿas besteht und den Abschluss der Nachtgebete bildet.
Die Einführung durch Kalif Umar ibn al-Chattab
Obwohl der Prophet Muhammad bereits Tarawih-Gebete verrichtet hatte, aber vermied, sie zur Pflicht zu machen, gilt der zweite Kalif Umar ibn al-Chattab als derjenige, der die gemeinschaftliche Verrichtung des Tarawih-Gebets im religiösen Leben des Islams fest etablierte. Umar empfahl, die Tarawih-Gebete in der ersten Hälfte der Nacht von Vorbetern (Imamen) angeleitet zu zelebrieren. Diese organisatorische Maßnahme trug wesentlich dazu bei, dass das Tarawih-Gebet zu einem festen und geliebten Bestandteil des Ramadans wurde und bis heute in dieser Form praktiziert wird.
Unterschiede in den Rechtsschulen
Die Vielfalt innerhalb des Islam spiegelt sich auch in der Praxis des Tarawih-Gebets wider. Während die Sunniten dieses Gebet als empfohlene Handlung (Mandūb, Sunna) ansehen, lehnt die Zwölfer-Schia es als inakzeptable Neuerung ab, da es ihrer Ansicht nach nicht direkt auf den Propheten zurückgeht, sondern erst später eingeführt wurde. Dennoch gibt es auch unter den Zwölferschiiten alternative freiwillige Gebete im Ramadan, die sich über den Monat verteilen können und bis zu 1000 Rak'at umfassen können.
| Aspekt | Sunnitische Rechtsschulen (allgemein) | Malikitische Rechtsschule | Zwölfer-Schia (Alternative) |
|---|---|---|---|
| Anzahl der Rakʿas | 20 Rakʿas | 36 Rakʿas | Max. 1000 Rak'at (freiwillig, keine feste Form) |
| Status | Empfohlen (Sunna) | Empfohlen (Sunna) | Abgelehnt als Neuerung, aber alternative freiwillige Gebete |
| Gemeinschaftliches Gebet | Empfohlen in der Moschee | Empfohlen in der Moschee | Nicht praktiziert |
Häufig gestellte Fragen zum Tarawih-Gebet
- Ist das Tarawih-Gebet Pflicht?
- Nein, das Tarawih-Gebet ist keine Pflicht (Fard), sondern eine freiwillige, aber sehr verdienstvolle Handlung (Sunna).
- Kann ich Tarawih alleine zu Hause beten?
- Ja, es ist erlaubt und gültig, das Tarawih-Gebet alleine oder mit der Familie zu Hause zu verrichten. Obwohl das gemeinschaftliche Gebet in der Moschee als segensreicher gilt, ist die Verrichtung zu Hause ebenfalls zulässig.
- Wie lange dauert das Tarawih-Gebet?
- Eine kurze Fassung dauert mindestens 20 Minuten. Insgesamt kann das Gebet, je nach Rezitationsgeschwindigkeit und Anzahl der Rakʿas, bis zu 90 Minuten dauern.
- Warum wird der ganze Koran im Tarawih rezitiert?
- Es ist eine Tradition, den gesamten Koran über den Monat Ramadan hinweg im Tarawih-Gebet zu rezitieren. Dies ermöglicht es den Betenden, den Heiligen Koran vollständig zu hören und seine Botschaft in diesem gesegneten Monat zu verinnerlichen.
- Was ist der Unterschied zwischen Tarawih und Witr-Gebet?
- Das Tarawih-Gebet ist ein spezielles freiwilliges Nachtgebet im Ramadan. Das Witr-Gebet ist ein ebenfalls empfohlenes Gebet, das nach dem Tarawih-Gebet (oder anderen Nachtgebeten) verrichtet wird und aus einer ungeraden Anzahl von Rakʿas besteht. Es ist oft der Abschluss der Nachtgebete.
Das Tarawih-Gebet ist somit ein tief spirituelles Erlebnis, das den Ramadan für Millionen von Musliminnen und Muslimen weltweit prägt. Es ist eine Zeit der Besinnung, der Gemeinschaft und der intensiven Anbetung, die die Gläubigen dazu anregt, ihre Verbindung zu Allah zu stärken und die Segnungen des Heiligen Monats voll auszuschöpfen.
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