13/07/2024
Der Ganges, in Indien liebevoll als Ganga verehrt, ist weit mehr als nur ein Fluss; er ist das pulsierende Herz Indiens und Bangladeschs, eine Lebensader für Millionen von Menschen und ein Ort tiefster spiritueller Bedeutung. Mit einer Länge von 2700 Kilometern ist er der zweitlängste Fluss Indiens und schlängelt sich vom majestätischen Himalaya-Gebirge durch weite Ebenen, bevor er sich im größten Flussdelta der Welt mit dem Golf von Bengalen vereint. Doch dieser heilige Strom birgt ein tiefes Paradox: Während er als Quelle der Reinigung und Erlösung gilt, kämpft er gleichzeitig mit einer beispiellosen Umweltverschmutzung, die seine Existenz und die Gesundheit der Anwohner bedroht.

Der geheimnisvolle Verlauf eines heiligen Stroms
Die Reise des Ganges beginnt hoch oben im Himalaya, wo sich die Quellflüsse Bhagirathi und Alaknanda in Devprayag zur Ganga vereinigen. Obwohl die Bhagirathi als mythologische Quelle gilt, wo der Fluss dem Gangotri-Gletscher am Gletschertor Gaumukh entspringt, ist die Vereinigung dieser Flüsse der eigentliche Startpunkt des Ganges. Nach dem Verlassen der schluchtartigen Täler des Himalaya bei Rishikesh und einem letzten Engtal durch das Siwalik-Vorgebirge erreicht der Fluss bei Haridwar die weite Gangesebene. Hier zweigt der über 6000 Kilometer lange Gangeskanal ab, ein komplexes Bewässerungssystem, das vor allem das fruchtbare Doab, das Zweistromland zwischen Ganges und Yamuna, speist.
Die Yamuna, der bedeutendste Nebenfluss des Ganges, verläuft rund 100 km südwestlich parallel und mündet bei Prayagraj, dem Triveni Sangam, in den Hauptstrom. Diese Mündung hat eine immense religiöse Bedeutung, da hier der mythische Fluss Saraswati aus dem Untergrund münden soll. Weiter flussabwärts passiert der Ganges Varanasi, die Stadt mit der größten religiösen Bedeutung, und Patna, die größte Stadt an seinen Ufern. Beide gehören zu den ältesten Ansiedlungen Indiens. Von Norden her empfängt der Ganges zahlreiche wasserreiche Nebenflüsse aus dem Himalaya, die sein Volumen stetig vergrößern.
Das eigentliche Gangesdelta beginnt mit der Abzweigung der Bhagirathi, die später Hugli genannt wird und an deren Ufer Kolkata (Kalkutta) liegt. Ein Sperrwerk bei Farakka leitet seit 1975 einen größeren Anteil des Gangeswassers in die Bhagirathi, was zu wiederkehrenden Spannungen zwischen Indien und Bangladesch führt. Wenige Kilometer unterhalb von Farakka erreicht der Hauptstrom des Ganges, nun Padma genannt, Bangladesch. Dort vereint er sich mit dem deutlich größeren Brahmaputra, der in diesem Abschnitt Jamuna heißt. Der vereinte Strom, der nun zum mächtigsten Strom Asiens angewachsen ist, nimmt als Padma noch die Obere Meghna auf, bevor er als Untere Meghna in einem verzweigten Ästuar den Golf von Bengalen erreicht. Das Ganges-Brahmaputra-Delta gilt mit rund 56.700 km² als das weltweit größte Mündungsdelta und beherbergt die weitflächigen Mangrovensümpfe der Sundarbans, die das Gebiet vor jährlichen Sturmfluten schützen. Die starken Gezeiten halten die Ufer im Delta ständig in Bewegung, und trotz des geringen Gefälles sind die zahlreichen Flussarme miteinander verbunden, was zu einer komplexen und dynamischen Flusslandschaft führt.
Hydrologie und die Entstehung des Ganges-Beckens
Das Abflussregime des Ganges wird maßgeblich vom Südwestmonsun geprägt, wobei 84 % der Niederschläge zwischen Juni und September fallen. Trotz des abmildernden Einflusses der Gletscherschmelzwässer aus dem Himalaya ist der Unterschied zwischen dem geringsten und dem stärksten Monatsabfluss am Sperrwerk von Farakka enorm, mit einem Verhältnis von über 1:21. Das Ganges-Becken selbst ist das Ergebnis der anhaltenden Kollision des Indischen Subkontinents mit der Eurasischen Platte. Die dabei entstehende Vortiefe vor dem Himalaya wird kontinuierlich mit Sedimenten aus dem Faltengebirge aufgefüllt, wodurch sich das Flusssystem des Ganges entwickelt hat. Die Talformen am Oberlauf sind durch starke fluviale Erosion geprägt, was zu engen, schluchtartigen Profilen mit rutschgefährdeten Hängen führt. Im Unterlauf dominieren feinkörnigere, landwirtschaftlich nutzbare Sedimente. Tektonische Unruhen im flachen untersten Teil des Tieflandes können sogar zu bedeutenden Laufverlagerungen führen, wie die historische Verschiebung des Hauptarms vom Bhagirathi zum Padma beweist, die den Ganges erst im 18. Jahrhundert zu einem Teil des größeren Stromsystems machte, das er heute darstellt.

Tier- und Pflanzenwelt: Ein fragiles Ökosystem
Der Ganges ist die Heimat einzigartiger und seltener Arten. Hier leben der scheue Gangesdelfin, der bedrohte Gangesgavial und der wenig erforschte Gangeshai. Die weitläufigen Mangrovensümpfe der Sundarbans im Mündungsgebiet sind ein vitales Ökosystem und beherbergen eine reiche Vielfalt an Säugetieren wie den Bengaltiger, Axishirsche und Wildschweine, sowie zahlreiche Vogel- und Reptilienarten. Dieses fragile Gleichgewicht ist jedoch durch die zunehmende Verschmutzung und den menschlichen Druck stark gefährdet.
Die religiöse Bedeutung: Ganga – die lebendige Göttin
Für die meisten indischen Religionen ist die Ganga, die personifizierte Flussgöttin, von unermesslicher Heiligkeit. Der Glaube an die reinigende Kraft des Ganges ist tief in der hinduistischen Kultur verwurzelt. Ein Bad im Fluss soll von Sünden reinigen und Absolution versprechen, wie es während der riesigen Pilgerfeste der Kumbh Mela praktiziert wird. Viele Hindus streben danach, am Ganges zu sterben – vorzugsweise in Varanasi, der heiligsten Stadt am Fluss – und ihre Asche im heiligen Wasser verstreut zu wissen. Trotz der offensichtlichen Verschmutzung halten Gläubige wie Vishwambhar Nath Mishra, ein Tempelpriester und Ingenieur, an der Überzeugung fest, dass der Fluss in seiner Essenz rein ist. Für sie ist der Glaube an die heilende Wirkung des Ganges stärker als wissenschaftliche Fakten. Ein Schluck des heiligen Wassers soll Krankheiten heilen können, eine Überzeugung, die von vielen geteilt wird, die täglich im Fluss baden und sein Wasser trinken.
Wirtschaftliche Bedeutung und Infrastruktur
Die Binnenschifffahrt auf dem Ganges ist zwar möglich, hat aber im Vergleich zu seiner religiösen und ökologischen Bedeutung nur eine geringe wirtschaftliche oder verkehrstechnische Relevanz. Ein bemerkenswertes jüngeres Ereignis war der Stapellauf der Ganga Vilas im Jahr 2022, des ersten in Indien gebauten Flusskreuzfahrtschiffes. Die größten Städte entlang des Ganges und seiner Mündungsarme, darunter Kanpur, Prayagraj, Varanasi, Patna und Kolkata in Indien sowie Khulna in Bangladesch, beziehen bis zu 70 Prozent ihres Trinkwassers direkt aus dem Fluss. Diese Abhängigkeit unterstreicht die kritische Rolle des Ganges für die Wasserversorgung und das Überleben seiner Anwohner.
Die alarmierende Abwasserbelastung: Eine ökologische Katastrophe
Die Verschmutzung des Ganges hat jedoch katastrophale Ausmaße angenommen. Täglich werden über 5 Millionen Kubikmeter toxischer Abwässer in den Fluss geleitet. Allein in Kolkata fließen 320 Millionen Liter in den Gangesarm Hugli. Die Belastung durch Kolibakterien ist erschreckende 2000-mal höher als in Indien erlaubt, und das Wasser enthält hohe Konzentrationen von Cyaniden, Arsen, Blei, Zink, Chrom und Quecksilber. Neben Fäkalabwässern tragen auch zahlreiche Leichenreste zur Verunreinigung bei, was die Ausbreitung von Cholera- und Typhusbakterien begünstigt. Viele Kläranlagen funktionieren nicht effektiv, oder das gereinigte Wasser vermischt sich kurz nach der Einleitung wieder mit hoch belastetem Wasser.

Die indische Regierung startete 1985 den „Ganga Action Plan“ mit dem Ziel, die Verschmutzung zu bekämpfen. Doch trotz erheblicher Investitionen gilt der Plan als weitgehend gescheitert, oft mangels notwendiger Betriebsmittel. Angesichts dieser Krise hat der Oberste Gerichtshof des nordindischen Bundesstaats Uttarakhand im März 2017 eine wegweisende Entscheidung getroffen: Der Ganges und sein Hauptzufluss Yamuna sollen den Status einer juristischen Person erhalten. Dies bedeutet, dass eine Verschmutzung oder Beschädigung der Flüsse einer Schädigung einer lebenden Person gleichwertig ist, ein Schritt, der auf dem Beispiel des neuseeländischen Whanganui River basiert. Diese rechtliche Anerkennung soll den Schutz der Flüsse stärken und die Verantwortlichkeit für ihre Reinhaltung erhöhen.
Um das Ausmaß der Verschmutzung zu verdeutlichen, hier eine Übersicht der Belastung:
| Schadstoff / Parameter | Typische Quelle | Auswirkungen | Belastungsgrad im Ganges (Varanasi) |
|---|---|---|---|
| Kolibakterien | Fäkalien, unbehandelte Abwässer | Krankheiten wie Cholera, Typhus, Hepatitis | 2000-mal höher als erlaubt |
| Schwermetalle (Blei, Quecksilber, Chrom, Zink) | Industrieabfälle, landwirtschaftliche Abwässer | Neurologische Schäden, Nierenerkrankungen, Krebs, Entwicklungsprobleme | Hohe Konzentrationen |
| Cyanide, Arsen | Industrieabwässer | Extrem giftig, tödlich in hohen Dosen | Hohe Konzentrationen |
| Pestizide, Lösungsmittel, Öle | Landwirtschaftliche Abwässer, Industrie, Haushalte | Schädigung der Wasserqualität, Toxizität für Flora und Fauna | Nachgewiesen |
| Krankheitserreger (Bakterien, Viren, Parasiten) | Fäkalabwässer, Leichenreste | Schwerwiegende gesundheitliche Probleme | Zahlreich nachgewiesen |
Häufig gestellte Fragen zum Ganges
Was ist der zweitgrößte Fluss in Indien und Bangladesch?
Der Ganges ist der zweitlängste Fluss Indiens. Im weiteren Verlauf in Bangladesch, wo er Padma genannt wird, vereinigt er sich mit dem Brahmaputra (Jamuna), der dort deutlich größer ist. Der vereinigte Strom wird dann zum mächtigsten Strom Asiens.
Wo ist der heiligste Fluss in Indien?
Der Ganges gilt als der heiligste Fluss in Indien. Insbesondere die Stadt Varanasi an seinen Ufern wird als Indiens heiligste Stadt angesehen, wo Pilger und Gläubige Rituale vollziehen.
Was ist das Besondere am Baden im Ganges?
Das Baden im Ganges ist ein zentrales Ritual für Hindus. Es wird geglaubt, dass ein Bad im heiligen Wasser von Sünden reinigt und Absolution verspricht. Viele glauben auch, dass es Krankheiten heilen kann und wünschen sich, nach dem Tod ihre Asche im Fluss verstreut zu wissen.

Welche Städte liegen am Ganges?
Bedeutende Städte am Ganges und seinen Mündungsarmen sind in Indien Kanpur, Prayagraj, Varanasi, Patna und Kolkata (Kalkutta). In Bangladesch ist Khulna eine wichtige Stadt am Fluss.
Warum ist der Ganges so stark verschmutzt?
Der Ganges leidet unter enormer Verschmutzung durch unbehandelte häusliche und industrielle Abwässer, chemische Einleitungen, Pestizide aus der Landwirtschaft und die Verstreuung von Leichenresten. Trotz Reinigungsversuchen wie dem Ganga Action Plan sind die Maßnahmen oft gescheitert oder unzureichend, was zu extrem hohen Konzentrationen von Bakterien und giftigen Substanzen führt.
Der Ganges bleibt ein Fluss voller Kontraste: eine Quelle des Lebens und der Spiritualität, aber auch ein Symbol für die drängenden ökologischen Herausforderungen unserer Zeit. Seine Zukunft hängt davon ab, ob der Glaube an seine Heiligkeit und die wissenschaftliche Erkenntnis seiner Verschmutzung zu wirksamen Maßnahmen für seinen Schutz führen können.
Wenn du andere Artikel ähnlich wie Der Ganges: Heiliger Strom und ökologische Krise kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Religion besuchen.
