Wie wirkt sich das Evangelium auf das Verhalten aus?

Die Tiefen der Heiligen Schrift Entdecken

05/12/2022

Rating: 4.9 (4325 votes)

Die Heilige Schrift ist ein unerschöpflicher Brunnen der Weisheit und des Verständnisses. Doch so klar und einfach manche ihrer Botschaften erscheinen mögen, so tiefgründig und vielschichtig sind andere. Oftmals erfordert die wahre Bedeutung biblischer Passagen eine sorgfältige Betrachtung des historischen, sprachlichen und theologischen Kontextes. Zwei scheinbar unterschiedliche Fragen – die nach der Identität von Jesu 'Brüdern und Schwestern' und die nach der Zusammensetzung eines bestimmten Evangeliumstextes – können uns auf eine Reise mitnehmen, die unser Verständnis von Jesus, seiner Familie und seiner zentralen Botschaft vertieft. Diese Reise offenbart nicht nur alte Wahrheiten, sondern zeigt auch, wie relevant sie für unser Leben heute noch sind.

Was sagt die Bibel über Martha?
Mt 6,33: „Trachtet vielmehr zuerst nach seinem Reich und seiner Gerechtigkeit, dann wird euch das alles dazugegeben werden.“ Martha war zu sehr besorgt um das Essen, statt um die Gemeinschaft mit Jesus. Sie war zu sehr aufgabenorientiert, statt menschenorientiert. Vielleicht suchte sie Lob und Anerkennung und erntete gerade das Gegenteil.
Inhaltsverzeichnis

Wer sind Jesu 'Brüder und Schwestern'? Eine biblisch-sprachliche und theologische Untersuchung

Die Evangelien erwähnen mehrfach 'Brüder' und 'Schwestern' Jesu (Mk 6,1 EU, Joh 7,5 EU). Dies hat über die Jahrhunderte hinweg zu intensiven Diskussionen und unterschiedlichen Interpretationen innerhalb der christlichen Konfessionen geführt. Die Kernfrage lautet: Handelt es sich hierbei um leibliche Geschwister, also Kinder von Maria und Josef, oder um andere nahe Verwandte?

Sprachwissenschaftliche Analysen: Die Bedeutung von ἀδελφοί

Für die korrekte Auslegung dieser biblischen Stellen ist ein Blick auf die verwendeten Sprachen unerlässlich. Das Neue Testament wurde im Griechischen verfasst, und das verwendete Wort für 'Bruder' ist ἀδελφός (adelphos), im Plural ἀδελφοί (adelphoi). Dieses Wort besitzt eine breitere Bedeutung als das deutsche 'Bruder'.

  • Im Griechischen außerhalb des Neuen Testaments kann ἀδελφός sowohl 'leibliche Geschwister' als auch 'nähere Verwandte' (wie Cousins oder Neffen), 'Berufsgenossen', 'Glaubensbrüder', 'Freunde' oder 'Mitmenschen' bezeichnen.
  • Die von Jesus und seinen Jüngern gesprochene Sprache war Aramäisch, und die gelesene Schrift war Hebräisch. Das hebräische Wort אח (ˈach), das die Septuaginta (die griechische Übersetzung des Alten Testaments) oft mit ἀδελφός übersetzt, hat ebenfalls eine weite Bedeutung. Es bezeichnet nicht nur einen leiblichen Bruder, sondern auch weitere Verwandte (Neffen, Cousins) und später sogar 'Volksgenossen'.
  • Es wurde oft behauptet, dass es im Hebräischen und Aramäischen kein eigenes Wort für 'Cousin' gäbe. Dies ist jedoch nicht ganz korrekt. Ein Cousin kann im Hebräischen als 'ben dod' (Sohn des Onkels) bezeichnet werden. Interessanterweise übersetzt die Septuaginta an mehreren Stellen אח wörtlich mit ἀδελφός, selbst wenn der Kontext klar auf einen Neffen oder Cousin hinweist (z.B. in 1 Chr 24,21ff EU, wo die Töchter von Eleasar ihre 'Brüder' heiraten, die Söhne von Kisch sind – also Cousins). Obwohl das Griechische eigene Wörter für 'Cousin' oder 'Neffe' kennt, wurde ἀδελφός in solchen Fällen dennoch gewählt.

Im Neuen Testament selbst zeigt der Kontext, dass ἀδελφός verschiedene Bedeutungen annehmen kann:

  • Männliche Blutsverwandte: (Mk 6,1 EU, Joh 7,5 EU)
  • Volksgenossen: (Röm 9,3 EU)
  • Glaubensgenossen: (1 Kor 15,58 EU, 1 Joh 3,16 EU)

Ein weiteres Beispiel aus dem NT, das die Breite des Begriffs verdeutlicht, ist Mk 6,17 EU, wo Philippus als 'Bruder' des Herodes bezeichnet wird, obwohl er nur sein Halbbruder ist. Auch Joh 19,25 EU erwähnt, dass neben Jesu Mutter auch 'ihre Schwester Maria' stand. Es ist zwar selten, aber nicht ausgeschlossen, dass zwei leibliche Schwestern denselben Namen tragen. Die sprachliche Vielfalt und der breite Gebrauch des Begriffs 'ἀδελφός' lassen also Raum für verschiedene Interpretationen.

Altkirchliche Tradition und Konfessionelle Positionen

Die Frage nach Jesu Geschwistern ist seit den Anfängen des Christentums Gegenstand theologischer Debatten. Die altkirchliche Tradition und die großen Konfessionen haben unterschiedliche Positionen entwickelt:

KonfessionPosition zu Jesu 'Geschwistern'Begründung / Theologische Implikation
Katholische KircheKinder Josefs aus erster Ehe oder Cousins/Cousinen Jesu.Festhalten an der immerwährenden Jungfräulichkeit Marias (Dogma seit dem 19. Jahrhundert). Maria hatte keine weiteren leiblichen Kinder nach Jesus. Die 'Geschwister' sind demnach Stiefgeschwister oder Cousins/Cousinen.
Orthodoxe KirchenKinder Josefs aus erster Ehe (Stiefgeschwister Jesu).Ähnlich der katholischen Position, Festhalten an der Jungfräulichkeit Marias. Josef wird oft als älterer Witwer dargestellt, der bereits Kinder hatte.
Evangelische/Protestantische KirchenOft als leibliche Kinder Josefs und Marias angesehen.Viele Theologen interpretieren die biblischen Stellen wörtlich als leibliche Geschwister. Das Thema hat hier jedoch keine dogmatische Relevanz, da keine anderen Lehraussagen davon abhängen. Die Reformatoren folgten anfangs teilweise noch der traditionellen Position, doch die moderne evangelische Theologie neigt zur Annahme leiblicher Geschwister.

Diese unterschiedlichen Interpretationen zeigen, wie wichtig es ist, den historischen und theologischen Hintergrund zu verstehen, um biblische Texte richtig einzuordnen. Es geht nicht nur um eine sprachliche Definition, sondern auch um tief verwurzelte Glaubensüberzeugungen.

Das Evangelium von heute: Lukas' programmatische Botschaft

Ein weiterer faszinierender Aspekt biblischer Texte ist ihre oft kunstvolle Struktur und die tiefere Absicht, die dahintersteckt. Das heutige Evangelium, das aus zwei scheinbar unzusammenhängenden Teilen besteht (Lukas 1,1-4 und Lukas 4,14-21), ist ein hervorragendes Beispiel dafür. Es ist kein Zufall, dass diese beiden Abschnitte miteinander verknüpft sind, sondern eine bewusste theologische Entscheidung des Evangelisten Lukas.

Lukas' Vorwort: Ziel und Methode

Der erste Teil des Evangeliums (Lk 1,1-4) ist das Vorwort, das Lukas an einen hochverehrten Theophilus (Gottlieb) richtet. Es ist ein brillanter, kunstvoller Satz in klassischem Griechisch und offenbart Lukas' Motivation und seine Arbeitsweise:

  • Lukas hat alles von Anfang an sorgfältig recherchiert und den Augenzeugenberichten sowie anderen Überlieferungen kritisch nachgegangen.
  • Sein Ziel ist es, eine zuverlässige und geordnete Erzählung der Ereignisse im Leben Jesu zu verfassen.
  • Er möchte Theophilus – und durch ihn alle Leser – im Glauben bestärken und von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen, in der sie unterwiesen wurden.

Lukas präsentiert sich hier als Historiker und Theologe zugleich, der Wert auf Glaubwürdigkeit und eine fundierte Darstellung legt.

Jesu Antrittsrede in Nazareth: Der Kern seiner Sendung

Der zweite Teil des Evangeliums (Lk 4,14-21) ist ein Schlüsseltext, der den Inhalt des gesamten Lukas-Evangeliums zusammenfasst und Jesu Botschaft, sein Selbstverständnis und seine Sendung auf den Punkt bringt. Lukas lässt das öffentliche Wirken Jesu bewusst mit dieser Szene in seiner Heimatstadt Nazareth beginnen.

Jesus liest in der Synagoge aus der Buchrolle des Propheten Jesaja vor (Jes 61,1-2) und wendet diese Worte dann auf sich selbst an:

„Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“

Nach dem Vorlesen schließt Jesus die Rolle und verkündet eine kurze, aber epochale Botschaft: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“

Die ungeheure Bedeutung des Wortes „Heute“

Dieses eine Wort – „Heute“ – ist von immenser theologischer Bedeutung. Es ist kein „Heute“ der Vergangenheit, kein „Schnee von gestern“, sondern ein „Heute“, das die Zeit transzendiert und uns direkt anspricht. Es bedeutet, dass Gottes Heilshandeln nicht nur in der Vergangenheit liegt, sondern in diesem Moment, in der Gegenwart, wirksam wird und sich erfüllt. Lukas betont dieses „Heute“ an mehreren entscheidenden Stellen seines Evangeliums:

  • Geburt Jesu: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren“ (Lk 2,11).
  • Zachäus: „Heute ist diesem Hause Heil widerfahren“ (Lk 19,9), als Jesus bei einem Sünder einkehrt.
  • Kreuzigung: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein“ (Lk 23,43), die Zusage an den reumütigen Verbrecher.

Jesu Botschaft ist keine ferne Prophezeiung, sondern eine gegenwärtige Wirklichkeit, die das Leben der Menschen unmittelbar berührt und verändert. Sein Anspruch, das jesajanische Wort von der Befreiung und Heilung heute zu erfüllen, löst damals in der Synagoge einen Tumult aus – ein Skandal für seine Landsleute, die seine Autorität nicht anerkennen wollten.

Die Frohbotschaft der Gnade: Die Auslassung des „Tages der Vergeltung“

Ein besonders aufschlussreiches Detail in Lukas' Wiedergabe des Jesaja-Zitats ist eine bewusste Auslassung. Im Originaltext bei Jesaja 61,2 heißt es: „[...] und einen Tag der Vergeltung unseres Gottes.“ Jesus, so Lukas, lässt diesen Teil schlichtweg weg. Dies ist kein Zufall, sondern eine programmatische Aussage über das Jesus-Bild, das Lukas seinen Lesern vermitteln will.

Durch diese Auslassung rückt Jesus – und mit ihm Lukas – die Gnade Gottes ins Zentrum seiner Botschaft. Es geht Gott in Jesus Christus nicht um Vergeltung oder Rache, sondern um Vergebung. Es geht nicht um Abrechnung und Bestrafung, sondern um Rettung, Segen und Heil. Das Evangelium ist keine Droh-Botschaft, die einschüchtern oder Druck machen will. Es ist eine Frohbotschaft, die befreien, aufrichten und froh machen soll. Sie ist eine Einladung, Gottes übereiche Güte und sein Erbarmen anzunehmen.

Was ist die Erzählung von Marta und Maria?
16. Sonntag im Jahreskreis Lesejahr C 1. Hinführung Die Erzählung von Marta und Maria ist im Lukasevangelium eingeordnet in den Lernweg der Jünger und Jüngerinnen Jesu, auf dem sie lernen, in seinem Geist zu leben. Die Erzählung ist sehr bekannt – vielleicht zu bekannt.

Die Relevanz biblischer Auslegung für unseren Glauben

Die detaillierte Auseinandersetzung mit biblischen Texten, sei es die sprachliche Nuance eines Wortes wie 'Bruder' oder die sorgfältige Analyse der Komposition eines Evangeliumsabschnitts, ist von entscheidender Bedeutung für unseren Glauben. Sie hilft uns, Missverständnisse zu vermeiden, die Tiefe und Komplexität der göttlichen Offenbarung zu erkennen und die Botschaft der Bibel in ihrer ursprünglichen Kraft zu erfassen.

Die Erkenntnis, dass Jesu 'Geschwister' nicht unbedingt leibliche Brüder und Schwestern sein müssen, respektiert jahrhundertealte Traditionen und theologische Positionen, während die genaue Betrachtung des Lukasevangeliums uns die zentrale Botschaft Jesu von der Gnade und der gegenwärtigen Erfüllung der Heilszeit vor Augen führt. Beide Beispiele zeigen, dass die Bibel nicht nur ein Buch der Geschichte ist, sondern ein lebendiges Wort, das uns auch heute noch anspricht und herausfordert.

Wir sind aufgerufen, uns für diese Heilsbotschaft zu öffnen, sie uns zu Herzen zu nehmen und unser Leben danach auszurichten. Das Wort Gottes soll in uns lebendig werden, uns zur Richtschnur für Denken und Handeln dienen und immer wieder neu ins Heute übersetzt werden. Es ist die Einladung, nicht nur zu hören, sondern auch zu befolgen und die Frohbotschaft der Gnade in unserem eigenen Leben wirksam werden zu lassen.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

1. Werden Jesu 'Brüder' und 'Schwestern' in der Bibel namentlich genannt?

Ja, in Mk 6,3 EU werden die Brüder Jakobus, Joses, Judas und Simon genannt. Es werden auch Schwestern erwähnt, aber nicht namentlich. Ihre genaue Beziehung zu Jesus (leibliche Geschwister, Stiefgeschwister, Cousins) ist, wie im Artikel beschrieben, Gegenstand konfessioneller Debatten.

2. Was bedeutet das 'Gnadenjahr des Herrn', das Jesus ausruft?

Der Begriff 'Gnadenjahr' (oder Jubeljahr) hat seine Wurzeln im alttestamentlichen Gesetz (Lev 25). Es war eine Zeit der Befreiung, des Schuldenerlasses und der Rückgabe von Besitz an die ursprünglichen Besitzer. Jesus nimmt diesen Begriff auf und spiritualisiert ihn. Er verkündet damit keine einmalige, zeitlich begrenzte Amnestie, sondern eine dauerhafte Zeit der Gnade und des Heils, die mit seinem Kommen und Wirken beginnt und sich durch ihn erfüllt. Es ist eine Ära der Befreiung von Sünde, Krankheit und Unterdrückung.

3. Warum hat Lukas zwei so unterschiedliche Textstücke zu einem Evangelium zusammengesetzt?

Lukas hat dies bewusst getan, um seinen Lesern einen programmatischen Einstieg in das sogenannte 'Lukasjahr' (die Reihe der Sonntagsevangelien aus Lukas) zu geben. Das Vorwort (Lk 1,1-4) erklärt seine methodische Sorgfalt und sein Ziel. Der zweite Teil (Lk 4,14-21) ist Jesu 'Antrittsrede' und fasst den Inhalt und die Schwerpunkte seines gesamten Evangeliums zusammen: die Botschaft der Befreiung, Heilung und Gnade, die sich 'heute' erfüllt.

4. Welche praktische Bedeutung hat Jesu Aussage 'Heute hat sich dieses Schriftwort erfüllt' für uns?

Diese Aussage bedeutet, dass die Botschaft der Befreiung und des Heils, die Jesus verkündete, nicht nur für die Menschen seiner Zeit galt, sondern auch für uns hier und jetzt. Gottes Gnade und sein Heil sind nicht etwas, das in der Vergangenheit stattfand oder auf die Zukunft verschoben wird, sondern sie sind in der Gegenwart durch Jesus Christus erfahrbar. Es ist eine Aufforderung, sich dem Wirken Gottes in unserem Leben 'heute' zu öffnen und die Frohbotschaft anzunehmen und zu leben.

5. Warum lässt Jesus in seiner Lesung den 'Tag der Vergeltung' weg?

Die bewusste Auslassung des 'Tages der Vergeltung' aus dem Jesaja-Zitat durch Jesus (und Lukas) ist eine zentrale theologische Aussage. Sie betont, dass Gottes primäres Anliegen in Jesus Christus nicht Rache oder Bestrafung ist, sondern Vergebung, Barmherzigkeit und Heil. Jesus kommt nicht als Richter der Vergeltung, sondern als Bringer der Gnade und des Heils. Es ist eine Betonung der bedingungslosen Liebe Gottes, die uns befreit und nicht verurteilt.

Wenn du andere Artikel ähnlich wie Die Tiefen der Heiligen Schrift Entdecken kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Glaube besuchen.

Go up