Was sind die Zitate von Adolf Hitler?

Glaube im Schatten: Kirche und Nationalsozialismus

11/05/2022

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Die idyllische Insel Hiddensee, ein Ort der Ruhe und Schönheit, barg einst ein dunkles Geheimnis, das exemplarisch für eine erschütternde Zeit in der deutschen Geschichte steht. Am Hafen des kleinen Ortes Kloster prangte 1935 ein Schild mit der unmissverständlichen Aufschrift: „Juden sind hier nicht erwünscht.“ Während der Autor der Hiddenseer Schulchronik sich darüber freute, dass die Touristenzahlen trotz des Ausbleibens jüdischer Badegäste nicht sanken, sondern sich durch „andere“, die zuvor von den „störenden Juden“ abgeschreckt wurden, ersetzten, wehten am Meer neben den Strandkörben bereits zahlreiche Hakenkreuzfahnen. Diese Szenerie ist ein eindringliches Bild dafür, wie tief die nationalsozialistische Ideologie in den Alltag und die Gesellschaft vordrang, oft mit beängstigender Normalität und Akzeptanz.

Wie viele Menschen gehörten Hitlers Partei an?
Fast eine Million Menschen gehörten ihr an. Etwa ein Drittel ihrer Mitglieder waren Pfarrer. Kirchenhistoriker gehen davon aus, dass Hitlers Aufstieg ohne die breite Zustimmung in der evangelischen Kirche nicht möglich gewesen wäre. Besonders in protestantischen Gebieten feierte Hitlers Partei ihre ersten Wahlerfolge. Owe Gustavs.
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„Heil Hitler!“ – Ein Gebet? Die theologische Perversion

Besonders verstörend war die Rolle, die einige Geistliche in dieser Zeit spielten. Ein prominentes Beispiel hierfür ist der Inselpfarrer Arnold Gustavs. Er machte sich nicht nur zum Sprachrohr des Nationalsozialismus, sondern interpretierte den Gruß „Heil Hitler!“ auf eine Weise, die aus heutiger Sicht als Verrat am christlichen Glauben erscheint. In seinen Predigten verknüpfte er das weltliche „Heil Hitler!“ direkt mit dem Heil Gottes. Er argumentierte, dass dieser Ruf ein Gebet sei, ein Wunsch, dass Gott Adolf Hitler sein Heil gebe, ihn schütze, segne und ihn mit dem „Helm des Heils“ ausrüste, damit er den Kampf um die Erneuerung des deutschen Volkes mutig führen könne.

Diese theologische Verdrehung verwandelte Hitler in den Augen vieler Gläubiger in einen neuen Messias und Erlöser, gesandt von Gott selbst. Wo das Wort „Heil“ im Alten und Neuen Testament stets die göttliche Erlösung und Rettung meint, wurde es hier auf einen Menschen übertragen, der ein totalitäres Regime aufbaute und unermessliches Leid verursachte. Zu Gustavs' Zeiten nahmen die meisten Menschen keinen Anstoß an solchen Predigten; sie wurden als Ausdruck einer tiefen Volksverbundenheit und als Zeichen der Hoffnung auf eine nationale Wiedergeburt verstanden. Die Idee, dass ein politischer Führer göttlich legitimiert sei, verankerte sich tief in den Köpfen vieler.

Die „Deutschen Christen“: Eine Bewegung der Anpassung

Arnold Gustavs war kein Einzelfall. Er gehörte den „Deutschen Christen“ an, einer nazinahen Gruppierung innerhalb des deutschen Protestantismus, die im Mai 1933 gegründet wurde und schnell zu einer riesigen Bewegung heranwuchs. Diese Gruppe zielte darauf ab, den Protestantismus mit der nationalsozialistischen Ideologie zu verschmelzen und eine „artgemäße“ Kirche zu schaffen, die sich von allem „Fremden“ – insbesondere jüdischen Einflüssen – reinigte. Ihre Richtlinien waren erschreckend klar und offen rassistisch.

So hieß es beispielsweise in ihren Grundsätzen: „In der Judenmission sehen wir eine schwere Gefahr für unser Volkstum. Sie ist das Eingangstor fremden Blutes in unseren Volkskörper. Insbesondere ist die Eheschließung zwischen Deutschen und Juden zu verbieten.“ Es ging den „Deutschen Christen“ nicht mehr um die universelle Gemeinschaft der Gläubigen, sondern um Volk, Rasse und Blut. Während im Mittelalter die Taufe oft einen Ausweg aus Verfolgungen bot, sollte diese Möglichkeit den Juden nun explizit verwehrt bleiben. Diese Haltung stand im krassen Widerspruch zu den grundlegenden Prinzipien des christlichen Glaubens an die Gleichheit aller Menschen vor Gott und die Liebe zum Nächsten, unabhängig von Herkunft oder Abstammung.

Die Zahlen sprechen für sich: Fast eine Million Menschen gehörten den „Deutschen Christen“ an. Etwa ein Drittel ihrer Mitglieder waren Pfarrer. Kirchenhistoriker sind sich einig, dass der Aufstieg Adolf Hitlers und die Etablierung seines Regimes ohne die breite Zustimmung und Unterstützung in weiten Teilen der evangelischen Kirche kaum möglich gewesen wären. Besonders in protestantisch geprägten Gebieten feierte Hitlers Partei ihre ersten Wahlerfolge, was die tiefe Verflechtung von nationaler und kirchlicher Identität in dieser Zeit unterstreicht.

Die Bekennende Kirche: Ein einsamer Widerstand

Doch es gab auch Widerstand, wenn auch vereinzelt und oft isoliert. Eine der wichtigsten Gegenstimmen kam von dem Theologen Karl Barth, der zur Gruppe der „Bekennenden Kirche“ gehörte. Diese kleinere, aber theologisch fundierte Gruppe lehnte die Lehren und Praktiken der „Deutschen Christen“ entschieden ab. Barth formulierte seinen Protest unmissverständlich: „Was ich zur Lehre der Deutschen Christen zu sagen habe, ist einfach: Ich sage unbedingt und vorbehaltlos: 'Nein!' Zum Geist und Buchstaben dieser Lehre. Ich halte dafür, dass diese Lehre in der evangelischen Kirche kein Heimatrecht hat.“

Die „Bekennende Kirche“ betonte die alleinige Herrschaft Jesu Christi über die Kirche und lehnte jede Vermischung von Evangelium und nationalsozialistischer Ideologie ab. Ihre Mitglieder, darunter Dietrich Bonhoeffer und Martin Niemöller, zahlten oft einen hohen Preis für ihren Mut. Doch trotz ihrer theologischen Integrität und ihres moralischen Mutes blieb die „Bekennende Kirche“ eine vergleichsweise kleine Gruppe. Die Masse der Gläubigen und ein Großteil der kirchlichen Amtsträger folgten den „Deutschen Christen“ oder verhielten sich passiv, was die enorme Herausforderung des Widerstands in einem totalitären System verdeutlicht.

Warum die Kirche Hitler unterstützte: Hoffnungen und Illusionen

Die Frage, warum weite Teile der evangelischen Kirche so bereitwillig mit dem Nationalsozialismus sympathisierten, ist komplex. Wie Owe Gustavs, der Enkel von Pfarrer Arnold Gustavs, hervorhebt, war die Kirche mit der Weimarer Republik nie wirklich „warm geworden“. Nach der Revolution von 1918 hatte sie den Kaiser verloren, der zugleich der oberste Kirchenherr gewesen war. Diese Zäsur hinterließ eine Lücke und ein Gefühl der Orientierungslosigkeit. Viele sahen in Hitler einen starken Mann, der die nationale Ordnung wiederherstellen und der Kirche wieder mehr Einfluss und Macht zubilligen würde.

Hitler versprach zunächst, die Kirche in seine Pläne einzubinden, und weckte damit Hoffnungen auf eine Erneuerung des christlichen Lebens im nationalen Rahmen. Pfarrer Gustavs formulierte diese Hoffnung sehr dezidiert: Er erwartete von den Nazis, dass sie die Deutschen wieder empfänglich für das Christentum machen würden. Er sah im Nationalsozialismus ein Instrument zum „Bau des Reiches Gottes“ und sprach von seiner „Reichsgottesarbeit“. Eine Formulierung, die auf beängstigende Weise Hitlers „Drittes Reich“ mit dem christlichen „Reich Gottes“ verband und die religiöse Legitimation für ein politisches System suchte.

Die „Reichsgottesarbeit“ und ihre fatalen Folgen

Pfarrer Gustavs ging weit in seiner Anpassung an die Nazis. Er hielt vor einer Sonnenwendfeier der Nationalsozialisten im Jahr 1934 eine christliche Andacht. Mehr noch: In seiner Predigt erklärte er Nazi-Deutschland zum „Licht in der Finsternis“, ein Motiv, das er aus dem Johannesevangelium entlehnte. Er rief dazu auf, dieses Licht weiter zu verbreiten und diejenigen mitzureißen, die sich noch widerwillig den Geboten des Nationalsozialismus fügten. Seine Worte „Lasst euer Licht leuchten vor den Leuten. Und vergesst nie, dass ihr die beste Nahrung für euer Licht aus der Ewigkeit, von eurem Gott hernehmen müsst. Amen“ verdeutlichen, wie er versuchte, die NS-Ideologie mit tiefen religiösen Überzeugungen zu verschmelzen und ihr eine göttliche Aura zu verleihen.

Die Rechnung, die Nazibegeisterung für den christlichen Glauben zu nutzen, ging jedoch nicht auf. In dem Moment, als Hitler die Kirche nicht mehr brauchte, distanzierte er sich von ihr. Die anfängliche Unterstützung wich zunehmender Feindseligkeit, und auch Pfarrer Gustavs bekam auf Hiddensee die Ablehnung der Nazis zu spüren. Die Idee, das Evangelium durch die Macht eines totalitären Staates zu verbreiten, erwies sich als fataler Irrtum, der die Kirche in eine tiefe moralische Krise stürzte.

Das Erbe und die Aufarbeitung: Owe Gustavs' Beitrag

Nach dem Krieg versuchten viele, ihre Rolle in der NS-Zeit zu beschönigen. Auch Arnold Gustavs stilisierte sich selbst zum Gegner der Nazis und betonte, er habe sich von NS-Veranstaltungen „ostentativ ferngehalten“. Die Wahrheit über seine Predigten und seine Zusammenarbeit mit dem Regime kam erst viele Jahre später ans Licht, dank seines Enkels, des Sprachwissenschaftlers Owe Gustavs. Als Owe Gustavs den Nachlass seines Großvaters ordnete, stieß er auf die Predigten und sah sich mit der schockierenden Realität konfrontiert, dass sein geliebter Großvater eine nationalsozialistische Vergangenheit hatte, von der er und seine Generation nichts wussten.

Owe Gustavs' Dokumentation „Reichsgottesdienst auf Hiddensee 1933 bis 1945“ ist ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung dieser dunklen Kapitel der Kirchengeschichte. Sie zeigt das typische Verhalten eines Landpfarrers in Vorpommern und verdeutlicht, wie einflussreiche Amtsträger wie Pfarrer dazu beitrugen, die NS-Ideologie in der Bevölkerung zu verankern. Die sorgfältige Dokumentation der Predigten Arnold Gustavs' ist ein Mahnmal dafür, wie leicht sich selbst hehre Institutionen und tief verwurzelte Glaubensgemeinschaften von politischen Ideologien vereinnahmen lassen können und wie wichtig eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ist.

Vergleich: Deutsche Christen vs. Bekennende Kirche

Um die unterschiedlichen Strömungen innerhalb der evangelischen Kirche während der NS-Zeit besser zu verstehen, hilft ein direkter Vergleich der beiden Hauptbewegungen:

MerkmalDeutsche ChristenBekennende Kirche
Gründung1932/19331933 (als Reaktion auf die „Deutschen Christen“)
IdeologieVerschmelzung von Nationalsozialismus und Christentum; Betonung von „Volk, Rasse, Blut“; antisemitisch; Anpassung an den Staat.Festhalten an den biblischen Grundlagen; Ablehnung jeder Vermischung von Evangelium und Ideologie; Widerstand gegen staatliche Einmischung in kirchliche Angelegenheiten.
MitgliederzahlFast 1 Million (ca. 1/3 Pfarrer), Massenbewegung.Deutlich kleiner, Minderheit innerhalb der evangelischen Kirche.
Verhältnis zum NS-RegimeUnterstützung und Legitimation des Regimes; Übernahme nationalsozialistischer Parolen und Symbole.Kritische Distanz; offener oder verdeckter Widerstand; Verfolgung und Inhaftierung von Mitgliedern.
Zentrale Figur(en)Ludwig Müller (Reichsbischof), viele prominente Pfarrer wie Arnold Gustavs.Karl Barth, Martin Niemöller, Dietrich Bonhoeffer.
Haltung zur „Judenfrage“Antisemitisch; Ablehnung der „Judenmission“; Befürwortung von „Arierparagraphen“ in der Kirche.Verteidigung der jüdischen Wurzeln des Christentums; Ablehnung des Antisemitismus als unchristlich.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wie viele Menschen gehörten den Deutschen Christen an?
Den „Deutschen Christen“ gehörten fast eine Million Menschen an, was sie zu einer massiven Bewegung innerhalb der evangelischen Kirche machte. Bemerkenswert ist, dass etwa ein Drittel ihrer Mitglieder Pfarrer waren, was den tiefen Einfluss der nationalsozialistischen Ideologie in den kirchlichen Reihen verdeutlicht.
Warum war die evangelische Kirche so anfällig für den Nationalsozialismus?
Die Anfälligkeit der evangelischen Kirche für den Nationalsozialismus hatte mehrere Gründe: Sie war nach dem Verlust des Kaisers als oberstem Kirchenherrn 1918 noch immer desorientiert und stand der Weimarer Republik kritisch gegenüber. Hitler versprach Stabilität, die Wiederherstellung nationaler Größe und eine Stärkung der Kirche, was viele Geistliche und Gläubige als Chance sahen. Konservative und nationalistische Tendenzen waren in Teilen der Kirche ohnehin stark ausgeprägt, und der verbreitete Antisemitismus fand in der Ideologie der „Deutschen Christen“ eine theologische Rechtfertigung.
Was war die „Judenmission“ der Deutschen Christen und warum wurde sie abgelehnt?
Die „Judenmission“ war im traditionellen christlichen Verständnis die Verkündigung des Evangeliums an Juden. Die „Deutschen Christen“ lehnten diese Mission jedoch vehement ab. Sie sahen darin eine „schwere Gefahr für unser Volkstum“ und das „Eingangstor fremden Blutes in unseren Volkskörper“. Ihre Ablehnung basierte auf rassistischen und völkischen Überzeugungen, die im krassen Gegensatz zum biblischen Gebot der Nächstenliebe standen und die Taufe als Möglichkeit für Juden zur Integration in die Kirche verwehrten.
Wer war Karl Barth und welche Rolle spielte die Bekennende Kirche?
Karl Barth war ein bedeutender reformierter Theologe, der sich entschieden gegen die „Deutschen Christen“ und die Gleichschaltung der Kirche durch das NS-Regime stellte. Er war eine zentrale Figur der „Bekennenden Kirche“, einer Gruppe, die sich dem wahren Evangelium verpflichtet fühlte und jede theologische Legitimation des Nationalsozialismus ablehnte. Die Bekennende Kirche war eine Minderheit, bewahrte aber die theologische Integrität des Protestantismus in einer Zeit extremer Verführung und Verfälschung.
Wie deutete Pfarrer Gustavs den Gruß „Heil Hitler!“?
Pfarrer Arnold Gustavs interpretierte den Gruß „Heil Hitler!“ als ein Gebet. Er sah darin den Wunsch, dass Gott Hitler sein Heil gewähre, ihn schütze und segne. Diese theologische Umdeutung des politischen Grußes war ein Versuch, den nationalsozialistischen Führer mit göttlicher Autorität zu versehen und seine Mission im Sinne eines „Reichsgottes“ zu legitimieren.
Was bedeutet „Reichsgottesarbeit“ im Kontext des Nationalsozialismus?
Der Begriff „Reichsgottesarbeit“, wie er von Pfarrer Gustavs verwendet wurde, bezeichnete den Versuch, die nationalsozialistische Ideologie und Politik als Mittel zum Aufbau des christlichen „Reiches Gottes“ zu nutzen. Es war eine fatale Verquickung von weltlicher Macht und religiöser Sendung, bei der die Grenzen zwischen dem „Dritten Reich“ Hitlers und dem biblischen „Reich Gottes“ verwischt wurden. Dies führte zu einer theologischen Rechtfertigung der NS-Herrschaft.
Wie verhielt sich Hitler später zur Kirche?
Anfangs versuchte Hitler, die Kirchen für seine Zwecke einzuspannen. Sobald er jedoch seine Macht konsolidiert hatte und die Kirchen nicht mehr als nützliche Propagandainstrumente ansah, distanzierte er sich von ihnen und verfolgte zunehmend eine kirchenfeindliche Politik. Die Hoffnungen vieler Geistlicher auf eine Stärkung der Kirche unter Hitler erwiesen sich als Illusion.

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