Was gehört zu Taufgottesdiensten?

Kindersegen: Glaube und Vertrauen

18/06/2025

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In der festlichen Zeit um Weihnachten, aber auch bei Taufgottesdiensten und Familiengottesdiensten das ganze Jahr über, gibt es einen biblischen Text, der immer wieder aufs Neue berührt und zum Nachdenken anregt: das sogenannte Kinderevangelium aus Markus 10,13-16 (sowie Matthäus 19,13-15 und Lukas 18,15-17). Diese lebendige und vertrauensvolle Geschichte ist untrennbar mit der Atmosphäre dieser Gottesdienste verbunden und wirft eine zentrale Frage auf: Was bedeutet es wirklich, wenn Jesus sagt: „Lasst die Kinder zu mir kommen“?

Inhaltsverzeichnis

Die zeitlose Botschaft: „Lasst die Kinder zu mir kommen!“

Kinder besitzen eine einzigartige Qualität. Sie sind klein, bedürftig und noch unberührt von den komplexen Geschäften und den oft prägenden Erfahrungen der Erwachsenenwelt. Ihre ungebändigte Freude am Entdecken, ihr tiefes Vertrauen und ihre Offenheit machen sie zu etwas ganz Besonderem. Genau diese Eigenschaften sind es, die Jesus hervorhebt, wenn er seine Jüngerinnen und Jünger zurechtweist, die die Kinder von ihm fernhalten wollten. „Lasst die Kinder zu mir kommen! Nur wer Gottes Reich wie ein Kind aufnimmt, wird dort hineingelangen.“ Diese Worte Jesu sind eine Mahnung und gleichzeitig eine Einladung, unsere eigene Haltung zu überprüfen.

Was ist der Kinderglaube?
Es ist nie zu früh, die Kinder zu Jesus zu bringen. Nie-mals ist ein Mensch so offen für das Reich Gottes, für Jesus und den Glauben, wie der Kindheit. Der Kinderglaube ist etwas ganz Selbstverständliches und Natürliches. Kein Kind zweifelt an Gott oder wehrt sich da-gegen, von Gott zu hören oder zu Gott zu beten.

Oft wird in Predigten zum Kinderevangelium betont, dass wir wie Kinder werden sollen, um Gott nahe zu sein. Doch dieser Gedanke kann bei Erwachsenen Unbehagen hervorrufen. Ist es nicht unsere Bestimmung, zu reifen, Verantwortung zu übernehmen und für unsere Taten und Gedanken einzustehen? Wir streben danach, in unserem Glauben erwachsen zu sein. Zugleich existiert in uns allen die Sehnsucht nach dem „Kind in uns“ – die Lust am Spielen, am Entdecken, das Wissen um Verletzlichkeit und die Sehnsucht nach Schutz. Diese innere Spannung macht die Botschaft des Kinderevangeliums so relevant.

Kinder als Vorbild im Glauben? Eine kritische Betrachtung

Die Vorstellung von Kindheit als einem kleinen Paradies mag für viele Kinder zutreffen, doch sie ist oft eine Idealvorstellung. Wie viele Kinder sind bereits in jungen Jahren durch Verletzungen, Missbrauch und Ablehnung gezeichnet? Wie viele kämpfen täglich mit ihren Eltern ums Überleben, sei es in armen Ländern oder auch in wohlhabenden Gesellschaften, wo Millionen von Kindern von Einkommensarmut betroffen sind? Diese Realität zeigt, dass ein idealisiertes Bild von Kindern nicht immer der Wahrheit entspricht.

Betrachten wir die Perspektiven auf den Glauben, ergeben sich interessante Unterschiede:

Erwachsenenperspektive im GlaubenKindliche Haltung im Glauben
Glaube als bewusste Entscheidung und intellektuelles VerständnisGlaube als natürliche Annahme und unhinterfragtes Vertrauen
Streben nach Sicherheit, Kontrolle und RationalitätOffenheit für Wunder und das Unbegreifliche
Sorge um Verantwortung, Leistung und gesellschaftliche StellungUnschuld, Spontanität und das Fehlen von Vorurteilen
Hinterfragen, Zweifeln und Suchen nach BeweisenBereitschaft zur Hingabe und zum Staunen
Glaube als moralische Verpflichtung und RegelwerkGlaube als unbedingte Liebe und Zugehörigkeit

Wie so oft entpuppt sich ein oft gehörter Bibeltext beim näheren Hinsehen als sperriger als zunächst angenommen. Es lohnt sich also, noch einmal genauer in den Text zu sehen und seine ursprüngliche Bedeutung zu erforschen.

Der tiefere Sinn der Begegnung: Heilung und Würde

„Lasst die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht daran, denn sie gehören zu Gottes Reich!“ Im Markusevangelium ist diese Begegnung Jesu mit den Kindern eingebettet in Gespräche über das Miteinanderleben, Ehescheidung und ewiges Leben. Mitten in diesen theologischen Diskussionen bringen Dorfbewohner Kinder zu Jesus, damit er sie berühre. Was in unserer heutigen Interpretation schnell mit der Taufe gleichgesetzt wird, hatte damals einen anderen Kontext. Wenn Jesus Menschen berührte, dann heilte er sie. Menschen gewannen neue Kraft, konnten ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen, auf eigenen Füßen stehen und wurden aus Verstrickungen befreit, die oft mit dem Bild böser Geister beschrieben wurden. Jesus berührt Menschen, um das in ihnen zu heilen, was zerbrochen und verletzt war.

Die Leute aus dem Dorf, die sich verantwortlich fühlen, bringen Kinder zu Jesus, die der Heilung bedürfen. Der Text sagt uns nichts über ihre Herkunft oder Zugehörigkeit. Doch wir wissen etwas über die Situation der Kinder zur Zeit Jesu. In jüdischen Familien genossen Kinder eine besondere Sorge; sie waren die Träger der Verheißung Gottes und die Zukunft des Gottesvolks. Doch diese Sorge war vielen Eltern in der damaligen Zeit, insbesondere im römischen Imperium, extrem schwer. Viele fanden keine Arbeit, um ihre Familien zu ernähren, wurden durch überhöhte Abgaben verschuldet, Familien wurden auseinandergerissen. Kinder lebten auf der Straße, wurden selbst zu Sklaven, mussten sich prostituieren oder schwere Arbeit verrichten. Es waren oft diese Kinder, um die sich die Dorfbewohner kümmerten. Sie sollten von Jesus berührt werden, um ihre Würde zurückzuerhalten, um das zu heilen, was in ihnen zerbrochen war.

Die Rolle der Jünger und der Dorfbewohner

Die Dorfbewohner handelten, weil sie hingeschaut hatten. Die Jüngerinnen und Jünger schauten ebenfalls hin und handelten – aber ganz anders. Sie „herrschten sie an“, heißt es im Text. Dies ist erstaunlich, da sie Jesu Wirken aus nächster Nähe kannten und wussten, dass Kinder in der jüdischen Tradition ein Segen sind und ihnen selbst in größter Not Sorge galt. Doch so ist es oft – nicht nur bei den Jüngern, sondern auch bei uns. Wir wissen es eigentlich besser und tun doch etwas anderes. Das, was im wahrsten Sinne des Wortes notwendig wäre, sehen wir nicht. Hier können wir von den Jüngern lernen: Auch sie, die Jesus so nahe waren und die Frohe Botschaft bestens kannten, verloren manchmal den Blick für das Wesentliche. Vielleicht wollten sie Jesus schützen, ihm einen Moment der Ruhe verschaffen. Vielleicht war ihnen auch selbst alles zu viel, und sie hatten in diesem Moment keine Kraft mehr, die Kinder wahrzunehmen, die der Berührung durch Jesus so bedürftig waren. Deshalb sind wir aufeinander angewiesen. Wenn uns manchmal der Blick verstellt ist, ist es gut, dass es andere gibt, wie hier die Leute aus dem Dorf, die hinsehen und aktiv werden und uns selbst den Blick wieder weiten.

Was ist der Unterschied zwischen evangelischen und katholischen Taufsprüchen?
Im Gegensatz zur katholischen Taufe sind bei der evangelischen Taufe nur Taufsprüche aus der Bibel (Psalme oder „Worte Jesu“) erlaubt. Du findest vielleicht im Internet über Google Taufsprücheseiten, wo du bei der Suche nach „evangelische Taufsprüche“ auch Sprüche findest, die dann die Pfarrerin / der Pfarrer nicht akzeptieren wird.

Was geschah nach der Berührung? Die bleibende Wirkung

Die Kinder sind bei Jesus gewesen. Sie sind zu ihm gekommen mit dem, was heilen sollte. Er hat sie berührt. Wie es mit ihnen weiterging? Das Kinderevangelium sagt uns darüber nichts. Aber vielleicht ist durch die Berührung Jesu etwas in Bewegung gekommen, was auch das Leben der Kinder weiter berührt hat. Jesus wendet sich den Kindern zu, übersieht sie nicht. Er stellt sie in den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit, und damit rückt er sie auch ins Blickfeld all derer, die da stehen und Antworten für ihr Leben von ihm erwarten. Schon da wird etwas von der heilmachenden Botschaft Gottes deutlich: Menschen werden in ihrem Schicksal sichtbar gemacht, die, bei denen wir wegsähen, weil wir ihre Situation nicht ertragen, keine Lösungen für ihr Schicksal haben, stehen hier im Mittelpunkt – als geliebte Kinder Gottes.

Und die Umstehenden – ließen sie sich auch berühren? Ich stelle mir die Jünger und Jüngerinnen vor, die auf einmal merken, was sie da taten, als sie die Kinder wegschicken wollten. Vielleicht erkennen sie hier ein weiteres Mal, wie umfassend Jesus unsere gewohnten Lebenseinstellungen infrage stellt und Neues aufbricht. Und die anderen? Da sind ja die Leute, die die Kinder zu Jesus gebracht haben. Vielleicht schaffen sie es alleine nicht, für diejenigen mitzusorgen, die keine Eltern mehr haben. Aber mit denen, die da standen? Vielleicht bildet sich da eine Gemeinschaft, die es schafft, das, was sie zum Leben haben an Essen und Trinken, aber auch an Wärme und Zuneigung, zu teilen. Und vielleicht entsteht so ein Zuhause für die, die keines mehr haben.

Der Text lässt all das offen. Aber eigentlich kann es doch gar nicht anders sein. Und so werden wir eingeladen, selbst Bilder für das Geschehene zu finden. Und diese Bilder wirken auch in unsere Gegenwart, werden Hoffnungsbilder, können unser Handeln bestimmen. So kann es sein, wenn wir ernst machen mit Gottes Liebe, so kann es werden, wenn wir hinschauen, uns berühren lassen.

„Nur wer Gottes Reich wie ein Kind aufnimmt“: Eine Neudefinition

Es geht nicht darum, zu werden wie die Kinder, um Gott nahe zu sein. Es geht darum, Gott anzunehmen wie eines dieser Kinder, die Jesus berührte. In seinem Handeln und seinen Worten an die Umstehenden zeigt Jesus uns das, wozu uns die Jahreslosung für das vor uns liegende Jahr einlädt: „Nehmet einander an wie Christus uns angenommen hat zu Gottes Lob.“ Gott lässt sich in denen finden, die klein und schutzlos sind, denen das Nötigste zum Leben fehlt. Gott will sich in denen finden lassen, denen Recht geschaffen werden muss, die nicht wahrgenommen werden. Gott lässt sich im Kleinen, Unscheinbaren finden, um es in unser Blickfeld zu holen, damit es Bedeutung für uns und unser Handeln gewinnt.

Gott finden im Kleinen und Verletzlichen

Einander annehmen, wie Christus uns angenommen hat – damit geben wir Gott Raum in unserem Leben, loben wir Gott, weil wir zeigen, woran wir glauben, was unser Miteinander bestimmen soll. Es geht darum, die eigene Bedürftigkeit genauso wahrzunehmen wie die der anderen. Uns berühren lassen und anderen zu dieser Berührung verhelfen. Einen Blick haben, der hinter die Kulissen sieht und sich mit Vordergründigem nicht zufriedengibt. Und die Hoffnung nicht aufgeben auf die Gerechtigkeit, die wieder ins Lot bringt, was wir aus dem Gleichgewicht gebracht haben. Dies sind Wege, die uns das Kinderevangelium zeigt, Wege, einander anzunehmen, wie Christus uns angenommen hat, Gott zum Lob.

Der Kinderglaube: Eine natürliche Offenheit für Gott

Es ist niemals zu früh, Kinder zu Jesus zu bringen. Niemals ist ein Mensch so offen für das Reich Gottes, für Jesus und den Glauben, wie in der Kindheit. Der Kinderglaube ist etwas ganz Selbstverständliches und Natürliches. Kein Kind zweifelt an Gott oder wehrt sich dagegen, von Gott zu hören oder zu Gott zu beten. Diese natürliche Offenheit und das unbedingte Vertrauen sind eine wertvolle Ressource, die wir als Erwachsene oft wiederfinden müssen. Der Kinderglaube zeigt uns, wie einfach und direkt die Verbindung zu Gott sein kann, frei von den Komplexitäten und Zweifeln, die das Erwachsenenleben oft mit sich bringt. Er ist ein reiner, ungefilterter Glaube, der einfach annimmt, was ihm begegnet, und sich nicht von Logik oder Skepsis leiten lässt. Diese Art von Glaube ist ein Geschenk, das wir bewahren und von dem wir lernen sollten.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was ist das Kinderevangelium?

Das Kinderevangelium bezieht sich auf die biblische Geschichte, die in Markus 10,13-16, Matthäus 19,13-15 und Lukas 18,15-17 zu finden ist. Es beschreibt, wie Menschen Kinder zu Jesus bringen, damit er sie berührt. Die Jünger versuchen, die Kinder wegzuschicken, aber Jesus weist sie zurecht und sagt: „Lasst die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht daran, denn ihnen gehört das Reich Gottes.“ Er nimmt die Kinder in seine Arme, legt ihnen die Hände auf und segnet sie.

Was bedeutet die Taufe auf den Tod?
Wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, sind auf seinen Tod getauft worden. Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben.

Warum wird das Kinderevangelium oft in Taufgottesdiensten gelesen?

Es wird oft in Taufgottesdiensten gelesen, weil es die besondere Wertschätzung Jesu für Kinder hervorhebt und die Idee vermittelt, dass Kinder von Natur aus offen für Gottes Reich sind und seine bedingungslose Liebe empfangen können. Obwohl der Text nicht direkt von der Taufe spricht, wird er oft im Kontext der Aufnahme in die christliche Gemeinschaft und der Segnung von Kindern interpretiert.

Was bedeutet „Lasst die Kinder zu mir kommen“ für uns heute?

Für uns heute bedeutet dies eine Aufforderung, Offenheit, Vertrauen und eine gewisse Unvoreingenommenheit im Glauben zu entwickeln. Es ist auch eine Erinnerung daran, dass Gott sich besonders den Schwachen, Schutzlosen und Bedürftigen zuwendet. Die Botschaft ermutigt uns, Hindernisse zwischen Menschen und Gott abzubauen und eine Gemeinschaft zu schaffen, in der jeder, unabhängig von Alter oder Status, willkommen ist und seine Würde erfährt.

Ist es meine Aufgabe, wie ein Kind zu werden, um Gott nahe zu sein?

Die Botschaft ist nicht, dass wir unsere erwachsene Verantwortung ablegen und naiv werden sollen. Vielmehr geht es darum, die Qualitäten des kindlichen Glaubens – wie unbedingtes Vertrauen, Offenheit und die Fähigkeit zur bedingungslosen Annahme – in unseren erwachsenen Glauben zu integrieren. Es ist eine Einladung, Gott so anzunehmen, wie ein Kind es tut: voll Vertrauen und ohne Vorbehalte, anstatt zu versuchen, Gott durch intellektuelles Verständnis oder Leistung zu erreichen.

Was ist der Unterschied zwischen Kinderglaube und erwachsenem Glauben?

Kinderglaube ist oft intuitiv, ungefiltert und voller unbedingtem Vertrauen. Kinder zweifeln selten und nehmen Gottes Existenz als selbstverständlich an. Erwachsener Glaube hingegen ist oft von Reflexion, Zweifeln und dem Ringen um Verständnis geprägt. Er ist bewusster und kann eine tiefere, persönlichere Entscheidung sein. Idealerweise verbindet der reife Glaube die kritische Reflexion des Erwachsenen mit der Offenheit und dem Vertrauen des Kindes.

Ein Segen für unseren Weg

Die Botschaft des Kinderevangeliums ist somit eine Einladung, die Welt mit den Augen der Liebe und des Vertrauens zu sehen, die Jesus uns vorgelebt hat. Sie ist ein Aufruf, uns selbst und andere so anzunehmen, wie Christus uns angenommen hat – mit all unseren Stärken, Schwächen, Verletzlichkeiten und Hoffnungen. Möge dieser Geist uns leiten und stärken.

Gott segne deinen Blick, deine Offenheit und deine Mit-Leidenschaft.
Gott segne deine Schultern und gebe dir Kraft für das, was du dir vornimmst.
Gott stärke deinen Rücken, dass du für deine Hoffnungen einstehen kannst.
Gott segne deine Hände, dass du annehmen und loslassen kannst.
Gott segne dein Herz, es schlage für die Gerechtigkeit und die Liebe.
Gott stehe dir zur Seite wie Freunde und Freundinnen, die dich lieben und begleiten.
Gott segne dein Leben und deine Leidenschaft. Amen.

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