03/03/2022
Das Matthäus-Evangelium nimmt eine einzigartige Stellung innerhalb der biblischen Schriften ein. Es ist nicht nur das erste Buch des Neuen Testaments, sondern fungiert auch als eine entscheidende Brücke vom Alten zum Neuen Bund. Seine zentrale Botschaft ist unmissverständlich: Jesus Christus ist der verheißene Messias, der König Israels, dessen Kommen von den Propheten des Alten Testaments vorhergesagt wurde. Matthäus legt großen Wert darauf, akribisch aufzuzeigen, wie sich diese jahrhundertealten Voraussagen in der Person und dem Wirken Jesu Christi erfüllt haben. Dieses Evangelium richtet sich primär an ein jüdisches Publikum und präsentiert Jesus aus einer jüdischen Perspektive, um zu beweisen, dass er der lang erwartete Erlöser ist, der die Erwartungen und Verheißungen der Thora und der Propheten in sich vereint und vollendet.

Wer war Matthäus? Ein Zöllner auf der Suche nach wahrem Glück
Der Verfasser dieses bedeutsamen Evangeliums ist Matthäus, auch bekannt als Levi, der Sohn des Alphäus. Sein Name, Matthäus, ist die deutsche Schreibweise des lateinischen Matthaeus, das wiederum vom griechischen Μαθθαῖος stammt, welches auf das hebräische מתתיהו (Matitjahu) zurückgeht und „Geschenk JHWHs“ bedeutet. Bevor Matthäus zu einem Jünger Jesu wurde, war er ein römischer Zolleintreiber. Diese Tätigkeit war in der jüdischen Gesellschaft verpönt, da Zöllner oft als Kollaborateure mit der römischen Besatzungsmacht und als Betrüger angesehen wurden, die sich auf Kosten ihrer eigenen Landsleute bereicherten. Sie waren gesellschaftlich ausgegrenzt und galten als Sünder.
Matthäus' Berufung ist ein eindrückliches Beispiel für Jesu radikale Liebe und Gnade. Als Jesus an ihm vorbeiging und ihn am Zoll sitzen sah, sprach er die einfachen, doch alles verändernden Worte: „Folge mir nach!“ (Matthäus 9,9). Und Matthäus tat das Unerwartete: Er stand auf und folgte ihm nach. Er ließ alles zurück, was ihm zuvor Sicherheit und „Glück“ versprochen hatte: die finanzielle Absicherung, die Sicherheit des Römischen Staates und die Macht, Gewalt ausüben zu können. Er erkannte, dass dieses „Glück“ ihn nicht wirklich sättigte. Stattdessen fand er eine tiefere, ewig währende Glückseligkeit in Jesus. Matthäus verstand die Erbärmlichkeit und Vergänglichkeit des Glücks, das Geld und Erfolg bieten können, und entdeckte den wahren Schatz: Jesus Christus.
Jesus: Der größere Mose und der neue Gesetzgeber
Ein zentrales Thema im Matthäus-Evangelium ist die Darstellung Jesu als den „größeren Mose“. Matthäus schrieb für Juden, die Jesus folgten, ohne ihre jüdische Identität aufzugeben. Er zeigt ihnen Jesus aus jüdischer Sicht als den von der Thora verheißenen Messias. Mose vermittelte das Gesetz Gottes; Jesus hingegen ist das Gesetz und seine Erfüllung. Diese Parallele wird besonders deutlich in der Struktur des Evangeliums, das fünf große Reden Jesu enthält, die an die fünf Bücher Mose (die Thora) erinnern:
- Kapitel 5-7: Die Bergpredigt (Jesus als Gesetzgeber)
- Kapitel 10: Die Aussendungsrede (Jesus als Baumeister/Aussender der Jünger)
- Kapitel 13: Das Gleichnis-Kapitel (Jesus als Förderer/Lehrer des Reiches)
- Kapitel 18: Die Gemeindeordnung (Jesus als Organisator der Gemeinschaft)
- Kapitel 24-25: Die Endzeitrede (Jesus als Vollender der Gemeinde und des Reiches)
Jede dieser Reden endet mit der Formulierung: „Und es geschah, als Jesus diese Worte vollendet hatte…“ Diese bewusste Struktur unterstreicht die Botschaft: Jesus ist der neue Mose, der unser Gesetzgeber ist. Die „Nachfolge Jesu“ ist das Schlüsselwort dieses Evangeliums, das die Notwendigkeit betont, den Lehren und dem Beispiel Jesu zu folgen.
Die Bergpredigt: Die Pforten zum wahren Glück
Die erste und wohl bekannteste Rede Jesu im Matthäus-Evangelium ist die Bergpredigt (Matthäus Kapitel 5-7). Sie ist das Herzstück der Lehre Jesu und offenbart die Werte und Prinzipien des Reiches Gottes. Die Bergpredigt beginnt mit den sogenannten „Seligpreisungen“ (Matthäus 5,1-12), die beschreiben, wer im Reich Gottes glückselig ist.
Das griechische Wort für „glückselig“ ist „makarios“, was ein Glück beschreibt, das tief und dauerhaft ist, ein Glück, das bis in die Ewigkeit reicht. Es ist nicht das oberflächliche, vergängliche Glück, das die Welt oft verspricht, sondern eine innerliche Freude und Zufriedenheit, die unabhängig von äußeren Umständen Bestand hat.
Die erste Seligpreisung: „Arm im Geist“
Besonders hervorzuheben ist die erste Seligpreisung: „Glücklich sind, die erkennen, wie arm sie vor Gott sind, denn ihnen gehört sein himmlisches Reich.“ (Matthäus 5,3 Hoffnung für alle). Diese Aussage steht im krassen Gegensatz zu den Vorstellungen der Pharisäer und der damaligen Gesellschaft, die Reichtum und Glück oft mit der genauen Erfüllung des Gesetzes und dem eigenen Tun verbanden. Aus ihrer Sicht war reich, wer das Gesetz perfekt befolgte.
Jesus kehrt diese Vorstellung um. Er verkündet, dass reich ist, wer „arm im Geist“ ist. Was bedeutet das? Es bedeutet, seine eigene geistliche Bedürftigkeit und Abhängigkeit von Gott zu erkennen. Es ist die Einsicht, dass man aus eigener Kraft nichts vor Gott vorweisen kann, dass man auf seine Gnade und sein Wirken angewiesen ist. Es ist das Gegenteil von Hochmut und Selbstgerechtigkeit. Wer seine geistliche Armut erkennt, ist offen für das Tun Gottes und für seinen Reichtum. Es ist ein Zustand der Demut, der die Tür zum Himmelreich öffnet.
Vergleichen wir die Sichtweisen:
| Pharisäische Sicht auf „Reichtum“ | Jesu Sicht auf „Reichtum“ (Seligpreisung) |
|---|---|
| Reich ist, wer das Gesetz (Thora) genau erfüllt. | Reich ist, wer arm ist vor Gott durch das Erkennen seines Gesetzes. |
| Reichtum kommt aus dem Tun des Menschen. | Reichtum kommt aus dem Erkennen der eigenen Bedürftigkeit nach dem Tun Gottes. |
| Fokus auf eigene Leistung und Opfer. | Fokus auf Demut, Abhängigkeit von Gott und Barmherzigkeit. |
| „Wohl dem, der sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!“ (Psalm 1,1-2, oft auf eigene Anstrengung bezogen) | „Bittet Gott, und er wird euch geben! Sucht, und ihr werdet finden! Klopft an, und euch wird die Tür geöffnet!“ (Matthäus 7,7.8 – Fokus auf Empfangen) |
Diese „Armut im Geist“ führt zu einer tiefen Sehnsucht nach Gott und seiner Weisheit, wie Jakobus 1,5 betont: „Wenn es jemandem von euch an Weisheit mangelt zu entscheiden, was in einer bestimmten Angelegenheit zu tun ist, soll er Gott darum bitten, und Gott wird sie ihm geben. Ihr wisst doch, dass er niemandem sein Unvermögen vorwirft und dass er jeden reich beschenkt.“
Barmherzigkeit statt Opfer: Jesu Umgang mit Sündern
Die praktische Anwendung dieser Seligpreisung und Jesu Haltung wird besonders deutlich in seiner Bereitschaft, mit Zöllnern und Sündern zu essen. Als die Pharisäer dies sahen, fragten sie seine Jünger: „Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?“ (Matthäus 9,11). Jesu Antwort war eine Offenbarung seines Herzens: „Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): »Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.« Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“ (Matthäus 9,12-13).
Diese Aussage verweist auf den Propheten Hosea, der Gottes unbeirrbare Liebe und Barmherzigkeit gegenüber seinem untreuen Volk Israel symbolisiert. Hosea wurde aufgefordert, eine Prostituierte zu heiraten und mit ihr Kinder zu zeugen. Obwohl sie ihn betrog und verließ, zahlte er den höchsten Preis, um sie aus der Sklaverei zurückzukaufen – ein Bild für Gottes unendliche Liebe und sein tiefes Erbarmen mit den Menschen. „Mit menschlichen Seilen zog ich sie, mit Stricken der Liebe. Ich half ihnen das Joch auf ihrem Nacken tragen.“ (Hosea 11,4). Gottes Herz ist voller Mitleid, und er kommt nicht im Zorn, sondern in Barmherzigkeit (Hosea 11,8-9). Jesus verkörpert diese göttliche Barmherzigkeit und zeigt, dass wahre Gottesliebe sich im Mitgefühl für die Notleidenden und Verlorenen äußert, nicht in leeren rituellen Opfern.

Der leidende und der triumphierende Messias
Matthäus stellt Jesus nicht nur als den verheißenen König und Gesetzgeber dar, sondern auch als den leidenden Gottesknecht aus Jesaja 53. Die Juden, die Jesus nicht als Messias annahmen, konnten die Vorstellung eines leidenden Messias oft nicht mit ihrer Erwartung eines triumphierenden Königs vereinbaren. Matthäus jedoch zeigt beide Aspekte als integralen Bestandteil der messianischen Prophezeiungen.
- Der leidende Messias: „Doch er wurde blutig geschlagen, weil wir Gott die Treue gebrochen hatten; wegen unserer Sünden wurde er durchbohrt. Er wurde für uns bestraft – und wir? Wir haben nun Frieden mit Gott! Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jesaja 53,5). Jesus selbst begann seinen Jüngern zu zeigen: „dass er nach Jerusalem gehen und viel leiden müsse von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tage auferstehen.“ (Matthäus 16,21). Sein Leiden ist der Weg zur Erlösung.
- Der triumphierende Messias: Gleichzeitig betont Matthäus den kommenden triumphierenden Messias, der alle Welt richten wird. „Ich rufe ihnen zu: »Jetzt erlässt der HERR eure Schuld!« Doch nun ist auch die Zeit gekommen, dass unser Gott mit seinen Feinden abrechnet. Er hat mich gesandt, alle Trauernden zu trösten.“ (Jesaja 61,2). Die Frage des Hohenpriesters an Jesus: „Bist du der Christus, der von Gott erwählte Retter? Bist du der Sohn Gottes?“ wird von Jesus bestätigt: „Ja, du sagst es… und ich versichere euch: Von jetzt an werdet ihr den Menschensohn an der rechten Seite des allmächtigen Gottes sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen.“ (Matthäus 26,63f.). Dieser triumphierende Aspekt zeigt Jesu göttliche Autorität und seine zukünftige Herrschaft.
Matthäus vereint diese scheinbar widersprüchlichen Bilder zu einem umfassenden Verständnis des Messias, der sowohl leiden als auch triumphieren muss, um Gottes Heilsplan zu erfüllen.
Praktische Anwendung: Den Reichtum teilen
Die Erkenntnis des wahren Schatzes – Jesus – führt zu einer praktischen Konsequenz: Der Reichtum, den man in ihm gefunden hat, muss geteilt werden. Matthäus selbst ist ein Beispiel dafür. Nachdem er Jesus gefolgt war, lud er viele Zöllner und Sünder zu sich nach Hause ein, um mit Jesus und seinen Jüngern zu essen (Matthäus 9,10). Er wusste, dass die frohe Nachricht von Jesus das einzige Glück ist, das sich vermehrt, wenn man es mit anderen Menschen teilt. Die Botschaft der Barmherzigkeit und des Teilens steht im Zentrum der Lehre Jesu und ist eine direkte Anwendung der Seligpreisung von der „Armut im Geist“: Wer erkennt, wie bedürftig er selbst war und wie reich er durch Gottes Gnade geworden ist, wird motiviert sein, diese Gnade und diesen Reichtum auch anderen zugänglich zu machen.
Häufig gestellte Fragen zum Matthäus-Evangelium
Für wen wurde das Matthäus-Evangelium geschrieben?
Das Matthäus-Evangelium wurde primär für ein jüdisches Publikum geschrieben, das an Jesus als den Messias glaubte oder darüber nachdachte. Es zeigt, wie Jesus die Prophezeiungen des Alten Testaments erfüllte und die Brücke zwischen den beiden Testamenten schlägt.
Was ist die Hauptbotschaft des Matthäus-Evangeliums?
Die Hauptbotschaft ist, dass Jesus Christus der verheißene Messias, der König Israels, ist, der gekommen ist, um das Reich Gottes zu etablieren. Es betont seine Rolle als Gesetzgeber und die Erfüllung der atl. Prophezeiungen in seiner Person.
Was bedeutet „arm im Geist“ in der Bergpredigt?
„Arm im Geist“ bedeutet, die eigene geistliche Bedürftigkeit und Abhängigkeit von Gott zu erkennen. Es ist die Demut, die eigene Unfähigkeit vor Gott einzugestehen und sich ganz auf seine Gnade und Versorgung zu verlassen. Dies ist die Voraussetzung, um das Himmelreich zu empfangen.
Warum wird Jesus als „zweiter Mose“ bezeichnet?
Jesus wird als „zweiter Mose“ bezeichnet, weil er wie Mose als Gesetzgeber auftritt und das Volk Gottes in eine neue Bundesbeziehung führt. Die fünf großen Reden Jesu im Matthäus-Evangelium werden oft als Parallele zu den fünf Büchern Mose (Thora) gesehen, was seine Rolle als neuen und größeren Gesetzgeber unterstreicht.
Was ist eine Seligpreisung?
Eine Seligpreisung (griechisch „makarismos“) ist eine Erklärung des Glücks oder der Glückseligkeit. Im Matthäus-Evangelium beschreiben die Seligpreisungen in der Bergpredigt die Charaktereigenschaften und Zustände derer, die im Reich Gottes wirklich glückselig sind, ein Glück, das tiefgründig und ewig ist.
Das Matthäus-Evangelium ist somit weit mehr als nur eine historische Aufzeichnung. Es ist eine theologische Abhandlung, die Jesus Christus als den Höhepunkt der Heilsgeschichte darstellt, als den König, der ein neues Gesetz bringt, und als den Erlöser, der Barmherzigkeit über Opfer stellt und das wahre, ewige Glück für alle bereithält, die ihre Bedürftigkeit vor Gott erkennen und ihm nachfolgen.
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