Was ist das erste kanonische Evangelium in der Bibel?

Das Evangelium nach Matthäus: Der Grundstein

06/11/2023

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Das Evangelium nach Matthäus steht nicht zufällig an vorderster Stelle des Neuen Testaments in unserer Bibel. Es ist das erste kanonische Evangelium und bildet somit einen fundamentalen Einführungspunkt in die Botschaft Jesu Christi. Seine prominente Platzierung ist ein Zeugnis seiner historischen Relevanz und seiner theologischen Bedeutung für die frühe christliche Gemeinschaft und darüber hinaus. Dieses Evangelium dient als Brücke zwischen dem Alten und dem Neuen Testament, indem es immer wieder auf alttestamentliche Prophezeiungen verweist und Jesus als den verheißenen Messias Israels darstellt. Es ist ein Text von immenser Tiefe und Weite, der Generationen von Gläubigen inspiriert und gelehrt hat.

Wann wurde das Matthäus-Evangelium niedergeschrieben?
Das Matthäus-Evangelium wurde nach dem zuverlässigen Zeugnis der frühchristlichen Überlieferung von dem Apostel Matthäus (auch Levi genannt; vgl. Mt 9,9-13), einem Augenzeugen Jesu Christi, zwischen 40 und 60 n. Chr. niedergeschrieben.

Die Untersuchung des Matthäusevangeliums ist eine Reise in die Ursprünge des christlichen Glaubensverständnisses. Es beleuchtet nicht nur das Leben und Wirken Jesu, sondern auch seine Lehren, die für die Gestaltung der christlichen Ethik und Theologie von entscheidender Bedeutung sind. Von der Bergpredigt bis zum Missionsbefehl – Matthäus präsentiert eine umfassende Darstellung dessen, was es bedeutet, Jesus nachzufolgen und sein Reich auf Erden zu bezeugen. In den folgenden Abschnitten werden wir uns eingehend mit diesem bemerkenswerten Buch befassen, seine Besonderheiten hervorheben und seine anhaltende Relevanz für uns heute beleuchten.

Inhaltsverzeichnis

Die Stellung des Matthäusevangeliums im Kanon

Die Anordnung der Evangelien im Neuen Testament ist nicht chronologisch nach ihrer Entstehung, sondern nach ihrer theologischen und didaktischen Bedeutung. Dass Matthäus an erster Stelle steht, ist kein Zufall. Es wird angenommen, dass es aufgrund seiner umfassenden Darstellung des Lebens und der Lehren Jesu sowie seiner starken Verbindung zu den jüdischen Wurzeln des Christentums gewählt wurde. Es beginnt mit einem detaillierten Stammbaum, der Jesus als Nachkommen Davids und Abrahams identifiziert, und betont somit seine messianische Legitimität und seine Rolle als Erfüllung der Verheißungen an Israel. Dies machte es zu einem idealen Lehrbuch für die frühe Kirche, die sowohl aus jüdischen als auch aus heidnischen Konvertiten bestand.

Matthäus legt großen Wert auf die Erfüllung der Prophezeiungen des Alten Testaments. Immer wieder liest man Formulierungen wie „damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten…“. Dies unterstreicht die Kontinuität des göttlichen Heilsplans von der Schöpfung über Israel bis hin zu Jesus Christus. Für eine Gemeinde, die sich noch stark mit ihren jüdischen Wurzeln identifizierte, war dies von unschätzbarem Wert. Es half ihnen zu verstehen, dass Jesus nicht eine Abweichung vom Glauben ihrer Väter war, sondern dessen Höhepunkt und Vollendung. Die theologische Tiefe und die strukturelle Klarheit des Matthäusevangeliums machten es zu einem bevorzugten Text für katechetische Zwecke und zur Grundlage für die Entwicklung der frühchristlichen Lehre. Es ist somit der Grundstein für das Verständnis des Neuen Testaments.

Der Evangelist Matthäus: Autor und Perspektive

Traditionell wird das Evangelium dem Apostel Matthäus zugeschrieben, der auch Levi genannt wird, einem Zöllner, den Jesus berief (Matthäus 9,9). Diese Zuschreibung wurde von frühchristlichen Kirchenvätern wie Papias von Hierapolis und Irenäus von Lyon bestätigt. Papias schrieb, dass Matthäus „die Logia [Worte und Taten Jesu] in hebräischer Sprache sammelte und ein jeder sie übersetzte, so gut er konnte.“ Obwohl die genaue Natur dieses ursprünglichen hebräischen Textes unter Gelehrten diskutiert wird (ob es sich um eine Sammlung von Sprüchen oder ein vollständiges Evangelium handelte), stützt die Tradition die Apostolizität des Werkes.

Die Perspektive des Matthäusevangeliums ist tief in der jüdischen Tradition verwurzelt. Es richtet sich primär an eine jüdisch-christliche Leserschaft und betont, wie Jesus das Gesetz erfüllt und nicht aufhebt (Matthäus 5,17). Es zeigt Jesus als den neuen Mose, der auf einem Berg das neue Gesetz verkündet (die Bergpredigt). Gleichzeitig enthält es eine universale Dimension, die im Missionsbefehl kulminiert, in dem Jesus seine Jünger aussendet, alle Völker zu lehren und zu taufen. Diese Dualität – Verwurzelung in Israel und Ausrichtung auf die Welt – ist ein charakteristisches Merkmal des Matthäusevangeliums. Der Autor war offensichtlich bestrebt, die Botschaft Jesu für ein Publikum zu präsentieren, das sowohl mit jüdischen Schriften als auch mit der Hoffnung auf den Messias vertraut war.

Zentrale Themen und Botschaften

Die Bergpredigt: Das Herzstück der Lehre Jesu

Eines der bekanntesten und einflussreichsten Kapitel des Matthäusevangeliums ist die Bergpredigt (Matthäus 5-7). Hier legt Jesus die Prinzipien des Reiches Gottes dar, die weit über das äußere Einhalten des Gesetzes hinausgehen und eine radikale innere Haltung fordern. Die Seligpreisungen, die Gebote zur Nächstenliebe, zur Feindesliebe und zur Vergebung, sowie die Warnung vor Heuchelei und der Aufruf zur Nachfolge sind nur einige der Kernbotschaften. Die Bergpredigt ist ein ethischer Leitfaden, der die Standards für ein Leben im Einklang mit Gottes Willen setzt und die Leser dazu anregt, über die äußere Einhaltung von Regeln hinauszugehen und eine Herzensveränderung zu erfahren. Sie ist ein Aufruf zu einer neuen Gerechtigkeit, die die der Pharisäer und Schriftgelehrten übertrifft.

Das Reich der Himmel

Das Konzept des „Reiches der Himmel“ (Matthäus verwendet diese Formulierung anstelle von „Reich Gottes“ aus Respekt vor dem Gottesnamen, eine jüdische Praxis) ist ein zentrales Thema. Jesus verkündet das Nahen dieses Reiches und demonstriert es durch seine Wunder und Lehren. Es ist sowohl eine gegenwärtige Realität, die in Jesus selbst beginnt, als auch eine zukünftige Hoffnung, die sich in seiner Wiederkunft vollenden wird. Matthäus präsentiert eine Reihe von Gleichnissen (z.B. vom Sämann, vom Unkraut unter dem Weizen, vom Senfkorn), um die Natur dieses Reiches zu erklären – seine verborgenen Anfänge, sein Wachstum, die Herausforderungen, die es mit sich bringt, und seine endgültige Ernte. Das Reich Gottes ist nicht nur ein Ort, sondern eine Herrschaft, die das Leben derjenigen transformiert, die sich ihr unterwerfen.

Jesus als Messias und Lehrer

Matthäus stellt Jesus als den verheißenen Messias Israels dar, den Sohn Davids und den Sohn Gottes. Er erfüllt die messianischen Erwartungen des Alten Testaments, nicht nur durch seine Geburt in Bethlehem und seine Linie, sondern auch durch seine Taten und Lehren. Darüber hinaus wird Jesus als der ultimative Lehrer und Rabbi präsentiert, dessen Autorität die der Schriftgelehrten übertrifft. Seine Lehren sind nicht nur Ratschläge, sondern göttliche Anweisungen, die zum Leben führen. Matthäus strukturiert sein Evangelium um fünf große Reden oder Lehreinhheiten Jesu, was an die fünf Bücher Mose erinnert und Jesus als den neuen Mose hervorhebt, der eine neue Tora für Gottes Volk verkündet.

Der Missionsbefehl

Das Matthäusevangelium endet mit dem Großen Missionsbefehl (Matthäus 28,18-20), in dem der auferstandene Jesus seine Jünger beauftragt, „alle Völker zu Jüngern zu machen, sie zu taufen im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und sie zu lehren, alles zu halten, was ich euch befohlen habe.“ Dieser Befehl ist der Höhepunkt der universalen Botschaft des Evangeliums und zeigt, dass die gute Nachricht nicht auf Israel beschränkt ist, sondern für die ganze Welt bestimmt ist. Er ist der Auftrag für die Kirche bis heute.

Struktur und literarische Besonderheiten

Das Matthäusevangelium ist bekannt für seine klare und geordnete Struktur. Es wird oft in fünf große Lehrabschnitte unterteilt, die jeweils mit der Formel „Und es geschah, als Jesus diese Worte beendet hatte…“ enden. Diese Abschnitte sind:

  1. Die Bergpredigt (Kapitel 5–7)
  2. Die Missionsrede (Kapitel 10)
  3. Die Gleichnisrede (Kapitel 13)
  4. Die Rede über die Gemeinde (Kapitel 18)
  5. Die Endzeitrede (Kapitel 24–25)

Diese Struktur, die an die fünf Bücher Mose erinnert, unterstreicht Jesu Rolle als der neue Gesetzgeber. Darüber hinaus ist das Evangelium reich an direkten Zitaten aus dem Alten Testament, was seine theologische Absicht, Jesus als die Erfüllung der Prophezeiungen darzustellen, weiter untermauert. Matthäus’ Sprache ist prägnant und zielgerichtet, und er verwendet oft Doppelungen (z.B. zwei Blinde, zwei Besessene), um seine Punkte zu betonen. Sein Stil ist didaktisch und katechetisch, ideal für den Unterricht und die Ausbildung neuer Gläubiger.

Matthäus im Vergleich zu den anderen synoptischen Evangelien

Das Matthäusevangelium gehört zusammen mit Markus und Lukas zu den sogenannten synoptischen Evangelien, da sie viele Gemeinsamkeiten in Bezug auf Inhalt, Reihenfolge und Formulierung aufweisen. Die meisten Gelehrten gehen davon aus, dass Markus das älteste Evangelium ist und sowohl Matthäus als auch Lukas es als Quelle nutzten. Darüber hinaus wird eine hypothetische Quelle, die sogenannte „Q-Quelle“ (von Quelle), angenommen, die hauptsächlich Reden Jesu enthielt und von Matthäus und Lukas unabhängig voneinander verwendet wurde. Matthäus hat jedoch auch einzigartiges Material, das in den anderen Evangelien nicht zu finden ist (z.B. die Geschichte der Weisen aus dem Morgenland, der Kindermord in Bethlehem, das Gleichnis vom Weltgericht).

MerkmalMatthäusMarkusLukas
ZielgruppeJüdische ChristenRömische ChristenHeidnische Christen
Fokus auf JesusMessias, König, LehrerDienender Sohn GottesSohn der Menschheit, Heiland
Betonung vonAlttestamentliche Erfüllung, Gesetz, Reich der HimmelHandlung, Leiden, GeheimnisGebet, Heiliger Geist, Arme, Frauen
Einzigartige Inhalte (Beispiele)Weise aus dem Morgenland, Bergpredigt (ausführlich), Gleichnis vom WeltgerichtDer reiche Jüngling, Heilung des TaubstummenGeburt Jesu (ausführlich), Gleichnis vom verlorenen Sohn, Emmaus-Jünger
Anzahl der WunderViele, oft in Gruppen dargestelltViele, oft schnell aufeinanderfolgendViele, mit Fokus auf Randgruppen
SchlusswortMissionsbefehlAuferstehung und Himmelfahrt (umstrittenes Ende)Missionsbefehl und Himmelfahrt

Matthäus unterscheidet sich von Markus durch seine ausführlicheren Reden Jesu und seine stärkere Betonung der Gesetzestreue und der Lehren für die Gemeinde. Im Vergleich zu Lukas, der einen stärkeren Fokus auf die universale Botschaft für Heiden, die Armen und Ausgegrenzten legt, bewahrt Matthäus eine stärkere Verbindung zum Judentum und zur Erfüllung der alttestamentlichen Verheißungen an Israel. Dennoch ist die Botschaft der Erlösung in allen drei synoptischen Evangelien zentral.

Die theologische Bedeutung und der Einfluss des Matthäusevangeliums

Das Matthäusevangelium hatte einen immensen Einfluss auf die Entwicklung der christlichen Theologie, Liturgie und Spiritualität. Seine klaren Lehren und seine systematische Darstellung machten es zu einem bevorzugten Text für die Katechese und die Predigt. Viele Schlüsselkonzepte des Christentums, wie die Goldene Regel (Matthäus 7,12) oder die Dreieinigkeit im Taufbefehl (Matthäus 28,19), finden hier ihren prominentesten Ausdruck. Die Bergpredigt ist bis heute ein ethischer Leitfaden für Christen weltweit und inspiriert zu einem Leben der Gerechtigkeit und Nächstenliebe.

Auch in der Kunst, Musik und Literatur hat das Matthäusevangelium tiefe Spuren hinterlassen. Die Geschichten von der Geburt Jesu, der Flucht nach Ägypten, dem Stern von Bethlehem oder der Kreuzigung wurden unzählige Male dargestellt und interpretiert. Es ist ein Evangelium, das nicht nur informiert, sondern auch formt und herausfordert. Es lädt die Leser ein, die Herrschaft Jesu in ihrem eigenen Leben anzunehmen und zu Jüngern zu werden, die seine Gebote halten und seine Botschaft in die Welt tragen. Seine Bedeutung als das erste kanonische Evangelium macht es zu einem unverzichtbaren Ausgangspunkt für jeden, der das Neue Testament verstehen und die christliche Tradition erkunden möchte.

Häufig gestellte Fragen zum Matthäusevangelium

Warum ist das Matthäusevangelium das erste in der Bibel?

Es wird angenommen, dass es aufgrund seiner umfassenden Darstellung des Lebens und der Lehren Jesu, seiner starken Verbindung zu den jüdischen Wurzeln des Christentums und seiner systematischen Struktur an die erste Stelle gesetzt wurde. Es diente als eine Art Einführung in das Neue Testament und als Brücke zum Alten Testament.

Wer war der Evangelist Matthäus?

Traditionell wird das Evangelium dem Apostel Matthäus zugeschrieben, der vor seiner Berufung durch Jesus ein Zöllner war. Er ist auch unter dem Namen Levi bekannt.

Was ist die Bergpredigt?

Die Bergpredigt ist eine Sammlung von Lehren Jesu, die in den Kapiteln 5-7 des Matthäusevangeliums zu finden ist. Sie enthält zentrale ethische Prinzipien des Reiches Gottes, darunter die Seligpreisungen, Gebote zur Nächsten- und Feindesliebe und Anweisungen zum Beten und Fasten. Sie ist ein Kernstück der Lehre Jesu.

Was bedeutet „Reich der Himmel“ im Matthäusevangelium?

„Reich der Himmel“ ist die bevorzugte Formulierung des Matthäusevangeliums für „Reich Gottes“, um den Gottesnamen aus Respekt nicht direkt auszusprechen. Es bezieht sich auf die Herrschaft Gottes, die in Jesus Christus gegenwärtig ist und sich in der Zukunft vollenden wird. Es ist sowohl eine spirituelle Realität als auch eine zukünftige Hoffnung.

Gibt es im Matthäusevangelium einzigartige Geschichten, die in anderen Evangelien fehlen?

Ja, das Matthäusevangelium enthält einzigartige Passagen, wie die Geschichte der Weisen aus dem Morgenland, den Kindermord in Bethlehem, das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen, das Gleichnis vom Weltgericht und die Wächter am Grab Jesu nach seiner Auferstehung.

Welche Rolle spielt das Alte Testament im Matthäusevangelium?

Das Alte Testament spielt eine zentrale Rolle. Matthäus zitiert es häufig, um zu zeigen, wie Jesus die alttestamentlichen Prophezeiungen erfüllt und der verheißene Messias ist. Es ist ein Evangelium der Erfüllung.

Das Matthäusevangelium ist somit weit mehr als nur ein antiker Text. Es ist ein lebendiges Zeugnis, das die Leser dazu einlädt, die Person und die Botschaft Jesu Christi neu zu entdecken und sich von ihr transformieren zu lassen. Seine zeitlose Relevanz und seine tiefe theologische Einsicht machen es zu einem unverzichtbaren Bestandteil des christlichen Kanons und zu einer Quelle fortwährender Inspiration.

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