27/06/2022
Die Frage nach der jüdischen Identität und den Rollen von Männern und Frauen innerhalb des Judentums ist vielschichtig und tief in religiösen Gesetzen sowie jahrtausendealten Traditionen verwurzelt. Es ist ein Thema, das sowohl auf historischen Texten basiert als auch moderne psychologische und soziologische Perspektiven berührt. Während die Zugehörigkeit zum Judentum nach dem Religionsgesetz klar definiert ist, prägen andere Faktoren den gesellschaftlichen Status und die Aufgabenverteilung innerhalb der Gemeinschaft. Dieser Artikel beleuchtet diese Aspekte und bietet Einblicke in die Denkweise, die das jüdische Leben bis heute formt.

Die Definition, wer als Jude gilt, ist im Judentum von fundamentaler Bedeutung. Nach dem halachischen, also dem jüdischen Religionsgesetz, ist jemand jüdisch, der eine jüdische Mutter hat. Dieses Prinzip wird als Matrilinearität bezeichnet und ist seit Langem fest im traditionellen Judentum verankert. Die patrilineare Herkunft, also die Definition über den Vater, wird in traditionell ausgerichteten jüdischen Gemeinden nicht anerkannt. Das bedeutet: Ist die Mutter jüdisch, sind es auch ihre Kinder, unabhängig vom Glauben oder der Herkunft des Vaters.
Die historische Begründung für diese Regelung wird oft mit der Zeit Esras und Nehemias in Verbindung gebracht, nach der Rückkehr aus dem persischen Exil um 445 v.d.Z. Damals waren Priester, Leviten, Herrscher und Männer aus dem gewöhnlichen Volk gleichermaßen Ehen mit Frauen aus heidnischen Völkern eingegangen. Dies öffnete Tür und Tor für die Versuchung zum Götzendienst in Israel. Aus diesem Grund forderte Esra die Auflösung dieser Ehen, basierend auf dem Gesetz im 5. Buch Mose 7, 1–5, das vor Mischehen warnt. Nichtorthodoxe Forscher führen die Festlegung auf die Matrilinearität auf diese Epoche zurück.
Allerdings greift diese Argumentation zu kurz, wenn man die tieferen Wurzeln der jüdischen Identität betrachtet. Schon Jizchak wird als der erste Jude betrachtet. Sein älterer Halbbruder Jischmael, der Sohn der Ägypterin Hagar und Awrahams, konnte das Erbe seines Vaters nicht antreten. Die göttliche Verheißung, Erzvater Israels zu werden, ging ausschließlich auf Jizchak über, dessen Mutter Sara jüdisch war. Dies deutet darauf hin, dass die mütterliche Linie bereits in frühester Zeit eine entscheidende Rolle für die spirituelle und bundesmäßige Identität spielte.
Die väterliche Linie: Gesellschaftlicher Status und Verantwortung
Während die Zugehörigkeit zum Judentum seit frühester Zeit durch die Mutter bestimmt wird, legt der Vater den gesellschaftlichen Status eines Juden fest. Dies wird besonders deutlich im 4. Buch Mose, das mit dem Bericht von der ersten Volkszählung in der Tora beginnt. Gezählt werden ausschließlich die Männer, da nur sie im Ernstfall für den Kriegseinsatz infrage kommen. Die Frauen stehen dabei unterstützend im Hintergrund, spielen aber keine Rolle bei der Zählung für militärische Zwecke.
Ebenso steht in Israel die männliche Linie bei der Thronfolge und der Nachfolge der Priester und Leviten im Vordergrund. Diese Rollen, die mit öffentlicher Führung und religiösem Dienst verbunden sind, wurden traditionell von Männern ausgefüllt und über die väterliche Linie weitergegeben. Auch die Fortsetzung der Familienabstammung erfolgte über die männliche Linie, wie es heißt: „Nehmt die Summe der ganzen Gemeinde der Israeliten auf nach ihren Geschlechtern und Sippen und Namen – alles, was männlich ist, Kopf für Kopf“ (4. Buch Mose 1,2). Dies unterstreicht die Bedeutung der Patrilinearität für die soziale und hierarchische Struktur der Gemeinschaft.
Eine bemerkenswerte Ausnahme: Die Töchter Zelophads
Eine wichtige Ausnahme von der männlichen Erbfolge und ein Zeichen für die Anpassungsfähigkeit des jüdischen Gesetzes ist die Geschichte von den Töchtern Zelophads (4. Buch Mose 27). Nachdem deren Vater gestorben ist und keinen Sohn hinterlassen hat, erheben sie Anspruch auf sein Erbe. Diese Situation war zu ihrer Zeit ungewöhnlich. Daraufhin erklärt Mosche im Namen des Ewigen das Erbrecht für Töchter in Israel: „Und sage den Israeliten: Wenn jemand stirbt und keinen Sohn hat, so sollt ihr sein Erbe seiner Tochter zuwenden.“ Diese Regelung zeigt, dass das jüdische Gesetz flexibel auf die Bedürfnisse der Gemeinschaft reagieren konnte und die Rechte von Frauen in bestimmten Kontexten anerkannte und schützte.
Der Dualismus der Geschlechter: Einblicke aus Wissenschaft und Tradition
Die unterschiedlichen Rollen und Eigenschaften von Männern und Frauen sind nicht nur im Judentum, sondern in allen Kulturen ein zentrales Thema. Steven Pinker, Psychologieprofessor an der Harvard University, berichtet in seinem Buch „The Blank Slate“ (Das unbeschriebene Blatt) von der Äußerung einer Kollegin: „Ich weiß, dass das Maskuline und das Feminine nicht identisch sind. Ich erkenne das bei meinen eigenen Kindern und lese davon in der Forschung. Ich kann es nicht erklären, aber wenn ich von diesen Unterschieden zwischen Mann und Frau lese, dann steigt mir das Blut in den Kopf.“ Diese Frustration über anerkannte, aber schwer erklärbare Unterschiede macht deutlich, wie relevant die jüdischen Aussagen über den Dualismus des Maskulinen und Femininen sind.
Rabbiner Baruch Halevi Eppstein (1860–1941) weist zum Beispiel auf die etymologische Bedeutung der hebräischen Wörter für Sohn und Tochter hin. Das Wort „Ben“ (Sohn) leitet sich von der Wurzel „banah“ (bauen) ab. Im Siddur, dem jüdischen Gebetbuch, heißt es nach dem Mussafgebet: „Versteht unter dem Ausdruck ‚Söhne‘ nicht nur im gewöhnlichen Sinn ‚Kinder des…‘, sondern ‚Erbauer des Friedens‘.“ Dies legt nahe, dass Söhne dazu bestimmt sind, Strukturen zu schaffen, zu gründen und die Gemeinschaft nach außen hin zu festigen.
Das Wort „Bat“ (Tochter) könnte mit dem Wort „Bajit“ (Haus) zusammenhängen. Aus diesen Wortverwandtschaften könnte man schließen: Die Söhne gründen ein Haus, die Töchter sind das Haus selbst, erfüllen es mit Leben, Wärme und Sinn. Sie sind das Fundament und der Kern des familiären und häuslichen Lebens. Eppstein ergänzt, dass das hebräische Wort „Umma“ (Nation) von dem Wort „Em“ (Mutter) abgeleitet ist. Auch hieraus lernen wir: Unsere nationale Identität wird uns durch die mütterliche Seite vermittelt, was die Bedeutung der Matrilinearität für die jüdische Identität weiter untermauert.
Steven Pinker erwähnt in seinem Buch, dass sich in allen Kulturen die Rollen von Männern und Frauen unterscheiden. Frauen sind tendenziell mehr in die Kindererziehung involviert, während Männer sich mehr auf öffentlicher, gesellschaftlicher und politischer Bühne betätigen. Dies beschreibt eine universale Rollentendenz im Blick auf die Frage: Wer „baut“ was? Zunehmend sind jedoch Ausnahmen und eine sich ausgleichende Tendenz zwischen den Geschlechtern festzustellen, was die Komplexität dieser Rollenverteilung unterstreicht.
Biologisch lässt sich diese Rollenverteilung nicht immer eindeutig begründen. Simon Baron-Cohen, Professor für Psychologie und Psychiatrie an der Universität Cambridge, schreibt in seinem Buch „The Essential Difference“ (Der wesentliche Unterschied), dass bereits im Mutterleib die Gehirne von Frauen und Männern aufgrund differierender Hormonkonzentrationen auch unterschiedlich programmiert sind. Während das Gehirn von Frauen von Natur aus auf Einfühlung ausgerichtet sei, sei dem Gehirn von Männern die Gabe angeboren, die Welt systematisch und analysierend begreifen zu wollen.
Die amerikanische Psychologin Carol Gilligan ist der Meinung, dass Frauen auch eine andere Art des moralischen Denkens aufweisen. Sie stellt der männlichen Gerechtigkeitsmoral eine weibliche Moral der Fürsorge (Care-Ethik) gegenüber. Frauen orientieren sich demnach bei moralischen Urteilen mehr am Beziehungs- und Verantwortungsgefüge der an einer Problemsituation beteiligten Personen, Männer dagegen eher an abstrakten Rechten und Pflichten. Diese psychologischen Erkenntnisse spiegeln sich in den Erzählungen der Tora wider.
Starke Frauen in der Tora: Vorbilder des Bundes
Die Tora-Erzählungen bestätigen die Erkenntnisse über die Geschlechterunterschiede. Es sind oft die Frauen, wie Sara und Riwka, die viel eher als ihre Männer, Awraham und Jizchak, ein Gespür dafür entwickeln, welcher ihrer beiden Söhne (Jizchak oder Jischmael – Jakow oder Esaw) den Bund mit Gott weiterführen wird. Ihre Intuition und ihr tiefes Verständnis für die spirituelle Bestimmung sind entscheidend für die Fortsetzung der jüdischen Linie.
Zudem berichtet die Bibel von einer Fülle charakter- und willensstarker Frauen, die das jüdische Volk maßgeblich geprägt haben: Jocheved, die mutige Mutter von Mosche; Mirjam, seine prophetische Schwester; die Hebammen Schifra und Pua, die sich dem Befehl des Pharaos widersetzten; Batja, die Tochter des Pharaos, die Mosche aufzieht und ihm das Leben rettet; dessen spätere Frau Zippora, die ihn vor dem Tod bewahrt; Channa, die fromme Mutter des Propheten Samuel; Debora, die Richterin und Prophetin; Esther, die ihr Volk rettet, und Ruth, die Moabiterin, die sich dem jüdischen Volk anschließt und zur Stammmutter Davids wird. Diese Frauenfiguren sind nicht nur unterstützend im Hintergrund, sondern agieren als aktive Gestalterinnen der Geschichte und als Vorbilder für Glauben und Mut.
Die Essenz des Judentums: Liebe, Fürsorge und das jüdische Haus
Die Tora kennt und beschreibt die Verschiedenheit der Geschlechter auf den Bühnen des privaten und gesellschaftlichen Lebens. Doch für das Judentum bestimmend und was es zusammenhält, sind nicht primär die Unterschiede, sondern die Eigenschaften der Liebe und Fürsorge, des Erbarmens, des Ein- und Mitfühlens – Eigenschaften, die dem Bund mit Gott wesentlich sind. In ihnen bildet sich das Geheimnis der Heiligung ab, die das jüdische Haus, eine jüdische Familie wie unter einem Zelt birgt. So hat im Judentum auch das Persönliche Vorrang vor dem Politischen, die innere Welt des Hauses vor der äußeren Welt der Gesellschaft.
Der gesellschaftliche Status eines Juden wird zwar durch den Vater geprägt, doch es ist zuallererst die Frau und Mutter, die das Fundament und den Aufbau des – einzelnen wie gesamten – jüdischen Hauses definiert und erschafft. Sie ist die Hüterin der Tradition, die Vermittlerin der Werte und die Quelle der nationalen Identität, die durch die mütterliche Linie weitergegeben wird. Die jüdische Mutter ist die Seele des jüdischen Hauses, die es mit Leben, Sinn und dem Geist des Judentums erfüllt.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
| Frage | Antwort |
|---|---|
| Ist man im Judentum nur jüdisch, wenn die Mutter Jüdin ist? | Ja, nach dem traditionellen jüdischen Religionsgesetz (Halacha) ist jemand jüdisch, wenn seine Mutter jüdisch ist. Dies wird als Matrilinearität bezeichnet. |
| Warum wird der gesellschaftliche Status eines Juden durch den Vater festgelegt? | Der Vater legt traditionell den gesellschaftlichen Status fest, insbesondere in Bezug auf Rollen wie die des Priesters (Kohen), Leviten oder die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stamm. Dies zeigt sich auch in Volkszählungen, bei denen Männer für militärische Zwecke gezählt wurden. |
| Haben Frauen im Judentum Erbrechte? | Grundsätzlich erbt der Sohn vor der Tochter. Die Geschichte der Töchter Zelophads in der Tora zeigt jedoch eine Ausnahme: Wenn ein Mann stirbt und keinen Sohn hat, erben seine Töchter. Dies war eine wichtige Neuerung und schützte die Rechte der Frauen. |
| Wie werden die Rollen von Männern und Frauen im Judentum erklärt? | Die Rollen werden durch eine Kombination aus religiösen Texten, Traditionen und etymologischen Interpretationen erklärt. Männer sind oft mit dem „Bauen“ und Gründen von Strukturen assoziiert, während Frauen mit dem „Haus“ selbst und dessen Erfüllung verbunden sind. Moderne Psychologie ergänzt dies durch Erkenntnisse über angeborene Unterschiede in Empathie und systematischem Denken. |
| Was ist die Bedeutung des „jüdischen Hauses“? | Das jüdische Haus ist der zentrale Ort der jüdischen Identität und Praxis. Es ist der Ort der Heiligung, der Liebe, Fürsorge und des Erbarmens. Die Mutter spielt eine entscheidende Rolle bei der Definition und Gestaltung dieses Hauses, da sie die Hüterin der Traditionen und die Vermittlerin der nationalen Identität ist. |
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