06/10/2023
Das Evangelium nach Lukas, oft schlicht als Lukasevangelium bekannt, ist das dritte und eines der faszinierendsten Bücher des Neuen Testaments in der christlichen Bibel. Es zeichnet das Leben Jesu Christi von seiner wundersamen Geburt bis zu seiner Himmelfahrt nach und ist dabei mehr als nur eine historische Chronik. Es ist der erste Teil eines monumentalen Doppelwerkes, das mit der Apostelgeschichte eine Einheit bildet und die Verbreitung des Evangeliums in der Welt nachzeichnet. Zusammen mit dem Matthäus- und Markusevangelium gehört es zu den sogenannten synoptischen Evangelien, die aufgrund ihrer textlichen Ähnlichkeiten eine gemeinsame Betrachtung ermöglichen.

Der Verfasser: Wer war Lukas?
Die Überlieferung identifiziert den Verfasser des dritten Evangeliums als Lukas, einen Griechen, der im syrischen Antiochia geboren wurde. Er soll zu den ersten Heidenchristen gehört haben, die vom Apostel Paulus missioniert wurden. Es wird berichtet, dass Lukas Paulus auf seiner zweiten Missionsreise nach Makedonien und Griechenland begleitete und später auch nach Jerusalem und Rom folgte. In paulinischen Briefen wird Lukas als Weggefährte erwähnt:
- Phlm 1,23–24: „Epaphras lässt dich grüßen, der hier mit mir für Jesus Christus im Gefängnis sitzt, ebenso grüßen meine Mitarbeiter Markus, Aristarch, Demas und Lukas.“
- Kol 4,14: „Es grüßen euch unser lieber Lukas, der Arzt, und Demas.“
- 2 Tim 4,11: „Nur Lukas ist noch bei mir. Bring Markus mit, denn er wird mir ein guter Helfer sein.“
Besonders die Bezeichnung als „Arzt“ in Kolosser 4,14 ist bemerkenswert. Dies passt gut zu der starken Betonung von Heilungsgeschichten im Lukasevangelium. Viele deuten dies so, dass Lukas nicht nur an Belehrungen, sondern an der „Kunst des gesunden Lebens“ interessiert war, eine wichtige Aufgabe antiker Ärzte. Jesus wird in diesem Licht als Anführer dieser Kunst dargestellt, was zur Schlussfolgerung führt, dass gesundes Leben aus dem Glauben an Jesus Christus erwächst.
Eine spätere Tradition stellt Lukas sogar als Maler dar, eine Zuschreibung, die durch die malerische Sprache des Evangeliums und die besondere Marienbeziehung des Verfassers, die im Evangelium deutlich wird (z.B. das angebliche erste Marienbildnis), verstärkt wurde.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Namensangabe „nach Lukas“ in den Evangeliumsüberschriften erst im 2. Jahrhundert auftaucht, obwohl die ältesten umfangreichen Manuskripte wie der Papyrus P75 bereits diese Subskription aufweisen. Dies deutet darauf hin, dass das Evangelium ursprünglich anonym überliefert wurde und der Name zur Unterscheidung im Rahmen der Kanonisierung hinzugefügt wurde. Der Autor wendet sich zwar im Vorwort persönlich an den „erlauchten Theophilus“ (was „der Gott liebt“ bedeutet), stellt sich aber nicht namentlich vor. Ob Theophilus eine reale Person, möglicherweise ein römischer Beamter, oder eine symbolische Anrede ist, bleibt Gegenstand der Forschung.
Die theologische Verbindung zwischen Paulus und dem Evangelisten Lukas ist in der Forschung umstritten. Trotz der engen Beziehung zwischen Paulus und dem Autor wirkte sich diese kaum theologisch auf das Lukasevangelium aus. Die Darstellungen des Pauluswirkens und seiner Persönlichkeit in den Paulusbriefen und der Apostelgeschichte weisen oft starke Unterschiede auf. Dies wird von einigen als Argument gegen die Autorschaft eines direkten Apostelschülers Lukas gesehen, und der Name Lukas eher als ein ältestes religiös bedingtes Kognomen (Beiname) eingeschätzt. Andere Theologen, insbesondere im angelsächsischen Raum, halten an der traditionellen Auffassung fest, dass Lukas der Freund des Apostels und der Verfasser des dritten Evangeliums war, oft mit dem Argument, dass der Titel von Anfang an vorhanden war. Letztlich kann mit absoluter Sicherheit keine der Thesen bejaht werden.
Datierung des Evangeliums: Wann wurde Lukas geschrieben?
Die Datierung des Lukasevangeliums ist ein zentrales Thema in der neutestamentlichen Forschung, wobei sich zwei Hauptpositionen herauskristallisiert haben: die Spätdatierung und die mittlere Datierung.
Spätdatierung (um 80 n. Chr.)
Die historisch-kritische Forschung tendiert überwiegend zu einer Entstehung des Lukasevangeliums in der Zeit zwischen etwa 70 und 90 n. Chr. Ein Hauptargument hierfür ist, dass der Verfasser bereits auf die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 n. Chr. zurückblicke. Die Beziehung zwischen Kirche und Staat scheint dem Evangelisten unproblematisch zu sein, was darauf hindeutet, dass ihm die Christenverfolgung unter Domitian (81–96 n. Chr.) noch nicht bekannt war. Des Weiteren wird angenommen, dass Lukas bereits den Tod des Paulus rekapituliert und die Sammlung der Paulusbriefe, die um 100 n. Chr. Verbreitung fand, nicht kannte. Eine sichere obere Grenze bildet die Didache, die sich in 1,4 auf die lukanische Feldrede (Lk 6,27–30) bezieht und deren Entstehung zwischen 100 und 150 n. Chr. angenommen wird.
Peter Pilhofer argumentiert, dass Lukas am Ende seines Doppelwerkes (Apg 28,30–31) davon ausgehe, dass ein friedliches Leben der Christen unter römischer Duldung möglich sei. Dies wird durch die lukanische Erzählversion des Hauptmannes von Kapharnaum (Lk 7,1–10) und die Erzählung vom Centurio Kornelius in der Apostelgeschichte (Apg 10,2–22) gestützt. Eine solche friedliche Koexistenz sei Pilhofer zufolge jedoch erst seit der Herrschaft Trajans (98–117 n. Chr.) endgültig ausgeschlossen gewesen, da das Christsein als solches ein mit der Todesstrafe bewehrtes Verbrechen wurde. Demnach müsste die Wirkungszeit des Lukas am Ende des 1. Jahrhunderts anzusiedeln sein, was Pilhofer zur Datierung des lukanischen Doppelwerkes auf etwa 90 n. Chr. führt.
Mittlere Datierung (um 60 n. Chr.)
Eine Reihe von Neutestamentlern, insbesondere im konservativen Spektrum, datieren das Evangelium auf ungefähr 60 n. Chr. Zu den Befürwortern dieser Ansicht gehören namhafte Theologen wie Klaus Berger und John A. T. Robinson. Schon Adolf von Harnack vertrat diese Position, und der Historiker Alexander Mittelstädt plädiert in seiner Dissertation explizit für eine Frühdatierung.
Die zentralen Argumente für diese Position sind folgende:
- Die Endzeitrede Jesu (Lk 21,5–36) wird nicht als detaillierter Rückblick auf die Zerstörung Jerusalems interpretiert, sondern als Schilderung einer damals üblichen Belagerung und Einnahme einer Stadt. Vergleiche mit den Berichten des Josephus Flavius zeigen, dass zentrale Details der Zerstörung Jerusalems gerade nicht geschildert werden.
- Vor allem fehlt in der Apostelgeschichte jeder Hinweis auf die Ermordung von Jakobus im Jahre 62 n. Chr. sowie von Petrus und Paulus im Zuge der neronischen Christenverfolgung (etwa 64–67 n. Chr.). Der Tod dieser drei wichtigsten Persönlichkeiten der Urgemeinde wäre für das Thema der Apostelgeschichte eigentlich von großer Bedeutung gewesen. Stattdessen wird der Märtyrertod des weniger bekannten Stephanus ausführlich geschildert.
- Es wird die Frage aufgeworfen, ob Lukas in späterer Zeit ein so offenes Ende und eine so deutliche Sympathie zur römischen Obrigkeit hätte schreiben können. Wenn Lukas primär als erster christlicher Historiograph gesehen wird, scheint dies kaum vorstellbar.
Aus diesen Gründen plädiert ein Teil der Theologen für eine Datierung der Apostelgeschichte um 62 n. Chr. und des Lukasevangeliums als erstem Teil des lukanischen Doppelwerkes um 60 n. Chr. Wird hingegen betont, dass sein Doppelwerk allein einer theologischen Struktur folgt (Jesu Weg nach Jerusalem – der Weg des Evangeliums in die ganze Welt), so scheint die Schilderung des Todes des Paulus und anderer nicht wesentlich zu sein.
Die folgende Tabelle fasst die Hauptargumente der beiden Datierungsthesen zusammen:
| Datierungsthese | Zeitraum | Zentrale Argumente |
|---|---|---|
| Spätdatierung | ca. 70-90 n. Chr. |
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| Mittlere Datierung | ca. 60 n. Chr. |
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Der Text und seine Überlieferung
Das Lukasevangelium ist, wie alle Schriften des Neuen Testaments, in der griechischen Gemeinsprache der Zeit, der Koine, verfasst. Auffällig ist der teilweise sehr ausgefeilte Sprachstil des Autors, der dem klassischen Griechisch nahekommt (z. B. Lk 1,1–4) und sich stark an die Septuaginta, die griechische Übersetzung des Alten Testaments, anlehnt. Dies zeugt von hoher literarischer Bildung.
Die ältesten handschriftlichen Textzeugen des Lukasevangeliums sind beeindruckende Papyri. Dazu gehören der Papyrus P75, der etwa 80 Prozent des Gesamttextes (Lk 3–18;22–24) enthält und auf den Zeitraum zwischen 175 und 225 n. Chr. datiert wird. Ebenfalls aus dem ausgehenden 2. bis Anfang des 3. Jahrhunderts stammt der Papyrus P4, der die Kapitel 1–6 umfasst. Kleinere Fragmente wie P3 und P7 zeugen ebenfalls von der frühen Verbreitung des Textes. Die ältesten Handschriften mit dem vollständigen Text des Lukasevangeliums sind die beiden großen Codices Sinaiticus und Vaticanus aus der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts, die uns einen umfassenden Einblick in den frühen Textbestand geben.
Besonderheiten des Lukasevangeliums
Das Lukasevangelium zeichnet sich durch mehrere einzigartige Merkmale aus, die es von den anderen Evangelien abheben und seine theologische Tiefe unterstreichen:
Der erste christliche Historiker
Martin Dibelius bezeichnete den Lukasevangelisten als den „ersten christlichen Historiker“. Die Nähe des Lukasevangeliums zu den Gepflogenheiten der hellenistischen Historiographie zeigt sich bereits im Vorwort (Lk 1,1–4):
„Schon viele haben es unternommen, einen Bericht über all das abzufassen, was sich unter uns ereignet und erfüllt hat. Dabei hielten sie sich an die Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren. Nun habe auch ich mich entschlossen, allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen, um es für dich, hochverehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben. So kannst du dich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen, in der du unterwiesen wurdest.“ – Lukas 1,1–4
Diese Einleitung betont die sorgfältige Recherche und die Absicht, eine verlässliche Darstellung der Ereignisse zu liefern, was dem Anspruch antiker Geschichtsschreibung entspricht.
Die Parusieverzögerung
Lukas ist das erste Evangelium, das die verzögerte Wiederkehr Christi, die sogenannte Parusieverzögerung, explizit berücksichtigt. Während Markus noch die nahende Zeit des Gottesreiches betont (Mk 1,15: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe.“), warnt Lukas vor denen, die sagen, das Ende sei nahe (Lk 21,8; vgl. Lk 17,20f). Der zentrale Inhalt der Botschaft Jesu, das Kommen des Reiches Gottes, bleibt bestehen, doch Lukas löst die Erwartung des Gottesreiches von der Terminfrage. Es geht ihm um das Wesen des Gottesreiches vielmehr als um sein baldiges Kommen (Lk 4,43; 8,1; 9,2; 16,16; Apg 1,3; 8,12; 20,25; 28,31).
Die dreifache Gliederung der Heilsgeschichte
Im lukanischen Doppelwerk ist ein klarer Versuch erkennbar, den Ablauf der Heilsgeschichte dreifach zu gliedern:
- Die Zeit Israels, des Gesetzes und der Propheten, bis zu Johannes dem Täufer (Lk 16,16).
- Die Zeit Jesu als die „Mitte der Zeit“ (Hans Conzelmann).
- Die Zeit zwischen Himmelfahrt und Parusie, die in der Apostelgeschichte beschrieben wird.
Diese Gliederung verleiht dem Evangelium eine tiefere theologische Struktur, die die Kontinuität von Gottes Handeln in der Geschichte betont.

Narrative Theologie
Lukas betreibt „narrative Theologie“, das heißt, er entwickelt theologische Konzepte durch das Erzählen von Geschichten, anstatt zu spekulieren. Er setzt das christliche Glaubensbekenntnis erzählerisch um, beginnend mit der Geburt Jesu. Besonders in der Kindheitsgeschichte zeigt sich Lukas’ erzählerische Qualität, indem er die Geburtsgeschichten von Johannes dem Täufer und Jesus kunstvoll miteinander verknüpft, um zu zeigen, wie Johannes ganz auf Jesus ausgerichtet ist und dieser Johannes überflügelt. Lukas „malt“ zwei Doppelbilder: die Geburtsankündigungen und die Geburten selbst, gefolgt von Meditationen über das Geschehene (z.B. Marias Besuch bei Elisabeth, das Zeugnis Simeons und Hannas, die Geschichte des zwölfjährigen Jesus im Tempel). Diese Bilder enthüllen das Geheimnis des Kindes, das im Christentum als die Göttlichkeit Jesu interpretiert wird.
Quellen des Lukasevangeliums
Das Lukasevangelium ist kein Augenzeugenbericht, was seit der Zeit der Alten Kirche unbestritten ist. Lukas selbst macht explizit deutlich, dass er Quellen benutzt und auf vorhergehende Berichte zurückgreift (Lk 1,1): „Nachdem schon viele es versucht haben, eine Erzählung zu verfassen über all jenes, was unter uns zur Erfüllung gekommen ist…“
Die synoptische Frage und die Zweiquellentheorie
Die Hypothesen zu Lukas’ Quellen ergeben sich aus den Theorien zur synoptischen Frage, die das Verhältnis der synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas) zueinander klären soll. Diese drei Evangelien teilen einen erheblichen Teil ihres Materials: 45 % bei Matthäus, 76 % bei Markus und 41 % bei Lukas gehören zu dieser dreifachen Überlieferung. Darüber hinaus teilen Matthäus und Lukas Material, das bei Markus nicht zu finden ist. Alle Evangelisten haben zudem jeweils eigenes Sondergut.
Die Zweiquellentheorie ist die, zumindest im deutschen Sprachraum, gängigste Theorie. Ihr zufolge ist Markus das älteste Evangelium, das Matthäus und Lukas jeweils kannten und benutzten. Die letzteren beiden gebrauchen daneben eine gemeinsame Quelle, die sogenannte Logienquelle (oft „Q“ genannt), die allerdings nicht überliefert ist. Lukas gebraucht daneben unbekanntes Traditionsmaterial, aus dem er sein Sondergut schöpft. Ein größeres Problem dieser Theorie sind die sogenannten „minor agreements“, also sehr kleine Übereinstimmungen zwischen Matthäus und Lukas in der Übernahme und Modifikation des Markus-Materials, die durch die Zweiquellentheorie schwer zu erklären sind.
Das Marcion-Evangelium
Eine weitere hypothetische Theorie zur Lösung des synoptischen Problems ist die Abhängigkeit der Synoptiker vom Marcion-Evangelium bzw. der Marcion-Bibel. Es wird kontrovers diskutiert, ob die Textfassung des Evangeliums nach Lukas in Markions rekonstruiertem Marcion-Evangelium, das nur noch aus Kirchenväterzitaten abgeleitet werden kann, eine Kürzung oder die Urfassung des später bezeugten kanonischen Textes darstellt. Im Jahre 2015 haben Dieter T. Roth und Matthias Klinghardt jeweils Rekonstruktionen des marcionitischen Evangeliums vorgelegt, was die Debatte neu belebt hat.
Inhalt und theologische Schwerpunkte
Das Lukasevangelium ist reich an Inhalt und theologischen Schwerpunkten, die das Bild Jesu auf einzigartige Weise prägen.
Überblick der Struktur
- Proömium: 1,1–4
- Die Vorgeschichte: Empfängnis und Geburt Jesu und des Täufers (Kindheitsgeschichte Jesu), Vorbereitung des Wirkens Jesu (Taufe, Stammbaum, Versuchung): 1,5–4,13
- Jesu Wirken in Galiläa: Antrittspredigt in Nazareth, Berufung der Jünger, Streitgespräche, „Feldrede“, Wunder, Worte über den Täufer, Begegnung mit der Sünderin, Gleichnisse und Wunder, Aussendung der Zwölf: 4,14–9,50
- Auf dem Weg nach Jerusalem („Reisebericht“): Aussendung der Siebzig, Gleichnisse vom Verlorenen, zum Thema Reichtum, Jüngerunterweisung: 9,51–19,27
- In Jerusalem: Jesu messianisches Handeln, die eschatologische Rede, die Passion, Verkündigung der Auferweckung, Erscheinungen, Himmelfahrt: 19,28–24,53
Krankheit und Heilung bei Lukas
In der kirchlichen Tradition wurde Lukas auch als Arzt gesehen, nicht nur wegen seiner Erwähnung in den Paulusbriefen, sondern auch aufgrund der häufigen Verwendung medizinischer Begriffe und der detaillierten Beschreibung von Heilungen. In keinem anderen Evangelium kommen die Wörter „heilen“ und „gesund machen“ so häufig vor wie bei Lukas. Für ihn ist Jesus der Mensch, der Heil und Heilung bringt. Heilung bedeutet für Lukas die Wiederherstellung des ganzen Menschen in seiner Würde und Harmonie. Dies wird besonders deutlich an Heilungsgeschichten, die nur Lukas überliefert, wie die des Wassersüchtigen und die der gekrümmten Frau. Beide Heilungen finden am Sabbat statt, dem Ruhetag Gottes. Jesus stellt hier bildlich durch die Heilung die Schöpfung wieder her und vollendet das Werk des Vaters.
Gleichnisse Jesu
Lukas überliefert nicht nur das therapeutische Wirken Jesu, sondern auch viele seiner Gleichnisse. Ihm verdanken wir einzigartige Erzählungen, die sich in den anderen Evangelien nicht finden, darunter das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, vom verlorenen Sohn, vom klugen Verwalter und vom Pharisäer und Zöllner. Besonders auffällig ist, wie Lukas Jesus beim Erzählen der Gleichnisse beschreibt und wie Jesus sich in diesen Gleichnissen selbst porträtiert. In den lukanischen Sondergleichnissen verwendet der Autor einen typisch griechischen Stil, besonders hervorzuheben ist hier der innere Monolog, ein Stilmittel, das auch in der antiken Romanliteratur und in griechischen Komödien zu finden ist. Ebenso betont das Lukasevangelium die Gleichwertigkeit der Frauen, was sich beispielsweise im Gleichnis von der verlorenen Drachme neben dem Gleichnis vom verlorenen Schaf zeigt.
Jesus – Vorbild des Betenden
Lukas beschreibt Jesus immer wieder als Betenden. Er betet vor wichtigen Entscheidungen (z.B. vor der Taufe in Lk 3,21 oder vor der Wahl seiner Jünger in Lk 6,12) und zieht sich oft an stille Orte zurück, um zum Vater zu beten (Lk 5,16). Es wird angenommen, dass Lukas hier den Gläubigen den Weg und die Wichtigkeit des Gebetes nahebringen will, indem er Jesus als ultimatives Vorbild des Gebets darstellt.
Auferstehungs- und Himmelfahrtsgeschichten
Neben Markus (Mk 16,19) erzählt auch Lukas nicht nur von der Auferstehung, sondern auch von der Himmelfahrt Jesu (Lk 24,50–53). Nachdem Jesus herabgestiegen sei, um die Wege der Menschen zu teilen, kehrt er nun in Tod und Himmelfahrt wieder in den Himmel zurück, wo er zur Rechten des Vaters sitzt und für die Gläubigen eintritt. Lukas vermittelt damit zwei Botschaften: Jesus konnte nicht im Tod bleiben, da er von Gott erfüllt und dessen Sohn ist. Zum anderen wird durch die Himmelfahrt und deren doppelte Beschreibung hier und in der Apostelgeschichte die Kontinuität des Wirkens Jesu zum Ausdruck gebracht: Christus sendet in der Apostelgeschichte vom Himmel aus seinen Geist, der die Jünger antreibt, die Botschaft des Heils zu verkünden und den Menschen den Weg zum Leben zu zeigen.
Weitere inhaltliche Schwerpunkte
Das Lukasevangelium ist zudem bekannt für einige ikonische Passagen und Gesänge, die tief in der christlichen Tradition verwurzelt sind:
- Die Weihnachtsgeschichte: Die detaillierte Erzählung von Jesu Geburt in Bethlehem.
- Die Passion: Die Leidensgeschichte Jesu, die in Lukas oft eine besondere menschliche Dimension erhält.
- Der Lobgesang der Maria (Magnificat): Marias Antwort auf die Botschaft des Engels Gabriel.
- Der Lobgesang des Zacharias (Benedictus): Zacharias' Lobpreis nach der Geburt seines Sohnes Johannes des Täufers.
- Der Lobgesang des Simeon (Nunc dimittis): Simeons Worte, als er das Jesuskind im Tempel sieht.
Häufig gestellte Fragen zum Lukasevangelium
Was ist das Besondere am Lukasevangelium im Vergleich zu den anderen Evangelien?
Das Lukasevangelium zeichnet sich durch seine Betonung der Heilsgeschichte, die Rolle des Autors als „erster christlicher Historiker“ und seine einzigartigen Erzählungen aus. Es legt besonderen Wert auf soziale Gerechtigkeit, die Rolle der Frauen und das Gebet. Zudem thematisiert es als erstes Evangelium explizit die Parusieverzögerung und bietet eine detaillierte Kindheitsgeschichte Jesu sowie einzigartige Gleichnisse und Heilungsberichte.
Warum wird Lukas oft als Arzt bezeichnet?
Lukas wird in Kolosser 4,14 als „der Arzt“ bezeichnet. Dies wird oft mit der detaillierten und einfühlsamen Beschreibung von Heilungsgeschichten im Evangelium in Verbindung gebracht. Die Häufigkeit medizinischer Begriffe und das Verständnis für körperliche und seelische Heilung in seinen Schriften untermauern diese Zuschreibung.
Was ist das „lukanische Doppelwerk“?
Das „lukanische Doppelwerk“ bezeichnet die literarische und theologische Einheit des Lukasevangeliums und der Apostelgeschichte. Beide Bücher wurden vom selben Autor verfasst und erzählen die Geschichte von Jesus bis zur Ausbreitung des Evangeliums in der gesamten Welt durch die Apostel. Sie bilden eine kontinuierliche Erzählung der Heilsgeschichte.
Welche berühmten Gleichnisse finden sich nur im Lukasevangelium?
Das Lukasevangelium enthält mehrere exklusive und berühmte Gleichnisse, die tiefgreifende theologische und ethische Botschaften vermitteln. Dazu gehören das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das Gleichnis vom verlorenen Sohn, das Gleichnis vom klugen Verwalter, das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner, und das Gleichnis von der verlorenen Drachme. Diese Gleichnisse sind für ihre Menschlichkeit und ihren Fokus auf Gnade und Umkehr bekannt.
Wann wurde das Lukasevangelium geschrieben?
Die Datierung des Lukasevangeliums ist in der Forschung umstritten. Die vorherrschende Meinung in der historisch-kritischen Forschung datiert es auf etwa 70-90 n. Chr., oft mit der Annahme, dass der Autor bereits auf die Zerstörung Jerusalems (70 n. Chr.) zurückblickt. Eine alternative, konservativere Ansicht tendiert zu einer früheren Datierung um 60 n. Chr., gestützt auf das Fehlen von Hinweisen auf wichtige Märtyrertode (wie die von Petrus und Paulus) in der Apostelgeschichte, die für das Thema des Werkes relevant gewesen wären.
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