27/06/2024
Das Gleichnis vom verlorenen Schaf ist eine der bekanntesten und tiefgründigsten Erzählungen Jesu, die uns bis heute eine Botschaft von unermesslicher Liebe und Fürsorge vermittelt. Es handelt von der bedingungslosen Suche Gottes nach jedem Einzelnen, der sich verirrt hat oder verloren gegangen ist, und von der immensen Freude, die im Himmel herrscht, wenn dieser wiedergefunden wird. Obwohl die Frage, wie viele Schafe Jesus tatsächlich besaß, im wörtlichen Sinne nicht beantwortet werden kann, da es sich um ein Gleichnis handelt, enthüllt die Erzählung eine viel wichtigere Wahrheit über die Haltung Gottes zu den Menschen.

- Das Herz des Gleichnisses: Eine unkonventionelle Suche
- Kontextuelle Nuancen: Lukas, Matthäus und Thomas
- Die Begriffe: „Verirrt“ versus „Verloren“
- Tiefe Deutungen: Was uns das Gleichnis lehrt
- Alttestamentliche Wurzeln und jüdische Tradition
- Rezeption und bleibende Botschaft
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Wie viele Schafe hatte Jesus im Gleichnis?
- Was bedeutet es, dass Jesus die 99 Schafe zurücklässt?
- Warum ist die Freude über das eine Schaf größer als über die 99?
- Ist das verlorene Schaf für seine Verlorenheit verantwortlich?
- Was ist der Unterschied zwischen der Lukas- und Matthäus-Version des Gleichnisses?
Das Herz des Gleichnisses: Eine unkonventionelle Suche
Im Kern erzählt Jesus die Geschichte eines Hirten, der hundert Schafe besitzt. Als eines dieser Schafe verloren geht, lässt der Hirte die neunundneunzig anderen in der Wüste zurück und macht sich auf die Suche nach dem einen Verlorenen. Diese Handlung erscheint auf den ersten Blick wirtschaftlich unsinnig und riskant. Wer würde 99 Schafe in Gefahr bringen, um ein einziges zu retten? Doch genau in dieser „Unvernunft“ liegt die theologische Tiefe des Gleichnisses.
Sobald der Hirte das verlorene Schaf gefunden hat, nimmt er es voller Freude auf seine Schultern und trägt es nach Hause. Dort angekommen, ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen, um mit ihnen die Wiederfindung des Schafes zu feiern. Dieser Akt der Freude ist zentral und wird im Gleichnis mehrfach betont. Es geht nicht um Tadel oder Schuldzuweisung, sondern um die bedingungslose Annahme und die überschwängliche Freude über die Wiederherstellung.
Kontextuelle Nuancen: Lukas, Matthäus und Thomas
Das Gleichnis vom verlorenen Schaf findet sich in verschiedenen Fassungen in den Evangelien des Neuen Testaments, insbesondere bei Lukas und Matthäus, aber auch im apokryphen Thomasevangelium. Jeder Kontext und jede Nuance dieser Erzählungen offenbart spezifische theologische Schwerpunkte.
Lukas: Die Freude über die Umkehr der Sünder
Bei Lukas steht das Gleichnis im Kontext von zwei weiteren Gleichnissen über das Verlorene: dem verlorenen Groschen und dem verlorenen Sohn. Die Rahmenhandlung zeigt Pharisäer und Schriftgelehrte, die Anstoß daran nehmen, dass Jesus mit Zöllnern und anderen Sündern Gemeinschaft pflegt und mit ihnen isst. Daraufhin erzählt Jesus diese drei Gleichnisse.
Der Schlusssatz bei Lukas betont die immense Freude im Himmel über einen einzigen Sünder, der Umkehr hält, im Vergleich zu neunundneunzig Gerechten, die keine Umkehr benötigen. Dies unterstreicht die barmherzige Haltung Gottes gegenüber denen, die sich von ihrem falschen Weg abwenden und zu ihm zurückkehren.
Matthäus: Der Wille, dass niemand verloren geht
Matthäus platziert das Gleichnis in einem völlig anderen Kontext. Hier geht es um die Mahnung Jesu, „die Kleinen“ oder „die Kinder“ nicht zu verachten. Die Deutung des Gleichnisses bei Matthäus bezieht sich direkt auf diese „Kleinen“ und betont den Willen des himmlischen Vaters, dass kein einziger von ihnen verloren gehe. Hier liegt der Fokus stärker auf dem Schutz und der Bewahrung der Schwachen und der Sicherstellung, dass niemand aus Gottes Herde verloren geht.
Thomasevangelium: Das meistgeliebte Schaf
Eine dritte, sehr kurze Fassung des Gleichnisses findet sich im Thomasevangelium (Logion 107). Hier gibt es keine Rahmenhandlung oder detaillierte Deutung. Das Thomasevangelium bezeichnet das verirrte Schaf jedoch als das „größte“ und meistgeliebte. Der Hirte sagt am Schluss zu dem wiedergefundenen Schaf: „Ich liebe dich mehr als die 99.“ Dies verleiht dem Gleichnis eine noch persönlichere und intensivere Note der Liebe und Wertschätzung jedes Einzelnen.
Vergleich der Gleichnis-Fassungen
Die Unterschiede zwischen den Versionen sind aufschlussreich und zeigen, wie die frühe Kirche die Botschaft Jesu interpretierte und anpasste:
| Merkmal | Lukas-Evangelium | Matthäus-Evangelium | Thomasevangelium |
|---|---|---|---|
| Kontext | Jesus isst mit Sündern, Kritik der Pharisäer. | Umgang mit „den Kleinen“, Schutz vor Verachtung. | Kein spezifischer Kontext, isoliertes Logion. |
| Fokus/Lehre | Freude über die Umkehr eines Sünders. | Der Wille Gottes, dass keiner der „Kleinen“ verloren geht. | Das verirrte Schaf ist das „größte“/meistgeliebte. |
| Bezeichnung des Schafs | „verlorenes Schaf“ (ἀπολλυμι) | „verirrtes Schaf“ (πλανάω) im Erzählteil, „verloren gehen“ (ἀπολλυμι) im Fazit. | „verirrtes Schaf“ (πλανάω), das „größte“. |
| Hirte/Mensch | „ein Mensch“ (nicht näher charakterisiert) | „ein Mensch“ (nicht näher charakterisiert) | Explizit „der Hirte“. |
| Haltung nach dem Fund | Freude, Einladung an Freunde/Nachbarn zum Feiern. | Freude. | „Ich liebe dich mehr als die 99.“ |
Die Begriffe: „Verirrt“ versus „Verloren“
Ein subtiler, aber bedeutungsvoller Unterschied liegt in der Beschreibung des Abgangs des Schafes. Matthäus verwendet das griechische Verb πλανάω im Passiv, was „in die Irre gehen, sich verirren“ bedeutet. Lukas hingegen benutzt wie in seinen Parallelgleichnissen ἀπολλυμι, was „zugrunde richten, verlieren“ meint. Matthäus spricht also im Erzählteil vom „verirrten Schaf“, während Lukas vom „verlorenen Schaf“ spricht.

Diese sprachliche Nuance deutet darauf hin, dass das Thomasevangelium, das ebenfalls von einem „verirrten Schaf“ spricht, möglicherweise eine ursprünglichere Ausdrucksweise bewahrt hat. Ein Schaf, das sich verirrt, ist nicht unbedingt selbst schuld an seiner Lage, sondern hat lediglich die Orientierung verloren. Dies betont die Initiative des Hirten – und damit Gottes – bei der Suche und Rettung, unabhängig von der „Schuld“ des Verirrten.
Tiefe Deutungen: Was uns das Gleichnis lehrt
Das Gleichnis vom verlorenen Schaf ist reich an Motiven, die im Laufe der Deutungsgeschichte unterschiedlich gewichtet wurden:
Der Gute Hirte: Gottes individuelle Fürsorge
Das Motiv des Guten Hirten, der sich um jedes einzelne Schaf sorgt, war den Zuhörern Jesu bereits aus Psalm 23 bekannt: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Schon damals konnten die Menschen den Hirten leicht mit Gott identifizieren. Der Evangelist Johannes greift dieses Motiv später auf und identifiziert Jesus selbst als den Guten Hirten, der sein Leben für seine Schafe hingibt. Dieses Bild betont Gottes persönliche und unermüdliche Sorge um jeden einzelnen Menschen, selbst wenn er sich von der Herde entfernt hat.
Die Umkehr: Gottes Sehnsucht nach Wiederherstellung
Obwohl dem Schaf im Gleichnis weniger Eigeninitiative zugeschrieben werden kann als beispielsweise dem verlorenen Sohn, wird dieses Gleichnis oft als Aufruf zur Umkehr ausgelegt. Die Lukasfassung weist in ihrem Fazit ausdrücklich auf die Freude über die Umkehr des Sünders hin. Es ist Gottes tiefe Sehnsucht, dass der Mensch zu ihm zurückfindet, und er schafft die Bedingungen für diese Umkehr. Die hebräische Sprache spricht von „Teschuw’a“ (תִשְׁעָה), was nicht nur „Umkehr“, sondern auch „verantwortende Antwort“ bedeutet – eine Hinwendung zu Gott, die von Herzen kommt.
Gottes Initiative: Der suchende Gott
Einige Ausleger betonen das Motiv des Suchens und Wiederfindens, um hervorzuheben, dass die Aktivität nicht vom Gesuchten, sondern von Gott ausgeht. Diese Deutung war besonders für reformatorische Theologen wichtig, da sie betonte, dass nicht der Mensch durch Werke, sondern Gott allein durch seine Gnade die Erlösung bewirkt. Die Passivität des Gesuchten wird im parallel erzählten Gleichnis vom verlorenen Groschen noch deutlicher, da eine Münze noch weniger zu ihrem Wiederfinden beitragen kann als ein Schaf. Gott ist derjenige, der die Initiative ergreift, der sich auf die Suche macht und den Weg ebnet.
Die Freude im Himmel: Gottes Fest
Die Freude über das Wiederfinden des Verlorenen ist ein zentrales und wiederkehrendes Thema. „Freude im Himmel“ (הַשִָּׂמְחָה בַּשָּׁמַיִם) ist ein Synonym für die Freude Gottes selbst. Gott freut sich über jeden, der umkehrt, mehr als über jene, die „es nicht nötig haben“ umzukehren. Dies bedeutet nicht, dass die „Gerechten“ weniger wichtig wären, sondern dass die Wiederherstellung einer verlorenen Beziehung eine besondere Art von Festlichkeit hervorruft. Die Fähigkeit der Umstehenden zur Mitfreude, insbesondere im Lukas-Kontext, ist ein Appell an die „Treuen“, nicht ablehnend auf „Verlorene“ zu schauen, sondern sich mitzufreuen, wenn diese wiedergefunden werden. Es geht darum, Gottes Perspektive zu übernehmen und die bedingungslose Liebe zu teilen.
Alttestamentliche Wurzeln und jüdische Tradition
Jesu Gleichnisse sind tief in der jüdischen Tradition verwurzelt. Das Bild Gottes als Hirte ist im Tanach (Altes Testament) allgegenwärtig. Hesekiel 34,11 sagt: „Denn, so hat mein Herr, ER, gesprochen, wohlan, ich selber bin da, daß ich nachfrage meinen Schafen.“ Und Jesaja 40,11 beschreibt: „wie ein Hirt weidet er seine Herde, Lämmer hält er in seinem Arm, trägt sie an seinem Busen, die Mutterschafe leitet er sacht.“ Diese Verse untermauern die theologische Deutung, dass Gott der sorgende Hirte ist, der sich um jedes einzelne seiner Schafe kümmert, insbesondere um die, die keinen Hirten haben oder verloren sind.
Die Zahlen im Gleichnis – 100 Schafe, 1 verloren, 99 zurückgelassen – sind ebenfalls bedeutungsvoll. Die Quersumme von 99 (9+9=18) ergibt im Hebräischen „Chai“ (חי), was „Leben“ bedeutet. Jede 9 für sich weist auf neues Leben hin. Dies deutet darauf hin, dass die 99 Schafe, obwohl zurückgelassen, fähig sind, mit der Herausforderung umzugehen, während das Verlorene die direkte Hilfe des Hirten benötigt.
Die jüdische Tradition kennt zahlreiche Geschichten, die Gottes Fürsorge und die Rolle eines guten Hirten illustrieren. Eine bekannte Midrasch-Geschichte erzählt, wie Mose seine Eignung als Hirte für Israel unter Beweis stellte: Als ein Zicklein aus Jitros Herde entfloh und Mose ihm nachlief, fand er es durstig an einem Bächlein. Mose hob es auf seine Schultern und trug es zurück, indem er sagte: „Ich wusste nicht, dass du, weil du durstig warst, davon sprangst.“ Daraufhin sprach der Herr zu Mose: „Du bist voll Erbarmen und gehst mitleidig mit den Tieren um. Bei deinem Leben! Du sollst meiner Herde Israel Leiter sein.“ Diese Geschichte spiegelt das Bild des bedingungslos liebenden und sorgenden Hirten wider, das auch Jesus in seinem Gleichnis aufgreift.
Die Parallele zum Gleichnis von der verlorenen Drachme (Münze) bei Lukas erweitert die Botschaft. Hier übernimmt eine Frau die Rolle des Suchenden. Der Verlust einer Drachme, die dem Lohn eines ganzen Tages entspricht, ist bedeutungsvoll. Die Frau zündet eine Lampe an, kehrt das ganze Haus und sucht akribisch, bis sie die Münze findet. Dieses Bild zeigt, dass Gott nicht nur eine „väterliche“, sondern auch eine „mütterliche“ Seite hat – fürsorglich, ausdauernd und akribisch in der Suche nach dem Verlorenen, selbst wenn es sich um etwas Kleines und Unscheinbares handelt, das sich nicht bemerkbar machen kann. Die Freude über das Wiederfinden ist auch hier groß und wird mit Freunden und Nachbarn geteilt.

Rezeption und bleibende Botschaft
Das Bild von Jesus als dem Guten Hirten, der das verlorene Schaf auf seinen Schultern trägt, war und ist ein beliebtes Motiv in der christlichen Kunst, insbesondere im 19. Jahrhundert, und findet sich bis heute in zahlreichen Kirchen und in religiöser Literatur für Kinder. Es ist ein Symbol für Trost, Schutz und die Gewissheit, dass niemand von Gott vergessen wird.
Auch in der modernen Lyrik findet dieses Gleichnis Resonanz, wie das Gedicht „DU DA“ von Friedhelm „Fritz“ Eckenga zeigt, das die Metapher der neunundneunzig Schafe verwendet, um unerwiderte Liebe zu personifizieren: „...Du bist nicht da, ich bin bei neun und neunzig Schafen...“ Dies unterstreicht die universelle Anziehungskraft und die tiefgreifende menschliche Relevanz der biblischen Erzählung.
Die theologische Deutung des Gleichnisses ist klar: Gott wendet sich den Verlorenen bedingungslos zu. Er ist wie der gute Hirte, der sich um jedes einzelne Schaf kümmert und andere Maßstäbe anlegt als die Menschen. Es geht nicht darum, die Verlorenen zu tadeln, sondern sie mit offenen Armen zu empfangen. Das Gleichnis ermutigt uns auch, in unserem eigenen Leben nach dem „Verlorenen“ zu suchen – seien es eingeschlafene Kontakte, vergessene Talente oder längst begrabene Ziele. Der gute Hirte, Gott selbst, geht diesen Weg ganz sicher mit.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie viele Schafe hatte Jesus im Gleichnis?
Im Gleichnis hat der Hirte, der Jesus selbst oder Gott symbolisiert, hundert Schafe. Er verliert eines davon und geht dem Verlorenen nach, wobei er die neunundneunzig anderen zurücklässt.
Was bedeutet es, dass Jesus die 99 Schafe zurücklässt?
Dies ist ein theologisch tiefgründiger Punkt. Es bedeutet, dass die Fürsorge Gottes für das einzelne, verlorene Individuum so groß ist, dass er bereit ist, ein scheinbar großes Risiko einzugehen. Es symbolisiert Gottes unendliche Priorität für jeden Einzelnen und seine Entschlossenheit, niemanden verloren zu geben, selbst wenn dies aus menschlicher, „ökonomischer“ Sicht unvernünftig erscheint. Die 99 „Gerechten“ sind nicht weniger wichtig, aber sie benötigen in diesem Moment nicht die gleiche intensive Suche wie das eine Verlorene.
Warum ist die Freude über das eine Schaf größer als über die 99?
Die größere Freude über das eine wiedergefundene Schaf drückt die besondere Erleichterung und das Glück über die Wiederherstellung einer verlorenen Beziehung aus. Es ist wie die Freude über ein Kind, das nach langer Abwesenheit nach Hause kommt, oder über etwas Wertvolles, das man verloren glaubte. Es ist die Feier der Gnade und der Rettung, die zeigt, dass Gott sich über die Umkehr eines Sünders mehr freut als über diejenigen, die ohnehin schon „im Stall“ sind und keine Umkehr nötig haben.
Ist das verlorene Schaf für seine Verlorenheit verantwortlich?
Das Gleichnis betont nicht die Schuld des Schafes, sondern die Initiative des Hirten. Insbesondere in der Matthäus-Version, die von einem „verirrten“ Schaf spricht, wird deutlich, dass das Schaf nicht unbedingt bewusst weggelaufen ist, sondern die Orientierung verloren hat. Die Botschaft liegt in der bedingungslosen Suche und Annahme durch den Hirten, unabhängig von der Ursache des Verirrens. Es geht um Gottes Gnade, nicht um menschliche Leistung oder Schuld.
Was ist der Unterschied zwischen der Lukas- und Matthäus-Version des Gleichnisses?
Der Hauptunterschied liegt im Kontext und in der Betonung der Botschaft. Lukas erzählt das Gleichnis, um Jesu Umgang mit Sündern zu rechtfertigen, und betont die Freude über die Umkehr eines Sünders. Matthäus platziert es im Zusammenhang mit der Sorge um „die Kleinen“ und betont den Willen des Vaters, dass niemand verloren geht. Auch sprachlich gibt es einen Unterschied in der Bezeichnung des Schafes: Lukas spricht vom „verlorenen“ Schaf, Matthäus vom „verirrten“ Schaf.
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