08/04/2024
Beim Betreten einer altehrwürdigen Kirche fällt vielen Besuchern sofort die beeindruckende Architektur auf. Doch nur wenige wissen, dass die genaue Ausrichtung des Gebäudes, die sogenannte Ostung, eine tiefgreifende symbolische und theologische Bedeutung hat. Im Mittelpunkt dieser Ausrichtung stehen zwei zentrale Elemente: der Altar und der Haupteingang. Obwohl beide unverzichtbare Bestandteile jedes Sakralbaus sind, erfüllen sie gänzlich unterschiedliche Funktionen und sind typischerweise an entgegengesetzten Enden des Kirchenschiffs zu finden. Diese Anordnung ist kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrhundertealter Traditionen, theologischer Überzeugungen und astronomischer Beobachtungen. In diesem Artikel beleuchten wir die Unterschiede zwischen Altar und Haupteingang, entschlüsseln die Geheimnisse der Kirchenausrichtung und zeigen auf, warum diese scheinbar einfache Anordnung eine so komplexe Geschichte hat.

- Was ist die Ostung? Eine Einführung in die Himmelsrichtung des Glaubens
- Der Altar: Das Herzstück der Ostung
- Der Haupteingang: Das Portal zur Gemeinschaft
- Historische Abweichungen und ihre Gründe
- Der Achsknick: Ein architektonisches Rätsel
- Symbolik jenseits des Kirchenbaus: Die Ostung bei Bestattungen
- Vergleichstabelle: Altar vs. Haupteingang
- Häufig gestellte Fragen (FAQs) zur Kirchenausrichtung
- Fazit
Was ist die Ostung? Eine Einführung in die Himmelsrichtung des Glaubens
Die Ostung bezeichnet die gezielte Ausrichtung eines Kirchengebäudes oder eines anderen Sakralbaus nach Osten, also in Richtung der aufgehenden Sonne. Dieser Begriff ist eng verwandt mit dem Wort „Orientierung“, das ursprünglich „Ostausrichtung“ bedeutet und seinen Ursprung im lateinischen „oriens“ (Osten, Morgen, aufgehende Sonne) hat. Die Praxis der Ostung hat insbesondere bei frühchristlichen und mittelalterlichen Kirchen, wie sie in der Romanik und Gotik errichtet wurden, eine immense Bedeutung. Sie ist nicht nur eine bauliche Vorgabe, sondern ein tief verwurzeltes Symbol.
Die theologische Begründung für diese Ausrichtung ist vielfältig. Von Christus heißt es „Oriens orientium universum obtinet“ – „Der Aufgang aller Aufgänge regiert das All“. Der Sonnenaufgang galt als mächtiges Symbol der Auferstehung Christi und damit der Hoffnung auf das ewige Leben. Das Gebet gen Osten richtete sich auch auf das Himmlische Jerusalem oder das Paradies, von dem man annahm, es liege im Osten. Diese symbolische Verbindung zwischen dem physischen Osten und der spirituellen Hoffnung prägte die Bauweise unzähliger Kirchen über Jahrhunderte hinweg.
Der Altar: Das Herzstück der Ostung
In den meisten großen mittelalterlichen Kirchenschiffen, die oft die Form eines Kreuzes annehmen, ist der Chor mit dem Altar in der Regel im Osten platziert. Der Altar ist das zentrale Element des Gottesdienstes, der Ort, an dem das Sakrament der Eucharistie gefeiert wird. Seine Ausrichtung nach Osten ermöglichte es den Gläubigen, während der Liturgie in Richtung der aufgehenden Sonne zu blicken – eine Geste, die die Erwartung der Wiederkunft Christi und die Auferstehung symbolisiert. Das Presbyterium, der Bereich um den Altar, sollte gemäß den Apostolischen Konstitutionen, einem frühchristlichen Werk aus dem 4. Jahrhundert, am östlichen Ende der Kirche errichtet werden, da die Christen gewohnt waren, gen Osten zu beten.
Der Haupteingang: Das Portal zur Gemeinschaft
Im Gegensatz zum Altar, der im Osten liegt, befindet sich der Haupteingang einer Kirche typischerweise an der gegenüberliegenden Seite – im Westen. Manchmal kann er aber auch im Norden oder Süden liegen, abhängig von lokalen Gegebenheiten oder der spezifischen Baugeschichte. Der Haupteingang dient als Schwelle zwischen der weltlichen Außenwelt und dem heiligen Raum des Kirchenschiffs. Er symbolisiert den Eintritt in die Gemeinschaft der Gläubigen und den Beginn des spirituellen Weges. Die Anordnung des Eingangs im Westen ermöglichte es den Eintretenden, direkt auf den Altar im Osten zuzugehen und so die symbolische Reise vom Dunkel zum Licht oder vom Irdischen zum Himmlischen zu vollziehen.
Historische Abweichungen und ihre Gründe
Obwohl die Ostung die vorherrschende Praxis war, gab es bemerkenswerte Ausnahmen und Variationen:
- Frühchristliche Basiliken in Rom: In einigen der frühesten Basiliken Roms, wie der Petersbasilika, lag die Frontseite der Kirche im Osten und die Apsis (mit dem Altar) im Westen. Der Eingang war somit auf der Ostseite, ähnlich dem Jerusalemer Tempel. Erst im 8. oder 9. Jahrhundert übernahm Rom die im Byzantinischen Reich obligatorisch gewordene Ostausrichtung, die sich dann auch im Frankenreich und anderen Teilen Nordeuropas durchsetzte.
- Grabeskirche in Jerusalem: Auch die ursprüngliche konstantinische Grabeskirche in Jerusalem hatte ihren Eingang am östlichen Ende.
Diese frühen Ausnahmen zeigen, dass die Ostung keine von Anfang an universelle Regel war, sondern sich im Laufe der Zeit als dominante Praxis etablierte. Die Gründe für die exakte Ausrichtung einer Kirche sind komplex und nicht immer strikt nach Himmelsrichtung definiert:
- Sonnenaufgang am spezifischen Tag: Kirchen sind in der Regel nicht strikt parallel zu einem bestimmten Breitengrad nach Osten ausgerichtet, sondern in Richtung der aufgehenden Sonne am Tag der Grundsteinlegung, des Patroziniums (Fest des Schutzheiligen) oder des Kirchweihfestes. Da der Sonnenaufgang im Laufe des Jahres variiert, bedeutet dies in Europa oft eine Ausrichtung eher nach Südosten. Ein berühmtes Beispiel ist der Stephansdom in Wien, dessen Achse auf den Sonnenaufgang des 26. Dezember 1137 (Tag des Patroziniumsheiligen im Jahr des Baubeginns) ausgerichtet sein soll. Beliebt war auch die Ausrichtung nach dem Sonnenaufgang zur Tag-und-Nacht-Gleiche, also zum Frühlingsbeginn in der vorösterlichen Fastenzeit.
- Vorhandene Fundamente: Manchmal wurde die Ausrichtung durch die Fundamente von Vorgängerbauten aus der Antike oder durch besondere Gegebenheiten des Bauplatzes (z.B. an einer Stadtmauer) beeinflusst.
- Windlast: Gebäudetechnisch konnte auch die Minimierung der Windlast eine Rolle bei der Ausrichtung spielen.
- Theologische Interpretationen: Die Vision des Propheten Ezechiel (Ez 43,4 EU), dass der Herr durch das Tor im Osten eingezogen sei und dieses für immer verschlossen bleiben solle, sowie die Prophezeiung Christi (Mt 24,27 EU), dass der Menschensohn von Osten zum Gericht erscheinen werde, trugen ebenfalls zur Bedeutung der Ostrichtung bei.
Der Achsknick: Ein architektonisches Rätsel
Ein faszinierendes Phänomen in vielen mittelalterlichen Kirchen ist der sogenannte Achsknick. Dabei liegen die Längsachsen von Kirchenschiff (Langhaus) und Chor (Altarraum) nicht auf derselben Linie, sondern die Achse des Chors weicht um einige Grad von jener des Schiffes ab. Eine populäre Theorie besagt, dass dieser Knick darauf zurückzuführen ist, dass die Fundamente von Langhaus und Chor an unterschiedlichen (Sonn-)Tagen vermessen wurden. Infolge des veränderten Sonnenaufgangs an diesen unterschiedlichen Tagen ergaben sich dann Unterschiede für die Ausrichtung dieser Achsen. Mit genauer Kenntnis des verwendeten Kalenders (meist des Julianischen) könnte man aus dem Winkel des Achsknicks sogar exakt auf die Tage der Ausmessung und damit des Kirchenbaubeginns schließen.
Kritiker dieser Theorie weisen darauf hin, dass eine solche Methode einen gut erlebbaren Sonnenaufgang an den Messtagen zwingend erfordert, was nicht immer gewährleistet war. Dieser Einwand wird jedoch durch historische Beschreibungen, wie die der Grundsteinlegung der Stiftskirche Schildesche im Jahr 939, entkräftet. Dort wird berichtet, wie geschulte Personen mit Instrumenten den Punkt des tatsächlichen Sonnenaufgangs vom Mittagspunkt des betreffenden Tages ermittelten.
Symbolik jenseits des Kirchenbaus: Die Ostung bei Bestattungen
Die Bedeutung der Ostung beschränkt sich nicht nur auf den Kirchenbau. Auch bei Erdbestattungen ist sie in vielen Kulturen üblich. Auf vielen Friedhöfen werden Verstorbene so beigesetzt, dass ihre Gesichter in Richtung Osten blicken. Nach christlicher Auffassung erwarten die Verstorbenen dort, im Osten, am Jüngsten Tag die Wiederkunft, das zweite Kommen Jesu Christi. Dies unterstreicht einmal mehr die tief verwurzelte symbolische Bedeutung des Ostens als Richtung der Hoffnung, der Auferstehung und der ewigen Erwartung.
Vergleichstabelle: Altar vs. Haupteingang
Um die Unterschiede und Funktionen von Altar und Haupteingang in der Kirchenarchitektur zu verdeutlichen, dient folgende Tabelle:
| Merkmal | Altar | Haupteingang |
|---|---|---|
| Typische Himmelsrichtung | Osten (im Chor) | Westen (manchmal Norden oder Süden) |
| Symbolische Bedeutung | Auferstehung, Christus als aufgehende Sonne, Himmlisches Jerusalem, Ort des Heiligen | Zugang zur Kirche, Beginn des Glaubensweges, Schwelle zwischen Weltlich und Heilig |
| Funktion im Gottesdienst | Zentrum der Liturgie, Ort der Eucharistiefeier und des Gebets | Punkt des Eintretens und Verlassens, symbolisiert die Öffnung der Kirche für die Gläubigen |
| Historische Varianten | In frühchristlichen römischen Basiliken manchmal im Westen | In frühchristlichen römischen Basiliken und der Grabeskirche in Jerusalem manchmal im Osten |
| Beziehung zum Licht | Blick zur aufgehenden Sonne (Licht der Auferstehung) | Führt vom Dunkel des Westens zum Licht des Ostens (Altar) |
Häufig gestellte Fragen (FAQs) zur Kirchenausrichtung
Warum sind nicht alle Kirchen genau nach Osten ausgerichtet?
Die Ausrichtung ist oft nicht exakt nach dem geografischen Osten, sondern nach dem Punkt des Sonnenaufgangs an einem bestimmten Kalendertag (z.B. dem Tag des Patroziniums, der Grundsteinlegung oder des Kirchweihfestes). Da der Sonnenaufgang im Jahresverlauf variiert, kann die Ausrichtung leicht nach Südosten abweichen. Auch topografische Gegebenheiten, bereits bestehende Fundamente oder städtebauliche Planungen konnten die exakte Ausrichtung beeinflussen.
Gibt es Kirchen, bei denen der Eingang im Osten und der Altar im Westen liegt?
Ja, in den frühchristlichen Basiliken Roms, wie der ursprünglichen Petersbasilika, und der konstantinischen Grabeskirche in Jerusalem war dies der Fall. Diese Ausrichtung war an den Jerusalemer Tempel angelehnt und änderte sich erst im 8. oder 9. Jahrhundert unter byzantinischem Einfluss zur heute gängigen Ostung des Altars.
Was bedeutet der „Achsknick“ in manchen Kirchen?
Der Achsknick beschreibt eine leichte Abweichung der Längsachse des Chors von der des Kirchenschiffs. Eine gängige Theorie besagt, dass dies durch die Vermessung der Fundamente an unterschiedlichen Tagen verursacht wurde, wobei die Position des Sonnenaufgangs an diesen Tagen variierte und somit zu einer leicht veränderten Ausrichtung der jeweiligen Abschnitte führte.
Warum war die Ausrichtung einer Kirche so wichtig?
Die Ausrichtung einer Kirche war von fundamentaler Bedeutung, da sie tiefgreifende theologische und symbolische Bedeutungen trug. Sie symbolisierte die Erwartung der Wiederkunft Christi, die Auferstehung und die Hinwendung zum Himmlischen Jerusalem. Das Gebet gen Osten war eine zentrale Geste der frühen Christen und wurde im Kirchenbau manifestiert.
Hat die Ostung auch heute noch Bedeutung im Kirchenbau?
Während moderne Kirchen oft flexibler in ihrer Ausrichtung sind, bleibt die Ostung als traditionelles Prinzip und als Ausdruck tief verwurzelter Symbolik bedeutsam. Sie ist ein Erbe, das die kontinuierliche Verbindung zwischen Glauben, Astronomie und Architektur über Jahrhunderte hinweg aufzeigt und hilft, die Geschichte und Bedeutung alter Sakralbauten zu verstehen.
Fazit
Die Unterscheidung zwischen Altar und Haupteingang in einer Kirche ist weit mehr als nur eine Frage der Platzierung. Sie spiegelt eine jahrhundertealte Tradition der Ausrichtung wider, die tief in theologischen Überzeugungen, astronomischen Beobachtungen und symbolischen Bedeutungen verwurzelt ist. Der Altar, im Osten platziert, ist das Herzstück des Gottesdienstes und symbolisiert die Hoffnung auf Auferstehung und die Wiederkunft Christi. Der Haupteingang, meist im Westen, dient als Schwelle und symbolisiert den Eintritt in den heiligen Raum und die Gemeinschaft der Gläubigen. Gemeinsam erzählen sie die Geschichte einer tiefen spirituellen Reise, die in der Architektur selbst verankert ist. Die Erkenntnis dieser Zusammenhänge bereichert das Verständnis jedes Kirchenbesuchs und offenbart die Komplexität und Schönheit des christlichen Kirchenbaus.
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