27/06/2022
Die Geschichte der biblischen Texte ist eine fesselnde Reise durch Jahrtausende, geprägt von mündlicher Überlieferung, akribischer Abschrift und erstaunlichen Wiederentdeckungen. Weit entfernt von statischen, unveränderlichen Dokumenten, offenbaren die Evangelien und andere heilige Schriften eine dynamische Entwicklung, die Historiker und Theologen gleichermaßen fasziniert. Moderne Forschungsmethoden und das unermüdliche Engagement von Wissenschaftlern ermöglichen es uns heute, tief in die Vergangenheit einzutauchen und Fragmente ans Licht zu bringen, die unser Verständnis der frühesten Zeugnisse des Christentums und Judentums revolutionieren.

Spektakuläre Entdeckungen im Vatikan: Das altsyrische Matthäus-Fragment
Die Vatikanische Bibliothek, eine Institution, die sich der Bewahrung und Forschung verschrieben hat, birgt Schätze von unschätzbarem Wert. Einer dieser Schätze wurde kürzlich von Grigory Kessel, einem Mittelalterforscher der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), entdeckt. Mittels modernster Ultraviolett-Fotografie gelang es ihm, ein fast vollständig erhaltenes Fragment des zwölften Kapitels aus dem Matthäus-Evangelium zu enthüllen. Das Besondere daran: Dieser Text war auf einem sogenannten Palimpsest verborgen – einem Manuskript, das in der Antike und im Mittelalter mehrfach überschrieben wurde, um teures Pergament wiederzuverwenden.
Das nun sichtbar gemachte Fragment ist etwa 1750 Jahre alt und stellt eine altsyrische Übersetzung des Neuen Testaments dar. Diese Entdeckung ist von immenser Bedeutung, da sie das bisher einzige bekannte Überbleibsel einer vierten Handschrift ist, die diese frühe syrische Fassung bezeugt. Die altsyrische Übersetzung wurde nach Angaben der ÖAW mindestens ein Jahrhundert vor den ältesten erhaltenen griechischen Handschriften verfasst. Dies bietet einen einzigartigen Einblick in die sehr frühe Überlieferung der Evangelien-Texte.
Das wiederentdeckte Kapitel thematisiert unter anderem das Verhalten am Sabbat und enthält die bekannten Zeilen: „In jener Zeit ging Jesus an einem Sabbat durch die Kornfelder. Seine Jünger hatten Hunger; sie rissen deshalb Ähren ab und aßen davon. Die Pharisäer sahen es und sagten zu ihm: Sieh her, deine Jünger tun etwas, das am Sabbat verboten ist.“ Die Übersetzung erfolgte bereits im 2. oder 3. Jahrhundert. Vor etwa 1300 Jahren hatte ein Schreiber in Palästina das ursprüngliche Evangelienbuch, das mit dem syrischen Text beschriftet war, ausradiert. Pergament war im Mittelalter, insbesondere in der Wüste, Mangelware, weshalb Manuskripte häufig wiederverwendet wurden. Bis vor Kurzem waren lediglich drei Handschriften bekannt, die die altsyrische Übersetzung der Evangelien enthielten. Das jetzt gefundene kleine Handschriftenfragment kann somit als viertes entscheidendes Textzeugnis betrachtet werden.
Die Kindheit Jesu nach Thomas: Ein Papyrusfund in Hamburg
Ein weiteres faszinierendes Fragment, das jahrzehntelang unbeachtet in der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek lag, wurde kürzlich als die früheste erhaltene Abschrift des Kindheitsevangeliums des Thomas identifiziert. Papyrus-Experten Lajos Berkes von der Humboldt-Universität zu Berlin und Gabriel Nocchi Macedo von der Universität Lüttich entzifferten die Handschrift und datierten sie auf das 4. bis 5. Jahrhundert. Dies ist eine außergewöhnliche Entdeckung für die wissenschaftliche Bibelforschung, da die Handschrift aus der Frühzeit des Christentums stammt.
Das Kindheitsevangelium des Thomas gehört zu den sogenannten apokryphen Schriften. Diese wurden nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen, waren aber aufgrund ihrer fesselnden Erzählungen in der Spätantike und im Mittelalter äußerst beliebt und weit verbreitet. Bisher galt ein Kodex aus dem 11. Jahrhundert als die früheste griechische Textfassung dieses Evangeliums. Die neuen Erkenntnisse dieser spätantiken griechischen Abschrift bestätigen jedoch die Annahme, dass das Kindheitsevangelium nach Thomas ursprünglich auf Griechisch verfasst wurde, vermutlich im 2. Jahrhundert nach Christus.
Das etwa 11 mal 5 Zentimeter große Papyrusfragment enthält Reste von dreizehn Zeilen in griechischen Lettern, wobei jede Zeile ungefähr 10 Buchstaben umfasst. Es stammt aus dem spätantiken Ägypten. Lange Zeit wurde der Papyrus für unbedeutend gehalten, da der Inhalt aufgrund der ungelenken Schriftweise als Teil eines Alltagsdokuments, etwa eines Privatbriefes oder einer Einkaufsliste, missinterpretiert wurde. Erst als den Forschern das Wort „Jesus“ im Text auffiel und sie mithilfe digitaler Tools Buchstabe für Buchstabe entzifferten, wurde klar, dass es sich um etwas Besonderes handeln musste. Anhand weiterer Schlüsselbegriffe wie „krähend“ oder „Zweig“ konnten die Papyrologen erkennen, dass es sich um eine Abschrift des Kindheitsevangeliums nach Thomas handelte. Der Text, so die Forscher, folge dem Urtext, der nach aktuellem Forschungsstand im 2. Jahrhundert nach Christus verfasst worden ist.

Die ungelenke Handschrift mit unregelmäßigen Zeilen lässt die Vermutung zu, dass die Abschrift des Evangeliums als Schreibübung in einer Schule oder einem Kloster entstanden sein könnte. Der Text schildert den Anfang der Erzählung über die „Belebung der Spatzen“, eine Episode, die als das „zweite Wunder“ im apokryphen Thomas-Evangelium gilt: Der fünfjährige Jesus formt am Sabbat aus Ton zwölf Spatzen. Als sein Vater Josef ihn tadelt, klatscht Jesus in die Hände und erweckt die Tonfiguren zum Leben.
Die Bibel: Eine Sammlung von Schriften und ihre Kanonisierung
Das Wort „Bibel“ leitet sich vom altgriechischen „biblia“ ab, was schlicht „Bücher“ bedeutet. Es bezeichnet die Sammlung der heiligen Schriften von Juden und Christen. Die jüdische Bibel wird als „Tanach“ bezeichnet und besteht aus insgesamt 24 Büchern, die in drei Hauptteile gegliedert sind: die Tora (Weisung), die Nevi’im (Propheten) und die Ketuvim (Schriften).
Die evangelischen Kirchen haben diese Schriften des Tanach übernommen, allerdings in 39 Bücher unterteilt. Hinzu kommen die 27 Schriften des griechischen Neuen Testaments, was zusammen 66 Bücher ergibt. Katholische Bibeln hingegen umfassen 73 Bücher. Dieser numerische Unterschied hat historische Gründe: Der Reformator Martin Luther (1483-1546) hatte sieben Bücher, die im Judentum aus dem Tanach ausgeschlossen worden waren und in der katholischen Tradition Teil der Bibel waren, aus seiner Bibelübersetzung entfernt. Diese sogenannten deuterokanonischen Schriften wurden ursprünglich in die „Vulgata“, die lateinische Übersetzung der griechischen Bibel, Ende des Vierten Jahrhunderts aufgenommen.
Vergleich der Bibelausgaben
| Bibelausgabe | Altes Testament (Anzahl Bücher) | Neues Testament (Anzahl Bücher) | Gesamtzahl Bücher | Besonderheiten |
|---|---|---|---|---|
| Jüdischer Tanach | 24 | - | 24 | Tora, Nevi'im, Ketuvim |
| Evangelische Bibel | 39 | 27 | 66 | Basierend auf dem jüdischen Kanon |
| Katholische Bibel | 46 | 27 | 73 | Enthält deuterokanonische Bücher |
Das Wort deuterokanonisch kommt vom Griechischen „deuteros“, was „zweiter“ bedeutet. Das Gegenteil ist protokanonisch (von griechisch „protos“, erster), womit alle Schriften des Alten Testaments bezeichnet werden, die sowohl in der jüdischen als auch in der evangelischen Bibel enthalten sind. Die deuterokanonischen Schriften, wie das Buch Judit, Tobit, 1. und 2. Makkabäer, Baruch, die Weisheit Salomos, Jesus Sirach sowie die Anhänge zu den Büchern Ester und Daniel, werden von der katholischen Kirche und teilweise von den orthodoxen und altorientalischen Kirchen als fester Bestandteil der Bibel angesehen.
Als „Vulgata“ (von Lateinisch „vulgáta“, im Volk verbreitet) bezeichnet man die lateinische Bibelübersetzung, die sich seit der Spätantike gegen ältere lateinische Übersetzungen durchgesetzt hatte. Sie basiert auf der lateinischen Übersetzung der biblischen Schriften aus dem Hebräischen und Griechischen durch den Kirchenvater Hieronymus (347-420 n. Chr.). Die älteren Übersetzungen werden unter dem Begriff „Vetus Latina“ oder Altlateinische Bibel zusammengefasst. Die „Vulgata“ war in der Spätantike und im Mittelalter die maßgebliche Bibelausgabe der Kirche.
Die Septuaginta (griechisch für „Übersetzung der Siebzig“) wiederum ist die älteste vollständige Übersetzung der hebräisch-aramäischen Bibel in die antike altgriechische Alltagssprache, die sogenannte Koine. Aramäisch war zur Zeit Jesu die Umgangssprache. Die griechische Übersetzung entstand ab 250 v. Chr. und war bis 100 n. Chr. abgeschlossen.

Neueste Sensationen am Toten Meer: Griechische Bibel-Fragmente und mehr
Neben den spektakulären Funden in europäischen Bibliotheken liefern auch Ausgrabungen im Nahen Osten immer wieder bahnbrechende Erkenntnisse. Am Toten Meer haben israelische Forscher jahrtausendealte Fragmente einer Bibel-Schriftrolle entdeckt. Die Fundstücke stammen aus der Zeit um 132 nach Christus und gehören damit zu den ältesten jemals gefundenen biblischen Fragmenten. Dieser spektakuläre Fund wurde auf abenteuerliche Weise in der sogenannten „Höhle des Grauens“ im Wadi Nachal Chever nahe En Gedi gemacht. Sie befindet sich inmitten einer Felswand, rund 80 Meter unter dem Kliff und ist nur durch Abseilen erreichbar.
Wolfgang Zwickel, Professor für Altes Testament und Biblische Archäologie an der Universität Mainz, bezeichnete die neu entdeckten Bibel-Fragmente als eine sehr große Sensation. Der Fund hilft maßgeblich dabei, den ursprünglichen Bibeltext noch einmal neu zu bewerten, da bisher kaum Bibeltexte aus antiken Zeiten vorliegen. Die Fragmente stammen laut der israelischen Behörde aus der Zeit des Bar Kochba-Aufstandes, eines jüdischen Aufstandes gegen das Römische Reich, der im Jahre 132 nach Christus ausbrach und drei Jahre später niedergeschlagen wurde. Die „Höhle des Grauens“ verdankt ihren Namen genau diesem Aufstand – in ihr wurden 40 Skelette von Schutzsuchenden aus dieser Zeit gefunden.
Eine ähnlich spektakuläre Entdeckung war zuletzt vor rund 60 Jahren gemacht worden, als im Jahr 1947 Ziegenhirten in der Wüste am nördlichen Ende des Toten Meeres in Höhlen die sogenannten Qumran-Rollen fanden, die zu den wichtigsten archäologischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts gehören und vorwiegend in hebräischer Sprache geschrieben waren.
Die neu entdeckten Bibel-Fragmente sind jedoch auf Griechisch verfasst. Dies ist bedeutsam, da Griechisch damals die Weltsprache des Mittelmeerraums war und Hebräisch zu dieser Zeit außer den Schriftgelehrten kaum jemand mehr beherrschte. Die Fragmente enthalten Auszüge aus dem Zwölfprophetenbuch, etwa aus den Büchern Sacharja und Nahum. Die Auszüge aus dem Nahumbuch weisen sogar Abweichungen zu anderen erhaltenen Versionen des Textes auf. Dies ist ein Zeugnis für die Weitergabe biblischer Texte und die Veränderungen, die im Laufe der Zeit auftreten können. Wie Zwickel erklärt, sind Übersetzungen immer auch Interpretationen, was leichte Unterschiede in den Texten erklären kann.
Nicht nur antike Schriftfragmente wurden bei den Ausgrabungen entdeckt. Auch Kleidung, Münzen, Pfeilspitzen und sogar Läusekämme gehörten zu den Fundstücken. In einer etwas weiter nördlich gelegenen Höhle entdeckten Archäologen zudem einen sehr großen Korb mit einem Deckel aus gewebtem Schilf, dessen Alter mittels Radiokarbonmessung auf 10.500 Jahre geschätzt wurde – was ihn zum ältesten je gefundenen Korb machen könnte, sollte das Alter bestätigt werden. Außerdem wurde das rund 6000 Jahre alte Skelett eines Kindes gefunden, das in Stoff eingewickelt und auf natürliche Weise mumifiziert wurde. Die israelische Historikerin Ronit Lupu betonte, dass Haut, Sehnen und sogar das Haar teilweise erhalten seien, obwohl so viel Zeit vergangen ist.
Dass die Fundstücke so gut erhalten sind, liegt vor allem am extrem trockenen Wüstenklima rund um das Tote Meer. Mit einer Niederschlagsmenge von weniger als 100 Millimetern ist es dort absolut trocken, wodurch solche Gegenstände hervorragend konserviert werden. Wären die Schriftrollen in feuchteren Gebieten wie Jerusalem aufbewahrt worden, wären sie längst zersetzt. Die Höhlen rund um das Tote Meer sind ein wahres Eldorado für Archäologen, doch leider auch ein Ziel für Plünderer, die historische Funde zerstören. Eine neue Erfassung der Höhlen und die Bereitstellung von Ressourcen sind notwendig, um diese unschätzbaren Zeugnisse der Geschichte zu retten.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie alt ist das Neue Testament wirklich?
Die Originaltexte des Neuen Testaments wurden im 1. Jahrhundert n. Chr. verfasst. Die ältesten uns bekannten physischen Fragmente von neutestamentlichen Schriften, wie das Matthäus-Fragment aus der Vatikanischen Bibliothek, stammen aus dem 2. oder 3. Jahrhundert n. Chr. Es handelt sich dabei um Abschriften oder Übersetzungen der ursprünglichen Texte.
Was sind apokryphe Schriften?
Apokryphe Schriften sind religiöse Texte, die zwar oft biblische oder religiöse Themen behandeln und in der Antike verbreitet waren, aber nicht in den offiziellen Kanon der Bibel aufgenommen wurden. Beispiele hierfür sind das Kindheitsevangelium des Thomas oder das Judasevangelium. Sie bieten oft zusätzliche Erzählungen oder Perspektiven, die als nicht-kanonisch oder nicht authentisch genug für die Aufnahme in die Bibel angesehen wurden.
Warum gibt es unterschiedliche Bibelausgaben?
Die Unterschiede in der Anzahl der Bücher zwischen evangelischen und katholischen Bibeln sind historisch bedingt. Martin Luther entfernte im Zuge der Reformation sieben Bücher aus dem Alten Testament, die im Judentum nicht zum Kanon gehörten, in der katholischen Tradition aber als deuterokanonisch (zum „zweiten Kanon“ gehörend) anerkannt waren. Diese Bücher, wie Judit oder Tobit, sind daher in katholischen Bibeln enthalten, nicht aber in evangelischen.
Wie werden so alte Texte entziffert?
Die Entzifferung alter Texte erfordert spezialisiertes Wissen in Paläographie (Schriftkunde) und den jeweiligen alten Sprachen (Hebräisch, Aramäisch, Griechisch, Latein, Syrisch). Moderne Technologien wie Ultraviolett-Fotografie, Multispektral-Bildgebung und digitale Bildbearbeitung spielen eine entscheidende Rolle, um verblasste, überschriebene oder beschädigte Texte sichtbar zu machen und zu rekonstruieren. Der Vergleich mit bekannten Manuskripten und die Suche nach Schlüsselbegriffen helfen den Forschern dabei, den Inhalt zu identifizieren.
Die fortlaufende Entdeckung und Entzifferung dieser alten Schriften ist ein lebendiges Zeugnis für die reiche Geschichte der Religion und der menschlichen Überlieferung. Jedes neu gefundene Fragment, sei es ein verschüttetes Pergament aus dem Vatikan oder eine in der Wüste konservierte Schriftrolle, trägt dazu bei, das komplexe Mosaik unserer religiösen und kulturellen Vergangenheit zu vervollständigen und unser Verständnis der Texte, die Milliarden von Menschen inspiriert haben, zu vertiefen.
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