Warum ist tanzen so wichtig?

Glaube in Bewegung: Tanzen und Singen im Gebet

11/10/2021

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Wenn wir an Gebet denken, stellen wir uns oft eine ruhige, stille und andächtige Haltung vor. Es ist ein Moment der Konzentration, des Innehaltens und der Zwiesprache mit Gott. Doch wie die Beziehung zu einem geliebten Menschen darf auch unsere Verbindung zu Gott voller Leben, Dynamik und Ausdruck sein. Sie darf pulsieren, sich entfalten und alle Facetten unserer Existenz umfassen. Gerade im Kontext der kindlichen Glaubensentwicklung zeigt sich, wie bereichernd es ist, Gott nicht nur mit Worten, sondern mit dem ganzen Körper zu begegnen. Tanzen und Singen im Gebet eröffnen eine Dimension des Glaubens, die tiefgründig, befreiend und zutiefst menschlich ist.

Warum ist tanzen so wichtig?
Tanzend machen wir uns frei von Gedanken, vertrauen unserem Körper und werden getragen und geführt von inneren Melodien. Im Tanzen und Singen liegt die Chance, Gott nicht nur kognitiv zu begegnen, sondern Glauben auf allen Ebenen auszudrücken und zu erfahren. Kindern sind dieser Haltung noch sehr nahe.

Diese Art des Gebets ermöglicht es uns, Impulse, Emotionen und Gedanken auf eine Weise auszudrücken, die über die Grenzen der Sprache hinausgeht. Im Tanz spüren wir uns selbst, verbinden uns mit unserem inneren Rhythmus und erleben im Reigentanz eine tiefe Gemeinschaft und Verbundenheit. Es ist ein Weg, sich von übermäßigen Gedanken zu lösen, dem Körper zu vertrauen und sich von inneren Melodien tragen und führen zu lassen. Für Kinder, die von Natur aus offen und ausdrucksstark sind, ist dieser Zugang zum Glauben besonders intuitiv und stärkend. Er bestätigt ihr lebendiges Wesen und lädt sie ein, jeden Weg zu Gott zu erkunden.

Inhaltsverzeichnis

Die Kraft der Bewegung im Glauben

Die menschliche Erfahrung ist untrennbar mit Bewegung und Klang verbunden. Schon im Mutterleib nehmen wir Rhythmen wahr, und als Kleinkinder entdecken wir die Welt durch Bewegung und Geräusche. Es ist daher nur natürlich, dass wir auch unsere spirituellen Erfahrungen auf diese Weise ausdrücken. Wenn wir tanzen und singen, aktivieren wir nicht nur unseren Körper, sondern auch unser Herz und unsere Seele. Es ist ein ganzheitlicher Ausdruck der Verehrung, der Freude und der Hingabe.

Im Tanz können wir Gefühle ausdrücken, für die uns die Worte fehlen. Ob es die überschäumende Freude über eine Gebetserhörung ist, die tiefe Dankbarkeit für Gottes Fürsorge oder auch die Klage und der Schmerz, die wir vor Gott bringen möchten – Bewegung bietet eine authentische Ausdrucksform. Die Musik trägt unsere Emotionen, der Tanz gibt ihnen Form. Es ist eine Befreiung, sich nicht nur auf kognitive Prozesse zu beschränken, sondern den Glauben mit allen Sinnen zu erfassen.

Besonders für Kinder ist dieser Ansatz von unschätzbarem Wert. Sie lernen durch Erleben, durch Fühlen und durch Nachahmen. Ein Kind, das sich tanzend oder singend im Gebet ausdrückt, verinnerlicht die Botschaft auf einer viel tieferen Ebene, als es allein durch Zuhören oder Wiederholen von Worten möglich wäre. Es ist eine spielerische und zugleich ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Göttlichen, die ihre natürliche Neugier und ihre angeborene Freude am Ausdruck fördert. Es schafft eine positive Assoziation mit dem Glauben, die ein Leben lang halten kann.

König David als Vorbild: Ein Tanz der Hingabe

Die Bibel selbst liefert uns ein beeindruckendes Beispiel für die Kraft des Tanzes im Gottesdienst: die Geschichte von König David. Im 2. Buch Samuel Kapitel 6 wird berichtet, wie David die Bundeslade, das heiligste Zeichen der Gegenwart Gottes unter seinem Volk, nach Jerusalem bringt. Dieser Moment ist von solcher Bedeutung und Freude erfüllt, dass David nicht anders kann, als vor der Lade zu tanzen und zu springen, mit aller Kraft, die er hatte.

David, der König Israels, der Anführer seines Volkes, legt alle königliche Würde ab und gibt sich der Freude und dem Lobpreis vollkommen hin. Seine Frau Michal kritisiert ihn dafür, dass er sich vor dem Volk „lächerlich“ gemacht habe. Doch Davids Antwort ist klar und unmissverständlich: „Vor dem HERRN will ich tanzen und mich erniedrigen, und noch niedriger will ich sein als jetzt, und ich will gering sein in meinen Augen. Aber bei den Mägden, von denen du gesprochen hast, bei denen will ich zu Ehren kommen.“ (2. Sam 6,21-22). David war von Kopf bis Fuß von Gott begeistert und scheute sich nicht, dies mit seinem ganzen Körper zu zeigen. Seine Hingabe war so groß, dass die Meinung anderer für ihn bedeutungslos wurde.

Diese Geschichte ist eine Ermutigung für uns alle, insbesondere für Eltern und Pädagogen, die Kinder im Glauben begleiten: Die Beziehung zu Gott darf und soll eine Beziehung der ungehemmten Freude und des echten Ausdrucks sein. Wenn ein König wie David seine Würde ablegen konnte, um Gott zu preisen, dann dürfen auch wir uns erlauben, uns im Gebet zu bewegen, zu singen und zu tanzen, ganz gleich, wie es auf andere wirken mag. Es geht um die aufrichtige Herzenshaltung vor Gott.

Praktische Ideen für eine lebendige Gebetszeit: Die Schatzzeit

Die „Schatzzeit“ ist ein wunderbares Konzept, um Kindern unter sechs Jahren eine lebendige und erfahrbare Gebetszeit zu ermöglichen. Sie verbindet Bewegung, Musik, Geschichten und Rituale zu einem unvergesslichen Erlebnis. Hier ist eine detaillierte Anleitung, basierend auf dem bereitgestellten Material:

Benötigtes Material:

  • Eine Runddecke (zum Sammeln der Kinder)
  • Eine kleine Schachtel, golden verpackt (Symbol für die Bundeslade)
  • Eine Königsfigur (für König David)
  • Bausteine (für die Stadt Jerusalem)
  • Instrumente (Rasseln, Schellen, kleine Trommeln – für den Festzug)
  • Ein goldenes oder samtenes Tuch (als Unterlage für die Bundeslade)
  • Bänder und Glöckchen für Fußbänder (zum Basteln und Tanzen)
  • Optional: Eine Anleitungs-PDF (falls vorhanden, für weitere Details)

Ablauf der Schatzzeit:

  1. Anfangsritual – Im Kreis versammeln:
    Alle Kinder finden sich in einem Kreis ein. Die Gruppenleitung kann die Runddecke verwenden, um die Kinder sanft „einzusammeln“, indem sie die Decke hochhebt und die Kinder darunter versammelt. Sobald alle beisammen sind, wird die Decke leise im Kreis abgelegt. Dies schafft einen geschützten Raum und signalisiert den Beginn der gemeinsamen Zeit.

    Gebetsgesten des Anfangs:

    • „Hallo lieber Gott, ich bin hier!“ (Kinder winken nach oben)
    • „Ich verbring jetzt Zeit mit dir.“ (Kinder umarmen sich)
    • „Ganz fest glaub ich an dich“ (Kinder legen ihre Hände auf das Herz)
    • „und vertrau darauf: Du begleitest mich.“ (Kinder machen Geh-Bewegungen auf dem Platz)
    • „Danken, Bitten, Klagen,“ (Kinder falten ihre Hände)
    • „ich kann dir einfach alles sagen.“ (Kinder öffnen die Hände zu einer Schale und bewegen die Hände nach oben)
    • „Ich sprech mit dir, und du hörst mich“ (Kinder deuten auf sich und dann nach oben)
    • „und wenn ich still bin, höre ich auch dich.“ (Kinder legen einen Finger auf den Mund)
    • „Unser Schatz ist die gemeinsame Zeit.“ (Kinder formen ein Herz)
    • „Für die bin ich / sind wir jetzt bereit.“ (Kinder geben sich die Hände)
  2. Die Geschichte von König David und der Bundeslade:
    Die Gruppenleitung (GL) beginnt die Erzählung und stellt die Königsfigur in die Mitte, um König David darzustellen. Mit Bausteinen wird eine kleine Stadt Jerusalem aufgebaut. Die GL erklärt Davids Liebe zu Gott und seinen Wunsch, diese Liebe auch seinem Volk zu zeigen, indem er die Bundeslade nach Jerusalem holt. Die goldene Schachtel (Bundeslade) wird vorsichtig von Kind zu Kind weitergereicht, um ihre Kostbarkeit zu verdeutlichen.
  3. Der Festzug und Davids Tanz:
    Ein Kind wird ausgewählt, die „Bundeslade“ feierlich zu tragen. Andere Kinder erhalten Instrumente (Rasseln, Schellen, Trommeln) und begleiten den Zug musikalisch. Dies schafft eine lebendige und fröhliche Atmosphäre. Die Bundeslade wird schließlich in die Mitte der Stadt auf das goldene Tuch gelegt. Nun kommt der Höhepunkt: Die GL erzählt, wie König David vor lauter Freude tanzt. Ein Kind erhält ein Fußband mit Glöckchen und darf stellvertretend für David vor der Lade tanzen. Die Kinder können reihum wechseln, um die Bewegung mit dem ganzen Körper zu erleben. Die Szene mit Davids Frau Michal, die ihn kritisiert, und Davids standhafter Antwort, unterstreicht die Botschaft von der Authentizität des Gebets.
  4. Deutung und gemeinsamer Tanz:
    Die GL fasst zusammen, wie wichtig es für König David war, seine Beziehung zu Gott mit dem ganzen Körper auszudrücken. Anschließend sind alle Kinder eingeladen, gemeinsam für Gott zu tanzen und zu singen. Ein einfacher Liedtext wie „Wir singen alle hallelu, hallelu, hallelu, wir singen alle hallelu, halleluja“ eignet sich hervorragend. Die Kinder können dabei stampfen, klatschen, schnalzen – alles, was ihnen einfällt, um ihre Freude auszudrücken. Dieser gemeinsame Reigentanz stärkt das Gefühl der Gemeinschaft und des gemeinsamen Lobpreises.
  5. Erinnerung und Kreativität:
    Als Andenken an diese besondere Stunde dürfen sich die Kinder eigene Fußbänder mit kleinen Glöckchen basteln. Dies vertieft die Erfahrung und gibt ihnen etwas Bleibendes mit nach Hause, das sie an die Freude am Tanzen und Singen für Gott erinnert.
  6. Schlussritual – Segen und Abschied:
    Alle Kinder stellen sich wieder in einen Kreis für das Abschlussgebet.

    Gebetsgesten des Abschlusses:

    • „Lieber Gott, ich bitte dich:“ (Kinder falten ihre Hände)
    • „Sei du mir nahe, schau auf mich!“ (Kinder legen ihre Hände aufs Herz)
    • „Du verstehst, wie es mir geht,“ (Kinder deuten mit ihrem Finger an die Stirn)
    • „drum spreche ich zu dir in diesem Gebet:“ (Kinder öffnen die Hände zu einer Schale und bewegen die Hände nach oben)
    • „Gib mir Kraft für mein Leben,“ (Kinder zeigen ihre Muskeln)
    • „lass mich nicht allein und schenk mir deinen Segen!“ (Alle Kinder nehmen sich an der Hand und drücken die Hand des anderen Kindes)

Die Bedeutung ganzheitlicher Gebetserfahrung

Die Schatzzeit ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Gebet über das rein Kognitive hinausgehen kann. Es ist eine Erfahrung, die alle Sinne anspricht und somit eine tiefere Verankerung im Gedächtnis und im Herzen der Kinder findet. Wenn Kinder ihren Körper im Lobpreis einsetzen dürfen, lernen sie nicht nur etwas über Gott, sondern erfahren Gott auf eine unmittelbare und persönliche Weise. Sie erleben, dass Glaube lebendig ist, dass er Freude bereiten darf und dass sie mit all ihren Emotionen und ihrer Energie vor Gott treten dürfen.

Diese Art der Gebetspraxis fördert zudem wichtige Fähigkeiten: die Körperwahrnehmung, den rhythmischen Sinn, die musikalische Entwicklung und die soziale Gemeinschaft. Kinder lernen, sich auszudrücken, zuzuhören und gemeinsam etwas zu gestalten. Es ist eine wertvolle Vorbereitung auf ein Leben, in dem der Glaube nicht nur eine Reihe von Regeln oder Überzeugungen ist, sondern eine pulsierende, persönliche Beziehung, die in jedem Lebensbereich Ausdruck finden darf.

Aspekt des GebetsTraditionell (stilles Gebet)Expressiv (Tanzen & Singen)
FokusKognition, Reflektion, innere EinkehrKörper, Emotion, Sinn, Bewegung
AusdrucksformWorte, Gedanken, SchweigenBewegung, Klang, Gestik, Mimik
ZielgruppeAlle Altersgruppen, oft ErwachseneBesonders Kinder, aber bereichernd für alle
ErfahrungInnerlich, ruhig, kontemplativDynamisch, erfahrbar, interaktiv
GemeinschaftOft individuell, aber auch in GruppenStark gemeinschaftsbildend, synchronisierend
LernweiseVerstehen, NachdenkenErleben, Fühlen, Imitieren

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Warum ist Tanzen und Singen im Gebet so wichtig für Kinder?

Kinder lernen und erfahren die Welt primär über ihre Sinne und ihren Körper. Tanzen und Singen ermöglichen es ihnen, Emotionen auszudrücken, Energie abzubauen und eine tiefe, ganzheitliche Verbindung zu spirituellen Konzepten herzustellen, die für sie sonst abstrakt bleiben könnten. Es fördert ihre natürliche Ausdrucksfreude und schafft positive, bleibende Erinnerungen an den Glauben.

Ist es angemessen, laut und bewegt vor Gott zu sein?

Absolut! Die Bibel zeigt uns Beispiele wie König David, der vor Freude tanzte, oder die Psalmen, die zum Lobpreis mit Posaunen, Harfen und Pauken aufrufen. Gebet ist nicht auf eine einzige Form beschränkt. Gott freut sich über unseren authentischen Ausdruck, sei er still und besinnlich oder laut und voller Bewegung.

Wie kann ich solche Gebetszeiten zu Hause mit meinem Kind gestalten, wenn ich keine Gruppe habe?

Die vorgestellte Schatzzeit kann leicht angepasst werden. Verwenden Sie eine Decke, um einen gemütlichen Kreis zu schaffen. Erzählen Sie die Geschichte von David mit einfachen Figuren oder Stofftieren. Lassen Sie Ihr Kind mit Rasseln oder selbstgemachten Instrumenten (z.B. Reis in einer Dose) den Festzug begleiten. Spielen Sie fröhliche, religiöse Lieder ab und tanzen Sie gemeinsam. Wichtig ist die Freude am gemeinsamen Erleben.

Welche Altersgruppe profitiert am meisten von dieser Art des Gebets?

Besonders Kinder unter sechs Jahren profitieren enorm, da ihr natürlicher Drang nach Bewegung und Ausdruck noch sehr stark ist. Aber auch ältere Kinder und sogar Erwachsene können durch expressive Gebetsformen eine neue Tiefe und Freude in ihrer Gottesbeziehung entdecken. Es geht darum, die eigenen Hemmungen abzulegen und sich dem Moment hinzugeben.

Was tun, wenn mein Kind schüchtern ist und nicht tanzen oder singen möchte?

Drängen Sie Ihr Kind nicht. Bieten Sie die Möglichkeit an und leben Sie es selbst vor. Manchmal reicht es schon, wenn das Kind nur zuschaut oder leicht mitwippt. Mit der Zeit und durch das Beobachten der Freude der anderen wird es vielleicht mutiger. Der Fokus liegt nicht auf der Perfektion der Bewegung, sondern auf der freiwilligen Teilnahme und dem inneren Gefühl der Freude.

Gibt es auch ruhige Momente in einer solchen Schatzzeit?

Ja, unbedingt. Die Schatzzeit beginnt und endet mit ruhigen Ritualen. Auch während der Geschichte gibt es Momente des Zuhörens und des Innehaltens. Der Wechsel zwischen dynamischen und ruhigen Phasen ist wichtig, um die Aufmerksamkeit der Kinder zu halten und verschiedene Aspekte des Gebets zu erleben.

Die Einführung von Tanzen und Singen in unsere Gebetspraxis, insbesondere mit Kindern, ist ein Akt der Befreiung und der Bereicherung. Es erinnert uns daran, dass Glaube nicht nur ein intellektuelles Konzept ist, sondern eine lebendige, atmende Beziehung, die mit dem ganzen Sein gelebt werden darf. Es ist eine Einladung, Gott mit jeder Faser unseres Körpers zu loben, zu danken und zu vertrauen. Möge diese Erkenntnis uns alle ermutigen, unsere Gebetszeiten mit mehr Freude, Bewegung und Klang zu füllen, um eine tiefere und erfülltere Verbindung zu unserem Schöpfer zu erfahren.

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