Nikolausbrauch: Wandel von Furcht zu Freude

15/08/2022

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Der Nikolausbrauch ist tief in der deutschen Kultur verwurzelt, ein jährliches Ereignis, das von Kindern mit Spannung erwartet wird. Doch die Art und Weise, wie dieser Brauch erlebt wird, hat sich im Laufe der Jahrzehnte dramatisch verändert. Was einst eine Quelle echter Furcht sein konnte, ist heute zumeist ein freudiges und besinnliches Ereignis. Die ersten beiden Verse eines Nikolaus-Liedes, die Robert Link 1933 auf der Straße von übermütigen Schulkindern „laut plärrend in ihrer Art ‚gesungen‘“ aufgeschrieben hat, sind ein kleiner Einblick in eine Zeit, in der der Nikolausbesuch noch eine ganz andere, oft beängstigende Dimension hatte. Begleiten Sie uns auf eine Reise durch die Geschichte dieses einzigartigen Brauchs und entdecken Sie, wie sich der „Niklo“ von einem strengen Richter zu einem wohlwollenden Freund der Kinder entwickelt hat.

Wer hat die ersten beiden Verse gesungen?
Die ersten beiden Verse gesungen von Wirtshausgästen in Öd am 23.03.1988; Vers 3 nach üblicher Singpraxis ergänzt. Aufgezeichnet von Evi Strehl. Quelle: Kotek-Zoder: Ein Österreichisches Volksliederbuch, 2. Auflage, Wien 1969, S. 110f. Hrsg.: Volksmusikstelle für Niederbayern und Oberpfalz

Der Nikolaus von gestern: Eine Figur des Respekts und der Furcht

Im traditionellen Verständnis des Nikolausbrauchs, der am Vorabend des 6. Dezembers stattfand, war der Heilige Nikolaus, oft einfach als „Niklo“ bekannt, eine imposante Erscheinung. Gekleidet in einen roten Mantel, mit Bischofs-Mütze und Bischofs-Stab, trug er stets ein goldenes Buch bei sich. Dieses Buch, so glaubte man, enthielt die Aufzeichnungen über die guten und schlechten Taten der Kinder im vergangenen Jahr. Sein Auftreten war von Würde und Ernst geprägt, und sein Besuch war nicht nur mit der Erwartung von Gaben verbunden, sondern auch mit einer gewissen Ehrfurcht.

Doch der Nikolaus kam selten allein. Ihm zur Seite stand oft ein Begleiter, dessen bloße Erwähnung bei Kindern damals Gänsehaut verursachte: der polternde, kettenrasselnde Knecht Ruprecht oder Krampus. Adolf Eichenseer beschreibt die Funktion dieser Gestalten prägnant: „dessen bekannte Funktion es ist, die Kinder für alle Schandtaten des Jahres mit der Rute zu strafen oder sie gar in den mitgebrachten Sack zu stecken, sie fortzubringen und in einem Teich zu ertränken.“ Die Methoden dieser Begleiter waren keineswegs zimperlich. Sie gingen mit einer Härte vor, die selbst größere Kinder noch zutiefst fürchteten. Der Krampus war die Verkörperung der Strafe, eine dunkle Gegenfigur zum wohlwollenden Nikolaus, die die Kinder dazu anhalten sollte, sich das ganze Jahr über artig zu verhalten. Diese Dualität – Belohnung durch den Nikolaus, Bestrafung durch den Begleiter – war ein zentrales Element des Brauchs und diente als pädagogisches Instrument, das stark auf Angst setzte.

Die „wilden“ Nikoläuse: Chaotisch und Furchterregend

Neben den organisierten Nikolausbesuchen durch Einzelpersonen gab es in der Vergangenheit auch das Phänomen der „wilden“ Nikoläuse. Ganze Scharen dieser Gestalten zogen lärmend durch die Dorfstraßen, eine Praxis, die noch beängstigender sein konnte als der Besuch des Krampus. Erika und Adolf J. Eichenseer beschreiben sie als Figuren, „Angetan mit schwarzen oder roten Mänteln mit Pelzkrägen, Larve oder Strumpf über dem Gesicht, langen Bärten und Stecken, mit Stricken oder Viehketten gegürtet, scheuchen sie Kinder auf und verbreiten überall, wo sie auftauchen, Angst und Schrecken.“

Diese Gruppen von „wilden“ Nikoläusen waren unberechenbar und oft von einer rohen, ungezähmten Energie. Ihr Erscheinen war ein Spektakel, das die Dorfgemeinschaft in Aufruhr versetzte und eine Atmosphäre der Furcht schuf. Es handelte sich nicht um einen geordneten Besuch, sondern um ein Eindringen von chaotischen Gestalten, die Kinder jagten und Erwachsene in Atem hielten. Die Intensität dieser Begegnungen war so groß, dass sie in den 1990er Jahren in einigen Gäubodendörfern sogar zu regelrechten Raufhändeln zwischen rivalisierenden Gruppen führte. Dies zeigt, wie tief und manchmal auch gewalttätig dieser Brauch in das soziale Gefüge eingebettet war und wie weit er von der heutigen, domestizierten Form entfernt war.

Ein gesellschaftlicher Wandel prägt den Brauch neu

Die Gesellschaft hat sich im Laufe der Zeit erheblich gewandelt, und mit ihr auch die Werte und Erziehungsvorstellungen. Während es früher akzeptabel war, Kinder durch Schreck und Angst zu disziplinieren, lehnt die moderne Pädagogik solche Methoden weitgehend ab. Eltern möchten ihre Kinder heute nicht mehr ängstigen oder gar traumatisieren. Dieser grundlegende Wandel in der Erziehungseinstellung hat den Nikolausbrauch maßgeblich beeinflusst. Die Zeiten des strafenden Nikolaus, des peitschenden Knecht Ruprecht und der beängstigenden „wilden“ Nikoläuse sind weitgehend vorbei.

Der Brauch des Nikolaus-Besuchs hat sich angepasst, um den heutigen gesellschaftlichen Normen zu entsprechen. Anstatt Furcht zu verbreiten, soll der Nikolausbesuch heute eine positive Erfahrung sein, die Werte wie Güte, Großzügigkeit und die Besinnung auf gute Taten vermittelt. Obwohl sein Besuch immer noch Respekt einflößt und eine besondere Atmosphäre schafft, ist der Aspekt der Bestrafung fast vollständig verschwunden. Der Fokus liegt nun auf Lob, Ermutigung und der Würdigung der positiven Entwicklung der Kinder.

Der Nikolaus von heute: Ein Freund der Kinder

Der moderne Nikolaus ist eine freundlichere, zugänglichere Figur. Seine Besuche sind nicht mehr von der Drohung einer Bestrafung überschattet, sondern von einer Atmosphäre der Freude und des Lernens. Eltern haben heute die Möglichkeit, einen Nikolausbesuch im Pfarrbüro oder bei katholischen Jugendgruppen in Auftrag zu geben. Dies ermöglicht eine strukturierte und kindgerechte Gestaltung des Besuchs, bei der nichts dem Zufall überlassen wird.

Die Vorbereitung eines solchen Besuchs ist sorgfältig und auf die individuellen Bedürfnisse des Kindes zugeschnitten. Eltern hinterlegen ein „Geschenke-Sackerl“ mit kleinen Präsenten und, noch wichtiger, einen Zettel. Auf diesem Zettel stehen die zu lobenden Verhaltensweisen des Kindes im vergangenen Jahr, aber auch sanfte Ermahnungen für Bereiche, in denen es sich noch verbessern kann. Es geht nicht um Schuldzuweisung oder Strafe, sondern um konstruktives Feedback und die Ermutigung zur persönlichen Entwicklung. Der Nikolaus spricht dann direkt zum Kind, lobt seine Stärken und gibt liebevolle Hinweise, immer mit dem Ziel, das Kind zu motivieren und zu stärken. Diese Form des Besuchs stärkt die Bindung an Traditionen, ohne die kindliche Seele zu belasten.

Die Ausweitung des Brauchs: Segen oder Entzauberung?

Die Popularität des Nikolausbrauchs hat in den letzten Jahren zu einer weitreichenden Ausdehnung geführt. Was früher hauptsächlich ein familiärer oder kirchlicher Brauch war, findet heute vielfach in Kindergärten und Grundschulklassen statt, oft sogar Tage vor dem eigentlichen 6. Dezember. Darüber hinaus tritt der Nikolaus bei vereinsinternen Feierlichkeiten auf, wo er den Mitgliedern scherzhaft und in Reimform die „Leviten liest“ – eine humorvolle Anspielung auf die früheren Ermahnungen – und die Anwesenden mit einem gefüllten Sackerl beschenkt. Diese „inflationäre Entwicklung“, wie sie im Kommentar beschrieben wird, hat den Brauch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht und ihn fest im vorweihnachtlichen Kalender etabliert.

Wer hat die ersten beiden Verse gesungen?
Die ersten beiden Verse gesungen von Wirtshausgästen in Öd am 23.03.1988; Vers 3 nach üblicher Singpraxis ergänzt. Aufgezeichnet von Evi Strehl. Quelle: Kotek-Zoder: Ein Österreichisches Volksliederbuch, 2. Auflage, Wien 1969, S. 110f. Hrsg.: Volksmusikstelle für Niederbayern und Oberpfalz

Doch diese weitreichende Verbreitung birgt auch eine Kehrseite: Sie „beraubt den Brauch seines einstigen Zaubers.“ Wenn der Nikolaus überall und zu jeder Zeit auftaucht, verliert er einen Teil seiner Exklusivität und seines Mysteriums. Der besondere Charakter des Besuchs am Vorabend des 6. Dezembers, die Spannung und die Einzigartigkeit des Moments, können durch die ständige Präsenz des Nikolaus in verschiedenen Kontexten verwässert werden. Obwohl die Absicht gut ist, den Brauch lebendig zu halten und vielen Kindern Freude zu bereiten, stellt sich die Frage, ob die Quantität hier nicht auf Kosten der Qualität und der ursprünglichen, tiefen Bedeutung geht.

Gestern und Heute: Ein Vergleich des Nikolausbrauchs

Um die Entwicklung des Nikolausbrauchs besser zu verstehen, lohnt sich ein direkter Vergleich zwischen seiner traditionellen und seiner modernen Form:

AspektNikolausbrauch (Gestern)Nikolausbrauch (Heute)
ZweckDisziplinierung, Bestrafung von Missetaten, Verbreitung von Respekt und Furcht.Lob und Ermutigung, Vermittlung positiver Werte, Feier guter Taten.
BegleiterKnecht Ruprecht, Krampus (polternd, kettenrasselnd, strafend mit Rute, Drohung des Verschleppens).Oft allein, manchmal Engel oder harmlose Helfer; keine Bestrafung.
AuftretenStreng, furchteinflößend, unberechenbar (besonders „wilde“ Nikoläuse).Freundlich, wohlwollend, respektvoll, kindgerecht.
EmotionenFurcht, Angst, Schrecken, Anspannung, Erleichterung.Freude, Erwartung, Stolz, Besinnlichkeit, Respekt.
OrganisationOft spontan, unkontrolliert (wilde Gruppen), oder durch Einzelpersonen.Organisiert über Pfarrbüro, Jugendgruppen; gezielte Vorbereitung durch Eltern.
GabenBelohnung für gute Kinder, Rute für unartige.Geschenke für alle Kinder, oft mit persönlicher Botschaft.

Häufig gestellte Fragen zum Nikolausbrauch

Wer hat die ersten beiden Verse des Nikolaus-Liedes gesungen, die Robert Link aufgeschrieben hat?
Die ersten beiden Verse des Nikolaus-Liedes wurden 1933 von Schulkindern auf der Straße gesungen, die Robert Link in ihrem Übermut „laut plärrend“ wahrgenommen und daraufhin aufgeschrieben hat. Es war also ein spontaner Ausdruck des Brauchs durch die Kinder selbst.

Was war die Rolle von Knecht Ruprecht oder Krampus in der Vergangenheit?
Knecht Ruprecht oder Krampus waren die furchterregenden Begleiter des Heiligen Nikolaus. Ihre Hauptfunktion war es, die Kinder für alle Missetaten des Jahres mit der Rute zu strafen oder sie sogar in einen mitgebrachten Sack zu stecken, um sie fortzubringen und in einem Teich zu ertränken. Sie sollten den Kindern Angst einjagen und sie zu Gehorsam anhalten.

Warum hat sich der Nikolausbrauch verändert?
Der Nikolausbrauch hat sich verändert, weil sich die Gesellschaft und insbesondere die Erziehungsvorstellungen gewandelt haben. Heutzutage möchte man Kinder nicht mehr ängstigen oder bestrafen, sondern sie positiv bestärken und motivieren. Der Fokus hat sich von Furcht und Disziplinierung hin zu Respekt, Freude und wohlwollender Ermahnung verschoben.

Wie kann man heute einen Nikolausbesuch für seine Kinder organisieren?
Heutzutage kann man den Besuch des Nikolaus oft im Pfarrbüro oder bei katholischen Jugendgruppen in Auftrag geben. Eltern bereiten den Besuch vor, indem sie ein Geschenke-Sackerl und einen Zettel mit Informationen über die zu lobenden Verhaltensweisen und sanften Ermahnungen für den Nikolaus hinterlegen.

Verliert der Nikolausbrauch durch seine weite Verbreitung an Bedeutung?
Die weite Verbreitung des Nikolausbrauchs in Kindergärten, Schulen und bei Vereinsfeiern, die als „inflationäre Entwicklung“ beschrieben wird, kann dazu führen, dass der Brauch einen Teil seines einstigen Zaubers und seiner Exklusivität verliert. Während er dadurch für mehr Menschen zugänglich wird, könnte die Häufigkeit seiner Erscheinung die besondere Magie und Spannung des traditionellen Besuchs mindern.

Fazit: Ein Brauch im Wandel der Zeit

Der Nikolausbrauch ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie Traditionen sich an gesellschaftliche Veränderungen anpassen können, um relevant zu bleiben. Von den furchterregenden Gestalten der Vergangenheit, die mit Rute und Sack drohten, bis hin zum heutigen, gütigen Freund der Kinder hat der „Niklo“ eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht. Während die alten Bräuche, die Angst und Schrecken verbreiteten, heute größtenteils der Vergangenheit angehören, bleibt der Kern des Nikolausgedankens – die Besinnung auf gute Taten und die Freude am Geben – bestehen. Die heutige Form des Brauchs mag ihren ursprünglichen „Zauber“ der Unberechenbarkeit verloren haben, doch sie hat einen neuen Wert gefunden: den der liebevollen Tradition, die Kinder ohne Furcht auf das Gute im Menschen und die Bedeutung des Miteinanders hinweist. Der Nikolaus bleibt somit eine feste Größe in der Adventszeit, ein Symbol für Großzügigkeit und die Möglichkeit zur positiven Veränderung.

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