Die Evangelien: Fenster zum Glauben

02/02/2023

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Die Evangelien sind weit mehr als nur historische Berichte; sie sind Zeugnisse des christlichen Glaubens, die das unvergängliche Gedächtnis an Jesus von Nazareth lebendig halten. Geschrieben im Abstand mehrerer Jahrzehnte nach den Ereignissen, die sie beschreiben, schöpfen sie aus einem reichen Fundus mündlicher und schriftlicher Überlieferungen, die teils noch älteren Ursprungs sind. Ihr Hauptanliegen ist es, im Rückblick hervorzuheben, was am Wirken und Leiden Jesu den tiefsten Eindruck hinterließ, und seine Geschichte im strahlenden Licht des Glaubens an die Auferstehung zu betrachten. Sie laden uns ein, Jesus nicht nur als historische Figur, sondern als den Sohn Gottes zu erkennen, dessen Botschaft und Leben bis heute Milliarden von Menschen prägen.

Was sind die Evangelien?
Die Evangelien sind Zeugnisse des christlichen Glaubens, der die Erinnerung an Jesus lebendig halten will. Sie heben im Rückblick hervor, was am Wirken und Leiden Jesu besonderen Eindruck gemacht hat. Sie tauchen die Geschichte Jesu ins Licht des Glaubens an die Auferstehung.
Inhaltsverzeichnis

Was sind die Evangelien und wie entstanden sie?

Der Begriff "Evangelium" stammt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich "Gute Nachricht" oder "Frohe Botschaft". Im Kontext des Neuen Testaments beziehen sich die Evangelien auf die vier kanonischen Bücher – Matthäus, Markus, Lukas und Johannes –, die das Leben, Wirken, Sterben und die Auferstehung Jesu Christi erzählen. Sie sind die zentralen Quellen für unser Wissen über Jesus, wie es die frühe christliche Gemeinschaft verstanden und überliefert hat.

Die Synoptiker und Johannes: Unterschiedliche Perspektiven

Nach heutigem Forschungsstand gilt das Markusevangelium als das älteste der vier Evangelien, verfasst um das Jahr 70 n. Chr. Es zeichnet sich durch seine prägnante und oft dramatische Erzählweise aus. Matthäus und Lukas, die sogenannten „Synoptiker“ (von griechisch „synopsis“ = Zusammenschau, weil sie viele Parallelen aufweisen), nutzten das Markusevangelium als eine ihrer Hauptquellen. Darüber hinaus griffen sie auf viele weitere, teils uralte Traditionen zurück, die ihnen zur Verfügung standen. Matthäus richtete sich vermutlich an ein jüdisches Publikum und betonte die Erfüllung alttestamentlicher Prophezeiungen in Jesus. Lukas hingegen schrieb für ein breiteres, heidenchristliches Publikum und hob die universelle Reichweite der Botschaft Jesu und seine Zuwendung zu den Ausgestoßenen hervor.

Einen gänzlich eigenen Weg geht das Johannesevangelium. Es wird oft als das "geistliche" Evangelium bezeichnet, da es Jesus, den "Sohn", in seiner tiefen, einzigartigen Einheit mit Gott, dem "Vater", darstellt. Johannes konzentriert sich weniger auf konkrete Ereignisse, sondern vielmehr auf die tiefere theologische Bedeutung und die offenbarende Kraft der Worte und Taten Jesu. Es bietet lange Reden Jesu und betont seine Göttlichkeit auf eine Weise, die in den synoptischen Evangelien weniger explizit ist.

Jenseits der kanonischen Evangelien: Apokryphe Schriften

Neben den vier neutestamentlichen Evangelien gibt es auch andere frühe Schriften, die sich mit Jesus befassen. Der Apostel Paulus lieferte in seinen Briefen einige kurze Jesuszitate, die noch vor der Niederschrift der Evangelien entstanden. Ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. entstand zudem eine reiche "apokryphe" Jesusliteratur. Das Wort "apokryph" bedeutet "geheim" oder "verborgen", und oft waren diese Bücher tatsächlich nur für einen kleinen Kreis von Eingeweihten gedacht. Viele dieser Schriften erzählen fantastische Geschichten aus der Kindheit Jesu, andere von angeblichen Offenbarungen des Auferstandenen an seine Jünger oder von der Verkündigung des irdischen Jesus. Während sie für das Studium der frühen christlichen Spiritualität interessant sein können, ist ihre historische Substanz im Vergleich zu den kanonischen Evangelien als sehr dünn zu bewerten. Sie bieten kaum verlässliche Informationen über das tatsächliche Leben Jesu.

Jesus in nicht-christlichen Quellen

Es ist auch wichtig zu erwähnen, dass Jesus ganz kurz in den Schriften jüdischer und römischer Historiker erwähnt wird, darunter Flavius Josephus, Tacitus und Sueton. Diese Erwähnungen bestätigen die Existenz Jesu und die frühe Verbreitung des Christentums, lassen aber kein detailliertes Bild seines Lebens oder seiner Lehre erkennen. Sie dienen jedoch als wichtige externe Bestätigung für seine historische Realität.

Die wissenschaftliche Bewertung der Evangelien

Der Quellenwert der Jesusüberlieferung wird mit denselben strengen Methoden überprüft wie jeder andere antike Text über jede andere historische Person. Historiker und Theologen führen genaue Vergleiche zwischen den Evangelien durch, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erkennen und diese historisch zu bewerten. Durch sprachliche Analysen der Urtexte – und stets mit großer Vorsicht – können Forscher in einigen Fällen von der überlieferten Evangeliumstextversion auf ältere, eingearbeitete Versionen schließen. Ein entscheidender Aspekt ist es auch, Jesus in das Judentum seiner Zeit einzuordnen, um sein Wirken und seine Botschaft im Kontext seiner kulturellen und religiösen Umwelt zu verstehen – vom Gottesdienst bis zur Arbeitswelt.

Da die Erwartungen an die Verlässlichkeit der Erkenntnisse über Jesus besonders hoch sind, muss auch die wissenschaftliche Sorgfalt bei der Untersuchung der Quellen außergewöhnlich hoch sein. Die Quellenlage erlaubt es nicht, eine umfassende, lückenlose Biografie Jesu zu schreiben, wie man sie von modernen Persönlichkeiten kennt. Doch sie liefern eine solide Grundlage, um Eckdaten seines Lebens und vor allem die zentralen Themen seiner Verkündigung präzise zu beschreiben.

Eckdaten aus dem Leben Jesu nach den Evangelien

Die Evangelien konzentrieren sich auf die kurze, aber intensive Zeit des öffentlichen Wirkens Jesu. Während Matthäus, Markus und Lukas von etwa einem Jahr sprechen, berichtet Johannes von zwei bis drei Jahren. Der geografische Rahmen erstreckt sich von Galiläa, insbesondere dem See Genezareth, bis nach Jerusalem, wobei die Evangelisten diesen Rahmen unterschiedlich füllen.

Geburt und Kindheit

Der neutestamentlichen Überlieferung zufolge wurde Jesus in Bethlehem zur Zeit des Königs Herodes geboren (Matthäus 1-2; Lukas 1-2). Nach heutiger Rechnung wird seine Geburt auf etwa 6 v. Chr. datiert. Er stammte aus einer Handwerkerfamilie; sein Ziehvater Joseph war Zimmermann, einen Beruf, den Jesus selbst auch ausgeübt haben soll (Markus 6). Seine Mutter ist Maria. Die Kindheitsgeschichten in Matthäus und Lukas sprechen von einer Jungfrauengeburt, die durch den Heiligen Geist gewirkt wurde und eine alttestamentliche Verheißung (Jesaja 7,14, in der griechischen Version) erfüllte. Der Name "Jesus" selbst ist bedeutungsvoll und bedeutet "Gott hilft". Über seine Kindheit und Jugendzeit ist in den kanonischen Evangelien jedoch nichts Sicheres bekannt, da sie sich, wie erwähnt, auf seine öffentliche Wirkungszeit konzentrieren.

Beginn des öffentlichen Wirkens und zentrale Botschaft

Das wohl sicherste Datum in der Biografie Jesu ist der Beginn seines öffentlichen Wirkens, der mit seiner Taufe im Jordan durch Johannes den Täufer markiert wird (Matthäus 3; Markus 1; Lukas 3; Johannes 1). Dieser Moment war der Startschuss für seine Verkündigung und seine Wanderjahre.

Was sagt Paulus über das Evangelium?
Paulus argumentierte, dass das Evangelium für alle Menschen, Juden und Heiden gleichermaßen, zugänglich sei und dass „in Christus“ keine Unterscheidung zwischen verschiedenen ethnischen oder sozialen Gruppen bestehe. Paulus war ein entscheidender Vertreter der Öffnung des Christentums für Nichtjuden (Gentiles).

Das zentrale Thema der Verkündigung Jesu ist das Reich Gottes. Dieses Reich ist die große Hoffnung Israels auf vollendetes Heil für alle Menschen. Die Grundbotschaft Jesu lautete: "Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe gekommen. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!" (Markus 1,15). Er offenbarte diese Nähe des Reiches Gottes auf vielfältige Weise: durch seine Gleichnisse, in denen er alltägliche Situationen nutzte, um himmlische Wahrheiten zu lehren; durch seine zahlreichen Heilungen, die Gottes Macht und Barmherzigkeit sichtbar machten; im Gespräch mit seinen Jüngern, denen er tiefere Einblicke gewährte; und im Streit mit seinen Gegnern, die seine Botschaft und seinen Anspruch in Frage stellten. Die Nähe des Reiches Gottes ist untrennbar mit seiner Person verbunden.

Tod und Auferstehung

Der Anspruch, den Jesus durch seine Verkündigung und sein Wirken erhob, führte schließlich zu seinem Tod. Er wurde als "König der Juden" hingerichtet, da man ihn als politischen Aufrührer missverstand und darstellte, obwohl er dies nicht war. Das sicherste Datum seiner Biografie ist sein Tod am Kreuz "unter Pontius Pilatus" (Matthäus 24; Markus 15; Lukas 23; Johannes 19), der sich ziemlich genau auf den 14. oder 15. Nisan (7./8. April) des Jahres 30 (oder 33) n. Chr. datieren lässt. Jesus nahm seinen Tod aus Treue zu seiner Sendung an und starb ihn in der Hoffnung auf die Auferstehung, die das Fundament des christlichen Glaubens bildet und seine Botschaft endgültig bestätigt.

Vergleich der Evangelien

Obwohl die Evangelien alle von Jesus erzählen, haben sie unterschiedliche Schwerpunkte und Adressaten. Die folgende Tabelle bietet einen Überblick:

EvangeliumAutor & Entstehung (ca.)SchwerpunktZielgruppe (vermutet)
MarkusJohannes Markus, um 70 n. Chr.Jesu Taten, seine Macht und Geheimnis des MessiasHeidenchristen, besonders in Rom
MatthäusMatthäus, um 80-90 n. Chr.Jesus als Erfüller alttestamentlicher Prophezeiungen, der neue MoseJudenchristen
LukasLukas, um 80-90 n. Chr.Jesus als Erlöser für alle Menschen, Barmherzigkeit Gottes, GebetHeidenchristen, gebildete Griechen
JohannesJohannes, um 90-100 n. Chr.Jesus als göttlicher Sohn, Offenbarer des Vaters, ewiges LebenChristen in theologischer Vertiefung

Häufig gestellte Fragen zu den Evangelien und Jesus

Was bedeutet "Evangelium"?

Das Wort "Evangelium" kommt aus dem Griechischen und bedeutet "Gute Nachricht" oder "Frohe Botschaft". Es bezieht sich auf die Botschaft von Jesus Christus und später auf die schriftlichen Berichte über sein Leben und Wirken.

Wer hat die Evangelien geschrieben?

Die Evangelien werden traditionell Matthäus, Markus, Lukas und Johannes zugeschrieben. Historisch gesehen wurde Markus zuerst verfasst, und Matthäus und Lukas nutzten Markus als Quelle. Johannes ging einen eigenständigen theologischen Weg.

Sind die Evangelien historische Biografien Jesu?

Nein, nicht im modernen Sinne einer umfassenden, lückenlosen Biografie. Sie sind theologische Zeugnisse des Glaubens, die das Wirken Jesu im Licht seiner Auferstehung deuten. Sie liefern aber eine solide Grundlage für die Eckdaten seines Lebens und die Kerninhalte seiner Botschaft.

Was ist das "Reich Gottes", das Jesus verkündete?

Das Reich Gottes ist das zentrale Thema der Verkündigung Jesu. Es bezeichnet die Herrschaft Gottes, die mit Jesus bereits nahegekommen ist und sich in seinen Taten (Heilungen, Gleichnisse) manifestiert. Es ist eine Hoffnung auf vollendetes Heil für alle Menschen und steht im Gegensatz zu weltlichen Königreichen.

Gibt es auch andere Quellen über Jesus außerhalb der Bibel?

Ja, Jesus wird kurz in jüdischen (Flavius Josephus) und römischen (Tacitus, Sueton) Schriften erwähnt. Diese bestätigen seine Existenz und die frühe Verbreitung des Christentums, liefern aber keine detaillierten Informationen über sein Leben oder seine Lehre.

Warum gibt es vier Evangelien und nicht nur eines?

Die vier Evangelien bieten unterschiedliche Perspektiven auf das Leben und die Botschaft Jesu. Jedes Evangelium wurde für eine bestimmte Zielgruppe und mit einem spezifischen theologischen Anliegen verfasst. Diese Vielfalt bereichert unser Verständnis von Jesus und zeigt die Reichtum des frühen christlichen Glaubens.

Die Evangelien bleiben bis heute die grundlegenden Texte, um das Leben und die Botschaft Jesu zu verstehen. Sie sind nicht nur historische Dokumente, sondern lebendige Zeugnisse eines Glaubens, der über Jahrtausende hinweg Menschen inspiriert und transformiert hat. Ihre sorgfältige Lektüre, im Licht der wissenschaftlichen Forschung und des persönlichen Glaubens, ermöglicht es uns, dem Herzen des Christentums näherzukommen.

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