Was sagt das Lukas Evangelium über den Herrn Jesus?

Die Evangelien: Fakten, Mythen und Revisionen

02/07/2021

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Seit Jahrhunderten versuchen Gläubige und Wissenschaftler gleichermaßen, die Geheimnisse der Bibel zu entschlüsseln, insbesondere die historischen Daten und Ereignisse, die in ihr beschrieben werden. Von der Erschaffung der Welt bis hin zu den Details der Geburt Jesu – die Suche nach präzisen Fakten führt oft zu überraschenden Erkenntnissen. Was, wenn viele unserer liebsten biblischen Geschichten nicht als historische Protokolle, sondern als tiefgründige, sinnstiftende Erzählungen verstanden werden sollten? Der Bibelwissenschaftler Simone Paganini von der Universität Aachen wagt es, einen provokanten Begriff auf dieses alte Buch anzuwenden: „Fake News in der Bibel“. Er findet sie bei Evas Apfel, Marias Jungfräulichkeit und im Machtanspruch der Päpste – und ganz besonders in den Erzählungen rund um die Geburt eines Gottessohnes namens Jesus.

Die Entstehung der Evangelien: Mehr als Augenzeugenberichte

Die Vorstellung, dass die Evangelien des Neuen Testaments direkte, unveränderte Berichte von Augenzeugen wie Matthäus, Markus, Lukas und Johannes sind, ist weit verbreitet. Doch die moderne Bibelforschung, insbesondere der historisch-kritische Zugang, zeichnet ein anderes Bild. Simone Paganini und Claudia Paganini, Co-Autoren des Buches „Von Wegen Heilige Nacht! Der große Faktencheck zur Weihnachtsgeschichte“, betonen, dass die Evangelien in erster Linie literarische Werke sind. Sie wurden nicht von einzelnen Autoren in einem Zug verfasst, sondern sind das Ergebnis kollektiver Prozesse.

„Die Autoren im Lukasevangelium und Matthäusevangelium, die wurden nicht von diesen zwei Menschen geschrieben, sondern es sind Communitys oder Gruppen, die zusammenkommen, miteinander reden, sehr viel diskutieren, viel erzählen. Irgendwann wurde es verschriftlicht“, erklärt Claudia Paganini. Diese Entstehungsprozesse, die zwischen 100 und 150 nach Christus stattfanden – also über 100 Jahre nach Jesu Leben –, deuten darauf hin, dass es den Verfassern nicht primär um die Übermittlung historischer Fakten ging, sondern um das Erzählen von Geschichten, die den Menschen Orientierung und Sinn geben sollten.

Das Rätsel von Jesu Geburtsdatum und -jahr

Eines der prominentesten Beispiele für die nicht-historische Natur der Evangelien ist die Unsicherheit bezüglich Jesu Geburtsdatum und -jahr. In der Antike gab es die Vorstellung, dass wichtige Persönlichkeiten am selben Tag geboren wurden, an dem sie starben. Da Jesus am 25. März gekreuzigt wurde, lag es nahe, seinen Geburtstag ebenfalls auf den 25. März zu legen. Dies half den frühen Christen, die keine belastbaren Informationen über die Geburt Jesu hatten. Simone Paganini bestätigt: „In Zusammenhang mit Weihnachten ist man relativ schnell fertig mit der Suche nach Quellen, weil: Man findet außerbiblisch gar nichts. Und biblisch findet man auch sehr wenig.“

Ein weiterer diskutierter Termin war der 28. März, der in der jüdischen Tradition als vierter Schöpfungstag galt, an dem Gott die Sonne schuf. Da Jesus bis ins 4. Jahrhundert mit Sonnengöttern wie Apollon und Horus konkurrierte, passte dieser Termin zu seiner Rolle als „neue Sonne“. Auch das Lukas-Evangelium, das Hirten auf freiem Feld erwähnt, deutet eher auf wärmere Monate hin. Doch die Evangelien selbst sind widersprüchlich. „Die vier Evangelien, zwei davon, die wissen auch nichts, dass Jesus geboren wurde. Der ist plötzlich da und er beginnt zu predigen. Wir kennen nur zwei Quellen, nämlich das Lukas- und das Matthäusevangelium. Die erzählen eine Geschichte, nämlich die Geschichte von der Geburt dieses Kindes, allerdings: Die meisten Details sind nicht einheitlich. Außerbiblisch haben wir gar nichts“, so Simone Paganini.

Auch das Geburtsjahr Jesu, das den Beginn unserer Zeitrechnung markiert, ist unklar. Berechnungen variieren zwischen dem Jahr Null, Eins nach Christus oder sogar vier oder sechs vor Christus. Die arabische Null stand im christlichen Abendland erst sehr spät zur Verfügung. Fachleute sind sich heute eher einig, dass Jesus um das Jahr vier oder sechs vor Christus geboren wurde. Dies unterstreicht, dass die biblischen Geschichten keine historisch verifizierbaren Daten liefern, sondern als sinnstiftende Erzählungen zu verstehen sind.

Weihnachten: Eine Festlegung aus praktischen und symbolischen Gründen

Die heutige Feier von Weihnachten am 25. Dezember ist das Ergebnis einer Entwicklung, die im 4. Jahrhundert in Rom begann. Ursprünglich gab es keine feste Tradition für dieses Datum. Die Verlegung des Festes in den Winter hatte mehrere Vorteile. Zum einen half es, die Pilgerströme zu regulieren, da Ostern bereits im Frühjahr stattfand. Zum anderen diente es dazu, ein populäres römisches Fest zu ersetzen: das Fest des Sol Invictus (des unbesiegten Sonnengottes), das ebenfalls um den 24./25. Dezember gefeiert wurde. „Jesus ist die neue Sonne. Wann kommt die neue Sonne? Ja, genau dann, am 24/25 Dezember herum und diese Symbolik hat dazu gepasst“, erklärt Simone Paganini. Dies ist ein klares Beispiel dafür, wie theologische Botschaften in bestehende kulturelle und religiöse Kontexte integriert wurden.

Mythen und Motive: Griechisch-Römischer und Ägyptischer Einfluss

Die Evangelien sind reich an Motiven, die sich auch in den antiken Mythologien des griechisch-römischen und ägyptischen Raumes finden lassen. Dies zeigt, wie die Autoren der Evangelien kreativ Elemente ihrer kulturellen Umwelt aufnahmen und anpassten, um ihre Botschaft zu vermitteln.

Die Krippe und die Hirten: Die Szene der Geburt Jesu in einer Krippe, weil in der Herberge kein Platz war, erinnert an die Mutter Apolls, die ebenfalls keinen Platz fand. Auch die Darstellung des in Windeln gewickelten Kindes in einer Krippe hat Parallelen zu Zeuskindern in Windeln oder Dionysoskindern in Getreideschwingen. Carl Schneider, ein Religions- und Kulturhistoriker, merkt an: „Hier denkt jeder griechische Leser an die Mutter Apolls, die auch keine Stätte fand. (…) Wie das Zeuskind bei Kallimachos in Windeln gewickelt wird und das Dionysoskind in einer Getreideschwinge liegt, so liegt bei Lukas das in Windeln gewickelte Kind in einer Krippe.“ Die bukolische Hirtenerzählung findet sich ähnlich bei der Geburt des Kyros und des Romulus sowie in Mithraskindheitsgeschichten.

Die Lichterscheinungen: Der Glanz der Engel im Lukas-Evangelium hat Entsprechungen in Mysterienkulten, wie der Isisweihe, wo es heißt: „Mitten in der Nacht sah ich die Sonne strahlend im leuchtenden Licht.“ Simone Paganini weist darauf hin, dass „die Legende um die Biografie von Isis und Osiris eine Legende [ist], die mit der Geschichte Jesu sehr gut zusammenpasst.“ Eine Feier zu Ehren der Gottheit Aion verkündete: „In dieser Stunde, heute, gebar die Jungfrau den Aion. (...) Die Jungfrau hat geboren. Das Licht geht auf.“ All diese Motive wurden in den Geburtserzählungen von Lukas und Matthäus verarbeitet.

Die „Heiligen Drei Könige“ und der Stern von Bethlehem

Das Matthäus-Evangelium erzählt von Magiern aus dem Morgenland, die einem Stern folgten, um den neugeborenen König der Juden zu finden. Im Lukas-Evangelium fehlen die Könige und der Stern komplett. Bei Matthäus ist nicht von drei Königen die Rede, und sie haben auch keine Namen. Die Vorstellung von den „Heiligen Drei Königen“ Kaspar, Melchior und Balthasar ist eine spätere Hinzufügung zur biblischen Erzählung, die im Laufe der Zeit populär wurde. Auch der Stern, der sie nach Bethlehem führte, ist historisch fragwürdig. Ein Komet wurde zwar im Oktober des Jahres 12 vor Christus beobachtet, was jedoch zu früh für Jesu Geburt wäre. Die Erzählung dient dazu, Jesus als „König der Juden“ zu inszenieren und der Geschichte Glanz zu verleihen, ganz im Gegensatz zur Betonung der Armut im Lukas-Evangelium.

Bethlehem und Herodes: Symbolik über Fakten

Die Geburt Jesu in Bethlehem war kein Zufall, sondern eine theologische Notwendigkeit. Bethlehem galt als die Stadt des künftigen Erlösers und als Stadt Davids. So konnte Jesus als „Sohn Davids“ in eine symbolische Genealogie eingeordnet werden, die seine Messianität unterstrich. Die Evangelien bedienen sich hier einer symbolischen Sprache, die Bedeutung über geografische oder historische Genauigkeit stellt.

Die Geschichte von Herodes, der aus Angst vor dem „König der Juden“ alle Knaben bis zwei Jahre in Bethlehem töten ließ, ist ein weiteres Beispiel für eine sinnstiftende Erzählung, die Parallelen in antiken Mythen findet. Historisch gesehen starb Herodes im Jahre 3 vor Christus, konnte also keinem im Jahre Null oder Eins geborenen Jesus gefährlich werden. Zudem ist das Motiv der Gefährdung eines besonderen Kindes unmittelbar nach der Geburt ein bekanntes Topos in hellenistisch-römischen Mythen, etwa bei Romulus und Remus, Herakles oder Alexander dem Großen. Es dient dazu, die Bedeutung der neugeborenen Figur zu unterstreichen, indem ein böser Gegenspieler eingeführt wird, der versucht, ihre Macht zu brechen.

Das Lukas-Evangelium enthält auch eine historisch ungenaue Passage über eine Volkzählung unter Kaiser Augustus, als Quirinus Statthalter von Syrien war (Lukas 2,1). Historisch korrekt war Quirinus erst im Jahre sechs oder sieben nach Christi Geburt Statthalter, und die ersten umfassenden Steuerschätzungen fanden erst 74/75 nach Christus statt. Dies zeigt, wie die Verfasser des Lukas-Evangeliums Vergangenheit und Gegenwart kreativ miteinander vermischten und Versatzstücke populärer Mythen einbauten.

Die Flucht nach Ägypten: Eine theologische Rechtfertigung

Auch die Flucht nach Ägypten, wie sie im Matthäus-Evangelium beschrieben wird, hat theologische und gemeindliche Gründe. „Wieso nach Ägypten? Und da gibt es ganz klar die Theorie, die besagt: In Ägypten, in Alexandrien gab es bereits zu dieser Zeit, also Ende des ersten Jahrhunderts, eine große christliche Gemeinde und man braucht irgendeinen Bezug, um zu rechtfertigen, dass sie dort am richtigen Ort sind“, erklärt Simone Paganini. Dies unterstreicht erneut, dass die Evangelien den Gläubigen die Geschichten lieferten, die sie überzeugten und ihre Gemeinden stärkten, anstatt eine reine Chronik zu sein.

Religiöse Konkurrenz: Der Einfluss des Mithras-Kultes

Ein besonders faszinierendes Element in der Überarbeitung der Evangelien ist der Einfluss konkurrierender Religionen, insbesondere des Mithras-Kultes. Dieser Gottessohn, der als eine Art Sonnengott galt, gewann zur selben Zeit an Bedeutung, als die Evangelien aufgeschrieben wurden (ab etwa 100 nach Christus). Die Parallelen zwischen Mithras und Jesus sind frappierend und deuten darauf hin, dass die frühen Christen bewusst oder unbewusst Elemente aus dem populären Mithras-Kult in ihre eigenen Erzählungen integrierten, um konkurrenzfähig zu sein und neue Anhänger zu gewinnen.

Mithras-KultJesus-Erzählung
Galt als Gottessohn, ausgesandt vom göttlichen Vater, um das Böse zu überwinden.Gottessohn, ausgesandt zur Überwindung des Bösen und Dunklen.
Hirten und Tiere waren bei seiner Geburt zugegen.Hirten und Tiere bei der Geburt (Lukas-Evangelium).
Hatte 12 Apostel, mit denen er vor seinem Tod ein Abendmahl feierte.Hatte 12 Apostel, feierte das Abendmahl vor seinem Tod.
Wurde begraben und erlebte eine Wiederauferstehung.Wurde begraben und erlebte eine Wiederauferstehung.
Das Kreuz war ein Symbol des Kultes.Das Kreuz ist ein zentrales Symbol.
Es gab eine Art Taufe (mit Blut).Es gibt eine Taufe (mit Wasser).
Besonderer Festtag um die Wintersonnenwende (21. Dez.).Weihnachtsfest um den 25. Dezember.

Bernhard Lang, ein katholischer Theologe, bemerkt: „Wir haben einen großen Einfluss der Mithras-Religion oder des Mithras-Kultes ab etwa 100 nach Christus. Also hier wird aus demselben Repertoire geschöpft, aus dem auch das Lukasevangelium schöpft und letztlich unsere Krippendarstellungen auch schöpfen: Hirten sind anwesend.“ Simone Paganini fügt hinzu, dass Mithras „sogar einen Weihnachtsbaum gehabt, eine sehr, sehr ähnliche Sache“.

Die theologische Bedeutung jenseits der Fakten

Wenn die Evangelien keine wortwörtlichen Geschichtsberichte sind, was bleibt dann von ihrer Botschaft? Claudia Paganini betont, dass die theologische Kernaussage der Weihnachtserzählung unberührt bleibt: „In der Weihnachtserzählung wird Gott Mensch, Gott will ganz beim Menschen sein, also er ist nicht ein ferner Gott, ein unangreifbarer, unantastbarer, kalter Gott, sondern ein empathischer, mitmenschlicher Gott, indem er Mensch wird.“ Es geht um die Verkörperung göttlicher Liebe und Empathie. Die Religion ergreift Partei für Benachteiligte und Stimmenlose.

Von lebendiger Mythologie zu „dürren Dogmen“

Der historisch-kritische Zugang ist ein grundlegender Bestandteil der theologischen Ausbildung. Er hilft zu verstehen, dass die Weihnachtsgeschichte „erst einmal eine literarische Erfindung“ ist, die Motive aus verschiedenen Mythologien und Religionen aufgreift. Bernhard Lang beklagt jedoch, dass die christlichen Kirchenväter und -leiter diese lebendigen, sinnstiftenden Erzählungen oft wörtlich nahmen und zu „Lehrsätzen, zu Dogmen“ machten. „Hier werden plötzlich mythische Sätze in Glaubenssätze verwandelt und festgezurrt, so dass eigentlich die lebendige Mythologie gedrosselt wird, gebändigt wird und dann bleiben dürre Dogmen übrig, die dann ihren Weg durch die Kirchengeschichte gehen.“

Wir neigen dazu, die Geburtserzählungen als „eine Art Dokumentation“ zu missverstehen, die eine Aneinanderreihung von historisch korrekten Fakten liefern muss. Doch zur Zeit ihrer Entstehung waren sie dies ganz sicher nicht. Sie waren Erzählungen, die den Menschen helfen sollten, in ihrem Alltag Wertorientierung und Sinn zu finden, indem sie theologische Wahrheiten in einer für die damalige Zeit verständlichen und ansprechenden Weise vermittelten.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Sind die Evangelien historisch akkurat?
Nein, die moderne Bibelforschung sieht die Evangelien nicht als historisch-dokumentarische Berichte, sondern als theologische und sinnstiftende Erzählungen, die über 100 Jahre nach Jesu Leben entstanden sind und literarische sowie mythologische Elemente verwenden.
Wann wurde Jesus wirklich geboren?
Das genaue Geburtsdatum Jesu ist unbekannt. Die Evangelien selbst sind hierzu widersprüchlich, und außerbiblische Quellen fehlen. Die Feier am 25. Dezember wurde im 4. Jahrhundert festgelegt, um Pilgerströme zu regulieren und heidnische Feste wie den Sol Invictus-Kult zu überschreiben.
Gab es die „Heiligen Drei Könige“ und den Stern von Bethlehem wirklich?
Die Erzählung von den drei Königen und dem Stern findet sich nur im Matthäus-Evangelium und ist dort anders dargestellt als in der späteren Tradition (keine Anzahl, keine Namen). Historisch gibt es für einen solchen Stern zum Zeitpunkt der Geburt Jesu keine Bestätigung, und die Geschichte dient eher der symbolischen Inszenierung Jesu als König.
Was ist der „historisch-kritische Zugang“ zur Bibel?
Dies ist eine theologische Methode, die biblische Texte in ihrem historischen, kulturellen und literarischen Kontext analysiert. Sie fragt nach der Entstehung, den Absichten der Autoren und den Einflüssen ihrer Zeit, anstatt die Texte wörtlich als historische Dokumente zu verstehen.
Was bedeutet es, wenn die Bibel nicht wörtlich genommen wird?
Es bedeutet, dass die theologische Botschaft und der Sinn der Erzählungen im Vordergrund stehen, anstatt einer buchstabengetreuen Interpretation von historischen Fakten. Die Geschichten sollen Wertorientierung und einen tieferen Glauben vermitteln, anstatt eine chronologische Dokumentation zu sein.

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