Was ist das Recht des verstorbenen Muslims gegenüber den Muslimen?

Tod und Jenseits im Islam: Ein umfassender Blick

21/11/2024

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Der Tod ist für jeden Menschen eine Gewissheit, ein unumgänglicher Übergang, der im Islam tiefgreifende spirituelle Bedeutung trägt. Er ist nicht das Ende, sondern der Beginn einer neuen Existenz, einer Reise ins Jenseits, die mit einer Reihe von festen Überzeugungen und detaillierten Ritualen verbunden ist. Diese Praktiken spiegeln den Glauben an die göttliche Vorsehung, die Rechenschaftspflicht des Einzelnen und die Hoffnung auf ein ewiges Leben im Paradies wider.

Was bedeutet das Wort „Aschura“?
Die Wurzel des Wortes „Aschura“ ist das arabische Wort „aschr“, welches die Zahl zehn bedeutet. Schon in vorislamischer Zeit wurde diesem Tag von vielen Religionen und Glaubensrichtungen eine besondere Bedeutung verliehen, denn im Laufe der Geschichte festigte sich der Glaube, dass an diesem Tag eine Reihe wichtiger Ereignisse stattgefunden habe.

Im islamischen Verständnis ist der Zeitpunkt des Todes von Allah festgesetzt. Es wird überliefert, dass Allah, wenn der Todestag eines Menschen naht, das Blatt vom Baum unter Seinem Thron fallen lässt, auf dem der Name des Betreffenden geschrieben steht. Der Todesengel, Izrâ’îl, ist jener, der im Augenblick des Todes die Seele (arab. rûh bzw. nafs) vom Körper trennt. Dieser Akt ist ein göttlicher Befehl, und jeder Mensch ist sich der Unausweichlichkeit dieses Ereignisses bewusst, wie es auch im Koran (21,35) festgehalten ist: „Jeder wird den Tod kosten.“

Inhaltsverzeichnis

Der Moment des Abschieds: Die letzten Worte und die Shahada

Wenn ein Muslim dem Tod nahe ist, gibt es bestimmte Empfehlungen, um den Übergang zu erleichtern und die spirituelle Vorbereitung abzuschließen. Nach Möglichkeit sollte die sterbende Person selbst die rituelle Waschung (Ghusl) vollziehen. Wird die Person jedoch zu schwach, unterstützen die Angehörigen und Freunde sie dabei. Es ist üblich, Korantexte zu rezitieren, den Kopf des Sterbenden in Richtung Mekka auszurichten und ihm kurz vor dem Ableben das islamische Glaubensbekenntnis, die Shahada, vorzusagen.

Die Shahada, „La ilaha illa llah“ (Es gibt keinen Gott außer Gott), ist das zentrale Glaubensbekenntnis des Islam. Sie soll die letzten Worte eines Muslims vor dem Tod sein, denn der Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm) soll gesagt haben: „Wer als letzte Worte vor seinem Tod ‚La ilaha illa llah‘ sagt, betritt den Paradiesgarten.“ Dies unterstreicht die immense Bedeutung dieses Bekenntnisses für die Erlösung und das ewige Heil im Islam. Sobald der Sterbende die Shahada selbst wiederholt hat, wird das Vorsagen eingestellt, um ihm Raum für seine letzten persönlichen Gedanken und Gebete zu geben.

Die Reise ins Jenseits: Volksislamische Vorstellungen und die Befragung im Grab

Nach volksislamischer Auffassung beginnt mit dem Tod die eigentliche Reise der Seele. Im Grab wird der Verstorbene von zwei Engeln, Munkar und Nakir, befragt. Diese Befragung, bekannt als die „Frage des Grabes“ (Su’al al-Qabr), ist ein entscheidender Moment für die jenseitige Existenz. Die Fragen lauten typischerweise:

  • Wer ist dein Gott?
  • Wer ist dein Prophet?
  • Was ist deine Religion?
  • Wohin zeigt deine Gebetsrichtung?

Nur wer diese Fragen korrekt beantworten kann, indem er sich zu seinem Glauben bekennt und die richtigen Antworten gibt, wird die nächste Hürde überwinden können: die Brücke Sirat. Diese Brücke, die schärfer ist als ein Schwert und dünner als ein Haar, führt über die Hölle ins Paradies. Gläubige Muslime, die die Prüfung im Grab bestanden haben, können sie unbeschadet überqueren und ins Paradies gelangen. Die Ungläubigen oder jene, die die Prüfung nicht bestehen, stürzen von der Brücke in die Hölle und das Feuer hinab. Diese Vorstellung verstärkt die Notwendigkeit eines standhaften Glaubens und eines rechtschaffenen Lebens, um für das Jenseits gerüstet zu sein.

Unmittelbar nach dem Tod: Rituale der Reinigung und Vorbereitung

Sobald der Tod eingetreten ist, werden sofort Maßnahmen ergriffen, um den Verstorbenen für die Bestattung vorzubereiten. Die Augen und der Mund des Toten werden geschlossen, begleitet von Gebeten für seine gnädige Aufnahme im Jenseits. Die Totenklage wird angestimmt, doch viele islamische Theologen verurteilen übermäßige Zeichen der Trauer wie das Zerreißen der Kleidung, das Schlagen auf die Brust oder ins Gesicht. Solche Handlungen werden als Mangel an Geduld und Glauben an Allahs Vorsehung ausgelegt. Trauer ist im Islam erlaubt und sogar menschlich, soll aber gefasst und beherrscht geäußert werden, nicht hysterisch oder überlaut. Schwarz ist im Islam keine Trauerfarbe.

Die Familie des Verstorbenen wird für drei Tage zu einem Trauerhaus. Eine Witwe hat eine spezielle Trauerzeit (Iddah) von vier Monaten und zehn Tagen einzuhalten, in der sie nicht heiraten darf. Während dieser Zeit ist die Unterstützung durch Nachbarn und Verwandte von größter Bedeutung. Sie leisten Beistand, übernehmen die Versorgung der Trauernden und lassen sie in ihrer Not nicht allein. Dies spiegelt den starken Gemeinschaftssinn im Islam wider.

Die rituelle Waschung (Ghusl al-Mayyit)

Die Waschung des Toten ist eine verpflichtende rituelle Handlung (Fard Kifaya), deren Unterlassung als Sünde gilt. Der Leichnam wird nach Möglichkeit von Verwandten desselben Geschlechts gewaschen und parfümiert. Ehemänner dürfen von ihren Frauen gewaschen werden; umgekehrt ist dies jedoch nicht von allen Theologen erlaubt. Die rituelle Waschung (Ghusl al-Mayyit) muss sorgfältig und nach genauen Vorschriften erfolgen. Sollte ein ungewaschener Leichnam bereits im Grab liegen, aber noch nicht mit Erde bedeckt sein, muss er für die Waschung wieder herausgenommen werden. Eine Ausnahme bilden Märtyrer, die ungewaschen in ihren Kleidern und ihrem Blut beigesetzt werden, da ihr Tod als Reinheit an sich gilt.

Das Leichentuch (Kafan) und die schnelle Bestattung

Nach der Waschung wird der Tote in vorzugsweise weiße Leintücher gehüllt, deren Beschaffenheit, Größe und Anzahl genau festgelegt sind. Dieses Leichentuch (Kafan) kann auch das Pilgergewand sein, falls der Verstorbene die Wallfahrt nach Mekka (Hajj) vollzogen hat. Diese speziellen Stoffe werden oft von Frauen jenseits der Wechseljahre hergestellt, um sicherzustellen, dass sie nicht im Zustand ritueller Unreinheit verarbeitet wurden.

Ein grundlegendes Prinzip im Islam ist die rasche Bestattung. Der Tote soll so schnell wie möglich für die Beerdigung vorbereitet und die Grablegung so bald wie möglich, idealerweise noch am selben Tag, erfolgen. Diese Eile ist nicht nur eine Frage der Hygiene, sondern auch eine Respektsbekundung für den Verstorbenen und eine Anerkennung der Vergänglichkeit des irdischen Lebens. Die Berührung eines Toten sowie das Tragen der Totenbahre führt zu einer rituellen Verunreinigung, die durch eine erneute rituelle Waschung (Ghusl) beseitigt werden muss, bevor Gebete verrichtet oder der Koran berührt werden können.

Das Beerdigungsgebet (Salat al-Janazah) und die Grablegung

Vor der eigentlichen Grablegung wird das Beerdigungsgebet (Salat al-Janazah) beim Leichnam gesprochen. Dieses Gebet ist einzigartig, da es keine Verbeugungen oder Niederwerfungen beinhaltet, sondern hauptsächlich aus Bittgebeten für den Verstorbenen besteht. Es schließt die Bitte um Vergebung für den Toten ein sowie die Bitte an den Toten, bei Gott Fürsprache für die Lebenden einzulegen. Angehörige und Nahestehende nehmen unter Anleitung eines Qadis oder Imams daran teil.

Nach dem Beerdigungsgebet wird der Leichnam rasch zum Friedhof getragen. Der Leichenzug, der traditionell ausschließlich aus Männern besteht, da Frauen die Teilnahme an der Grablegung nach Überlieferung untersagt ist, geleitet den Verstorbenen zu seiner letzten Ruhestätte. Es gilt als Ehre und bringt Sündenvergebung, einer der Sargträger zu sein oder den Toten ein Stück des Weges zu begleiten. Der Verstorbene muss auf einem rein muslimischen oder zumindest einem Muslimen vorbehaltenen Gräberfeld beigesetzt werden.

Die Ausrichtung im Grab und die Bedeutung der Ruhe

Bei der Grablegung wird der Tote auf die rechte Seite gelegt und sein Kopf in Richtung Mekka (Qibla) ausgerichtet. Die Anwesenden füllen die Erde in das offene Grab und bitten nochmals um Vergebung für den Verstorbenen. Es ist auch üblich, Korantexte zu rezitieren und den Toten erneut über das Glaubensbekenntnis zu belehren, um ihn auf die Befragung durch die Grabesengel vorzubereiten. Eine Verbrennung (Kremation) ist im Islam strengstens untersagt, selbst wenn es der Wunsch des Toten war. Sie widerspricht der islamischen Lehre von der körperlichen Auferstehung und der Unversehrtheit des Körpers.

Ein weiteres wichtiges Prinzip ist die Unantastbarkeit der Totenruhe. Es ist nicht erlaubt, Steine auf dem Grab aufzurichten oder Schmuckelemente anzubringen, geschweige denn ein Kreuz. Muslimische Gräberfelder dürfen nach muslimischer Auffassung nicht nach Ablauf einer bestimmten Frist (z.B. 20-30 Jahre, wie in einigen deutschen Friedhofsordnungen üblich) wiederbelegt werden. Dies hat in Ländern, in denen Muslime nicht in ihr Heimatland überführt werden, zu Konflikten geführt, da die sarglose Bestattung hierzulande fast überall ausgeschlossen ist und die Wiederbelegungsfristen eine dauerhafte Grabruhe verhindern.

Trauer, Beileid und das Totenmahl

Nach der Bestattung folgen die Beileidsbezeugungen und Besuche von Freunden, Nachbarn und Verwandten. Es ist üblich, dass sich Männer und Frauen dabei an getrennten Orten aufhalten. Männer werden von Männern und Frauen von Frauen besucht. Nachbarinnen und Verwandte versorgen die trauernden Frauen. Männer lesen oft Korantexte und gedenken des Toten. Almosen (Sadaqa) werden an Bedürftige verteilt, um dem Verstorbenen Segen zu bringen.

Nach einer bestimmten Frist, oft etwa 40 Tage nach dem Tod, wird ein Totenmahl (Ta’ziyah Mahl) für Verwandte und Nahestehende abgehalten. Manchmal nimmt sogar das ganze Dorf daran teil. Dieses Mahl dient nicht nur dem Gedenken an den Verstorbenen, sondern auch der Stärkung der Gemeinschaft und der Unterstützung der trauernden Familie.

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zum Tod im Islam

Der Tod und die damit verbundenen Rituale werfen oft Fragen auf, insbesondere für Nicht-Muslime oder Muslime, die mit den genauen Vorschriften weniger vertraut sind.

Ist die Kremation im Islam erlaubt?

Nein, die Kremation ist im Islam strengstens verboten. Der Körper gilt als eine Gabe Allahs und muss unversehrt und respektvoll beigesetzt werden. Die physische Auferstehung am Jüngsten Tag ist ein zentraler Glaubensgrundsatz, und die Verbrennung würde diesem widersprechen.

Dürfen Frauen an der Beerdigung teilnehmen?

Nach traditioneller Überlieferung ist es Frauen untersagt, am eigentlichen Leichenzug und der Grablegung teilzunehmen. Sie können jedoch am Beerdigungsgebet teilnehmen und später das Grab besuchen. Die Gründe hierfür liegen in der Annahme, dass Frauen emotional stärker betroffen sein könnten und übermäßige Trauer vermieden werden soll.

Was passiert, wenn der Leichnam nicht gewaschen werden kann?

Die rituelle Waschung ist verpflichtend. Nur Märtyrer, die im Kampf für den Islam gefallen sind, werden ungewaschen in ihren Kleidern beigesetzt. In Ausnahmefällen, wenn eine Waschung absolut unmöglich ist (z.B. bei starker Zerstörung des Körpers), kann eine symbolische Trockenwaschung (Tayammum) vorgenommen werden. Normalerweise muss der Leichnam gewaschen werden, auch wenn er dafür aus dem Grab geholt werden müsste, solange er noch nicht mit Erde bedeckt ist.

Warum muss die Bestattung so schnell erfolgen?

Die rasche Bestattung ist eine Sunnah (Praxis des Propheten) und hat mehrere Gründe: Sie ist ein Akt des Respekts gegenüber dem Verstorbenen, verhindert die Zersetzung des Körpers und erinnert die Lebenden an die Vergänglichkeit des Lebens und die Notwendigkeit, sich auf das Jenseits vorzubereiten. Außerdem entlastet sie die Familie von der Last der Trauer.

Was ist die Bedeutung der Shahada als letzte Worte?

Die Shahada, das islamische Glaubensbekenntnis, ist die absolute Bestätigung des Monotheismus und der Prophetenschaft Muhammads. Das Aussprechen als letzte Worte gilt als Zeichen eines reinen Glaubens und soll dem Sterbenden den Eintritt ins Paradies erleichtern, da es die Essenz des islamischen Glaubens darstellt.

Können muslimische Gräber wiederbelegt werden?

Nach islamischer Auffassung darf die Totenruhe nicht gestört werden, und eine Wiederbelegung muslimischer Gräber nach einer Frist ist nicht gestattet. Dies führt oft zu Herausforderungen in Ländern wie Deutschland, wo Friedhofsordnungen Wiederbelegungsfristen vorsehen. Muslime bemühen sich dort um dauerhafte Grabstätten oder die Überführung der Verstorbenen in islamische Länder.

Aus christlicher Sicht: Eine Perspektive auf islamische Bestattungsriten

Aus christlicher Sicht erscheinen die islamischen Bestattungsriten mit ihren zahlreichen Einzelvorschriften als eine sehr komplexe Angelegenheit. Die genaue Einhaltung jeder Regel – sei es der Wortlaut des Gebetes, die Waschung, die vorschriftsmäßige Einhüllung und vieles mehr – wird als entscheidend für das Wohl des Verstorbenen und der Angehörigen angesehen. Die Unterlassung einer dieser Vorschriften gilt als Sünde, und die korrekte Durchführung wird den Ausführenden als gute Tat angerechnet.

Ein wesentlicher Unterschied, der aus christlicher Perspektive auffällt, ist die Frage der Gewissheit der Sündenvergebung. Im Islam wird auf Gottes Erbarmen gehofft, während im Christentum durch den Glauben an Jesus Christus eine Gewissheit der Vergebung und des ewigen Lebens vermittelt wird. Für Muslime ist es sowohl für den Toten als auch für die Angehörigen von großer, ja heilsentscheidender Bedeutung, alle Regeln im Zusammenhang mit der Beerdigung genau zu beachten. Die Einhaltung der Rituale ist somit ein Ausdruck des Glaubens und der Hoffnung auf die Gnade Allahs im Jenseits.

Die islamischen Bestattungsriten sind somit ein tief verwurzeltes System von Glaubenssätzen und Praktiken, die den Übergang vom Diesseits ins Jenseits ehren, die Trauernden unterstützen und die Hoffnung auf ein ewiges Leben im Einklang mit den göttlichen Geboten zum Ausdruck bringen.

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