Das Protoevangelium des Jakobus: Marias verborgene Geschichte

25/04/2022

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In den Annalen der frühen christlichen Literatur gibt es Schriften, die, obwohl nicht Teil des offiziellen biblischen Kanons, einen tiefgreifenden Einfluss auf Volksglaube, Kunst und theologische Vorstellungen hatten. Eine dieser bemerkenswerten Schriften ist das sogenannte Protoevangelium des Jakobus. Es bietet einen einzigartigen Einblick in das Leben Marias, der Mutter Jesu, und füllt narrative Lücken, die die kanonischen Evangelien offenlassen. Dieses „Vorevangelium“ entführt uns in eine Welt voller Wunder, Prüfungen und tiefer Frömmigkeit, die Generationen von Gläubigen inspiriert und geprägt hat.

Was ist die Offenbarung des Jakobus?
Die Offenbarung des Jakobus enthält die ausführlichste Darstellung von Marias Leben und bildete die Grundlage zahlreicher mittelalterlicher Legenden. Inhaltlich weicht der Text in vielen Punkten von den neutestamentlichen Erzählungen ab, etwa durch die Darstellung der Geburt Jesu in einer Höhle statt in einem Stall.
Inhaltsverzeichnis

Was ist das Protoevangelium des Jakobus?

Das Protoevangelium des Jakobus, oft auch als Kindheitsevangelium des Jakobus bezeichnet, ist eine frühchristliche Schrift, die vermutlich um die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. entstand. Sein Titel leitet sich vom griechischen Wort „prōtos“ (das erste oder anfängliche) ab und kann als „Vorevangelium“ übersetzt werden, da es Ereignisse vor den kanonischen Evangelien Jesu Christi behandelt. Der ursprüngliche Name der Schrift ist „Geburt/Ursprung Marias – Offenbarung des Jakobus“, wobei der heute gebräuchliche Titel eine spätere Bezeichnung aus dem 16. Jahrhundert ist, die dem französischen Humanisten Guillaume Postel zugeschrieben wird.

Obwohl die kirchliche Tradition die Autorschaft dem Herrenbruder Jakobus zuschrieb – eine pseudepigraphische Praxis, die in der Antike nicht unüblich war – ist dies historisch unwahrscheinlich. Der Verfasser des Protoevangeliums setzt offensichtlich die Kindheitsgeschichten des Matthäus- und Lukasevangeliums voraus, was bedeutet, dass er kein direkter Zeitzeuge Jesu gewesen sein kann. Die Entstehung wird auf die Zeit um 150 n. Chr. datiert, da Persönlichkeiten wie Clemens von Alexandrien († 215) und Origenes († 253/254) die Schrift bereits kannten und zitierten. Die älteste erhaltene Handschrift dieses Evangeliums ist der Papyrus Bodmer 5, der aus dem 3. oder 4. Jahrhundert nach Christus stammt.

Im Gegensatz zu den kanonischen Evangelien, die sich auf das Leben und Wirken Jesu konzentrieren, ist das Protoevangelium ein Marienleben. Es besteht aus 25 Kapiteln mit durchschnittlich drei Versen und widmet sich ausführlich der Herkunft Marias, ihrer Geburt, ihrer Kindheit im Tempel und den Umständen der Geburt Jesu. Es kommt dem Wunsch nach zusätzlichen Berichten über die Mutter Jesu entgegen, die über die spärlichen Stellen in den vier kanonischen Evangelien hinausgehen. Obwohl die Schrift in der gesamten Kirche sehr populär war, wurde sie nie in den Kanon der biblischen Schriften aufgenommen, da sie theologische Abweichungen und Legenden enthält, die nicht mit der etablierten Lehre vereinbar waren.

Marias wundersame Geburt und Kindheit

Die Erzählung des Protoevangeliums beginnt mit Marias Eltern, Joachim und Anna, einem reichen und frommen Paar aus Israel, das jedoch unter Kinderlosigkeit leidet. Dies wird als Schande empfunden. Joachim, zutiefst betrübt über die Verweigerung seiner Opfergaben im Tempel aufgrund seiner Kinderlosigkeit, zieht sich für vierzig Tage in die Wüste zurück, um zu fasten und Gott um eine Antwort zu bitten. Seine Frau Anna trauert ebenso, beklagt ihre doppelte Not als „Witwe“ und Kinderlose. Ein Engel erscheint sowohl Joachim als auch Anna und verkündet ihnen, dass sie ein Kind empfangen werden, dessen Name in der ganzen Welt gepriesen werden wird. Anna verspricht daraufhin, das Kind dem Herrn zu weihen, sei es ein Junge oder ein Mädchen.

Die Geburt Marias wird als freudiges Ereignis beschrieben. Anna legt ihr Kind auf den Boden und nennt es Maria. Von Geburt an wird Maria als außergewöhnlich dargestellt. Bereits im Alter von sechs Monaten kann sie sieben Schritte gehen. Ihre Mutter Anna errichtet ein Heiligtum in ihrem Schlafzimmer, wo Maria aufwächst und nichts Unreines oder Profanes eindringen darf. Im Alter von einem Jahr veranstaltet Joachim ein großes Fest und lässt Maria von den Hohenpriestern segnen. Mit drei Jahren wird Maria, gemäß dem Versprechen ihrer Eltern, in den Tempel des Herrn gebracht, wo sie auf der dritten Stufe des Altars tanzt und von der Gnade Gottes erfüllt wird. Sie wird im Tempel wie eine Taube genährt und empfängt Speise aus der Hand eines Engels, was ihre außergewöhnliche Reinheit und göttliche Gunst unterstreicht.

Josephs Rolle: Ein unerwarteter Beschützer

Als Maria zwölf Jahre alt wird, stehen die Priester vor einem Dilemma: Was sollen sie mit ihr tun, da sie das Heiligtum nicht verunreinigen darf und das Gelübde ihrer Eltern endet? Der Hohepriester Zacharias betet um göttliche Führung. Ein Engel erscheint ihm und weist ihn an, die Witwer des Volkes zu versammeln, von denen jeder einen Stab mitbringen soll. Derjenige, dessen Stab ein Zeichen empfängt, soll Marias Beschützer werden. Josef, ein alter Mann mit Söhnen, ist unter den Versammelten. Eine Taube fliegt aus seinem Stab und setzt sich auf seinen Kopf, ein klares Zeichen Gottes.

Wann entstand das Evangelium?

Josef zögert zunächst, Maria in seine Obhut zu nehmen, da er sich als alter Mann und sie als junges Mädchen zum Gespött des Volkes machen würde. Der Priester warnt ihn jedoch vor Gottes Zorn, indem er an das Schicksal von Dathan, Abiron und Korah erinnert, die von der Erde verschlungen wurden. Aus Furcht nimmt Josef Maria in sein Haus auf, verspricht, sie zu beschützen, und geht dann weg, um seine Bauarbeiten fortzusetzen.

Die Verkündigung und Josephs schwere Zweifel

Während Josef abwesend ist, erhalten die Priester den Auftrag, einen neuen Vorhang für den Tempel zu weben. Maria wird das Los zugewiesen, den echten Purpur und Scharlach zu spinnen. Während sie mit dieser Aufgabe beschäftigt ist und Wasser schöpfen geht, hört sie eine Stimme, die sie als „Begnadete“ begrüßt. Sie ist verwirrt und kehrt in ihr Haus zurück. Dort erscheint ihr der Engel Gabriel und verkündet ihr, dass sie durch das Wort Gottes empfangen wird und einen Sohn gebären soll, der Jesus heißen wird und sein Volk von ihren Sünden erretten wird. Maria ist verwirrt, aber sie sagt: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn vor ihm. Möge es mir geschehen nach deinem Wort.“

Als Josef nach fünf Monaten zu seinen Bauten zurückkehrt und Maria schwanger vorfindet, ist er zutiefst erschüttert. Er schlägt sich ins Gesicht, wirft sich zu Boden und weint bitterlich. Er fühlt sich betrogen und beschmutzt, vergleicht seine Situation mit der Adams und Evas. Er konfrontiert Maria, die jedoch ihre Unschuld beteuert und sagt, sie habe keinen Mann erkannt. Josef ist in einem Dilemma: Wenn er ihre „Sünde“ verbirgt, widerspricht er dem Gesetz; wenn er sie offenbart, fürchtet er, dass das, was in ihr ist, von einem Engel stammen könnte und er unschuldiges Blut dem Tod überliefern würde. Er beschließt, sie heimlich zu entlassen. Doch im Traum erscheint ihm ein Engel des Herrn und klärt ihn auf: „Fürchte dich nicht, dieses Kind anzunehmen, denn das, was in ihr ist, ist aus dem Heiligen Geist.“ Josef wacht auf, preist Gott und beschließt, Maria und das Kind zu beschützen.

Die Anschuldigung und die Feuerprobe

Die Schwangerschaft Marias bleibt jedoch nicht unbemerkt. Der Schriftgelehrte Annas bemerkt Marias Zustand und eilt zum Hohepriester, um Josef anzuklagen, er habe die Jungfrau, die er aus dem Tempel genommen hatte, entehrt und ihre Hochzeit geheim gehalten. Josef und Maria werden vor das Gericht im Tempel gebracht. Der Hohepriester konfrontiert sie mit den Anschuldigungen. Maria beteuert unter Tränen ihre Reinheit und Unkenntnis eines Mannes. Josef schwört ebenfalls seine Unschuld. Da die Angelegenheit mysteriös ist und keine Beweise vorliegen, schlägt der Hohepriester eine Prüfung vor: das Prüfungswasser des Herrn.

Sowohl Josef als auch Maria müssen dieses Wasser trinken und werden dann in die Wüste geschickt, um die Auswirkungen abzuwarten. Das ganze Volk staunt, denn weder bei Josef noch bei Maria zeigt sich eine Sünde. Sie kehren unversehrt zurück. Der Hohepriester erklärt sie für unschuldig und entlässt sie. Josef nimmt Maria voller Freude und Lobpreis Gottes mit in sein Haus.

Die Reise nach Bethlehem und die wundersame Geburt

Ein Erlass von Kaiser Augustus befiehlt eine Volkszählung in Bethlehem. Josef steht erneut vor einem Problem: Wie soll er Maria registrieren, die sichtbar schwanger ist und nicht seine Frau im herkömmlichen Sinne ist? Er entscheidet sich, Gott zu vertrauen. Auf der Reise nach Bethlehem, während Maria auf einem Esel reitet, bemerkt Josef, dass sich ihr Zustand verändert: einmal ist sie traurig, dann wieder lachend. Maria erklärt ihm, dass sie zwei Völker in sich sehe, eines weinend und eines jubelnd. Als sie sich der Höhle nähern, bittet Maria Josef, sie vom Esel zu nehmen, da das Kind in ihr drängt, herauszukommen.

Josef findet eine Höhle und bringt Maria dorthin. Er lässt seine Söhne bei ihr und macht sich auf die Suche nach einer hebräischen Hebamme. Während seiner Suche erlebt Josef ein außergewöhnliches Phänomen: den Stillstand der Zeit. Er blickt zum Himmel und sieht, wie er stillsteht; Vögel in der Luft verharren regungslos. Auf der Erde sieht er Arbeiter, die ihre Hände in einer Schüssel halten und kauen, aber nicht kauen; Schafe werden getrieben, stehen aber still; ein Hirte hebt seine Hand zum Schlag, aber seine Hand bleibt erhoben. Selbst der Fluss und die Ziegen, die daraus trinken, verharren. Plötzlich setzt sich alles wieder in Bewegung.

Josef trifft eine Frau, die sich als Hebamme herausstellt. Er erklärt ihr die Situation Marias – verlobt, aber schwanger vom Heiligen Geist. Die Hebamme begleitet ihn zur Höhle. Eine helle Wolke überschattet die Höhle, und die Hebamme ruft aus: „Meine Seele ist heute hocherfreut, denn meine Augen haben etwas Wunderbares gesehen. Israel ist das Heil geboren worden!“ Die Wolke weicht, ein großes Licht erfüllt die Höhle, das die Augen nicht ertragen können. Wenig später zieht sich das Licht zurück, und ein Säugling erscheint, der sofort die Brust seiner Mutter Maria nimmt. Die Hebamme ist überwältigt von diesem neuen Wunder.

Wann entstand das Evangelium?

Salomes Zweifel und Heilung

Als die Hebamme die Höhle verlässt, trifft sie auf Salome, eine andere Frau. Sie erzählt Salome von dem unglaublichen Ereignis: „Eine Jungfrau hat ein Kind geboren, was gegen ihre Natur ist!“ Salome ist skeptisch und sagt: „So wahr der Herr, mein Gott, lebt, wenn ich nicht ihren Zustand untersuche, glaube ich nicht, dass die Jungfrau entbunden hat.“

Die Hebamme und Salome betreten die Höhle. Salome untersucht Maria. Im selben Moment schreit Salome auf: „Wehe mir wegen meiner Gesetzlosigkeit und meines Unglaubens! Denn ich habe den lebendigen Gott auf die Probe gestellt, und siehe! Meine Hand steht in Flammen und fällt von mir ab!“ Sie fällt auf die Knie und bittet Gott um Gnade. Ein Engel des Herrn erscheint und weist sie an, ihre Hand an das Kind zu legen. Salome tut dies, hebt das Kind hoch und betet es an. Ihre Hand wird sofort geheilt, und sie verlässt die Höhle gerechtfertigt. Eine Stimme befiehlt ihr, niemandem von den Wundern zu berichten, bis das Kind in Jerusalem ankommt.

Die Weisen aus dem Morgenland und Herodes' Wut

Kurz darauf kommen die Weisen aus dem Osten nach Bethlehem und fragen nach dem neugeborenen König der Juden, dessen Stern sie gesehen haben. König Herodes ist zutiefst beunruhigt und befragt die Hohenpriester und Schriftgelehrten, wo der Christus geboren werden soll. Sie antworten: „In Bethlehem in Judäa.“ Herodes befragt die Weisen nach dem Zeichen des Sterns und schickt sie dann nach Bethlehem, um das Kind zu suchen und ihm Bericht zu erstatten, damit auch er es anbeten könne – eine List, um das Kind zu finden und zu töten.

Der Stern führt die Weisen direkt zur Höhle, wo sie das Kind mit seiner Mutter Maria finden. Sie fallen nieder, beten es an und opfern ihre Gaben: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Nach einer Warnung durch einen Engel im Traum kehren die Weisen auf einem anderen Weg in ihr Land zurück, ohne Herodes Bericht zu erstatten.

Als Herodes merkt, dass er von den Weisen getäuscht wurde, gerät er in Raserei. Er befiehlt die grausame Abschlachtung der Säuglinge in Bethlehem und Umgebung, alle Kinder unter zwei Jahren sollen getötet werden. Maria ist verängstigt und versteckt ihr Kind in einer Futterkrippe für Kühe. Elisabeth, die Mutter Johannes des Täufers, flieht mit ihrem Sohn in die Berge. Als sie keinen Unterschlupf findet, seufzt sie: „Berg Gottes, nimm eine Mutter mit ihrem Kind!“ Der Berg spaltet sich und nimmt sie auf, und ein Licht leuchtet ihr durch den Berg, während ein Engel sie beschützt.

Das Martyrium des Zacharias

Herodes, der auch Johannes sucht, schickt Beamte zu Zacharias, dem Hohenpriester und Vater Johannes des Täufers, und verlangt zu wissen, wo sein Sohn ist. Zacharias weigert sich standhaft, den Aufenthaltsort seines Sohnes preiszugeben, und erklärt sich selbst zum „Märtyrer Gottes“. Er prophezeit, dass sein unschuldiges Blut am Eingang des Tempels des Herrn vergossen und erst durch seinen Rächer abgewischt werden wird. Bei Tagesanbruch wird Zacharias im Tempel ermordet. Das Volk Israel weiß zunächst nichts von seinem Tod.

Zur Stunde der Begrüßung warten die Priester vergeblich auf Zacharias. Einer von ihnen wagt sich ins Heiligtum und findet Blut neben dem Altar. Eine Stimme verkündet: „Zacharias ist ermordet worden, und sein Blut wird nicht abgewischt werden, bis sein Rächer kommt!“ Die Priester zerreißen ihre Kleider und finden seinen Leichnam nicht, aber sein Blut ist zu Stein geworden. Sie verkünden dem Volk Zacharias' Tod, und ganz Israel trauert drei Tage und Nächte. Nach diesen Tagen wird durch Los Simeon als sein Nachfolger bestimmt, dem vom Heiligen Geist gesagt worden war, dass er den Tod nicht sehen würde, bis er den Christus des Herrn gesehen hätte.

Bedeutung und Einfluss auf die christliche Tradition

Das Protoevangelium des Jakobus hatte einen immensen Einfluss auf die christliche Kunst, Liturgie und Volksfrömmigkeit, obwohl es nie in den biblischen Kanon aufgenommen wurde. Es ist die Hauptquelle für zahlreiche Traditionen, die heute fest im Christentum verankert sind:

  • Marias Eltern: Die Namen Joachim und Anna, die in den kanonischen Evangelien nicht vorkommen, stammen aus diesem Text.
  • Marias Tempeldienst: Die Vorstellung von Marias makelloser Kindheit und ihrer Erziehung im Tempel, wo sie von Engeln genährt wurde, prägte das Bild ihrer Reinheit und Hingabe.
  • Josephs hohes Alter: Die Darstellung Josefs als alter Mann, der lediglich Marias Beschützer und nicht ihr leiblicher Ehemann ist, um ihre ewige Jungfräulichkeit zu betonen, findet sich hier.
  • Geburt in einer Höhle: Im Gegensatz zum Stall der kanonischen Evangelien beschreibt das Protoevangelium die Geburt Jesu in einer Höhle, was in der frühchristlichen Kunst oft dargestellt wurde.
  • Salomes Prüfung: Die Geschichte von Salomes Zweifel an Marias Jungfräulichkeit nach der Geburt und ihrer wundersamen Heilung verstärkt die theologische Betonung der unversehrten Jungfräulichkeit Marias.
  • Kindermord und Flucht: Die detaillierte Beschreibung der Flucht Elisabeths mit Johannes in die Berge und des Martyriums des Zacharias sind einzigartige Ergänzungen zur biblischen Erzählung.

Die Schrift erfüllte das Bedürfnis der Gläubigen nach weiteren Informationen über das Leben Marias und die Umstände der Inkarnation. Sie trug maßgeblich zur Entwicklung der Marienverehrung bei und beeinflusste die Lehre von der immerwährenden Jungfräulichkeit Marias. Obwohl es theologische Elemente enthält, die von der kanonischen Lehre abweichen oder sie erweitern, bleibt es ein wichtiges Zeugnis der frühchristlichen Spiritualität und der Entwicklung der Verehrung der Gottesmutter.

Was ist die älteste Handschrift des Evangeliums?
Die älteste Handschrift des Evangeliums ist der Papyrus Bodmer 5, der aus dem 3. oder 4. Jahrhundert nach Christi Geburt stammt. Die Schrift hat 25 Kapitel, jedes Kapitel hat durchschnittlich drei Verse. Entgegen dem sonstigen Sprachgebrauch von Evangelium als Darstellung des Lebens Jesu ist das Protoevangelium ein Marienleben.

Vergleich: Protoevangelium vs. Kanonische Evangelien

MerkmalKanonische Evangelien (Matthäus & Lukas)Protoevangelium des Jakobus
Marias ElternNicht genanntJoachim & Anna (kinderlos, Gebetserhörung)
Marias KindheitWenig Details, nur Verlobung mit JosephAusführlich: Im Tempel aufgewachsen, von Engeln genährt
Josephs RolleVerlobter/Ehemann, Vater Jesu (rechtlich)Alter Witwer, Marias Beschützer (aus Losentscheid), zweifelt an Schwangerschaft, durch Engel belehrt
Ort der GeburtStall, Krippe (Lukas); Haus (Matthäus)Höhle, danach Krippe
Zeugen der GeburtHirten (Lukas); Weise aus dem Morgenland (Matthäus)Joseph, Hebamme, Salome; später Weise aus dem Morgenland
SalomeNicht genanntHebamme, die Marias Jungfräulichkeit prüft und dafür bestraft/geheilt wird
Tod des ZachariasNicht genanntErmordet durch Herodes im Tempel, weil er Johannes' Versteck nicht preisgibt
ZeitstillstandNicht genanntWunderbarer Stillstand der Zeit vor Jesu Geburt

Diese Tabelle veranschaulicht, wie das Protoevangelium die kanonischen Erzählungen erweitert und Details hinzufügt, die in den anerkannten biblischen Schriften nicht zu finden sind.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Ist das Protoevangelium des Jakobus Teil der Bibel?

Nein, das Protoevangelium des Jakobus ist nicht Teil des biblischen Kanons. Es gehört zu den apokryphen Schriften, die zwar religiöse Bedeutung haben und historische oder theologische Einblicke bieten, aber nicht als inspiriertes Wort Gottes anerkannt wurden. Gründe für die Nichtaufnahme in den Kanon sind unter anderem seine pseudepigraphische Autorschaft (es wurde nicht wirklich von Jakobus, dem Bruder Jesu, geschrieben) und theologische Ausgestaltungen, die über die kanonischen Erzählungen hinausgehen oder von ihnen abweichen.

Warum wurde das Protoevangelium des Jakobus geschrieben?

Es wurde vermutlich geschrieben, um die Neugier der frühen Christen zu befriedigen, die mehr über das Leben Marias und die Kindheit Jesu erfahren wollten, als die kanonischen Evangelien preisgaben. Es füllt narrative Lücken, insbesondere im Hinblick auf Marias Eltern, ihre eigene Geburt und Kindheit, sowie die Umstände der Geburt Jesu und die Rolle Josefs.

Welche Hauptthemen behandelt das Protoevangelium?

Die Hauptthemen umfassen die wundersame Geburt Marias an kinderlose Eltern, ihre makellose Kindheit und Erziehung im Tempel, die göttliche Bestimmung Josefs als ihr Beschützer (nicht als ihr Ehemann im herkömmlichen Sinne), die Verkündigung an Maria und Josefs Zweifel, die wundersame Geburt Jesu in einer Höhle, die Prüfung von Marias Jungfräulichkeit durch Salome, die Anbetung der Weisen und die Verfolgung durch Herodes, einschließlich des Martyriums des Zacharias.

Hat das Protoevangelium theologische Bedeutung?

Ja, es hat eine erhebliche theologische und kulturelle Bedeutung. Es trug maßgeblich zur Entwicklung der Marienverehrung bei und beeinflusste die Lehre von der immerwährenden Jungfräulichkeit Marias. Viele Details aus dem Protoevangelium fanden Eingang in die christliche Kunst, Liturgie und Volksfrömmigkeit und prägten das Bild Marias und der Heiligen Familie über Jahrhunderte hinweg, auch wenn die Schrift selbst nicht als kanonisch gilt.

Das Protoevangelium des Jakobus bleibt somit ein faszinierendes Dokument der frühen Christenheit, das uns eine reichere, wenn auch nicht kanonische, Perspektive auf die Anfänge der christlichen Geschichte bietet und die tiefe Verehrung für Maria widerspiegelt, die sich schon früh in der Kirche entwickelte. Es ist ein Fenster in die Gedankenwelt und die spirituellen Bedürfnisse einer Zeit, in der die Geschichten der Heiligen Familie mit Wundern und Legenden ausgeschmückt wurden, um die Herzen der Gläubigen zu berühren und zu inspirieren.

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