15/07/2024
In einer Zeit, in der die Zivilisation des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts viele Menschen nach Alternativen suchen ließ, erhob sich eine Stimme, die eine radikale Lösung versprach: August Engelhardt. Dieser exzentrische Schriftsteller und Lebensreformer, geboren 1875 in Nürnberg, war überzeugt, den Schlüssel zu Glück, Gesundheit und sogar Unsterblichkeit gefunden zu haben. Seine Vision führte ihn 1902 in die entlegensten Winkel der deutschen Südsee, wo er auf der Insel Kabakon eine einzigartige Gemeinschaft gründete, die als „Kokovoren-Kolonie“ oder auch „Sonnenorden“ bekannt wurde. Doch was als Paradies begann, entwickelte sich für seine Anhänger zu einem tragischen Irrweg.

- Wer war August Engelhardt und was trieb ihn an?
- Die Geburt einer utopischen Kolonie: Kabakon
- Das Kokosevangelium: Eine Philosophie der Unsterblichkeit
- Der Sonnenorden und die Suche nach Jüngern
- Die bittere Realität: Krankheit, Tod und das Ende eines Traumes
- Was genau verstand Engelhardt unter der "Kokosdiät"?
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Eine Tabelle zum Vergleich: Engelhardts Ideal vs. Realität
- Das Erbe des Kokos-Apostels
Wer war August Engelhardt und was trieb ihn an?
August Engelhardt war weit mehr als nur ein Träumer; er war ein Mann seiner Zeit, geprägt von den Ideen der aufkeimenden Lebensreformbewegung. Nach einer Lehre zum Apotheker suchte Engelhardt nach Antworten auf die großen Fragen der menschlichen Existenz und Gesundheit. Er schloss sich 1899 der „Heimstätte und Musteranstalt für reines Naturleben“ im Harz an, bekannt als Jungborn, gegründet von Adolf Just. Dort lernte er die Grundprinzipien kennen, die sein späteres Leben bestimmen sollten: Nudismus und Vegetarismus. Diese Konzepte standen im krassen Gegensatz zu den prüden und konventionellen Normen des Deutschen Kaiserreichs. Die staatlichen Behörden sahen die „Heilanstalt“ kritisch, und ihr Leiter wurde wegen Kurpfuscherei inhaftiert. Dies mag Engelhardts Entschluss beflügelt haben, das „kleinkarierte Deutschland“ zu verlassen und seinen utopischen Traum andernorts zu verwirklichen.
Engelhardt sehnte sich nach Freiheit von gesellschaftlichen Zwängen und nach einem Leben, das im Einklang mit der Natur stand. Er war überzeugt, dass die Menschheit von den Übeln der Zivilisation – Krankheit, Leid und Tod – erlöst werden konnte, wenn sie nur den richtigen Weg einschlug. Dieser Weg, so glaubte er, führte über eine radikale Ernährungsform und eine Rückkehr zu einem vermeintlich ursprünglichen Zustand des Menschen.
Die Geburt einer utopischen Kolonie: Kabakon
Mit nur 26 Jahren machte sich August Engelhardt 1902 auf den Weg in die deutsche Südsee, eine Region, die damals zum Kolonialreich des Deutschen Reiches gehörte. Sein Ziel war die Insel Kabakon, etwa 40 Kilometer östlich von Herbertshöhe (heute Kokopo), dem Hauptsitz der deutschen Verwaltung auf Neupommern (heute Teil von Papua-Neuguinea). Er erwarb die 66 Hektar große Insel, auf der bereits eine Kokosplantage existierte, die von rund 40 melanesischen Einheimischen bewirtschaftet wurde. Zwischen Palmen und dem endlosen Blau des Pazifiks sah Engelhardt den idealen Ort, um seinen „Sonnenorden“ zu gründen und seine einzigartige Lebensphilosophie zu etablieren.
Kabakon sollte ein Rückzugsort werden, ein Paradies, in dem die Gesetze der Natur über den Konventionen der Zivilisation standen. Hier, weit entfernt von den Zwängen Europas, wollte Engelhardt beweisen, dass sein Weg der einzig wahre war, um ein glückliches und unsterbliches Leben zu führen.
Das Kokosevangelium: Eine Philosophie der Unsterblichkeit
Im Zentrum von Engelhardts Lehre stand der Kokovorismus, eine Ernährungsphilosophie, die den ausschließlichen Verzehr von Kokosnüssen vorsah. Er predigte, dass die Kokosnuss die perfekte Nahrung für den Menschen sei, nicht nur wegen ihrer Form, die einem menschlichen Kopf gleiche, sondern auch, weil sie der Sonne am nächsten wachse. Daraus leitete er ab, dass sie besonders reich an „sonnenergiereichen Verbindungen“ sei. Diese „Sonnenenergie“ sollte die Menschen in friedliebende, ausgeglichene und vor allem unsterbliche Wesen verwandeln.
Engelhardts Botschaft war klar und absolut: „Kokosnüsse machen glücklich und unsterblich.“ Und weiter: „Wer Sorge, Schmerz und Tod überwinden will, der lebe von den Früchten des Baumes des Lebens, der Kokospalme.“ Er war felsenfest davon überzeugt, dass „die reine Kokosdiät unsterblich macht und mit Gott vereinigt“. Für ihn war der „Fruchtesser – der Kokosesser“ der einzige, der wahre Daseinsfreude und reinstes Lebensglück empfinden konnte. Er verfasste sogar ein eigenes Werk, das „Kokosevangelium“, in dem er sich selbst zum „1. Kokosapostel“ erklärte. Er sah sich als „Stifter einer neuen Religion“ und als Erlöser der gesamten Menschheit, der die Menschen zurück zu einem gottähnlichen Zustand führen sollte.

Der Sonnenorden und die Suche nach Jüngern
Um seine Vision zu verbreiten, rief Engelhardt den „Sonnenorden“ ins Leben, eine „aequatoriale Siedlungs-Gesellschaft absoluter Kokovoren“. Sein ehrgeiziges Ziel war es, ein „internationales tropisches Kolonialreich des Fruktivorismus“ zu gründen. Unermüdlich sandte er Briefe nach Deutschland, pries das paradiesische Südseeleben an und warb in einschlägigen Zeitschriften wie der „Vegetarischen Warte“ um Anhänger. Tatsächlich fanden sich in den folgenden Jahren rund ein Dutzend mutiger Seelen, die sich auf den Weg nach Kabakon machten, angelockt von der Verheißung eines sorgenfreien, gesunden und ewigen Lebens.
Der erste Gast, ein 24-jähriger Helgoländer, traf im Dezember 1903 ein. Er war voller Hoffnung, doch seine Reise endete tragisch: Nur sechs Wochen später war er tot, wahrscheinlich an Malaria erkrankt. Ein weiterer prominenter Anhänger war der populäre Musiker Max Lützow, der Kabakon 1904 besuchte. Auch er war zunächst begeistert und sah in der Kolonie einen idealen „Platz für Fruchtesser“. Engelhardt selbst schrieb in dieser Zeit auf einer Postkarte nach Deutschland: „Wir leben hier permanent nackt und genießen fast nur Früchte, vor allem die heilige Kokosnuss.“
Die bittere Realität: Krankheit, Tod und das Ende eines Traumes
Doch die vermeintliche Idylle auf Kabakon währte nicht lange. Die Realität der tropischen Insel und die extreme Diät forderten ihren Tribut. Schon im Jahr 1905 erkrankte Max Lützow schwer. Auf dem Weg zum Regierungshospital in Herbertshöhe geriet sein Boot in einen Sturm, und der Musiker verstarb kurz nach seiner Rettung. Ein weiterer „Kokovore“ kam ebenfalls bei einem Bootsunglück ums Leben. Viele andere Anhänger verließen das vermeintliche Paradies krank, enttäuscht und zutiefst geschwächt.
Die reine Kokosdiät, so zeigte sich, war weit davon entfernt, Unsterblichkeit zu verleihen; stattdessen schwächte sie die Körper der Siedler extrem. Hinzu kam Engelhardts dogmatische Ablehnung der westlichen Medizin: Er verteufelte Chinin, das damals übliche Mittel gegen Malaria, als „Gift“. Die tropischen Krankheiten, insbesondere Malaria, und die Mangelernährung führten zu einer katastrophalen Bilanz. Der Sonnenorden stand kurz vor dem Untergang.
Selbst Engelhardt, der „1. Kokosapostel“, konnte der Realität nicht entfliehen. Dieter Klein beschreibt seinen Zustand: „Er litt an Krätze, hatte Hautgeschwüre und konnte infolge der Entkräftung nicht mehr gehen.“ Bei einer Körpergröße von 1,66 Metern wog Engelhardt nur noch 39 Kilogramm. Notgedrungen musste er sich 1906 ins Krankenhaus nach Herbertshöhe bringen lassen, wo er ausgerechnet mit „Liebigs Fleischextrakt“ aufgepäppelt wurde – eine ironische Wendung für den Verfechter der reinen Fruchternährung.
Obwohl sein Freund, der Schriftsteller August Bethmann, mit seiner Verlobten auf die Insel eilte und versuchte, dem Sonnenorden neues Leben einzuhauchen, war das Scheitern nicht mehr aufzuhalten. Bethmann und Engelhardt gründeten sogar einen Reformverlag und veröffentlichten die Schrift „Eine Sorgenfreie Zukunft. Das neue Evangelium“. Doch Bethmann selbst starb unter ungeklärten Umständen bereits am 13. September 1906 auf Kabakon. August Engelhardt blieb noch weitere 13 Jahre auf der Insel, bis er im Mai 1919, völlig abgemagert und an Malaria erkrankt, ebenfalls verstarb.
Was genau verstand Engelhardt unter der "Kokosdiät"?
Die „Kokosdiät“ war für August Engelhardt nicht einfach nur eine Ernährungsform, sondern der Kern seiner gesamten Philosophie und seines Glaubenssystems. Sie basierte auf der Überzeugung, dass der Mensch ursprünglich ein Fruchtesser war und dass die Kokosnuss, als Frucht, die der Sonne am nächsten wächst, die höchste Konzentration an „Sonnenenergie“ besaß. Durch den ausschließlichen Verzehr dieser Frucht sollte der menschliche Körper in einen Zustand der vollkommenen Gesundheit, Reinheit und schließlich der Unsterblichkeit versetzt werden. Engelhardt glaubte, dass dies auch die Verbindung zu Gott wiederherstellen würde, da der Mensch durch diese Diät zu einem gottähnlichen Wesen würde.
Es ging ihm nicht um eine ausgewogene Ernährung im modernen Sinne, sondern um eine spirituelle Transformation durch die Nahrung. Jegliche andere Nahrung, insbesondere Fleisch oder gekochte Speisen, wurde als schädlich und „unnatürlich“ abgelehnt. Auch Medikamente wie Chinin, obwohl lebensrettend in den Tropen, wurden als „Gift“ verteufelt, da sie die Reinheit des Körpers beeinträchtigen würden. Diese dogmatische Haltung trug maßgeblich zum tragischen Ausgang seines Experiments bei.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Hier beantworten wir einige der gängigsten Fragen zu August Engelhardt und seiner Kokosnüsse-Kolonie:
Wer war August Engelhardt?
August Engelhardt (1875–1919) war ein deutscher Schriftsteller und Lebensreformer, der sich von den Konventionen der Zivilisation abwandte. Er gründete 1902 auf einer Insel in der Südsee eine Kolonie, in der er den ausschließlichen Verzehr von Kokosnüssen als Weg zu Glück, Gesundheit und Unsterblichkeit propagierte.
Was war der Kokovorismus?
Der Kokovorismus war August Engelhardts Ernährungsphilosophie, die den alleinigen Verzehr von Kokosnüssen vorsah. Er glaubte, dass diese Diät den Menschen unsterblich mache, ihn mit Gott vereine und von allen Leiden befreie, da Kokosnüsse die „Sonnenenergie“ am besten aufnehmen könnten.
Wo befand sich die Kokosnüsse-Kolonie?
Die Kolonie befand sich auf der Insel Kabakon im Bismarck-Archipel, die damals zum deutschen Schutzgebiet Deutsch-Neuguinea gehörte (heute Teil von Papua-Neuguinea). Die Insel liegt östlich von Herbertshöhe (heute Kokopo).
Warum scheiterte Engelhardts Experiment?
Das Experiment scheiterte hauptsächlich an der extremen Mangelernährung durch die einseitige Kokosdiät, die die Siedler schwächte und anfällig für Krankheiten machte. Hinzu kam Engelhardts dogmatische Ablehnung moderner Medizin, insbesondere von Malariamedikamenten, in einer tropischen Umgebung. Viele seiner Anhänger starben oder erkrankten schwer und verließen die Kolonie enttäuscht.
Welche Rolle spielte die Kokosnuss in seiner Philosophie?
Die Kokosnuss war das zentrale Element seiner Philosophie. Engelhardt sah sie als „Frucht des Baumes des Lebens“, die aufgrund ihrer Form und ihrer Nähe zur Sonne eine besondere spirituelle und gesundheitliche Kraft besaß. Sie sollte nicht nur den Körper nähren, sondern auch den Geist reinigen und den Menschen in einen Zustand der Unsterblichkeit versetzen.
Eine Tabelle zum Vergleich: Engelhardts Ideal vs. Realität
| Engelhardts Versprechen (Ideal) | Die Realität auf Kabakon (Ergebnis) |
|---|---|
| Unsterblichkeit und Überwindung von Tod | Krankheit, Mangelernährung und Tod der Anhänger (und Engelhardt selbst) |
| Glück und Daseinsfreude | Enttäuschung, Verzweiflung, physische Leiden |
| Vereinigung mit Gott und gottähnlicher Zustand | Schwäche, Krätze, Hautgeschwüre, Unfähigkeit zu gehen |
| Heilung von allen Übeln der Zivilisation | Anfälligkeit für tropische Krankheiten (Malaria) |
| Reines Naturleben im Paradies | Harte Überlebenskämpfe, Isolation, Scheitern der Gemeinschaft |
Das Erbe des Kokos-Apostels
Obwohl August Engelhardts „Sonnenorden“ ein tragisches Ende fand, ist seine Geschichte bis heute faszinierend und inspirierend geblieben. Sie ist ein warnendes Beispiel für die Gefahren utopischer Ideale, die die Realität ignorieren. Doch gleichzeitig zeugt sie von der unerschütterlichen Suche des Menschen nach einem besseren Leben und der Sehnsucht nach einem Paradies auf Erden. Engelhardts Leben und seine exzentrischen Ideen haben sogar Eingang in die moderne Literatur gefunden: Marc Buhl widmete ihm 2011 seinen Roman „Das Paradies des August Engelhardt“, und Christian Kracht wählte den „Kokosnuss-Apostel“ 2012 als Hauptfigur seines vielbeachteten Romans „Imperium“. So lebt die Geschichte des August Engelhardt, des Träumers von der Kokosnuss-Unsterblichkeit, in den Köpfen weiter – nicht als Erfolgsgeschichte, sondern als eine der bizarrsten und zugleich menschlichsten Episoden der Lebensreformbewegung.
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