Was ist ein wesentliches Problem beim Beten?

Gebet: Die Macht der Löwen bannen?

11/06/2024

Rating: 4.76 (4495 votes)

„Da hilft doch nur noch beten…. oder??!!“ Dieser Satz, halb provokant, halb wütend, wurde mir von einer Frau entgegengeschleudert, die am Ende ihrer Kräfte war. Als Leiterin eines kleinen Gesundheitsamtes hatte sie monatelang alles rund um die Pandemie organisiert – Quarantäne, Nachverfolgungen, Statistiken, Impfkampagnen. Die Nachricht, dass ihre Mutter im Pflegeheim positiv getestet worden war, brachte das Fass zum Überlaufen. Dieses Erlebnis, obwohl schon Wochen her und mit gutem Ausgang für die Mutter, spiegelt die kollektive Erschöpfung und Verzweiflung wider, die viele Menschen weltweit seit über einem Jahr erleben. Krankheiten, Angst, Ungewissheit, Traurigkeit – all das sind unsere modernen „Löwen“. Angesichts solcher überwältigenden Umstände stellt sich die Frage: Hilft Beten wirklich in auswegloser Lage? Wenn man sich von allen Seiten bedroht erlebt, was bleibt dann noch?

Schon als Kind fragte ich mich das angesichts der biblischen Geschichte von Daniel in der Löwengrube. Eine ganze Seite der Kinderbibel nahmen sie ein, zähnefletschend in einem dunklen Verlies, umgeben von abgenagten Knochen. Sie warteten nur darauf, dass man wieder jemanden in ihre Grube werfen würde – einen wie Daniel. Er, ein rechtschaffener frommer Mann und oberster Beamter am Hof des Königs Darius, betete jeden Tag zu Gott, obwohl ein Gesetz es verbot. Zur Strafe wurde er den Löwen zum Fraß vorgeworfen. Am nächsten Morgen öffnete man die Grube, und Daniel war unverletzt. „Die Löwen konnten mir nichts antun“, sagte er dem fassungslosen Darius. „Gott hat seinen Engel geschickt…“. Daniel ist der Inbegriff des frommen Beters, der sich auch in der ausweglosesten Lage an Gott wendet. Und Gott bewahrt ihn. Aber wie macht er das? Was passiert da wirklich?

Inhaltsverzeichnis

Die Löwengrube des Lebens: Wenn die Not am größten ist

Die Geschichte Daniels ist weit mehr als eine spannende Erzählung aus der Kinderbibel. Sie ist ein Gleichnis für die menschliche Erfahrung von Bedrohung, Angst und scheinbarer Ausweglosigkeit. Ob es die globale Pandemie ist, die uns mit Krankheit, Tod und wirtschaftlicher Unsicherheit konfrontiert, oder persönliche Schicksalsschläge wie der Verlust eines geliebten Menschen, eine schwere Krankheit oder eine tiefe persönliche Krise – all das können unsere modernen Löwengruben sein. In solchen Momenten fühlen wir uns oft gelähmt, überwältigt und fragen uns, ob es überhaupt noch einen Ausweg gibt.

Was ist ein wesentliches Problem beim Beten?
Manche Gebetsformen mögen fremdartig erscheinen, doch für andere passen sie genau. Von Pfarrer Sebastian Baer-Henney Beten ist Denken mit Gott. Gedankenaustausch mit der Kraft, die uns geschaffen hat. Baut das Druck auf? Ich hoffe nicht – und doch ist genau das ein wesentliches Problem beim Beten. Der Druck, es richtig machen zu müssen.

Die Leiterin des Gesundheitsamtes, die ich erwähnte, erlebte eine solche Löwengrube. Die immense Verantwortung, die unermüdliche Arbeit und die ständige Konfrontation mit menschlichem Leid zehrten an ihren Kräften. Als dann die Nachricht von der Erkrankung ihrer Mutter kam, war sie am Ende. Viele Menschen erleben ähnliche Situationen, in denen die Last des Lebens unerträglich scheint. In diesen Momenten, in denen wir uns von allen Seiten bedroht fühlen und die Zähne fletschenden „Löwen“ des Alltags uns zu verschlingen drohen, richten sich viele Blicke nach oben. Die Frage nach der Wirksamkeit des Gebets wird dann zu einer existenziellen Frage. Kann es wirklich helfen, wenn alles andere versagt? Die biblische Erzählung von Daniel legt nahe: Ja, es kann. Aber das Gebet Daniels, wie es im biblischen Buch Daniel überliefert ist, ist vielschichtiger und tiefer, als es die Kinderbibel oft darstellt. Es ist ein Gebet, das uns einen Weg zeigt, wie wir die scheinbar unbezwingbare Macht der „Löwen“ in unserem Leben bannen können.

Daniels Gebet: Ein Blick in die Tiefe der Gottesbeziehung

Im biblischen Buch Daniel selbst, genauer in Daniel 9, 4-5.16-19, finden wir ein Gebet Daniels, das uns tief in die besondere Beziehung zwischen einem Menschen und Gott blicken lässt. Erwähnt werden darin keine Löwen oder Engel, sondern Worte, die eine tiefe Wahrheit offenbaren:

„Ich betete zu dem Herrn, meinem Gott, und bekannte und sprach: Ach, Gott, du großer und schrecklicher Gott, der du Bund und Gnade bewahrst denen, die dich lieben und deine Gebote halten! Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen. Ach, Gott, um all deiner Gerechtigkeit willen wende ab deinen Zorn und Grimm von deiner Stadt Jerusalem und deinem Heiligen Berg. Denn wegen unserer Sünden und wegen der Missetaten unserer Väter trägt Jerusalem und dein Volk Schmach bei allen, die um uns her wohnen. Und nun, unser Gott, höre das Gebet deines Knechtes und sein Flehen. Laß leuchten dein Angesicht über dein zerstörtes Heiligtum um deinetwillen, Gott. Neige deine Ohren, mein Gott, und höre, tu deine Augen auf und sieh an unsere Trümmer und die Stadt, die nach deinem Namen genannt ist. Denn wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. Ach, Gott, höre! Ach, Gott, sei gnädig! Ach, Gott, merk auf und handle! Säume nicht - um deinetwillen, mein Gott! Denn deine Stadt und dein Volk sind nach deinem Namen genannt.“

Beten, so wurde einmal gesagt, heißt, in der Gegenwart Gottes leben. Ein Gebet ist so etwas wie ein Raum, der sich um Gott und den Betenden herum öffnet. Daniels Gebet ist ein kollektives, ja sogar politisches Gebet. Er nimmt das ganze Volk Israel mit hinein vor Gott. Er spricht aus, was im Verhältnis zu Gott falsch gelaufen ist: „Wir haben gesündigt, Unrecht getan…“. Er blickt auf die Zerstörung Jerusalems, die er als Strafe für den Unglauben und die Gottvergessenheit seines Volkes versteht. Er sieht die, die durch Krieg und Gewaltherrschaft ihre Heimat verloren haben und in der Fremde leben müssen. Trotz Jahrzehnten des Exils und der Sehnsucht nach Hause, sagt Daniel nicht nur: „Wann hört dieses Elend auf?“. Er sagt: „Wir haben gesündigt…“. Er nimmt das gemeinsame Leid zum Anlass, das eigene Tun zu hinterfragen. Es ist der erste Schritt, die Macht der Löwen zu bannen: Das Aussprechen dessen, was zerbrochen ist.

Das Aussprechen des Versagens: Ein Akt der Befreiung

Das Eingeständnis von Fehlern und Versagen, sei es persönlich oder kollektiv, ist ein entscheidender Bestandteil des Gebets, der eine tiefe Befreiung bewirken kann. Es geht darum, Worte zu finden für das, was geschehen ist, warum es geschehen ist und wie wir selbst daran beteiligt waren. Das Gefühl des Versagens, das Wissen um eigene Fehler, sitzt oft tief in uns. Es ist wichtig, diese Gefühle und Erkenntnisse im Gebet vor Gott zu bringen. Wenn das Versagen aussprechbar ist und Raum hat, kann sich ein Raum eröffnen, in dem Menschen aufatmen und sagen können: „Ja – da war etwas falsch.“ Das ist zutiefst befreiend.

Ein historisches Beispiel, das dies verdeutlicht, ist das Ende des Zweiten Weltkriegs. Es dauerte lange, bis in Deutschland öffentlich ausgesprochen werden konnte, dass diese Niederlage eine Befreiung war. Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker formulierte es in seiner Rede zum Kriegsende 1985 treffend: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ Nicht das Kriegsende war die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit, sondern der Anfang des Krieges und die Wege der deutschen Geschichte, die zum Krieg führten. Das Eingeständnis der eigenen Rolle, die Benennung der „Trümmer“, ermöglichte einen neuen Anfang.

Ein Jahr nach Beginn der Pandemie ist es ebenso möglich, beim Gedenken an die Opfer nicht nur die Verstorbenen einzuschließen, sondern auch all jene, die auf unterschiedliche Weise an den Folgen leiden. Und es kann ausgesprochen werden, dass es nicht nur eine Seuche war, sondern dass neben allem Bemühen zu heilen und die Krise zu bewältigen, auch Fehler gemacht wurden und elementare Gebote von Nächstenliebe und gegenseitiger Fürsorge teilweise außer Kraft gesetzt wurden. Wir reden heute nicht mehr von Strafe Gottes, und das ist befreiend. Aber das Versagen muss ausgesprochen werden. Daniel findet für dieses Versagen und seine Folgen ein anrührendes Bild: „Sieh an unsere Trümmer“, bittet er Gott. „Sieh an, was zerbrochen ist und hilf uns, es anzusehen.“ Er bittet Gott, die Lasten zu sehen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden – Unverständnis, Schweigen. Er sieht die Brüche und Trümmer, die sich zwischen Menschen auftürmen, sei es durch Missverständnisse, Angst oder Neid, die durch Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung entstehen können. Es geht dabei nicht primär darum, ob gesetzliche Regelungen falsch oder richtig sind, sondern darum, ob wir fähig bleiben, einander als einzelne Menschen mit unseren Bedürfnissen und unserer Geschichte wahrzunehmen und uns einander zuzuwenden. Deshalb ist es hilfreich, gemeinsames und individuelles Versagen, Brüche und Trümmer im Gebet vor Gott zu bringen. Der Raum des Gebets ist groß genug. Aussprechen hilft. Daniel wusste das, und es ist der erste Schritt, die Macht der Löwen zu bannen.

Der ganze Körper betet: Eine physische Verbindung zu Gott

Nach dem Aussprechen des Versagens hilft es, sich im Gebet mit Gott zu verbinden. Dieser Gott, der gemeinsam mit Daniel, mir und allen anderen im Raum des Betens steht, ist keiner, der straft. Es ist einer, der sieht und hört, sich zuneigt und sein Angesicht leuchten lässt. Wenn man das so sieht, wird aus einem politischen Gebet, in dem kollektives Versagen ausgesprochen wird, eine sehr persönliche Gottesbeziehung.

„Wir liegen vor dir…“ Im Alten Testament findet sich, wie in allen Religionen, eine große Spannbreite von Gebetshaltungen. Personen verneigen sich, knien sich nieder zum Gebet oder werfen sich vor Gott auf den Boden. Beten bezieht den Körper mit ein. Die Beziehung zu Gott in diesem Raum des Gebets geht nicht nur über Gebetsworte. Der ganze Körper betet. Wir nehmen vor Gott Raum ein, genau so, wie wir sind und wie wir uns ihm zeigen möchten. Diese körperliche Hingabe ist ein Ausdruck tiefster Demut und Vertrauen. Sich auf den Boden zu legen, sich auszustrecken – das bedeutet, ganz bei sich zu sein. Nichts lenkt mehr ab. Man muss sich nicht mehr um anderes kümmern. Es geht nur noch um das eigene Ich, den eigenen Atem, das Gefühl, vom Boden getragen zu werden. Doch in dieser tiefen Selbstversunkenheit spürt man auch die große Sehnsucht, dass da jemand ist, der einen sieht und wohlwollend ansieht. Man ist selbst so sehr bei sich, dass man das Außen nicht mehr wahrnimmt, und gerade dann entsteht das Bedürfnis nach einem liebenden Blick von außen.

Gott, der sieht und hört: Trost in der Hilflosigkeit

„Laß leuchten dein Angesicht… Neige deine Ohren, mein Gott, und höre, tu deine Augen auf und sieh…“ Es gibt in jedem Leben Situationen, wo wir mit all dem, was das Leben uns zumutet – mit Schicksalsschlägen, mit Trümmern, mit all unserem Versagen und in all unserer Schwachheit – auf dem Boden liegen. Nichts mehr tun, nicht mehr argumentieren, nicht mehr verhandeln. Manchmal ist einfach keine Kraft mehr da, aufrecht zu sein; manchmal kann man sich nur noch hinfallen lassen. Es sein lassen. Mit all dem, was geschehen ist, vor Gott sein, mit dem Gelungenen und dem Misslungenen und den vielen Fragezeichen. Dann hilft es, eine Vorstellung von Gott zu haben, der sieht und hört und sich mir zuneigt. Ein Gegenüber, das uns in unserer tiefsten Verletzlichkeit begegnet.

Ich rede manchmal mit einer alten Dame, die nicht mehr lange zu leben hat. Sie liegt im Bett, und vieles geht ihr durch den Kopf: Gelungenes und Misslungenes, Fragen, die sie umtreiben. Menschen, die auf einmal da waren und ihr Leben in eine andere Richtung gelenkt haben. Manches ist ganz anders geworden, als sie es sich vorgestellt hat. Manchmal gab es Rettung in letzter Sekunde, ohne dass sie das Geringste hätte tun können. „Das hat Gott gelenkt? Kann man das sagen?“, fragt sie dann manchmal. Ich weiß, dass sie allen frommen Deutungen gegenüber sehr skeptisch ist. Eigentlich gilt nur, was sie selbst erreicht hat und was sich mit Zahlen und Fakten beweisen lässt. Aber nun, am Ende ihres Lebens, gibt es nichts mehr, was sie tun und klären könnte. Wird es sich klären, fügen, lösen? Wird sie gehalten, getragen werden in Situationen, in denen sie selbst nichts mehr tun kann?

Ich glaube, es hilft, wenn wir uns in diesen Lebensgeschichten und Herausforderungen nicht einfach irgendeinem Zufall überlassen wissen. Es hilft, wenn wir uns ein Gegenüber vorstellen, das sieht, das hört, das sich uns zuneigt. Ich kann nicht zum Zufall beten oder zu den Kräften des Kosmos, die sich auf rätselhafte Weise formen und verschlingen. Ich kann nur zu einem beten, von dem ich mir vorstelle, dass er mich sieht und hört und sich mir zuneigt. Sich diesem Gott zu überlassen, gerade wenn wir selbst nichts mehr tun können, dazu hilft das Gebet. Wer betet, streckt sich vor Gott und zu Gott hin aus. Er wechselt im wörtlichen Sinn die Ebene und sieht anders auf das, was geschieht, und empfängt Trost in der Hilflosigkeit.

Das „Ach!“ der Betenden: Wenn die Worte fehlen

Alle großen Gebete, die in der Bibel überliefert sind, üben das in ihren Worten ein. Die Klagen der Psalmen münden in ein: „Aber Du, Gott…“. Alle großen Gebete formulieren das Wissen, dass da etwas ist, jenseits aller Möglichkeiten, die wir sehen. Im Zentrum des Vater Unser verbindet die Bitte, dass Gottes Wille geschehe, Gottes Himmel und unsere Erde.

Aber manchmal gibt es keine Worte mehr. „Ich konnte gar nicht mehr beten“, erzählen Menschen, die Schweres erlebt haben. „Ich habe, in all dem, was mir dann durch den Kopf ging, kaum an Gott gedacht, mir sind keine frommen Worte mehr eingefallen, die in dieser Situation noch Sinn gemacht hätten.“ Viele fürchten dann, dass sie als Christen versagen, dass mit ihrem Glauben irgendetwas nicht stimmt, dass sie den Zugang zu Gott verloren haben.

Ich glaube das nicht. Mein theologischer Kronzeuge dafür ist zweihundert Jahre jünger als der Verfasser des Daniel-Gebetes. Im 8. Kapitel des Römerbriefes schreibt Paulus (Römer 8,26): „Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns.“ Gott selbst betet in uns, wenn wir keine Worte mehr haben. Enger, tiefer können wir in unserer Wortlosigkeit gar nicht mit Gott verbunden sein. Wenn Gott, der Heilige Geist, selbst in uns betet, dann gibt es nichts, was uns von Gott trennen könnte, dann ist Gott uns näher, als wir uns selbst sind. Solche theologischen Gedanken können einen schwindlig machen. Wo ist er denn nun, der Gott, zu dem ich bete? Innen, weil es selbst in mir seufzt und betet? Außen, weil ich staunend seine Größe sehe, im Himmel und auf Erden, weil ich mich zu ihm ausstrecken und vor ihm liegen kann in all dem, was mich im Leben und im Sterben beschäftigt? Vor mir, in mir, über mir, unter mir?

Ich schaue noch einmal in das Gebet des Daniel. Da gibt es einen allertiefsten Grund, sich an diesen Gott zu wenden – und der hat nichts damit zu tun, ob Menschen vor ihm ihre Sünden bekennen, ob sie Worte haben und Gesten. „Ach, Gott, höre! Ach, Gott, sei gnädig! Ach, Gott, merk auf und handle! Säume nicht - um deinetwillen, mein Gott!“ Weil Du Gott bist, weil Du dir selbst treu bleibst als barmherziger Gott, deshalb wendest Du dich uns zu. In allem, was wir sagen und nicht mehr sagen können zu dir, hörst Du Dich selbst, Deinen Geist in uns. Wie soll man das noch in Worte fassen? Wie soll man da noch zu Gott reden?

„Gott,“ so hat ein frommer Mann einmal gesagt, „Gott hat keinen Namen. Der Name ist ein Gefängnis. Gott ist frei.“ „Wenn ihr ihn aber rufen wollt? Wenn es notwendig ist, wie ruft ihr ihn?“, fragt sein Schüler. „Ach!“, antwortet der fromme Mann. „Nicht Gott. „Ach!“ werde ich ihn rufen.“ Daniel, der wortstarke Beter, der für ganz Israel Worte findet, überliefert uns zugleich das allerkürzeste Gebet. Es besteht nur aus drei Buchstaben: Ach! Fünf Mal durchzieht dieses Seufzen sein Gebet: Ach, Gott – und immer wieder: Ach…. Wenn mir alle Gebetsworte entschwinden, wenn mir jede Vorstellung von Gott und jeder der Namen, bei dem ich ihn immer genannt habe, entschwindet, dann bleibt dieses „Ach“. Manchmal frage ich mich, ob das reicht. Dann geht mein Blick in das Gebet des Daniel und ich denke mir: Ja, für Gott reicht das. Mein Seufzen, mein Staunen, mein Ach. Mehr brauche ich nicht vor Gott. Mehr braucht Gott nicht von mir. Ach – und Amen.

Formen des Gebets und ihre Wirkung

Gebet ist weit mehr als nur das Sprechen von Worten. Es ist eine vielschichtige Verbindung zu Gott, die unterschiedliche Formen annehmen und verschiedene Wirkungen entfalten kann. Die Geschichte Daniels und die Reflexionen darüber zeigen uns die Bandbreite dieser spirituellen Praxis.

Aspekt des GebetsBeschreibungWirkung/Bedeutung
Verbales GebetFormulierte Worte, Bekenntnisse, Bitten, Dank.Strukturiert Gedanken, ermöglicht das Aussprechen von Anliegen und Versagen, schafft Klarheit.
Körperliches GebetHaltungen wie Knien, Liegen, Verneigen, Gesten.Bezieht den ganzen Menschen ein, drückt Demut, Hingabe und Vertrauen physisch aus, schafft eine tiefere Präsenz.
Wortloses GebetSeufzen, Stöhnen, Schweigen, inneres „Ach!“.Verbindet direkt mit Gott, wenn Worte fehlen; Ausdruck tiefster Emotionen und unformulierbarer Sehnsüchte; der Geist selbst betet in uns.
Persönliches GebetIndividuelle Anliegen, private Zwiesprache mit Gott.Stärkt die persönliche Gottesbeziehung, ermöglicht Intimität und das Teilen innerster Gedanken.
Kollektives GebetGebet für oder mit einer Gemeinschaft, Fürbitte für andere.Schafft Verbundenheit, drückt Solidarität aus, trägt gemeinsame Lasten vor Gott, beeinflusst das gesellschaftliche Miteinander.
Gebet des BekenntnissesEingeständnis von Fehlern, Schuld und Versagen.Führt zu Befreiung, ermöglicht Neuanfang, fördert Selbstreflexion und Demut.
Gebet der HingabeSich Gott überlassen, Kontrolle abgeben.Schafft Frieden in ausweglosen Situationen, stärkt Vertrauen in Gottes Fürsorge, auch wenn man selbst nichts mehr tun kann.

Häufig gestellte Fragen zum Gebet

Hilft Beten wirklich?

Ja, aus spiritueller Sicht hilft Beten auf vielfältige Weise. Es schafft einen „Raum“ der Begegnung mit Gott, ermöglicht das Aussprechen von Sorgen und Versagen, was befreiend wirken kann. Es verändert nicht unbedingt sofort die äußeren Umstände, aber es verändert die innere Haltung des Betenden, stärkt das Vertrauen und kann Trost und Frieden schenken, selbst in ausweglosen Situationen.

Muss ich bestimmte Worte benutzen, um zu beten?

Nein, wie Daniels Gebet und die Aussage des Paulus zeigen, braucht es nicht immer formulierte Worte. Manchmal reicht ein Seufzen, ein „Ach!“, oder eine bestimmte Körperhaltung, um sich mit Gott zu verbinden. Gott versteht auch die wortlose Sehnsucht und das Ringen des Herzens.

Was, wenn ich mich im Gebet leer fühle oder keinen Zugang finde?

Das ist eine häufige Erfahrung und kein Zeichen von Glaubensschwäche. Gerade in solchen Momenten, so lehrt es die Theologie, betet der Heilige Geist in uns, wenn uns die Worte fehlen. Es ist eine tiefe Verbindung, die über unser bewusstes Sprechen hinausgeht. Bleiben Sie einfach in der Gegenwart Gottes, auch in der Stille und Leere.

Ist Gebet nur für religiöse Menschen?

Gebet ist eine zutiefst menschliche Praxis, die über konfessionelle Grenzen hinausgeht. Das Bedürfnis, sich an eine höhere Macht zu wenden, Trost zu suchen oder Dank auszudrücken, ist universell. Obwohl die hier dargestellten Aspekte aus einer christlichen Perspektive beleuchtet werden, können viele Menschen, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit, in der inneren Einkehr und dem Aussprechen von Anliegen eine Quelle der Kraft finden.

Wie kann ich die „Macht der Löwen“ in meinem Leben bannen?

Die „Macht der Löwen“ zu bannen, bedeutet nicht, dass alle Probleme verschwinden, sondern dass man lernt, mit ihnen umzugehen und nicht von ihnen überwältigt zu werden. Dies geschieht durch: 1. Das Aussprechen von dem, was zerbrochen ist, und dem eigenen Versagen. 2. Die körperliche und geistige Hingabe an Gott. 3. Das Vertrauen darauf, dass Gott sieht, hört und sich zuneigt, auch wenn man selbst hilflos ist. 4. Das Zulassen des wortlosen Gebets, wenn keine Worte mehr da sind. Diese Schritte helfen, die Perspektive zu wechseln und in der Gegenwart Gottes Stärke zu finden.

Fazit: Das Gebet als Anker in stürmischen Zeiten

Die Frage, ob Beten hilft, wenn die „Löwen“ des Lebens zähnefletschend vor uns stehen, beantwortet sich nicht mit einer simplen Ja/Nein-Antwort, sondern durch eine tiefere Einsicht in das Wesen des Gebets. Es ist nicht nur ein verbaler Akt, sondern ein ganzheitliches Geschehen, das den Menschen in seiner Gesamtheit – Geist, Seele und Körper – in die Gegenwart Gottes bringt. Es ist ein Raum, in dem Wahrheit ausgesprochen werden kann, sei es unser kollektives oder persönliches Versagen, was zu tiefer Befreiung führt. Es ist eine Hingabe, bei der wir uns mit all unserer Schwachheit und Verletzlichkeit vor Gott ausstrecken, im Vertrauen auf ein Gegenüber, das sieht, hört und sich uns zuneigt.

Und selbst wenn die Worte versagen, wenn das Herz zu schwer ist, um zu formulieren, bleibt das Seufzen, das „Ach!“, als tiefste und ehrlichste Form der Kommunikation. Es ist die Gewissheit, dass Gott uns näher ist als wir uns selbst, und dass sein Geist in uns betet, auch wenn wir es nicht können. Das Gebet bannt die Macht der Löwen nicht immer, indem es sie verschwinden lässt, sondern indem es uns die Kraft gibt, ihnen zu begegnen, die Perspektive zu wechseln und uns in der Gewissheit zu verankern, dass wir in all unseren „Trümmern“ nicht allein sind. Es ist ein Zeichen des Vertrauens auf Gottes große Barmherzigkeit, nicht auf unsere eigene Gerechtigkeit. Ach – und Amen.

Wenn du andere Artikel ähnlich wie Gebet: Die Macht der Löwen bannen? kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Spiritualität besuchen.

Go up