Was sagt die Bibel über das jüdische Volk?

Schma Jisrael: Das ewige Herz des Judentums

12/11/2023

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In den düsteren, nachhallenden Gängen eines Klosters, kurz bevor die Abendruhe einkehren sollte, ereignete sich eine Szene von unvergesslicher Tragweite. Ein Mann, dessen Erscheinung in dieser Umgebung fremd wirkte, betrat den großen Schlafsaal, in dem die Kinder bereits in ihre Betten gekrochen waren. Mit staunenden, doch auch misstrauischen Blicken verfolgten die kleinen Augen seine Bewegungen, als er auf einen Stuhl stieg. Die Stille des Saales, nur unterbrochen vom leisen Rascheln der Decken, wurde jäh durchbrochen, als seine Stimme erklang. „Schma Jisrael Haschem Elohejnu Haschem echad“, tönte es sanft und doch durchdringend, in der Melodie, die jüdische Eltern ihren Kindern vor dem Einschlafen vorsingen. Es war ein Klang, der die Zeit überwand und tief in die Seele drang.

Was ist das jüdische Bekenntnis?
Das jüdische Bekenntnis dagegen ist nicht so sehr eine „Wir glauben“-Aussage, sondern eine göttliche Anweisung, zu hören, auf die Stimme Gottes zu hören hinsichtlich dessen, wer er ist – der eine wahre Gott. Das Schma hat einen solch heiligen Stellenwert, dass der kurze Ausdruck „Schma Israel“ dem Namen Gottes gleichkommt.

Langsam richteten sich die Kinder auf. Ein Murmeln ging durch den Saal. Nicht alle Kinder kannten die Worte, doch über manche Wangen rollten Tränen, die von einer tiefen, lange vergrabenen Erinnerung zeugten. Die Äbtissin, die die Szene beobachtete, konnte nicht begreifen, was geschah, als einige Kinder aus ihren Betten sprangen, auf den fremden Mann zustürmten und an seinem schwarzen Rock zerrten. „Papa! Mama!“, „Tate! Mame!“, weinten sie, ein Schrei, der die Herzen aller Anwesenden berührte. Diese bewegende Begegnung fand in der Zeit kurz nach der Schoah statt, als Rabbi Josef Shlomo Kahneman (1886–1969), der Leiter der Ponevezh-Jeschiwa in Litauen, unermüdlich Klöster in ganz Europa besuchte. Sein Ziel war es, jüdische Kinder aufzuspüren, die während des Krieges dort versteckt worden waren, und sie in die Obhut der jüdischen Gemeinschaft zurückzuführen.

Inhaltsverzeichnis

Die Macht des Schma Jisrael: Eine Brücke der Erinnerung

Die Klosterleitungen waren von Rabbi Kahnemans Vorhaben oft nicht begeistert und suchten nach Gründen, die Kinder in ihrer Obhut zu behalten. In diesem speziellen Kloster hatte die Äbtissin Rabbi Kahneman lediglich fünf Minuten Zeit gewährt, um jüdische Kinder zu finden. Doch diese kurze Spanne reichte aus, um ein Wunder zu vollbringen. Obwohl einige Jahre vergangen waren, seit die Kinder ihre Elternhäuser hatten verlassen müssen und die Schrecken der Schoah ihr junges Gedächtnis gezeichnet hatten, erkannten die meisten sofort das „Schma Jisrael“. Es war das Gebet, das sie jeden Abend mit ihren Eltern gemeinsam vor dem Schlafengehen gebetet hatten, ein Ritual, das tief in ihr Gedächtnis eingebrannt war. Die Worte dieses Gebets, die so untrennbar mit der Liebe und Sicherheit ihrer Kindheit verbunden waren, konnten selbst die unvorstellbaren Grausamkeiten des Krieges nicht auslöschen.

Diese Episode verdeutlicht die immense Kraft und die tiefe Verankerung des „Schma Jisrael“ im jüdischen Bewusstsein. Es ist mehr als nur ein Gebet; es ist ein Bekenntnis, ein Symbol der Identität und eine Brücke zur Vergangenheit, die selbst unter den extremsten Bedingungen nicht zerstört werden kann. Es bezeugt die Resilienz des jüdischen Volkes und die ewige Verbindung zu seiner Tradition und seinem Gott.

Verankerung und Lebensrahmen: Das Schma als Fundament

Der Wochenabschnitt Wa’etchanan, in dem Mosche sich vor seinem Tod ausführlich an das Volk Israel wendet, beginnt mit der erneuten Einschärfung der Zehn Gebote, gefolgt vom Schma. Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) betonte, dass dieses Gebet bis heute tief im jüdischen Unterbewusstsein verankert ist. Er beschrieb es als einen im Herzen aufgerichteten Fahnenmast, der für die Überzeugung steht: Gott wird in Zukunft die Menschheit einen und versammeln. Das Schma ist somit nicht nur ein Gebet, sondern der umfassende Rahmen, in dem sich das gesamte Leben eines Juden abspielt.

Es begleitet den Juden von seiner Geburt bis zu seinem Tod, wird in den wichtigsten Momenten des Lebens gesprochen und bildet einen integralen Bestandteil der täglichen Existenz. Egal, wo sich ein Jude auf dieser Erde befindet, er kennt den Segen des Schma und wird es seine Kinder lehren. Es soll in Fleisch und Blut übergehen und bedarf der täglichen Wiederholung, um seine tiefe Botschaft immer wieder neu zu verinnerlichen. Es prägt die jüdische Bildung und die Heiligung des Lebens für den Gott Israels. Selbst derjenige, der sein Judentum nicht aktiv praktiziert, bewahrt das Schma oft tief in seinem Herzen als ein unbewusstes Bekenntnis zu seiner Identität. Und umgekehrt gilt: Dieses Bekenntnis zur Einheit und Einzigkeit des Ewigen bildet das pulsierende Herz des Judentums, seine zentrale Lehre und sein tiefstes Geheimnis.

Hören statt Sehen: Die tiefere Bedeutung von „Schma“

„Schma Jisrael“ – „Höre, Israel!“. Doch welche tiefere Bedeutung hat dieses „Hören“? Rabbiner Hirsch erklärt, dass das Hören in diesem Kontext auch ein Sehen mit einschließt, wie es Mosche den Israeliten in Erinnerung ruft: „Du hast’s gesehen, auf dass du wissest, dass der Ewige allein Gott ist und keiner mehr“ (5. Buch Mose 4,35). Obwohl sich der Ewige in seinem Schöpfungshandeln sichtbar offenbart hat und die Existenz der Schöpfung sowie der Ablauf der Geschichte auf seine Existenz hinweisen, kommt der Mensch allein durch diese Beobachtung nicht zur vollständigen Erkenntnis Gottes. Deshalb heißt es auch nicht „Schau, Israel!“, sondern „Höre!“. Der Verstand des Menschen braucht eine Anleitung, um Gott in dieser Welt wirklich zu erkennen.

Diese Anleitung beginnt damit, dass sich der Schöpfer den Erzvätern Israels offenbart. Später erleben die Kinder Israels, wie Gott mit ihnen Geschichte schreibt, sie aus der ägyptischen Knechtschaft befreit, durch die Wüste führt, und schließlich auf dem Berg Sinai hören sie Ihn sprechen. Diese mit den Sinnen aufgenommene Gottesoffenbarung gibt das Volk konzentriert und auf den Punkt gebracht im „Schma Jisrael“ von Generation zu Generation weiter. Damit sagen wir: Wenn der Ewige unsere Augen öffnet, damit wir Seine Taten in der Natur sehen, und Er unsere Ohren auftut, damit wir die Geschehnisse in der Geschichte verstehen, dann werden wir erkennen, dass Kleines wie Großes Seine Werke sind und auf Seine Führung zurückgehen. Es ist eine Aufforderung, über das Offensichtliche hinauszuhören und die göttliche Hand in allen Aspekten des Lebens zu erkennen.

Echad: Die Einheit Gottes und die Lehre Jakows

Einige Hundert Jahre, bevor Mosche das Schma spricht, kommt es bereits beim Wiedersehen Jakows mit seinem totgeglaubten Sohn Josef in Ägypten zur Sprache. In dieser Szene finden wir tiefgreifende Erklärungen für das Wort „echad“ (einer, einzig), das jede Form von Götzendienst in Israels Gedanken und Taten verhindern will. Es heißt: „Und da Josef seinen Vater sah, fiel er ihm um den Hals und weinte lange an seinem Hals“ (1. Buch Mose 43,29).

Es fällt auf, dass diese emotionale Rührung von Jakow nicht berichtet wird. Raschi (1040–1105) erklärt, dass der Vater in dem Moment, in dem er seinen 22 Jahre totgeglaubten Sohn wieder in die Arme schließen konnte, das Schma gebetet habe. Rabbiner Hirsch interpretiert Jakows Verhalten aus dessen Lebensgeschichte. Jakow bemerkte gegenüber dem Pharao: „Die Zeit der Jahre meines Weilens ist 130 Jahre; wenig und böse ist die Zeit meines Lebens und langt nicht an die Zeit meiner Väter in ihrem Weilen“ (1. Buch Mose 47,9). Auf diese negative Lebensbilanz fällt jedoch für Jakow ein ganz anderes, neues Licht, als er erkennt, wie der Ewige die Wege Josefs geführt hat. Dieser einst verlorene Sohn steht nun als Vizekönig Ägyptens vor ihm. Jakow erkennt, dass alle schweren Erfahrungen, die er durchleiden musste, ihm von Gott geschickt wurden, um die ganze Familiengeschichte zu einem guten Ende zu führen. Es waren all die belastenden Jahre hindurch keine anderen Kräfte am Werk, als einzig und allein der Gott Awrahams, Jizchaks und Jakows. In der Umarmung Josefs bricht sich diese Gotteserkenntnis bei Jakow Bahn, und wir verstehen, warum der Vater in diesem Augenblick das Schma spricht. Demgegenüber war der Sohn dem Vater schon voraus. Josef hatte bereits Zug um Zug das absichtsvolle Handeln Gottes in der glücklichen Führung seiner Karriere am ägyptischen Königshof erkannt. Deshalb spricht er das Schma nicht, als er seinen Vater wiedertrifft.

Die Botschaft von der Einheit Gottes wollte Jakow seinen Kindern weitergeben. Dazu versammelt er vor seinem Tod seine Kinder, und sie versprechen ihrem Vater: So wie in deinem Herzen, so gibt es auch in unserem Herzen nur den einen und einzigen Gott Awrahams, Jizchaks und Jakows (Talmud Pessachim 26). Dies unterstreicht die ewige und unveränderliche Natur der göttlichen Einheit, die das Fundament des jüdischen Glaubens bildet.

Die Kernbotschaften des Schma Jisrael

Das Schma Jisrael ist nicht nur ein Gebet, sondern ein tiefgründiges Bekenntnis, das die Essenz des jüdischen Glaubens in sich trägt. Hier sind die Hauptbestandteile und ihre Bedeutungen:

Bestandteil des GebetsBedeutung und theologische Implikation
Schma Jisrael (Höre, Israel!)Eine eindringliche Aufforderung zur tiefen inneren Wahrnehmung. Es geht nicht nur um das akustische Hören, sondern um ein umfassendes Verstehen und Verinnerlichen der göttlichen Wahrheit, die das gesamte Dasein durchdringt. Es ist ein Aufruf zur bewussten Auseinandersetzung mit der göttlichen Botschaft.
Haschem Elohejnu (Der Ewige ist unser Gott)Bekräftigt die einzigartige und persönliche Beziehung zwischen Gott und dem Volk Israel. Es unterstreicht die Rolle Gottes als Schöpfer, Erhalter und Lenker der Welt, der sich dem jüdischen Volk offenbart und mit ihm ein Bündnis eingegangen ist. Es ist ein Bekenntnis zur Souveränität Gottes über Israel.
Haschem echad (Der Ewige ist Eins)Die zentrale und fundamentalste Aussage des Judentums: die absolute Einheit und Einzigkeit Gottes. Dies bedeutet, dass Gott nicht teilbar ist, keine Konkurrenz hat und die einzige wahre Macht im Universum ist. Es ist eine unmissverständliche Ablehnung jeglichen Götzendienstes und Polytheismus. Diese Einheit erstreckt sich auch auf die Einheit Gottes in allen Aspekten der Welt und der Geschichte.

Häufig gestellte Fragen zum Schma Jisrael

Was ist das Schma Jisrael?

Das Schma Jisrael ist das zentrale jüdische Gebet und Glaubensbekenntnis. Es beginnt mit den Worten „Höre, Israel! Der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist Eins.“ Es ist eine Erklärung des Monotheismus und der Einheit Gottes und dient als Ausdruck der Hingabe des Einzelnen und des gesamten jüdischen Volkes an den einen Gott. Es besteht aus drei biblischen Abschnitten, die die Liebe zu Gott, die Notwendigkeit der Befolgung seiner Gebote und die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten betonen.

Wann wird das Schma gebetet?

Das Schma Jisrael wird zweimal täglich gebetet: am Morgen (im Schacharit-Gebet) und am Abend (im Ma'ariv-Gebet). Es ist auch Teil des Gebets vor dem Schlafengehen und wird traditionell als letzte Worte eines Juden vor seinem Tod gesprochen. Seine Bedeutung ist so groß, dass es in vielen Lebenslagen, auch außerhalb der formalen Gebetszeiten, innerlich oder laut ausgesprochen wird, um die göttliche Einheit zu bekräftigen und sich an Gott zu wenden.

Warum ist „Hören“ im Schma so wichtig?

Das „Hören“ im Schma (Schma Jisrael) bedeutet weit mehr als nur das akustische Wahrnehmen. Es ist eine Aufforderung zur tiefen inneren Wahrnehmung, zum Verstehen, zum Verinnerlichen und zur Befolgung der göttlichen Gebote und Botschaften. Es impliziert eine aktive Auseinandersetzung mit Gottes Willen, eine Bereitschaft, die Lehren der Tora anzunehmen und im eigenen Leben umzusetzen. Rabbiner Hirsch erklärte, dass es auch ein „Sehen“ der göttlichen Präsenz in der Welt und Geschichte einschließt, das jedoch durch eine intellektuelle und spirituelle Anleitung ergänzt werden muss, um wahre Erkenntnis zu erlangen.

Was bedeutet „Echad“ im Schma?

„Echad“ bedeutet „Eins“ oder „Einzig“. Im Kontext von „Haschem echad“ (Der Ewige ist Eins) ist es die zentrale theologische Aussage des Judentums. Es bedeutet, dass Gott absolut einzigartig ist, keine Partner, Rivalen oder Mehrteiligkeit besitzt. Er ist der einzige Schöpfer, Erhalter und Lenker des Universums. Diese Einheit impliziert auch, dass Gott in allen Aspekten der Existenz gegenwärtig ist und dass alle Kräfte und Ereignisse letztlich auf seinen einzigen Willen zurückzuführen sind. Es ist eine radikale Absage an jeglichen Polytheismus und Götzendienst.

Wer war Rabbi Josef Shlomo Kahneman?

Rabbi Josef Shlomo Kahneman (1886–1969) war eine bedeutende Persönlichkeit des litauischen Judentums und Leiter der Ponevezh-Jeschiwa, einer renommierten Talmudhochschule. Nach der Schoah widmete er sein Leben dem Wiederaufbau des jüdischen Lebens, insbesondere der Rettung und Erziehung jüdischer Waisenkinder, die während des Krieges versteckt worden waren. Seine Geschichte, wie er jüdische Kinder in Klöstern durch das Schma Jisrael identifizierte, ist ein bewegendes Zeugnis seines Engagements und der tiefen Verwurzelung des Gebets in der jüdischen Identität.

Das Schma im täglichen Leben und seine ewige Botschaft

Das Schma Jisrael ist nicht nur ein historisches Zeugnis oder ein rituelles Gebet; es ist eine lebendige, atmende Erklärung, die das jüdische Leben in jedem Moment durchdringt. Es ist die erste Lehre, die ein jüdisches Kind lernt, und oft die letzte, die ein Sterbender spricht. Diese tägliche Wiederholung und die Verankerung in den wichtigsten Lebensphasen stellen sicher, dass die Botschaft der Einheit Gottes und der Hingabe an Ihn niemals vergessen wird. Es ist ein Akt der Erinnerung an das Bündnis zwischen Gott und seinem Volk, eine Bekräftigung der eigenen Identität und eine Quelle der Kraft und des Trostes.

Die Geschichte von Rabbi Kahneman und den Kindern im Kloster ist ein eindringliches Beispiel dafür, wie das Schma Jisrael über Generationen hinweg als unlöschbares Band der Zugehörigkeit und des Glaubens gewirkt hat. Es zeigt, dass selbst die größten Traumata und die längste Trennung die tief in der Seele verankerten Worte und Melodien nicht auslöschen können. Das Schma ist ein Zeugnis der ewigen Präsenz Gottes in der Geschichte seines Volkes und ein Aufruf an jeden Juden, sich seiner einzigartigen Beziehung zum Ewigen bewusst zu sein und diese Botschaft der Einheit und Liebe weiterzugeben. Es ist die Essenz des jüdischen Glaubens, ein Leuchtfeuer der Hoffnung und ein ewiges Versprechen.

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