01/09/2023
In der reichen Terminologie des Neuen Testaments begegnen uns immer wieder Bezeichnungen wie „Apostel“ und „Evangelist“. Auf den ersten Blick mögen diese Begriffe austauschbar erscheinen, doch bei genauerer Betrachtung offenbaren sie spezifische Rollen und Funktionen innerhalb der frühen christlichen Gemeinschaft. Besonders faszinierend wird es, wenn wir die Figur des Johannes betrachten, der in der christlichen Tradition sowohl als Apostel als auch als Evangelist bekannt ist. Doch was genau unterscheidet diese beiden wichtigen Ämter, und wie konnte Johannes beide Rollen so prägend ausfüllen?
- Wer ist ein Apostel? Die Fundamente der Kirche
- Wer ist ein Evangelist? Der Verkünder der Guten Nachricht
- Johannes: Der Apostel und Evangelist
- Vergleichende Betrachtung: Rollen und Aufgaben
- Die Symbolik des Evangelisten Johannes
- Häufig gestellte Fragen (FAQs)
- Fazit: Unterschiedliche Dienste für eine gemeinsame Botschaft
Wer ist ein Apostel? Die Fundamente der Kirche
Der Begriff „Apostel“ leitet sich vom griechischen Wort apostolos ab, was wörtlich „Gesandter“ oder „Bote“ bedeutet. Im neutestamentlichen Kontext bezeichnet ein Apostel in erster Linie jemanden, der direkt von Jesus Christus berufen und gesandt wurde, um seine Botschaft zu verkünden und das Reich Gottes zu etablieren. Die Zwölf Apostel, die Jesus während seines irdischen Wirkens erwählte, bilden den Kern dieser Gruppe. Sie waren Augenzeugen seines Lebens, seiner Lehren, seiner Wunder, seines Todes und vor allem seiner Auferstehung. Diese unmittelbare Erfahrung und das persönliche Zeugnis sind entscheidende Merkmale eines Apostels.

Zu den bekanntesten Aposteln gehören Simon Petrus, Jakobus der Ältere und Johannes, die als engster Kreis der Jünger Jesu gelten. Sie waren bei zentralen Ereignissen wie der Verklärung Jesu oder seiner Todesangst in Gethsemane anwesend. Nach der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu erhielten die Apostel den Auftrag, in die ganze Welt zu gehen und alle Völker zu Jüngern zu machen (Matthäus 28,19-20). Sie waren die „Säulen“ der jungen Kirche, wie Paulus den Jakobus, Kephas (Petrus) und Johannes im Galaterbrief (2,9) bezeichnete. Ihre Aufgabe war es, die Lehre Jesu zu verbreiten, Gemeinden zu gründen und die christliche Gemeinschaft zu leiten. Dies war oft mit großen Entbehrungen, Verfolgung und häufig auch dem Martyrium verbunden, da sie die Botschaft Christi unter Lebensgefahr verbreiteten.
Wer ist ein Evangelist? Der Verkünder der Guten Nachricht
Der Begriff „Evangelist“ stammt vom griechischen Wort euangelistes ab, was „Verkünder der guten Nachricht“ bedeutet. Die „gute Nachricht“ ist das Evangelium, die frohe Kunde von Jesus Christus und seiner Erlösung. Im weiteren Sinne ist jeder Christ, der die Botschaft Jesu verkündet, ein Evangelist. Im engeren und spezifischeren Sinn des Neuen Testaments und der kirchlichen Tradition sind die Evangelisten jedoch die Autoren der vier kanonischen Evangelien: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes.
Ihre Hauptaufgabe bestand darin, die Ereignisse und Lehren Jesu Christi schriftlich festzuhalten und zu verbreiten. Sie waren nicht unbedingt direkte Augenzeugen aller Geschehnisse, wie es die Apostel waren. Lukas beispielsweise betont in seinem Evangelium, dass er seine Informationen sorgfältig von Augenzeugen und Dienern des Wortes gesammelt hat (Lukas 1,1-4). Die Evangelisten trugen maßgeblich dazu bei, die mündlich überlieferten Traditionen über Jesus zu sammeln, zu ordnen und in einer kohärenten Erzählung zu präsentieren, die für zukünftige Generationen zugänglich sein sollte. Ihr Dienst war daher von immenser Bedeutung für die Bewahrung und Verbreitung der christlichen Lehre über die erste Generation hinaus.
Johannes: Der Apostel und Evangelist
Die Figur des Apostels Johannes ist in dieser Diskussion von zentraler Bedeutung, da er traditionell als beides angesehen wird. Johannes, der Sohn des Zebedäus und Bruder des Jakobus, war zweifellos einer der zwölf Apostel. Er gehörte zum innersten Kreis Jesu und erlebte viele entscheidende Momente aus nächster Nähe. Jesus gab ihm und seinem Bruder den Beinamen „Boanerges“, was „Donnersöhne“ bedeutet (Markus 3,17), möglicherweise ein Hinweis auf ihren Eifer und ihren manchmal aufbrausenden Charakter.
Johannes war der „Lieblingsjünger“ Jesu, der beim Letzten Abendmahl an Jesu Brust lag und der als einziger der zwölf Apostel Jesus bis unter das Kreuz folgte. Dort vertraute Jesus ihm seine Mutter Maria an (Johannes 19,26-27). Diese tiefe persönliche Beziehung zu Jesus prägte sein ganzes Leben und seinen Dienst.

Gleichzeitig identifiziert die christliche Tradition Johannes auch als den Verfasser des vierten Evangeliums, der drei Briefe (1., 2. und 3. Johannesbrief) und der Offenbarung des Johannes. Als Autor des Evangeliums wird er zum Evangelist. Sein Evangelium zeichnet sich durch eine besonders „hochfliegende Theologie“ aus, weshalb er auch den Beinamen „Johannes der Theologe“ erhielt. Das Schlusswort seines Evangeliums (Johannes 21,24) deutet an, dass der „Jünger, den Jesus liebte“, der Verfasser ist, und die Tradition identifiziert diesen mit dem Apostel Johannes.
Historisch-kritische Exegese diskutiert jedoch, ob der Apostel Johannes und der Evangelist des Johannesevangeliums tatsächlich ein und dieselbe Person sind oder ob das Evangelium in einem längeren Prozess in einer „johanneischen Schule“ entstand. Die altkirchliche Tradition, insbesondere durch Kirchenväter wie Irenäus von Lyon und Justin der Märtyrer, hielt jedoch fest an der Identität des Apostels Johannes mit dem Evangelisten und dem Verfasser der Offenbarung.
Johannes’ Leben nach Jesu Auferstehung war ebenso ereignisreich. Er wirkte zunächst in Palästina, später reiste er nach Kleinasien, insbesondere nach Ephesus. Unter Kaiser Domitian wurde er auf die Insel Patmos verbannt, wo er der Überlieferung nach die Offenbarung schrieb. Nach dem Ende seiner Verbannung kehrte er nach Ephesus zurück und starb dort in sehr hohem Alter eines natürlichen Todes, was ihn von den meisten anderen Aposteln unterscheidet, die ein Märtyrertod ereilte.
Johannes’ Ämter waren vielfältig: Er war Fischersohn, Jünger Jesu, Apostel, „Lieblingsjünger“, Bischof von Ephesus und schließlich Evangelist sowie Verfasser weiterer biblischer Schriften. Sein Leben war ein lebendiges Zeugnis der frühen Kirche und seiner tiefen Verbundenheit mit Jesus.
Vergleichende Betrachtung: Rollen und Aufgaben
Um die Unterschiede und Überschneidungen klarer zu machen, betrachten wir die Kernmerkmale beider Rollen:
| Merkmal | Apostel | Evangelist |
|---|---|---|
| Definition | Gesandter, direkt von Christus berufen | Verkünder der guten Nachricht, oft schriftlich |
| Berufung | Direkt durch Jesus Christus (Augenzeuge) | Durch den Heiligen Geist oder kirchliche Beauftragung |
| Hauptaufgabe | Verkündigung, Lehre, Gemeindegründung, Leitung | Bewahrung und Verbreitung der Lehre (oft schriftlich) |
| Zeugnis | Primär Augenzeugenbericht | Primär schriftliche oder mündliche Überlieferung |
| Beispiele | Petrus, Paulus, Jakobus, Johannes | Matthäus, Markus, Lukas, Johannes, Philippus (Apg 21,8) |
| Reichweite | Fundament der weltweiten Kirche | Verbreitung der Botschaft an Einzelne und Gemeinden |
Wie die Tabelle zeigt, liegt der Hauptunterschied in der Art ihrer Berufung und ihrer primären Funktion. Ein Apostel ist ein von Christus gesandter Botschafter mit Autorität zur Gründung und Leitung der Kirche, basierend auf seinem direkten Zeugnis. Ein Evangelist ist ein Verkünder der frohen Botschaft, dessen Rolle oft das schriftliche Festhalten und die systematische Verbreitung des Evangeliums umfasst. Johannes ist eine seltene Ausnahme, da er die Kriterien beider Ämter in herausragender Weise erfüllte.
Die Symbolik des Evangelisten Johannes
Die tiefe Theologie des Johannesevangeliums hat dazu geführt, dass Johannes als Evangelist oft mit dem Symbol des Adlers dargestellt wird. Der Adler, der hoch in den Himmel aufsteigt und scharfsichtig in die Ferne blickt, symbolisiert die erhabene und tiefgründige Natur seiner Schriften, die sich von den eher terrestrischen Erzählungen der synoptischen Evangelien abheben. In der Ikonografie wird Johannes zudem oft bartlos als Jüngling dargestellt, was seine Jugend zur Zeit Jesu Wirkens unterstreichen soll, da er der Überlieferung nach sehr alt wurde. Weitere Attribute sind der Kelch mit einer Schlange (verweist auf die Legende, dass er einen vergifteten Kelch unversehrt austrank) und der Ölkessel (eine Anspielung auf den gescheiterten Versuch, ihn in siedendem Öl zu martern, aus dem er unversehrt hervorging).

Häufig gestellte Fragen (FAQs)
1. Gab es mehr als zwölf Apostel?
Ja, obwohl Jesus zwölf Jünger auswählte, die als die „Zwölf Apostel“ bekannt sind, wurde der Titel „Apostel“ im Neuen Testament auch für andere Personen verwendet. Der prominenteste Fall ist Paulus, der sich selbst als „Apostel der Heiden“ bezeichnete, obwohl er Jesus nicht persönlich während dessen irdischen Wirkens begegnet war, sondern eine besondere Berufung durch den auferstandenen Christus erfuhr. Auch Barnabas und andere werden in der Apostelgeschichte als Apostel bezeichnet. Der Begriff konnte also auch eine breitere Bedeutung haben und jemanden bezeichnen, der mit einer besonderen Sendung und Autorität für die Verbreitung des Evangeliums ausgestattet war.
2. Welchen Einfluss hatten Apostel und Evangelisten auf die frühe Kirche?
Der Einfluss von Aposteln und Evangelisten auf die frühe Kirche war fundamental. Die Apostel legten durch ihre Predigten, Lehren und das Gründen von Gemeinden das Fundament der Kirche. Sie waren die ersten Hirten und Organisatoren. Die Evangelisten sorgten durch ihre schriftlichen Werke dafür, dass die Lehre und das Leben Jesu für alle Generationen bewahrt und verbreitet wurden. Ohne ihre Arbeit gäbe es keine kanonischen Evangelien, die bis heute die primäre Quelle für das Wissen über Jesus Christus sind. Sie schufen die theologische und historische Grundlage, auf der sich das Christentum aufbauen konnte.
3. Welche Aufgaben haben „Evangelisten“ heute?
In der modernen christlichen Praxis wird der Begriff „Evangelist“ oft für Personen verwendet, die sich der Verkündigung des Evangeliums widmen, insbesondere durch öffentliche Predigten, Missionsreisen oder Evangelisationsveranstaltungen. Sie sind darauf spezialisiert, Menschen die „gute Nachricht“ von Jesus Christus nahezubringen und sie zum Glauben einzuladen. Dies kann auf lokaler Ebene in Gemeinden geschehen oder global durch internationale Missionsarbeit. Obwohl sie nicht die gleiche einzigartige Autorität wie die neutestamentlichen Apostel oder die Autoren der Evangelien besitzen, erfüllen sie eine ähnliche Funktion der Verbreitung der christlichen Botschaft.
4. Warum ist Johannes so wichtig für das Verständnis beider Rollen?
Johannes ist aus mehreren Gründen von entscheidender Bedeutung: Erstens war er ein direkter Zeuge und einer der engsten Vertrauten Jesu, was ihn zu einem herausragenden Apostel macht. Zweitens wird ihm die Autorschaft des tiefgründigsten Evangeliums zugeschrieben, was ihn zum Evangelisten par excellence macht. Seine Schriften sind nicht nur historische Berichte, sondern theologische Abhandlungen über die Natur Christi und das Wesen Gottes. Drittens überlebte er alle anderen Apostel und war bis ins hohe Alter ein lebendiger Ankerpunkt zur Ursprungszeit des Christentums, was sein Zeugnis besonders wertvoll machte. Er verkörpert die ideale Synthese von Augenzeugenschaft und theologischer Reflexion.
Fazit: Unterschiedliche Dienste für eine gemeinsame Botschaft
Der Unterschied zwischen einem Apostel und einem Evangelisten liegt in der Spezifität ihrer Sendung und Funktion. Während der Apostel primär ein von Christus gesandter und bevollmächtigter Begründer und Leiter der frühen Kirche war, der auf direktem Zeugnis fußte, war der Evangelist der Verkünder der frohen Botschaft, oft durch schriftliche Überlieferung. Johannes ist das leuchtende Beispiel dafür, wie diese Rollen in einer Person verschmelzen konnten, indem er sowohl als Augenzeugen-Apostel als auch als schriftlicher Evangelist die christliche Botschaft nachhaltig prägte. Beide Ämter waren und sind für die Ausbreitung und Festigung des christlichen Glaubens von unschätzbarem Wert und tragen dazu bei, dass das Evangelium bis heute lebendig bleibt.
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