15/03/2023
Die Frage, wer das erste Evangelium „gedreht“ hat, ist eine faszinierende und gleichzeitig ein häufiges Missverständnis. Die Evangelien wurden nicht gefilmt oder gedreht, sondern vor fast zweitausend Jahren von Menschen geschrieben, die die Botschaft und das Leben Jesu Christi für zukünftige Generationen festhalten wollten. Diese heiligen Schriften sind keine filmischen Produktionen, sondern tiefgründige literarische Werke, die die Grundlage des christlichen Glaubens bilden. Sie erzählen die Geschichte von Jesus von Nazareth – von seiner Geburt über sein Wirken, seine Lehren, Wunder, seinen Tod und seine Auferstehung. Doch wer waren diese Autoren, und welches dieser vier kanonischen Evangelien wurde tatsächlich zuerst verfasst?
- Was sind die Evangelien und warum wurden sie geschrieben?
- Die Autoren der Evangelien: Tradition und theologische Zuordnung
- Das „erste“ Evangelium: Chronologie und theologische Bedeutung
- Warum gibt es vier Evangelien? Eine Vielfalt der Perspektiven
- Die bleibende Bedeutung der Evangelien heute
- Häufig gestellte Fragen zu den Evangelien
Was sind die Evangelien und warum wurden sie geschrieben?
Das Wort „Evangelium“ kommt aus dem Griechischen (euangelion) und bedeutet „gute Nachricht“ oder „frohe Botschaft“. Im christlichen Kontext bezieht es sich auf die Botschaft von Jesus Christus und seine Erlösung für die Menschheit. Die vier kanonischen Evangelien – Matthäus, Markus, Lukas und Johannes – sind die primären Quellen, die wir über das Leben und die Lehren Jesu haben. Sie sind keine objektiven Biografien im modernen Sinne, sondern theologische Zeugnisse, die darauf abzielen, den Lesern den Glauben an Jesus als den Messias und Sohn Gottes zu vermitteln.

Ihre Entstehung war ein Prozess. Nach Jesu Tod und Auferstehung verbreitete sich die mündliche Überlieferung seiner Taten und Worte schnell. Die Apostel und ersten Jünger predigten die „Gute Nachricht“. Mit der Zeit, als die Augenzeugen älter wurden und die christlichen Gemeinden wuchsen, entstand das Bedürfnis, diese mündlichen Traditionen schriftlich festzuhalten. Dies sollte die Botschaft bewahren, ihre Reinheit sichern und den Glauben an Jesus auch in weit entfernten Gemeinden verbreiten und festigen. Die Evangelien sind somit geschriebene Dokumente, die die mündliche Überlieferung systematisierten und interpretierten.
Die Autoren der Evangelien: Tradition und theologische Zuordnung
Die vier Evangelien sind traditionell vier Personen zugeschrieben: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Doch die Texte selbst nennen ihre Autoren nicht direkt. Die Zuschreibungen erfolgten später, im zweiten Jahrhundert n. Chr., basierend auf internen Hinweisen und der Überlieferung der frühen Kirche.
- Matthäus: Traditionell als einer der zwölf Apostel Jesu angesehen, ein ehemaliger Zöllner. Sein Evangelium ist oft als „Lehrbuch“ für Judenchristen bekannt, da es Jesus als den von Propheten vorhergesagten Messias darstellt.
- Markus: Traditionell identifiziert als Johannes Markus, ein Begleiter des Apostels Petrus und des Apostels Paulus. Sein Evangelium ist das kürzeste und dynamischste, oft als Bericht der Predigten des Petrus angesehen.
- Lukas: Ein Arzt und Begleiter des Apostels Paulus. Sein Evangelium ist das längste und zeichnet sich durch seine detaillierte Erzählweise und seine Betonung der universellen Botschaft Jesu aus, die auch Heiden einschließt. Es wird oft zusammen mit der Apostelgeschichte als ein zweibändiges Werk betrachtet.
- Johannes: Traditionell als Johannes, der „Lieblingsjünger“ Jesu und einer der zwölf Apostel, angesehen. Sein Evangelium unterscheidet sich stilistisch und theologisch stark von den anderen dreien und konzentriert sich auf die Göttlichkeit Jesu und seine tiefgründigen Lehren.
Es ist wichtig zu verstehen, dass die Autorschaft in der Antike oft anders verstanden wurde als heute. Manchmal wurde ein Werk einem berühmten Lehrer zugeschrieben, selbst wenn es von einem seiner Schüler verfasst wurde, um dessen Lehren zu verbreiten und zu ehren.
Das „erste“ Evangelium: Chronologie und theologische Bedeutung
Wenn man vom „ersten“ Evangelium spricht, kann dies zweierlei bedeuten: das erste in der Reihenfolge des Neuen Testaments oder das erste, das chronologisch verfasst wurde. Im Neuen Testament steht das Matthäus-Evangelium an erster Stelle, was historisch auf seine Beliebtheit und seinen Wert als umfassende Darstellung der Lehren Jesu zurückzuführen ist.
Doch die moderne biblische Forschung ist sich weitgehend einig, dass das Markus-Evangelium das älteste der vier kanonischen Evangelien ist. Es wird angenommen, dass es zwischen 65 und 70 n. Chr. verfasst wurde, kurz nach der Verfolgung der Christen unter Kaiser Nero in Rom und möglicherweise im Zusammenhang mit dem jüdischen Aufstand. Sein Stil ist direkt und schnörkellos, und viele seiner Geschichten finden sich in ähnlicher Form in Matthäus und Lukas wieder.
Das Synoptische Problem und die Q-Quelle
Die Evangelien von Matthäus, Markus und Lukas werden als „synoptische Evangelien“ bezeichnet, weil sie viele Gemeinsamkeiten in Bezug auf Inhalt, Reihenfolge und Wortlaut aufweisen. Das griechische Wort „synopsis“ bedeutet „Zusammenschau“. Die Ähnlichkeiten sind so frappierend, dass Forscher davon ausgehen, dass sie voneinander abhängen oder gemeinsame Quellen genutzt haben. Dies wird als das „Synoptische Problem“ bezeichnet.
Die am weitesten akzeptierte Lösung für dieses Problem ist die „Zwei-Quellen-Theorie“:
- Das Markus-Evangelium war die erste schriftliche Quelle.
- Matthäus und Lukas nutzten das Markus-Evangelium als eine ihrer Hauptquellen.
- Zusätzlich nutzten Matthäus und Lukas eine hypothetische, verlorene Quellensammlung von Sprüchen Jesu, die als „Q-Quelle“ (von „Quelle“) bekannt ist. Diese Quelle enthielt hauptsächlich Jesus-Worte, aber nur wenige Erzählungen.
- Jeder der Evangelisten hatte auch eigenes, einzigartiges Material, das nur in seinem Evangelium vorkommt (sogenanntes „M-Material“ für Matthäus und „L-Material“ für Lukas).
Das Johannes-Evangelium hingegen steht außerhalb dieser synoptischen Beziehung. Es wurde wahrscheinlich später verfasst (ca. 90-110 n. Chr.) und bietet eine einzigartige theologische Perspektive auf Jesus, die sich in Stil und Inhalt deutlich von den anderen dreien unterscheidet. Es enthält lange theologische Reden Jesu und andere Wunder, die in den synoptischen Evangelien nicht vorkommen.
Vergleich der Entstehungszeiten der Evangelien
Um die Frage nach dem „ersten“ Evangelium klarer zu beantworten, hier eine Übersicht über die traditionelle und wissenschaftlich anerkannte Chronologie:
| Evangelium | Traditionelle Reihenfolge im NT | Wissenschaftlich geschätzte Entstehungszeit | Charakteristischer Fokus |
|---|---|---|---|
| Markus | 2. | ca. 65-70 n. Chr. | Jesus als leidender Gottesknecht, dynamische Erzählung |
| Matthäus | 1. | ca. 70-90 n. Chr. | Jesus als der Messias Israels, Lehrer und Gesetzgeber |
| Lukas | 3. | ca. 70-90 n. Chr. | Jesus als Retter für alle Menschen, Betonung der Armen und Ausgestoßenen |
| Johannes | 4. | ca. 90-110 n. Chr. | Jesus als der göttliche Sohn Gottes, Betonung der Ewigkeit und des Glaubens |
Warum gibt es vier Evangelien? Eine Vielfalt der Perspektiven
Die Tatsache, dass wir vier und nicht nur ein einziges Evangelium haben, ist ein großer Reichtum für den christlichen Glauben. Jedes Evangelium wurde für eine spezifische Zielgruppe und mit einer spezifischen theologischen Absicht verfasst. Sie ergänzen sich gegenseitig und bieten ein vielschichtiges Porträt Jesu:
- Markus zeigt Jesus als den mächtigen, aber auch leidenden Sohn Gottes, der zur Erlösung der Menschen dient.
- Matthäus betont Jesus als den von den Propheten vorhergesagten Messias, der das Gesetz erfüllt und übertrifft.
- Lukas hebt die universelle Botschaft Jesu hervor, seine Liebe zu den Armen, Kranken und Ausgestoßenen und seine Bedeutung für alle Völker.
- Johannes konzentriert sich auf die göttliche Natur Jesu, seine ewige Existenz und die tiefere Bedeutung seiner Zeichen und Reden.
Durch diese unterschiedlichen Perspektiven erhalten wir ein umfassenderes Bild von Jesu Leben, seinen Lehren und seiner Bedeutung. Es ist, als würde man ein wertvolles Kunstwerk aus vier verschiedenen Winkeln betrachten – jeder Blickwinkel offenbart neue Details und Facetten, die das Gesamtverständnis bereichern.
Die bleibende Bedeutung der Evangelien heute
Die Evangelien sind weit mehr als nur historische Dokumente. Sie sind lebendige Texte, die auch heute noch Millionen von Menschen inspirieren, leiten und trösten. Sie bilden die theologische und ethische Grundlage des Christentums und sind eine unerschöpfliche Quelle für Studium, Meditation und Gebet.
Ihre Bedeutung liegt in ihrer Fähigkeit, uns nicht nur über Jesus zu informieren, sondern uns auch in eine Beziehung mit ihm zu führen. Sie laden uns ein, über den Sinn des Lebens nachzudenken, moralische Entscheidungen zu treffen und einen Weg der Liebe, des Mitgefühls und der Hoffnung zu gehen. Obwohl sie vor langer Zeit geschrieben wurden, sind ihre Botschaften zeitlos und relevant für die Herausforderungen und Freuden des modernen Lebens.
Häufig gestellte Fragen zu den Evangelien
Wurden die Evangelien wirklich gefilmt?
Nein, die Evangelien wurden nicht gefilmt. Sie sind schriftliche Werke, die von menschlichen Autoren verfasst wurden. Die Frage nach dem „Filmen“ ist ein Missverständnis, da es zur Zeit ihrer Entstehung keine Filmtechnologie gab. Sie sind das Ergebnis mündlicher Überlieferungen, Augenzeugenberichten und sorgfältiger schriftlicher Sammlung und Redaktion.
Welches Evangelium gilt als das Älteste?
Nach übereinstimmender Meinung der meisten Bibelforscher ist das Markus-Evangelium das älteste der vier kanonischen Evangelien. Es wird angenommen, dass es zwischen 65 und 70 n. Chr. verfasst wurde und als Quelle für das Matthäus- und Lukas-Evangelium diente.
Wie zuverlässig sind die Evangelien historisch?
Die Evangelien sind theologische Dokumente, keine modernen Geschichtsbücher im Sinne einer exakten Chronologie oder wissenschaftlichen Dokumentation. Sie berichten von historischen Ereignissen aus einer Glaubensperspektive. Viele archäologische Funde und außerbiblische Quellen bestätigen die Existenz von Orten, Personen und kulturellen Praktiken, die in den Evangelien erwähnt werden. Die Forschung diskutiert jedoch weiterhin über die genaue historische Zuverlässigkeit einzelner Passagen. Für Gläubige sind sie jedoch nicht nur historisch relevant, sondern vor allem wahr in ihrer Botschaft über Jesus.
Was ist die Q-Quelle?
Die Q-Quelle (von „Quelle“) ist eine hypothetische, verlorene Sammlung von Sprüchen und Lehren Jesu. Bibelforscher nehmen an, dass diese Quelle zusammen mit dem Markus-Evangelium von Matthäus und Lukas genutzt wurde, um ihre eigenen Evangelien zu verfassen. Die Existenz der Q-Quelle wird durch die vielen übereinstimmenden Jesus-Worte in Matthäus und Lukas belegt, die nicht in Markus vorkommen.
Gibt es noch andere Evangelien?
Ja, es gibt eine Reihe von sogenannten „apokryphen“ Evangelien, die nicht in den biblischen Kanon aufgenommen wurden, wie das Thomasevangelium, das Petrusevangelium oder das Kindheitsevangelium des Thomas. Diese Schriften stammen oft aus späteren Zeiten und enthalten andere oder abweichende Darstellungen von Jesus und seiner Lehre. Die Kirche hat die vier kanonischen Evangelien als die maßgeblichen und inspirierten Berichte über Jesus anerkannt.
Die Evangelien sind und bleiben die Eckpfeiler des christlichen Glaubens. Sie sind nicht das Produkt einer Filmproduktion, sondern das Zeugnis von Glauben und Hingabe, das über Jahrhunderte hinweg weitergegeben und bewahrt wurde. Ihr Studium bietet eine tiefe Einsicht in das Leben des Mannes, der die Welt veränderte, und in die Botschaft, die bis heute Millionen von Herzen bewegt.
Wenn du andere Artikel ähnlich wie Die Evangelien: Wer schrieb das erste? kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Religion besuchen.
