Was ist das schweigende Gebet?

Kontemplation: Die Stille des Herzens entdecken

02/08/2024

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Das Gebet ist eine universelle menschliche Praxis, eine Brücke zwischen dem Individuum und dem Göttlichen, dem Transzendenten oder dem eigenen tiefsten Inneren. Es nimmt unzählige Formen an, von flehentlichen Bitten bis hin zu Jubelrufen der Dankbarkeit. Grundsätzlich lassen sich jedoch drei Hauptweisen des Gebets unterscheiden, die oft ineinander übergehen und sich gegenseitig ergänzen:

  • Das gesprochene Gebet: Dies umfasst alle Formen, in denen wir uns mit Worten an Gott wenden – sei es in Dank, Klagen, Bitten, Fürbitten oder Anbetung. Es ist die wohl bekannteste und am weitesten verbreitete Form des Gebets, die in Liturgien, persönlichen Andachten oder spontanen Gesprächen mit dem Göttlichen ihren Ausdruck findet.
  • Das betrachtende Gebet: Hierbei geht es um die Meditation, die Betrachtung und Verinnerlichung des Wortes Gottes, wie es sich in heiligen Schriften offenbart. Auch religiöse Bilder und Symbole können Gegenstand dieser Betrachtung sein. Ziel ist es, durch aktives Nachdenken und Einfühlen eine tiefere Verbindung und Verständnis zu erlangen.
  • Das schweigende Gebet: Dies ist die Kontemplation, eine nichtgegenständliche Meditation. Es ist die Form, auf die wir uns in diesem Artikel konzentrieren wollen, da sie einen besonders tiefen und oft missverstandenen Zugang zur spirituellen Erfahrung bietet.

Die Kontemplation ist der christlich-mystische Weg, sich in der Gegenwart Gottes zu erfahren, ja, sich in liebender Hingabe an die letzte Wirklichkeit mit dieser als Einheit zu erleben. Der Begriff selbst ist tief in der lateinischen Sprache verwurzelt und gibt bereits einen Hinweis auf seine Bedeutung. Das Wort „Kontemplation“ setzt sich zusammen aus „con“, was „gemeinsam“ oder „mit“ bedeutet, und „templum“, das den „Betrachtungsraum“ oder „Heiligen Raum der Gottheit“ bezeichnet. In diesem heiligen Raum pflegten Priester zu betrachten, zu beobachten und zu schauen, was der Wille der Gottheit sei. Das lateinische Verb „contemplari“ bedeutet demnach „betrachten, beschauen“. Im Kern der Kontemplation geht es darum, dass der Mensch selbst zum Tempel, zum Ort der Gottesbeschauung, wird. Es ist ein innerer Raum, der geschaffen wird, um die göttliche Präsenz nicht nur zu erahnen, sondern zu erfahren.

Wie wirkt sich das Gebet auf das Herz aus?
Nach langer Übung verinnerlicht sich das Gebet und sinkt ins Herz. Es ist schliesslich auch möglich gleichzeitig körperliche und geistige Arbeiten zu verrichten. Selbst während des Schlafes wird das Gebet innerlich fortgeführt. Das Jesusgebet wird mit Körperrhythmen wie dem Atem und dem Herzschlag verbunden.

Eine besonders prägnante Formulierung für das Wesen der Kontemplation fand der Benediktinermönch Bede Griffiths (1906–1993) im Jahr 1992. Griffiths, der sich intensiv für die christlich-hinduistische Verständigung und den Erfahrungsaustausch einsetzte, beschrieb es so:

„Kontemplation ist das Erwachen zur Gegenwart Gottes im Herzen des Menschen und im uns umgebenden Universum. Kontemplation ist Erkenntnis im Zustand von Liebe.“

Diese Definition unterstreicht, dass Kontemplation nicht primär eine intellektuelle Übung ist, sondern ein Zustand des Seins, ein Erwachen zu einer tieferen Realität, die sowohl im eigenen Inneren als auch im gesamten Kosmos präsent ist. Es ist eine Erkenntnis, die nicht durch logisches Denken, sondern durch liebevolle Hingabe gewonnen wird.

Da Gott nicht gegenständlich zu fassen ist, geht es in der Kontemplation nicht um ein rationales, sinnliches Betrachten, auch nicht von Worten, Bildern oder Symbolen wie in der Meditation. Vielmehr ist es ein gegenstandsfreies Beschauen, ein Sich-Beschauen-Lassen, ein Sich-Durchdringen-Lassen vom Unbegreiflichen. Dies erfordert Zeit und Raum der Stille. In der Stille kommt der Mensch zu sich selbst, er lernt sich immer mehr auch in seiner Tiefe kennen. Die Selbsterkenntnis und die Gotteserkenntnis gehören untrennbar zusammen, wie zwei Seiten eines Blattes. Wir lernen in der Stille, uns selbst, unserer Wirklichkeit und der uns umfassenden Wirklichkeit Stand zu halten. Dies kann anfänglich ein Erschrecken auslösen, ist aber auch verbunden mit einem Staunen über die Geheimnisse in unserem Leben und der Schöpfung, und schließlich mit einem Staunen über ein letztes Geheimnis oder schon einem Ergriffensein von diesem, das wir nicht zutreffend bezeichnen können. Und doch haben Menschen aller Kulturen und Religionen das Unsagbare benannt: Das Göttliche, Gottheit, Gott, Ursprung des Lebens, Quelle der Liebe, Vater, Herr, Mutter, Grund, Sein, Einheit, letzte oder erste Wirklichkeit, Allah, Brahman, Tao und viele andere Bezeichnungen. Da eine solche Erfahrung „geheimnisvoll“ ist, da sie mit der Vernunft nicht zu fassen ist, wird sie mystisch genannt. Mit Mystik bezeichnen wir das dem Verstand nicht mögliche, „geheimnisvolle“ Erkennen und Schauen Gottes mit dem Herzen und im Geist, das aus Gnade erfahren wird. Dies findet sich auch in der Bibel, etwa in Matthäus 5,8: „Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“

Kontemplation im Dialog mit anderen spirituellen Wegen

Die verschiedenen Meditationsformen, auch die nichtgegenständliche Meditation, kommen aus den unterschiedlichsten Religionen. So wie Zen aus dem Buddhismus kommt, so kommt die Kontemplation aus dem Christentum. Beide können sich gegenseitig befruchten und haben dies besonders im 20. Jahrhundert getan. Buddhistische Zen-Meister haben sich beispielsweise intensiv mit Meister Eckhart befasst, einem bedeutenden Denker der christlichen Mystik. Umgekehrt haben sich christliche Theologen wie Rudolf Otto (evangelisch) und der Jesuit Pater Lassalle (katholisch) von Zen-Meistern im Zazen – dem Sitzen in Sammlung und Stille – einführen lassen und dabei ihren je eigenen Glauben intensiver erlebt. Inzwischen haben viele Christen für ihre Spiritualität von Zen her Anregungen erhalten und in der Kontemplation ihren christlichen Weg gefunden und die Schätze aus der Bibel und der christlichen Mystik neu ausgegraben. Dadurch haben sich auch alte Glaubensvorstellungen verändert und geweitet; der Denk- und Glaubenshorizont ist größer geworden. Diese interreligiöse Befruchtung zeigt, dass die Suche nach der Einheit und dem Göttlichen universell ist, auch wenn die Wege dorthin unterschiedlich benannt und praktiziert werden.

Alte Texte neu verstehen

Unser Weltbild und unsere Lebensweise haben sich gegenüber denen der Zeit der Entstehung der Bibel und der Christenheit früherer Jahrhunderte sehr verändert. Darum sind alte Texte oft nicht so einfach zu verstehen. Doch können wir von einigen dieser Texte hilfreiche Anregungen zu eigener Erfahrung erhalten. Es lohnt sich, auf solche Texte und ihre Erfahrung zu hören und zu schauen. Die Frage ist nicht nur, was wir davon übernehmen können, sondern auch, wie wir solche Texte für uns so verändern können, dass sie in unser heutiges Weltbild und in unser Leben hineinpassen. Es geht darum, die Essenz zu erfassen und sie in einem zeitgemäßen Kontext neu zu interpretieren, ohne ihre ursprüngliche Tiefe zu verlieren.

Ein bekannter Text aus der mystischen Tradition stammt von dem Dominikaner Johannes Tauler (1300–1361), der die Notwendigkeit des Loslassens für die kontemplative Erfahrung betont:

„Der Mensch lasse die Bilder der Dinge ganz und gar fahren und mache und halte seinen Tempel leer. Denn wäre der Tempel entleert, und wären die Phantasien, die den Tempel besetzt halten, draußen, so könntest Du ein Gotteshaus werden, und nicht eher, was Du auch tust. Und so hättest Du den Frieden Deines Herzens und Freude, und dich störte nichts mehr von dem, was Dich jetzt ständig stört, Dich bedrückt und leiden lässt.“

Dieser Text verdeutlicht, dass Kontemplation ein Prozess des Loslassens von mentalen Konzepten, Bildern und Ablenkungen ist, um einen inneren Raum für die göttliche Präsenz zu schaffen. Es ist eine Einladung, den inneren „Tempel“ von allem Überflüssigen zu befreien, um wahrhaftig zu einem Ort der Begegnung mit dem Göttlichen zu werden. Der daraus resultierende Frieden und die Freude sind die Früchte dieser inneren Leere, die paradoxerweise zu einer Fülle führt.

Die Grundübung der Kontemplation: Ein praktischer Leitfaden

Kontemplation ist eine Praxis, die jeder erlernen und in seinen Alltag integrieren kann. Es bedarf keiner besonderen Vorkenntnisse, nur der Bereitschaft, sich auf die Stille einzulassen. Hier ist eine einfache Grundübung, die Sie beginnen können:

  1. Ort der Ruhe finden: Setzen Sie sich an einen ruhigen Ort, an dem Sie ungestört sind. Dies kann ein spezieller Meditationsraum sein, eine Ecke in Ihrem Zuhause oder sogar ein friedlicher Ort in der Natur.
  2. Körperhaltung: Sitzen Sie still und aufrecht. Eine aufrechte Wirbelsäule fördert die Wachheit, während eine entspannte Haltung hilft, Verspannungen zu vermeiden. Achten Sie darauf, dass Sie bequem sitzen, vielleicht auf einem Kissen oder einem Stuhl, mit beiden Füßen fest auf dem Boden.
  3. Augen schließen: Schließen Sie leicht die Augen. Dies hilft, äußere Ablenkungen zu minimieren und den Fokus nach innen zu lenken.
  4. Entspannung und Aufmerksamkeit: Sitzen Sie entspannt, aber bleiben Sie ganz aufmerksam. Es geht nicht darum, einzuschlafen, sondern wach und präsent zu sein.
  5. Atem beobachten: Atmen Sie ruhig und gleichmäßig. Beobachten Sie Ihren Atem, wie er ein- und ausströmt. Der Atem ist ein Anker, der Sie im gegenwärtigen Moment hält.
  6. Wortverbindung: Fangen Sie an, schweigend in Ihrem Innern ein einzelnes Wort mit Ihrem Atem zu verbinden. Wählen Sie ein Wort, das eine spirituelle Bedeutung für Sie hat, z.B. „Shalom“, „Frieden“, „Jesus“, „Liebe“, „Gott“ oder ein anderes Wort, das Sie anspricht. Sprechen Sie es sacht, aber unablässig in Ihrem Inneren, während Sie ausatmen oder einatmen.
  7. Gedanken loslassen: Denken Sie sonst an nichts, stellen Sie sich nichts anderes vor. Kommen Ihnen Gedanken, identifizieren Sie sich nicht mit ihnen. Lassen Sie sie wie eine Wolke vorbeiziehen, ohne sie festzuhalten oder weiterzuentwickeln.
  8. Zum Wort zurückkehren: Kommen Sie immer wieder sanft zu Ihrem Wort zurück. Es ist normal, dass der Geist abschweift; die Praxis besteht darin, dies zu bemerken und den Fokus immer wieder auf das gewählte Wort zu lenken.
  9. Regelmäßige Praxis: Meditieren Sie so jeden Morgen oder jeden Abend ungefähr 15 bis 20 Minuten lang. Am Anfang kann es auch kürzer sein, beginnen Sie vielleicht mit 5 oder 10 Minuten und steigern Sie die Dauer allmählich. Die Regelmäßigkeit ist wichtiger als die Dauer der einzelnen Sitzungen.

Vorteile und Herausforderungen der Kontemplation

Die regelmäßige Praxis der Kontemplation kann tiefgreifende Vorteile für Ihr Leben haben. Sie kann zu einem erhöhten Maß an innerem Frieden und Gelassenheit führen, da Sie lernen, sich nicht von äußeren Umständen oder inneren Gedankenströmen überwältigen zu lassen. Die Gottesgegenwart wird nicht nur ein Konzept, sondern eine erfahrbare Realität. Dies kann die Beziehung zu sich selbst und anderen verbessern, da eine tiefere Selbsterkenntnis auch zu mehr Empathie und Mitgefühl führt. Viele Praktizierende berichten von einer gesteigerten Intuition, kreativeren Lösungen für Probleme und einem allgemeinen Gefühl der Verbundenheit mit dem Leben.

Doch die Kontemplation birgt auch Herausforderungen. Die Stille kann beunruhigend sein, besonders am Anfang. Der Geist ist oft rastlos und voller Ablenkungen. Ungeduld, der Wunsch nach sofortigen „Erlebnissen“ oder die Angst vor dem Unbekannten können auftreten. Es ist wichtig zu verstehen, dass Kontemplation keine Leistung ist, die man erbringen muss, sondern eine Haltung des Empfangens und der Hingabe. Es geht nicht darum, den Geist zu leeren, sondern darum, ihn so zu beruhigen, dass die göttliche Präsenz wahrgenommen werden kann, die immer schon da ist. Die „Erfahrungen“ können subtil sein und sich erst im Laufe der Zeit als tiefgreifende innere Transformation zeigen.

Vergleich der Gebetsformen

Um die einzigartige Natur der Kontemplation besser zu verstehen, ist es hilfreich, sie mit den anderen Gebetsformen zu vergleichen:

GebetsformFokusMethodeZielTypische Dauer
Gesprochenes GebetSpezifische Anliegen, Dankbarkeit, Klage, AnbetungFormulierte Worte, lautes oder inneres SprechenKommunikation, Ausdruck von Emotionen und Wünschen, LobpreisKurz bis mittellang (Minuten)
Betrachtendes Gebet (Meditation)Heilige Texte, Bilder, Symbole, theologische KonzepteNachdenken, Imaginieren, Verinnerlichen, VerstehenTieferes Verständnis, Einsicht, Inspiration, spirituelles WachstumMittel bis lang (15-60 Minuten)
Schweigendes Gebet (Kontemplation)Gottesgegenwart, das Unsagbare, das gegenstandsfreie SeinStille, Loslassen von Gedanken, Wiederholung eines heiligen Wortes (Mantra)Einheit erfahren, Selbsterkenntnis, Gotteserkenntnis, innerer FriedenMittel bis lang (15-60 Minuten oder länger)

Häufig gestellte Fragen zur Kontemplation

Hier beantworten wir einige der häufigsten Fragen, die sich Menschen stellen, wenn sie sich mit der Kontemplation beschäftigen:

  • Ist Kontemplation nur für Mönche und Nonnen?
    Nein, absolut nicht. Obwohl Kontemplation historisch oft mit dem klösterlichen Leben verbunden war, ist sie eine spirituelle Praxis, die jedem Menschen offensteht, unabhängig von seinem Lebensstil oder seiner Berufung. Viele Laienpraktizierende integrieren die Kontemplation erfolgreich in ihren Alltag.
  • Wie oft sollte ich kontemplieren?
    Regelmäßigkeit ist wichtiger als Dauer. Es wird empfohlen, mindestens einmal täglich für 15 bis 20 Minuten zu kontemplieren. Viele finden es hilfreich, dies morgens und abends zu tun, um den Tag bewusst zu beginnen und zu beenden.
  • Was, wenn ich keine „Erfahrung“ mache?
    Kontemplation ist keine Technik, um bestimmte Erfahrungen hervorzurufen. Es ist eine Praxis der Offenheit und Hingabe. Manchmal fühlen sich die Sitzungen „leer“ an, aber auch das ist Teil des Prozesses. Vertrauen Sie darauf, dass die Praxis auf einer tieferen Ebene wirkt, auch wenn Sie keine spektakulären „Erlebnisse“ haben. Die wahre Frucht zeigt sich oft im Alltag durch mehr Gelassenheit und Präsenz.
  • Kann jeder kontemplieren?
    Grundsätzlich ja. Die Fähigkeit zur Stille und zur Achtsamkeit ist jedem Menschen gegeben. Es erfordert jedoch Geduld, Ausdauer und die Bereitschaft, sich auf den inneren Weg einzulassen. Bei schweren psychischen Erkrankungen sollte vor Beginn der Praxis ein Arzt oder Therapeut konsultiert werden.
  • Ist Kontemplation dasselbe wie Meditation?
    Der Begriff „Meditation“ ist sehr breit und umfasst viele Techniken, die oft auf Konzentration oder Analyse abzielen (wie das betrachtende Gebet). Kontemplation hingegen ist eine spezifische Form der nichtgegenständlichen Meditation, die im christlichen Kontext verwurzelt ist. Sie zielt nicht auf ein intellektuelles Verstehen ab, sondern auf ein Sein in der Gegenwart Gottes, ein Loslassen von Gedanken und Konzepten, um die göttliche Einheit zu erfahren. Während alle Kontemplation eine Form der Meditation ist, ist nicht jede Meditation Kontemplation.

Fazit

Die Kontemplation ist ein tiefgründiger und transformierender Weg, sich dem Göttlichen zu nähern. Sie lädt uns ein, über die Oberfläche des Alltags hinauszublicken und in die Stille unseres Herzens einzutauchen, wo die wahre Begegnung mit der Gottesgegenwart stattfindet. Es ist ein Weg des Loslassens, des Empfangens und des Erwachens zur tiefsten Wahrheit unseres Seins. Indem wir uns der Stille hingeben und den inneren „Tempel“ leeren, schaffen wir Raum für eine Erkenntnis, die nicht durch den Verstand, sondern durch das Herz erfahren wird – eine Erkenntnis im Zustand der Liebe. Nehmen Sie sich die Zeit, diesen Weg zu erkunden, und entdecken Sie die unermesslichen Schätze, die die Stille für Sie bereithält.

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