Die Schiiten: Ursprung, Glaube und die Suche nach Führung

28/06/2024

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Der Tod des Propheten Muhammad im Jahr 632 n. Chr. war ein Wendepunkt in der jungen Geschichte des Islam. Er hinterließ nicht nur eine wachsende Gemeinschaft von Gläubigen, sondern auch eine große Frage: Wer sollte seine Nachfolge antreten? Muhammad war nicht nur ein geistlicher Führer, sondern auch ein weltlicher Herrscher, Gesetzgeber und Heerführer gewesen. Eine klare Regelung für seine Nachfolge fehlte, und diese Leerstelle führte zu einer der tiefgreifendsten und folgenreichsten Spaltungen in der islamischen Geschichte, die die Welt bis heute prägt: die Trennung zwischen Sunniten und Schiiten.

Was versteht man unter „Schiiten“?
Mit dem Begriff „Schiiten“ sind die Anhänger ’Alis gemeint, des Neffen und Schwiegersohns Muhammads, die als Nachfolger eine Person aus der Familie des Propheten (von den „ahl al-bayt“) forderten und daher „Shi’at ’Ali“ („Partei“ des ’Ali“) genannt wurden.
Inhaltsverzeichnis

Die Geburtsstunde einer Spaltung: Sunniten vs. Schiiten

Die unmittelbar nach Muhammads Tod ausbrechende Auseinandersetzung über die Nachfolgefrage führte zur Entstehung verschiedener Gruppierungen. Die beiden bedeutendsten, die sich herausbildeten, waren die späteren „Sunniten“ und „Schiiten“. Der Begriff „Schiiten“ leitet sich von „Shi’at ’Ali“ ab, was so viel wie „Partei Alis“ bedeutet. Damit sind die Anhänger ’Alis gemeint, des Neffen und Schwiegersohns Muhammads. Ihre zentrale Forderung war, dass der Nachfolger des Propheten aus dessen eigener Familie, den sogenannten „ahl al-bayt“, stammen müsse. Sie waren überzeugt, dass nur eine Person aus dieser Linie die göttliche Segenskraft (arab. baraka) besitze, die für die Führung der Gemeinschaft unerlässlich sei.

Im Gegensatz dazu stand die sunnitische Mehrheit. Sie vertrat die Ansicht, dass lediglich ein fähiger Heerführer aus Muhammads Stamm, den Quraysh, zum Nachfolger gewählt werden sollte. Ihre Bedingung war jedoch, dass diese Wahl durch einen Rat (arab. shura) bestätigt und öffentlich durch eine Huldigung (arab. bay‘a) legitimiert werden müsse. Diese unterschiedlichen Auffassungen über die Legitimation der Führung – göttliche Bestimmung versus gemeinschaftliche Wahl – bildeten den Kern der Trennung und prägten die weitere Entwicklung beider Strömungen des Islam.

Die schiitische Argumentation für Alis Nachfolge und die Kontroverse um den Koran

Die Anhänger ’Alis, die späteren Schiiten, argumentierten nicht nur mit der göttlichen Segenskraft. Sie behaupteten auch, dass Gott selbst ’Ali zum Nachfolger auserwählt habe und Muhammad dies noch vor seinem Tod schriftlich festhalten ließ. Nach ihrer Überzeugung war diese eindeutige Nachfolgeregelung, die zum Korantext gehört haben soll, von den Sunniten getilgt worden. Ebenso soll die besondere Würdigung der Familie Muhammads entfernt worden sein. Dieser Vorwurf einer Koranfälschung – einer Manipulation des unfehlbaren Gotteswortes – war drastisch und folgenschwer. Die schiitische Gemeinschaft vertrat diesen Anspruch besonders in den ersten Jahrhunderten vehement und hat ihn bis heute nicht ganz aufgegeben. Für die Schiiten war die Nachfolge somit keine Frage der Wahl oder des Konsenses, sondern der göttlichen Anordnung und der Erhaltung der Reinheit der Offenbarung.

Die Sunniten konnten sich dieser Auffassung einer einvernehmlichen Nachfolgeregelung innerhalb der Familie Muhammads nicht anschließen. Sie forderten nach Muhammads Tod eine Wahl unter den Prophetengefährten, was im schiitischen Verständnis einer Usurpation gleichkam. Die Schiiten waren in dieser ungleichen Auseinandersetzung kräfte- und zahlenmäßig weit unterlegen. Erschwerend kam hinzu, dass alle leiblichen Söhne Muhammads bereits vor ihm verstorben waren. Seine nächsten männlichen Nachkommen wären seine Enkel al-Hasan und al-Husain gewesen, die jedoch zum Zeitpunkt des Todes Muhammads noch Kinder im Alter von etwa sechs und acht Jahren waren. Daher bestimmten die Schiiten Muhammads Schwiegersohn und Neffen ’Ali zum Anwärter auf das Kalifat, das sowohl weltliche als auch geistliche Nachfolgeamt der frühen muslimischen Gemeinschaft.

Der Kampf um das Kalifat: Eine Geschichte der Enttäuschung

Obwohl ’Ali der einzig verfügbare männliche, wenn auch nicht direkte Nachkomme Muhammads war, konnte er seinen Anspruch auf das Kalifat gegen die sunnitische Mehrheit zunächst nicht durchsetzen. In seiner Abwesenheit wurde noch im Jahr 632 Muhammads enger Vertrauter und Heerführer Abu Bakr zum ersten Kalifen gewählt (regierte 632–634 n. Chr.). Ihm folgten ’Umar (634–644) und ’Uthman (644–656), die alle zur sunnitischen Anhängerschaft gehörten. Aus schiitischer Sicht waren diese drei ersten Kalifen „unrechtmäßige“ Herrscher, und ihre Wahl wurde als schwere Sünde betrachtet. Dies ist auch der Grund, warum sie bei schiitischen Feierlichkeiten, wie den jährlich stattfindenden schiitischen Trauerprozessionen im Monat Muharram, oft als „Usurpatoren“ der Macht verflucht werden. Diese Rituale sind ein tiefgreifender Ausdruck des schiitischen Gedenkens und ihrer historischen Erfahrungen von Verlust und Ungerechtigkeit.

Erst im Jahr 656 konnte ’Ali (656–661) als vierter Kalif für wenige Jahre die Macht erringen. Seine Herrschaft war jedoch von internen Konflikten und Bürgerkriegen geprägt. Nach seiner Ermordung im Jahr 661 fiel die Führerschaft über die islamische Welt erneut an die Sunniten. Diese konnten die Herrschaft mit der Dynastie der Umayyaden (661–749) und später der Abbasiden (750–1258) für die sunnitische Mehrheit viele Jahrhunderte lang erblich machen. Für die Schiiten bedeutete dies eine fortgesetzte Marginalisierung und die Verstärkung des Gefühls, dass die rechtmäßige Führung der Gemeinschaft ihnen vorenthalten wurde.

Nach dem Tod ’Alis unternahmen die Schiiten einen erneuten Versuch, mit den Prophetenenkeln al-Hasan und al-Husain die Macht zu erringen. Doch auch diese Bemühungen scheiterten dramatisch. al-Hasan verzichtete – möglicherweise gegen erhebliche finanzielle Zuwendungen – auf das Kalifat, was viele seiner Anhänger enttäuschte. Sein Bruder, al-Husain, fiel im Jahr 680 in der berühmten Schlacht von Kerbela im heutigen Irak gegen eine sunnitische Übermacht. Dieses Ereignis ist bis heute das zentrale Martyrium im schiitischen Islam und wird jedes Jahr im Monat Muharram mit tiefster Trauer und Hingabe begangen. Mit dem Tod al-Husains waren alle unmittelbaren männlichen Nachfahren Muhammads ausgelöscht, was die Schiiten vor eine neue, existenzielle Herausforderung stellte.

Die theologische Entwicklung: Vom weltlichen Anspruch zur spirituellen Führung

Nachdem die Schiiten keine Möglichkeit mehr besaßen, ihren Anspruch auf eine weltliche Führerschaft der muslimischen Gemeinschaft durchzusetzen, entwickelten sie ein neues Konzept: das der geistlichen Herrschaft durch einen Imam. Dieser Imam wurde zum spirituellen Gemeindeleiter, der nicht notwendigerweise die weltliche Macht innehatte, aber die wahre religiöse Autorität besaß. Ab 941 n. Chr. entstand die Lehre von der „großen Verborgenheit“ des zwölften Imams. Dieser Imam leitet die Gemeinde unsichtbar aus der Verborgenheit heraus und ist der Einzige, der die „verborgenen Bedeutungen“ des Korans vollständig kennt. Diese theologische Entwicklung ermöglichte es den Schiiten, ihre Überzeugung von der göttlich legitimierten Führung aufrechtzuerhalten, auch wenn sie keine politische Macht besaßen. Der Imam ist somit nicht nur ein Lehrer, sondern ein unfehlbarer Bewahrer der göttlichen Wahrheit und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen.

Was versteht man unter „Schiiten“?
Mit dem Begriff „Schiiten“ sind die Anhänger ’Alis gemeint, des Neffen und Schwiegersohns Muhammads, die als Nachfolger eine Person aus der Familie des Propheten (von den „ahl al-bayt“) forderten und daher „Shi’at ’Ali“ („Partei“ des ’Ali“) genannt wurden.

Die Rolle des Imams ist für die Schiiten von zentraler Bedeutung. Er ist nicht nur ein Gelehrter, sondern auch ein spiritueller Führer, dessen Urteile und Interpretationen als unfehlbar gelten. Die Kette der Imame, die von Ali abstammen, repräsentiert die fortgesetzte göttliche Führung der Menschheit nach dem Propheten Muhammad. Die Gläubigen sehen in ihnen eine Quelle der Weisheit, der Gerechtigkeit und der Nähe zu Gott. Diese Überzeugung prägt das schiitische Recht, ihre Theologie und ihre soziale Struktur.

Die Erwartung des Mahdi: Hoffnung auf das Ende der Zeiten

Mit der Lehre von der Verborgenheit des Imams verlagerte die schiitische Gemeinschaft ihre Hoffnung auf sichtbare Herrschaft auf die Endzeit. In dieser Zeit wird der Imam als Mahdi (der „Rechtgeleitete“) sichtbar aus der Verborgenheit wiederkommen und ein weltweites Friedensreich aufrichten. Die Erwartung des Mahdi ist eine der prägendsten Glaubensvorstellungen im schiitischen Islam und gibt den Gläubigen Hoffnung und Orientierung in Zeiten der Ungerechtigkeit und des Leidens.

Dem Auftreten des Mahdi werden verschiedene Zeichen vorausgehen, wie Sonnen- und Mondfinsternisse, Erdbeben, Heuschreckenplagen und Wasserfluten. Nach der Erhebung „falscher Mahdis“ und ihrer Kämpfe gegeneinander sollen Stürme die Erde reinigen und alle Krankheiten von den wahren Gläubigen nehmen. Danach soll der wahre Mahdi in Mekka in der Ka’ba erscheinen, den „eigentlichen“ Korantext wiederherstellen, der angeblich von den Sunniten verfälscht wurde, und alle sich ihm widersetzenden Ungläubigen töten. Schließlich wird unter seiner gerechten Herrschaft das Paradies auf Erden aufgerichtet werden. Diese eschatologische Vision ist ein starkes Element des schiitischen Glaubens, das die Gläubigen dazu anspornt, auf Gerechtigkeit zu hoffen und sich auf die Ankunft des Erlösers vorzubereiten.

Vergleich: Sunnitische und Schiitische Sicht der Nachfolge

MerkmalSunnitische SichtSchiitische Sicht
Legitimation der FührungWahl durch einen Rat (shura) unter fähigen Männern aus dem Stamm Quraysh; öffentliche Huldigung (bay'a).Göttliche Bestimmung; Nachfolge durch direkte Abstammung von der Familie des Propheten (ahl al-bayt), insbesondere durch Ali.
Erste KalifenAbu Bakr, Umar, Uthman als rechtmäßige Nachfolger und "Rechtgeleitete Kalifen".Abu Bakr, Umar, Uthman als "unrechtmäßige Usurpatoren"; nur Ali war der legitime Nachfolger.
Rolle des FührersKalif als weltlicher und religiöser Führer, gewählt durch die Gemeinschaft; Gelehrte sind wichtige Autoritäten.Imam als geistlicher und unfehlbarer Führer, göttlich ernannt; Kenntnis der verborgenen Bedeutungen des Korans.
KoranDer heute bekannte Koran ist vollständig und unverfälscht.Annahme, dass der ursprüngliche Korantext von den Sunniten manipuliert wurde; der Mahdi wird ihn wiederherstellen.
Endzeitliche ErwartungGlaube an den Mahdi, der die Gerechtigkeit wiederherstellt, aber keine zentrale Figur wie im Schiismus.Starker Glaube an den verborgenen Imam (Mahdi), der in der Endzeit wiederkehrt, um ein Friedensreich zu errichten.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wer sind die Schiiten?

Die Schiiten sind eine der beiden großen Hauptströmungen des Islam. Sie sind die Anhänger Alis, des Neffen und Schwiegersohns des Propheten Muhammad. Ihre Überzeugung ist, dass die Führung der muslimischen Gemeinschaft nach Muhammad nur von Personen aus seiner direkten Familie (ahl al-bayt) stammen sollte, da diese von Gott dazu bestimmt und mit besonderer Segenskraft (baraka) ausgestattet sind.

Warum kam es zur Spaltung im Islam?

Die Spaltung entstand unmittelbar nach dem Tod des Propheten Muhammad im Jahr 632 n. Chr. aufgrund unterschiedlicher Auffassungen über seine Nachfolge. Während die Schiiten einen direkten Nachkommen aus Muhammads Familie forderten, bevorzugte die sunnitische Mehrheit eine Wahl unter fähigen Anführern aus Muhammads Stamm, den Quraysh.

Wer war Ali und welche Rolle spielte er?

Ali war der Neffe und Schwiegersohn des Propheten Muhammad. Aus schiitischer Sicht war er der einzig rechtmäßige Nachfolger Muhammads und der erste Imam. Er wurde jedoch erst als vierter Kalif anerkannt und regierte nur wenige Jahre. Seine Anhänger, die Shi'at 'Ali, bildeten die Grundlage der schiitischen Gemeinschaft.

Was ist die Bedeutung des Imamats für Schiiten?

Das Imamat ist das Konzept der geistlichen Führung durch einen Imam. Für Schiiten ist der Imam ein unfehlbarer, von Gott bestimmter Führer, der die Gemeinde aus der Verborgenheit leitet und die verborgenen Bedeutungen des Korans kennt. Er ist die zentrale spirituelle Autorität nach dem Propheten.

Was glauben Schiiten über den Mahdi?

Die Schiiten glauben, dass der zwölfte Imam, der sich in der „großen Verborgenheit“ befindet, in der Endzeit als Mahdi (der „Rechtgeleitete“) wiederkehren wird. Er wird die Gerechtigkeit auf Erden wiederherstellen, den „eigentlichen“ Korantext wiederherstellen und ein weltweites Friedensreich errichten. Seine Ankunft wird von verschiedenen kosmischen und irdischen Zeichen begleitet.

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