06/01/2024
In einer zunehmend multireligiösen Gesellschaft ist die Frage, wie wir das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen gestalten, von zentraler Bedeutung. Deutschland, geprägt von einer reichen Vielfalt an Kulturen und Religionen, erkennt die Notwendigkeit an, Bildung nicht erst im Schulalter beginnen zu lassen, sondern schon in den frühen Lebensjahren. Kindertagesstätten (Kitas) sind dabei längst als wichtige Bildungsorte etabliert. Doch während die Bedeutung frühkindlicher Bildung allgemein anerkannt wird, fristet die interreligiöse Bildung in Kitas bislang ein Schattendasein – eine Tatsache, die angesichts der gesellschaftlichen Realität kaum zu verstehen ist. Es ist an der Zeit, dieses Defizit zu beheben und Kindern von Anfang an eine kompetente Begleitung im Umgang mit religiöser Vielfalt zu ermöglichen.

- Warum interreligiöse Bildung in Kitas so wichtig ist
- Herausforderungen und Chancen der interreligiösen Bildung
- Konkrete Möglichkeiten der Umsetzung in der Kita-Praxis
- Leitbild und Konzept: Eine klare Positionierung
- Materielle und räumliche Ausstattung als Grundlage
- Elternarbeit: Ein Schlüsselfaktor für den Erfolg
- Professionelle Kompetenz der Erzieher*innen stärken
- Die Rolle der Träger: Unterstützung und klare Vorgaben
- Aus- und Weiterbildungskonzepte für die Zukunft
- Bildungspolitische Forderungen und wissenschaftliche Begleitung
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Warum interreligiöse Bildung in Kitas so wichtig ist
Die Notwendigkeit interreligiöser Bildung im Elementarbereich ergibt sich aus mehreren Gründen. Zum einen ist die Zusammensetzung der Kindergruppen in deutschen Kitas heute ganz selbstverständlich multireligiös. Ob konfessionell oder nicht-konfessionell, in den meisten Einrichtungen begegnen sich Kinder christlichen, muslimischen, konfessionslosen oder auch jüdischen Hintergrunds. Eine aktuelle Repräsentativuntersuchung der Universität Tübingen hat deutlich gemacht, dass der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund und damit oft auch unterschiedlicher Religionszugehörigkeit sehr hoch ist. Mehr als drei Viertel der befragten Erzieherinnen berichteten, dass ihre Kindergruppen bereits unterschiedliche Religionen umfassen.
Interreligiöse Bildung ist dabei nicht einfach mit interkultureller Bildung gleichzusetzen, obwohl beide eng miteinander verbunden sind. Kultur und Religion sind untrennbar miteinander verwoben; Religion prägt Kultur, und Kultur beeinflusst Religion. Das Verständnis türkischer Kultur beispielsweise ist ohne den Einfluss des Islam unvollständig. Während interkulturelle Bildung in Kitas bereits eine höhere Wertschätzung erfährt, wird die interreligiöse Dimension oft übersehen oder als automatisch inkludiert betrachtet. Die Praxis zeigt jedoch, dass dies nicht der Fall ist. Es bedarf einer bewussten Profilierung der interreligiösen Bildung, um eine umfassende Förderung zu gewährleisten.
Das Recht eines jeden Kindes auf Religion und religiöse Begleitung ist seit der Verabschiedung der Kinderrechtserklärung der Vereinten Nationen offiziell verbrieft. Dieses Recht gilt unabhängig von der Trägerschaft der Kita. Jede Einrichtung, ob kommunal oder konfessionell, hat die Aufgabe, Kinder in ihrer religiösen Entwicklung zu begleiten und auf ein Leben in einer multireligiösen Gesellschaft vorzubereiten. Die aktuellen Befunde zeigen jedoch einen enormen Nachholbedarf in der religiösen Begleitung und insbesondere in der interreligiösen Bildung. Die meisten Einrichtungen nehmen die Bedeutung dieser Aufgabe noch nicht ausreichend wahr. Interreligiöse Bildung ist somit eine wichtige Zukunftsaufgabe, die in der Praxis noch viel stärker als bisher aufgenommen werden muss.
Herausforderungen und Chancen der interreligiösen Bildung
Die Umsetzung interreligiöser Bildung in Kitas ist mit Herausforderungen verbunden, birgt aber auch große Chancen. Eine der größten Schwierigkeiten liegt in der Unsicherheit der Erzieherinnen. Viele fühlen sich nicht ausreichend darauf vorbereitet, Kinder anderer Religionen kompetent zu begleiten, oder wissen nicht genug über fremde Glaubensrichtungen. Fragen wie „Wie soll eine christliche Erzieherin muslimischen Kindern eine religiöse Begleitung bieten?“ sind Ausdruck dieser Unsicherheit. Zudem sind religiöse Fragen im Kita-Alltag durchaus präsent, etwa bei Speisevorschriften oder der Feier religiöser Feste. Diese Herausforderungen dürfen jedoch nicht zu einer Blockade führen, sondern müssen als Ansporn für gezielte Lösungen dienen.
Die Chancen liegen in der Möglichkeit, durch interreligiöse Bildung aktiv zur Reduzierung von Fremdenfeindlichkeit und Vorurteilen beizutragen. Schon im Alter von fünf Jahren entwickeln und festigen Kinder ihre Haltung zu anderen Kulturen und Religionen. Ein frühzeitiger interreligiöser Dialog legt das Fundament für Offenheit, Toleranz und Respekt. Interreligiöse Bildung ist im Kern Friedenserziehung. Sie zielt auf aktive und reflektierte Toleranz im Sinne wechselseitiger Anerkennung, von Respekt und Solidarität miteinander. Wenn Kinder lernen, Gemeinsamkeiten zu erkennen und Unterschiede zu respektieren, entwickeln sie wichtige Kompetenzen für ein gelingendes Zusammenleben in einer vielfältigen Welt. Es gibt bereits Best-Practice-Beispiele von Einrichtungen, denen Pionierleistungen in diesem Bereich gelingen. Von diesen Erfahrungen kann und sollte die gesamte Praxis lernen.
Konkrete Möglichkeiten der Umsetzung in der Kita-Praxis
Um interreligiöse Bildung erfolgreich in den Kita-Alltag zu integrieren, gibt es zahlreiche Möglichkeiten. Sie reichen von der bewussten Gestaltung des täglichen Miteinanders bis hin zu gezielten Projekten und Veranstaltungen:
- Offenheit signalisieren: Erzieherinnen sollten Kindern und Eltern gezielt signalisieren, dass ihre Religion willkommen ist und dass sie bereit sind, über religiöse Fragen zu sprechen.
- Religiöse Bedürfnisse wahrnehmen: Sensibilität für religiöse Fragen der Kinder ist essenziell. Dazu gehört, Kinder in ihrer eigenen Religiosität zu stärken und auf Fragen nach Gott, Tod und Sterben bewusst einzugehen.
- Identitätsbildung und Austausch fördern: Zeit und Raum einplanen, um Kinder in ihrer eigenen religiösen Identitätsbildung zu unterstützen und sie zum interreligiösen Austausch anzuregen.
- Religiöse Feste thematisieren: Wichtige religiöse Festzeiten wie Advent und Weihnachten, aber auch Ramadan und Opferfest, sollten mit allen Kindern thematisiert und in ihrer Bedeutung erschlossen werden.
- Religion im Alltag erlebbar machen: Durch Geschichten aus der Bibel oder dem Koran, die auf Gemeinsamkeiten (z.B. Figuren wie Abraham, Mose, Jesus) hinweisen, wird Religion alltäglich erfahrbar.
- Vernetzung im Gemeinwesen: Kooperationen mit Kirchen-, Moschee- oder Synagogengemeinden stärken das Verständnis und ermöglichen den Austausch.
- Besuche von Gotteshäusern: Gemeinsame Besuche von Kirchen, Moscheen und Synagogen bieten Kindern direkte Einblicke in andere Glaubenswelten.
Leitbild und Konzept: Eine klare Positionierung
Das Anliegen interreligiöser Bildung sollte im Leitbild und in der Konzeption jeder Kita deutlich sichtbar gemacht werden. Dies schafft Klarheit und Transparenz für Eltern, Kinder und das Personal. Es muss eindeutig sein, dass alle Kinder in der Einrichtung gleichermaßen willkommen sind, gerade auch mit ihren unterschiedlichen religiösen und kulturellen Prägungen. Diese Offenheit sollte auf wechselseitiges Kennenlernen, Verstehen, Toleranz und Wertschätzung abzielen.
Konkrete Fragen, die im Konzept beantwortet werden könnten, sind beispielsweise:
- Wie leben wir Religion mit den Kindern im Alltag?
- Welche religionspädagogische Begleitung bietet die Kita den verschiedenen Kindern an?
- Wie wird interreligiöse und interkulturelle Bildung konkret unterstützt und gefördert?
- Warum ist es so wichtig, andere auch mit ihrer Religion wertzuschätzen?
Eine klare Positionierung im Leitbild schafft nicht nur eine Grundlage für die pädagogische Arbeit, sondern signalisiert auch nach außen, dass die Kita die religiöse Vielfalt als Bereicherung versteht und aktiv in ihren Bildungsauftrag integriert.
Materielle und räumliche Ausstattung als Grundlage
Eine auf interreligiöse Bildung ausgerichtete materielle und räumliche Ausstattung ist keine Option, sondern sollte zum allgemeinen Standard werden. Kinder und Eltern müssen schon beim Betreten einer Einrichtung spüren können, dass hier allen Kindern, unabhängig von ihrer religiösen Herkunft, Anregungen geboten werden. Die Gestaltung der Räume spielt dabei eine wichtige Rolle und macht interreligiöse Offenheit erfahrbar.
Dazu gehört, dass in der Kita bei Bildern, Büchern, Spielzeug und weiteren Ausstattungsgegenständen unterschiedliche Kulturen und Religionen repräsentiert sind. Diese Gegenstände sollten so platziert sein, dass sie leicht wahrgenommen werden können, etwa im Eingangsbereich oder in den Gruppenräumen mit Bildern und Symbolen. Die Mindestausstattung muss Kindern die Möglichkeit eröffnen, sich beispielsweise ein Bilderbuch über eine andere Religion aus dem Regal zu holen, es selbstständig zu betrachten und Fragen dazu an die Erzieherin zu stellen. Dies fördert die natürliche Neugier der Kinder und ermöglicht einen spielerischen Zugang zur religiösen Vielfalt.

Elternarbeit: Ein Schlüsselfaktor für den Erfolg
Interreligiöse Bildung kann ohne eine intensive Elternarbeit nicht gelingen. Die täglichen Begegnungen beim Bringen und Abholen der Kinder bieten eine hervorragende, niederschwellige Möglichkeit für den Austausch. Schon beim Erstgespräch zur Anmeldung eines Kindes sollten religiöse und religionspädagogische Fragen angesprochen werden. Eltern haben ein Recht darauf zu erfahren, was ihren Kindern in dieser Hinsicht geboten wird und wie die Einrichtung mit religiöser Vielfalt umgeht. Umgekehrt sollten die Eltern nach ihren religiösen oder kulturellen Prägungen und Praktiken gefragt werden, um besondere Rücksichten (z.B. Speisevorschriften, Bekleidung) berücksichtigen zu können.
Es ist wichtig, die pädagogische Kompetenz der Eltern auch in religiöser Hinsicht zu stärken, sowohl durch religionssensible Anerkennung als auch durch gezielte Angebote der Elternbildung. Die religiöse Kompetenz von Eltern kann zudem eine wertvolle Ressource sein: Eine muslimische Mutter könnte den Kindern erklären, wie ihre Familie das Ramadanfest feiert, oder eine christliche und eine muslimische Mutter könnten gemeinsam über ihre Vorstellungen zu Tod und Sterben sprechen. Dadurch wird nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch die Gemeinschaft und der gegenseitige Respekt gefördert.
Von Anfang an muss den Eltern signalisiert werden, dass sie selbst in der Einrichtung offen und sensibel wahrgenommen werden. Allgemeine, vorurteilsbelastete Einordnungen nur nach der Religionszugehörigkeit sind zu vermeiden, da es innerhalb der Religionen große Unterschiede in der gelebten Praxis gibt. Besondere Aufmerksamkeit verdienen auch Kinder aus interreligiösen Familien, die oft eine besondere Begleitung benötigen. Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft sollten Eltern anderer Religionen vermitteln, dass sie willkommen sind und ihre Kinder nicht vom Glauben abgebracht werden sollen. Kommunale Einrichtungen müssen ebenfalls deutlich machen, dass sie offen für Religionen sind und sich um religionspädagogische Begleitung bemühen, ohne die Rechte von Eltern zu verletzen, die keine religiöse Erziehung wünschen.
Professionelle Kompetenz der Erzieher*innen stärken
Zur elementarpädagogischen Professionalität gehört heute selbstverständlich auch der Umgang mit Religion und die Wahrnehmung religionspädagogischer Aufgaben. Erzieherinnen müssen ihr persönliches und professionelles Verhältnis zu dieser Aufgabe klären und sich um entsprechende Kompetenzen bemühen. Da religionspädagogische Inhalte in der Ausbildung oft vernachlässigt werden, sind besondere persönliche Anstrengungen erforderlich.
Dies beinhaltet:
- Bewusstsein für die eigene religiöse Haltung: Die eigene religiöse Biografie und Haltung reflektieren und sich fragen, wie andere Religionen wahrgenommen und beurteilt werden. Auch konfessionslose Erzieherinnen müssen sich mit ihrer Rolle im religionspädagogischen Kontext auseinandersetzen.
- Toleranz und Wertschätzung: Bewusstes Bemühen um Toleranz und Wertschätzung des religiös Fremden, indem eigene und fremde Vorurteile bewusst gemacht werden.
- Kompetenzerwerb: Stärkung der eigenen Kenntnisse über Christentum, Islam, Judentum und andere Religionen, insbesondere durch Fortbildungsangebote.
- Elternkontakte nutzen: Elternkontakte als Chance für interreligiöse Gespräche bewusst wahrnehmen.
- Teamarbeit: Religion, Religionen und interreligiöse Bildung sollten regelmäßig im Team besprochen werden. Offenheit und Akzeptanz untereinander sind dabei grundlegend. Religiöse Vielfalt im Team kann genutzt werden, um voneinander zu lernen und Kompetenzen zu teilen.
- Kooperation: Einladungen von Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Religionsgemeinschaften stärken die Vernetzung und bieten Fortbildungsmöglichkeiten.
Die Rolle der Träger: Unterstützung und klare Vorgaben
Erzieherinnen und Erzieher benötigen die uneingeschränkte Unterstützung ihrer Träger bei den anspruchsvollen Aufgaben der interreligiösen Bildung. Es muss klar sein, dass interreligiöse Bildung und interkulturelle Kommunikation in der Kita von Trägerseite ausdrücklich gewünscht sind. Dazu sind folgende Voraussetzungen unerlässlich:
- Klare Kommunikationsstrukturen: Die Bedeutung der interreligiösen Bildung muss transparent kommuniziert und programmatisch weiterentwickelt werden. Dies ermöglicht konstruktiv-kritische Rückmeldungen und verhindert Frustrationen oder Isolationstendenzen.
- Zeit und Mittel für Fortbildung: Träger müssen sicherstellen, dass den Erzieherinnen genügend Zeit und finanzielle Mittel für die Teilnahme an Fortbildungsangeboten im Bereich der interreligiösen Bildung zur Verfügung stehen. Die Entwicklung eines Fortbildungsplans ist hier dringend zu empfehlen.
- Beteiligung der Träger: Verantwortliche auf Trägerseite sollten selbst an Fortbildungsveranstaltungen teilnehmen, um den Austausch und die Qualitätsdiskussion zu fördern. In konfessionellen Einrichtungen ist die Unterstützung durch zuständige Pfarrerinnen und Pfarrer bei interreligiösen Fragen wichtig.
- Klärung der Aufnahmepolitik: Träger müssen klären, welche Bedeutung der religionspädagogischen Begleitung aller Kinder beigemessen wird und wie die religiösen Rechte gewahrt werden. Konzepte müssen entsprechend weiterentwickelt und kommuniziert werden. Eine Abweisung muslimischer Kinder in konfessionellen Kitas oder christlicher Kinder in muslimischen Kitas sollte vermieden werden, da die gemischte Zusammensetzung der Kindergruppen die Qualität interreligiöser Bildung erhöht.
- Reflexion des kirchlichen Auftrags: Insbesondere konfessionelle Träger müssen klären, wie sich Erwartungen an kirchliche Sozialisation zum Auftrag einer religiösen Begleitung für alle Kinder verhalten. Der Bildungsauftrag der Kita bemisst sich an den Kindern und ihren Bildungsmöglichkeiten, nicht primär an kirchlichen Bedürfnissen.
- Anstellung muslimischer Erzieherinnen: Die Einstellung muslimischer Erzieherinnen ist wünschenswert, um eine kompetente Begleitung muslimischer Kinder zu gewährleisten. Dies erfordert jedoch eine klare Zielbeschreibung und wissenschaftliche Begleitung, um pädagogische und religionspädagogische Möglichkeiten optimal zu nutzen und Unsicherheiten (insbesondere in nicht-konfessionellen Einrichtungen) zu beseitigen.
Aus- und Weiterbildungskonzepte für die Zukunft
Die aktuellen Anforderungen an Kitas im interreligiösen und interkulturellen Bildungsbereich erfordern profilierte Aus- und Fortbildungskonzepte. Erzieherinnen fühlen sich oft unzureichend auf die religiöse Vielfalt und den Umgang mit nicht-christlichen Religionen vorbereitet. Religionspädagogische Aufgaben müssen daher in Zukunft bereits in der Ausbildung, aber vor allem in der Fortbildung, verstärkt berücksichtigt werden.
Ein klarer religionspädagogischer Schwerpunkt muss in allen Ausbildungsstätten gesetzt werden. Interreligiöse und interkulturelle Bildung muss eine elementare und unverzichtbare Bedeutung im Pflichtbereich der Aus- und Fortbildung erhalten. Besonders wichtig ist es, dass Erzieherinnen mit der Bedeutung religiöser Feste vertraut gemacht werden und diese aus ihrem inneren Bedeutungszusammenhang heraus erschließen können. Fortbildungsangebote sollten hierzu auch muslimische Expertinnen und Experten einbeziehen, da beispielsweise christliche Erzieherinnen den Ramadan nicht immer so authentisch vermitteln können wie das Weihnachtsfest.
Das Modell der „interreligiösen Gastfreundschaft“, bei dem Eltern verschiedener Religionen eingeladen werden, von ihren Festen zu berichten, hat sich vielfach bewährt und sollte in Aus- und Fortbildungskonzepten verankert werden. Auch Konfliktthemen zwischen Religionen dürfen nicht ausgeklammert werden (z.B. unterschiedliche Gottesvorstellungen im Christentum und Islam). Die didaktische Leitlinie sollte lauten: Gemeinsamkeiten stärken – Unterschieden gerecht werden. Es geht darum, Gemeinsamkeiten emotional wahrzunehmen und zu würdigen, aber auch Unterschiede zu verstehen, anzuerkennen und den Kindern in dieser Hinsicht gerecht zu werden. Dies fördert die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und befähigt sie, auch mit religiösen Konfliktthemen umzugehen. Für die Fortbildung bedeutet dies auch die Beteiligung von Angehörigen verschiedener Religionen, um authentische Begegnungen und Klärungsprozesse zu ermöglichen.
Bildungspolitische Forderungen und wissenschaftliche Begleitung
Die Vernachlässigung der interreligiösen Bildungsaufgaben im Elementarbereich durch die Bildungspolitik ist offensichtlich. Dies reicht bis in die zuständigen Bundes- und Landesministerien hinein und muss einem grundlegenden Klärungsprozess unterzogen werden. Politik kann sich religiös heiklen Themen nicht entziehen, sondern muss klare Positionen beziehen und Strategien entwickeln. Derzeit fehlen oft klare rechtliche Regelungen für religiöse und interreligiöse Bildung außerhalb des schulischen Bereichs, was zu Unsicherheiten und Konflikten führt.
Die Politik ist gefordert, elementarpädagogische Einrichtungen bei der interreligiösen Bildung entschieden zu unterstützen. Dazu gehört, dass in Bildungs- und Sozialberichten die Religionszugehörigkeit von Kindern und Eltern nicht länger übergangen oder verschwiegen wird. Auch die Kinder- und Jugendhilfestatistik muss um entsprechende Erhebungsmerkmale erweitert werden, da der Migrationshintergrund vielfach auch unterschiedliche Religionszugehörigkeiten, insbesondere zum Islam, einschließt. Die Tendenz, interkulturelle Bildung isoliert von interreligiöser Bildung zu behandeln, verdrängt mögliche Spannungen und vergibt Chancen.

Ein realistisches Bild der Situation erfordert empirische Untersuchungen zu gelebten Formen von Religion in Familien. Es ist dringend erforderlich, dass Forschungsprogramme und -projekte diese Themen verstärkt aufgreifen. Interreligiöse Bildung bedarf der wissenschaftlichen Begleitung, nicht weniger als andere Bildungsbereiche.
Die in den letzten Jahren erstellten Orientierungs- und Bildungspläne der Bundesländer sind ein erfreulicher Schritt zur Anerkennung des Bildungsauftrags der Kita. Viele dieser Pläne weisen Bildungsaufgaben im Bereich „Sinn, Werte, Religion“ aus und geben Hinweise zur kindorientierten Arbeit. Dies verleiht religionspädagogischen Aufgaben eine gewisse Verbindlichkeit, auch in kommunalen Einrichtungen. Dennoch bleiben die Aufgaben einer interreligiösen Bildung in diesen Plänen oft nicht mit der erforderlichen Klarheit beschrieben. Zudem sind die Vorgaben den Einrichtungen oft nicht bekannt, und viele Erzieherinnen halten die Aufgaben für nicht umsetzbar, was auf mangelnde Unterstützung hinweist.
Daraus ergeben sich folgende Empfehlungen:
- Orientierungs- und Bildungspläne sollten schnellstmöglich verbindlich werden.
- Sie sollten überarbeitet und ergänzt werden, um Bestimmungen zur interreligiösen Bildung klar zu formulieren und nicht auf konfessionelle Einrichtungen zu beschränken.
- Die religionspädagogischen Anforderungen der Pläne müssen stärker bekannt gemacht und begründet werden.
- Einrichtungen benötigen nachhaltige Unterstützung bei der Umsetzung religiöser und interreligiöser Aufgaben.
- Eine religionspädagogisch-wissenschaftliche Begleitung der Umsetzung ist zwingend erforderlich.
Die wissenschaftliche Kindheitsforschung vernachlässigt das Thema Religion in der Kindheit systematisch. Es gibt kaum Aufschlüsse zur religiösen Situation von Kindern oder Familien, und auch Berichte von Ministerien weisen hier Defizite auf. Forschung zu Kindsein, Kindheit und Kinderbetreuung in Deutschland muss sich zukünftig vermehrt und konsequent mit dem vernachlässigten Thema Religion und Multireligiosität auseinandersetzen. Die Bundes- und Landesregierungen tragen hier eine besondere Verantwortung, entsprechende Forschungsprojekte auszuschreiben und zu fördern.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was bedeutet interreligiöse Bildung in der Kita?
Interreligiöse Bildung in der Kita bedeutet, dass Kinder die Vielfalt der Religionen kennenlernen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede wahrnehmen und einen respektvollen Umgang damit entwickeln. Es geht darum, Wissen über andere Religionen zu erwerben, ihre Ausdrucks- und Praxisformen zu erleben und Haltungen von Offenheit und Toleranz zu entwickeln, während die eigene religiöse Identität gestärkt wird.
Warum ist interreligiöse Bildung schon für kleine Kinder wichtig?
Kinder entwickeln bereits im Vorschulalter ihre Haltung zu anderen Kulturen und Religionen. Interreligiöse Bildung in jungen Jahren fördert Offenheit, baut Vorurteile ab und legt das Fundament für ein friedliches und respektvolles Zusammenleben in einer multireligiösen Gesellschaft. Sie ist essenziell für die Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und bereitet sie auf die Realität einer vielfältigen Welt vor.
Wie können Erzieherinnen, die selbst nicht religiös sind, interreligiöse Bildung vermitteln?
Auch nicht-religiöse Erzieherinnen können interreligiöse Bildung vermitteln, indem sie sich ihrer eigenen Haltung bewusst werden, sich um Offenheit und Wertschätzung bemühen und ihr Wissen über verschiedene Religionen durch Fortbildungen erweitern. Es geht nicht darum, einen bestimmten Glauben zu vermitteln, sondern darum, die religiösen Fragen der Kinder aufzugreifen, ihre Identitätsbildung zu unterstützen und einen Raum für den Austausch und das Verständnis unterschiedlicher Lebenswelten zu schaffen.
Wie geht man in der Kita mit religiösen Festen um?
Religiöse Feste aller Religionen, denen die Kinder angehören, sollten im Kita-Alltag thematisiert und in ihrer Bedeutung erschlossen werden. Dies kann durch Geschichten, Lieder, gemeinsame Rituale oder das Teilen traditioneller Speisen geschehen. Eine gute Möglichkeit ist auch die „interreligiöse Gastfreundschaft“, bei der Eltern eingeladen werden, von ihren Festen und Bräuchen zu berichten. Wichtig ist dabei, die Authentizität der Feste zu wahren und zu respektieren, dass nicht jeder alle Feste mitfeiern kann.
Welche Rolle spielen die Eltern bei der interreligiösen Bildung?
Eltern spielen eine zentrale Rolle. Sie sind die primären Bezugspersonen für die religiöse Prägung ihrer Kinder. Eine offene und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Kita und Eltern ist daher unerlässlich. Pädagogische Fachkräfte sollten im Erstgespräch die religiösen Bedürfnisse und Praktiken der Familien erfragen und diese in den Kita-Alltag integrieren. Eltern können auch als Experten für ihre eigene Religion in die Kita eingeladen werden, um den Kindern authentische Einblicke zu ermöglichen und die Gemeinschaft zu stärken.
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