Wie kann man mit Gott in Verbindung bleiben?

Das Gebet der Hingabe: Ignatius' "Nimm hin, Herr..."

14/09/2025

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In der unendlichen Vielfalt spiritueller Praktiken und Gebete suchen viele Menschen nach dem einen Gebet, das die Essenz ihres Glaubens, ihrer Hoffnung und ihrer Sehnsüchte einfängt. Oft wird die Frage gestellt: Was ist das wichtigste Gebet? Eine universelle Antwort darauf gibt es wohl nicht, denn Gebet ist eine zutiefst persönliche und dynamische Beziehung zu Gott. Doch es gibt Gebete, die eine besondere Tiefe und transformative Kraft besitzen, die uns auf unserem spirituellen Weg entscheidend prägen können. Eines dieser Gebete, das am Ende des berühmten Exerzitienbuches des heiligen Ignatius von Loyola steht und als Teil der „Betrachtung zur Erlangung der Liebe“ bekannt ist, trägt den Titel „Nimm hin, Herr, und empfange“ – im Lateinischen „Sume Domine, et suscipe“.

Warum betreten wir die Kirche?
Wir betreten die Kirche, um Gott in der Gemeinschaft der Kirche zu begegnen, ihn zu feiern, ihn zu hören, zu ihm zu beten. Durch die Kirchentür verlassen wir aber auch die Kirche. Durch sie gehen wir hinaus in unseren Alltag, in die Welt, gerufen und gesandt von Gott, manchmal auf unbekannte Wege.]

Dieses Gebet ist weit mehr als eine Ansammlung schöner Worte; es ist eine radikale Einladung zur vollständigen Hingabe an Gott. Es fordert uns auf, alles, was wir sind und haben – unsere Freiheit, unser Gedächtnis, unseren Verstand, unseren Willen, all unser Haben und Besitzen – in Gottes Hände zurückzulegen. Es ist ein Akt des tiefsten Vertrauens, der besagt: „Du hast es mir gegeben; dir, Herr, gebe ich es zurück. Alles ist dein, verfüge nach deinem ganzen Willen. Gib mir deine Liebe und Gnade, denn diese genügen mir.“

Inhaltsverzeichnis

Die anfängliche Hürde: Ein Blankoscheck an Gott?

Die Vorstellung, Gott alles hinzugeben, kann für viele, und so auch für mich persönlich, zunächst beängstigend wirken. Die Worte „Nimm hin, Herr, und empfange meine ganze Freiheit, mein Gedächtnis, meinen Verstand und meinen ganzen Willen, all mein Haben und Besitzen“ klingen wie die Unterschrift unter einen Blankoscheck. Die Frage drängt sich auf: Welche Summe wird Gott in diese Zeilen einsetzen? Und was, wenn diese Summe etwas beinhaltet, das mir zutiefst widerstrebt, meine Pläne durchkreuzt oder mich in unbequeme Situationen bringt? Die Gedanken kreisen um mögliche „schaurige Szenarien“, wie sie der Autor des Ausgangstextes beschreibt – Szenarien, die Schweiß auf die Stirn treiben und die Angst vor Kontrollverlust schüren. Diese anfängliche Scheu ist absolut menschlich und verständlich. Wir klammern uns oft an das Vertraute, an unsere Pläne, an unsere scheinbare Kontrolle über unser Leben. Die Idee, dies alles loszulassen und sich ganz Gottes Willen anzuvertrauen, kann eine enorme Herausforderung darstellen. Es ist eine Einladung, unsere eigenen, oft begrenzten Vorstellungen von Glück und Erfüllung zu hinterfragen und uns für Gottes unendliche Möglichkeiten zu öffnen, die manchmal unkonventionell erscheinen mögen.

Eine neue Perspektive: Das Mosaik als Inspiration

Doch wie kann man ein solch herausforderndes Gebet beten, ohne sich überfordert zu fühlen? Für viele, so auch für den Autor, kam die Antwort oft unerwartet, aus einer tiefen Reflexion und einem neuen Blickwinkel auf die Dinge. Die Inspiration fand sich in einem unscheinbaren Mosaik einer Hauskapelle. Dort, in goldenen Lettern, ein Auszug des lateinischen Gebets: „SUME DOMINE ET SUSCIPE – OMNIA TUA SUNT“ (Nimm hin, Herr, und empfange – alles ist dein). Darüber die Darstellung des auferstandenen Jesus, zu seinen Füßen der kniende heilige Ignatius mit seinen Ordensregeln, und auf der rechten Seite der heilige Thomas von Aquin, der Jesus stolz seine „Summa Theologica“ präsentiert. Dieses Bild birgt eine tiefe Symbolik.

Die „Summa Theologica“ war das Lebenswerk des Thomas von Aquin, das Ergebnis seines Geistes, seines Verstandes, seines Gedächtnisses und seiner Willenskraft. Es war, als wollte Thomas dieses monumentale Werk Jesus schenken und sagen: „Nimm hin, Herr, und empfange, für dich.“ Diese Szene erinnert an die Legende, in der Jesus selbst dem Thomas von Aquin erschien und fragte: „Du hast gut von mir geschrieben, Thomas, welche Belohnung begehrst du von mir?“ Und Thomas' Antwort, so einfach und doch so tiefgreifend: „Keine andere, als dich, o Herr!“ Diese Geschichte offenbart eine entscheidende Wahrheit: Die wahre Hingabe besteht nicht darin, alles aufzugeben und nichts zu erhalten, sondern darin, alles zu geben, um das Höchste zu erhalten: die Gemeinschaft mit Gott selbst. Sie lehrt uns, dass unsere Gaben, unsere Anstrengungen und unsere Werke erst dann ihren wahren Wert entfalten, wenn wir sie in den Dienst Gottes stellen und ihn selbst als unsere größte Belohnung ansehen.

Die Praxis des Hingabegebets: Alles gehört dazu

Die Erkenntnis aus dem Mosaik und der Geschichte des Thomas von Aquin eröffnet einen praktischen Weg, das Hingabegebet zu leben. Es geht nicht darum, blind einen Blankoscheck zu unterschreiben, sondern darum, bewusst und konkret das anzubieten, was in unserem Inneren ist: im Kopf, im Gedächtnis, im Verstand, im Willen. Die Praxis besteht darin, innezuhalten, sich vor das geistige Auge Gottes zu begeben und zu schauen, was sich im Moment anbietet, was uns beschäftigt oder bewegt. Und dann, mit den Worten des Gebets, dies dem Herrn darzubringen:

  • Freuden und Erfolge: Manchmal sind es die Früchte unserer Arbeit, die uns Freude bereiten: eine gelungene Vorlesung, bei der der Funke übersprang, ein inspirierender Vorschlag für das Gemeinschaftsleben, eine Idee für eine Predigt. Anstatt diese Erfolge nur für uns zu beanspruchen, können wir sie in unserer Vorstellung dem Herrn anbieten und sagen: „Nimm, Herr, und empfange!“ Es ist ein Akt der Dankbarkeit und des Anerkennens, dass all unsere Fähigkeiten und Erfolge letztlich von Gott kommen.
  • Ängste und Nöte: Ebenso können es Ängste sein, die uns plagen, eine Krankheit, eine Not. Diese Sorgen, die uns belasten und uns den Schlaf rauben, können wir dem Herrn hinhalten und sagen: „Nimm hin, Herr, und empfange!“ Es ist ein Akt der Befreiung, der uns lehrt, unsere Lasten nicht alleine zu tragen, sondern sie einem Größeren anzuvertrauen, der uns trägt.
  • Wünsche und Sehnsüchte: Ob realistisch oder unrealistisch, unsere tiefsten Wünsche und Sehnsüchte können wir ebenfalls vor Gott bringen. Manchmal ist es ein Wunsch, der uns peinlich ist, manchmal einer, der uns unerreichbar scheint. Doch im Gebet können wir sie zeigen, und manchmal, so der Autor, „lachen wir darüber“. „Nimm hin, Herr, nimm sie in deine Hand!“ Dieser Akt der Ehrlichkeit und des Loslassens ermöglicht es uns, unsere Wünsche nicht als Befehle an Gott zu verstehen, sondern als Offenbarung unseres Herzens, das sich seinem Willen beugt.
  • Verstorbene Menschen: Die Trauer um geliebte Menschen, die von uns gegangen sind, kann tief und schmerzhaft sein. Auch diese Gefühle und die Erinnerung an die Verstorbenen können wir dem Herrn übergeben. „Nimm sie hin, Herr, und empfange sie! Ich hoffe, sie sind bei dir gut aufgehoben.“ Es ist ein Akt der Trostsuche und des Vertrauens in Gottes barmherziges Gericht und seine ewige Liebe.
  • Negative Gefühle und schwierige Beziehungen: Vielleicht die herausforderndste Form der Hingabe ist das Darbringen unserer negativen Emotionen und unserer Schwierigkeiten mit anderen Menschen. Mitbrüder, die uns auf die Nerven gehen, oder Menschen, für die wir nichts als Verachtung empfinden. In solchen Momenten fallen uns manchmal die sogenannten „Fluchpsalmen“ ein, deren brutale Verse („O Gott, zerbrich ihnen die Zähne… sie sollen vergehen wie die Schnecke, die sich auflöst im Schleim“ – Psalm 58) manch einem entsetzlich erscheinen mögen. Doch gerade diese Psalmen lehren uns, auch unsere rohen, ungeschminkten Gefühle – unsere Wut, unsere Frustration, unseren Wunsch nach Rache – vor Gott zu bringen. Es geht nicht darum, diese Gefühle auszuleben, sondern sie wahrzunehmen, sie anzuerkennen und sie dem Herrn hinzuhalten: „Schau, das bin auch ich. Nimm hin und empfange!“ Dieser ehrliche Dialog mit Gott ermöglicht es ihm, an unseren tiefsten und dunkelsten Stellen zu wirken und uns zu verwandeln. Es ist ein Akt der Freiheit, der uns von der Last dieser Gefühle befreit, indem wir sie nicht unterdrücken, sondern Gott anvertrauen.

Die folgende Tabelle fasst zusammen, welche Aspekte unseres Lebens wir im Gebet der Hingabe an Gott darbringen können:

Aspekte des LebensBeispiele, die wir darbringen könnenPotenzielle Transformation durch Hingabe
Erfolge und GabenGelungene Projekte, Talente, Anerkennung, materielle BesitztümerDankbarkeit, Demut, Dienstbarkeit für Gottes Reich
Ängste und SorgenKrankheit, finanzielle Not, Zukunftsängste, UnsicherheitenInnerer Friede, Loslassen von Kontrolle, tiefes Vertrauen
Wünsche und SehnsüchtePersönliche Träume, Beziehungswünsche, spirituelle BestrebungenKlärung des Willens, Annahme von Gottes Plan, Geduld
Trauer und VerlusteTod von Angehörigen, Scheitern von Plänen, enttäuschte HoffnungenTrost, Heilung, Akzeptanz des Unvermeidlichen, Hoffnung auf Auferstehung
Negative Emotionen und KonflikteWut, Neid, Verachtung, Frustration, zwischenmenschliche SpannungenVergebung, Mitgefühl, innere Reinigung, Wachstum in der Nächstenliebe

Die tiefste Hingabe: Die Legende des Hieronymus

Eine weitere Legende, die die Essenz der Hingabe auf eindringliche Weise beleuchtet, ist die Geschichte des jungen Hieronymus in der Wüste von Chalcis. Als Eremit geriet er in große Schwierigkeiten, litt unter Entbehrungen und inneren Kämpfen. Am Tiefpunkt seiner Verzweiflung erschien ihm der Gekreuzigte. Hieronymus, überglücklich über die göttliche Erscheinung, fiel auf die Knie und schlug sich an die Brust. Jesus lächelte ihn gütig an und fragte: „Hieronymus, was schenkst Du mir?“

Hieronymus, voller Eifer, antwortete sofort: „Alles Herr, vor allem die Einsamkeit in der Wüste, die mir so hart zusetzt.“ Jesus dankte ihm freundlich und fragte erneut: „Und was hast du mir noch anzubieten, Hieronymus?“ Ohne Zögern zählte Hieronymus seine heldenhaften Opfer auf: „Mein Fasten, meinen Hunger und Durst“, seine Nachtwachen, das Psalmengebet, die Schriftlesung, den Zölibat, den Mangel an Bequemlichkeit, die Hitze des Tages und die Kälte der Nacht. Jedes Mal dankte der Gekreuzigte mit einem Lächeln, doch er wiederholte unermüdlich seine Bitte: „Was gibst Du mir noch?“

Schließlich, am Ende seiner Weisheit und zutiefst frustriert, weil der Herr scheinbar mit seiner beeindruckenden Liste heroischer Opfer immer noch nicht zufrieden war, gab Hieronymus auf. Dann wurde es still in der Klause und in der ganzen Wüste. Jesus schaute Hieronymus voller Liebe an und sprach die entscheidenden Worte: „Eines hast Du vergessen, Hieronymus. Gib mir Deine Sünden, damit ich sie vergebe!“

Diese Legende ist eine tiefgreifende Offenbarung. Sie zeigt uns, dass die wahre, vollständige Hingabe nicht nur das Darbringen unserer Stärken, unserer guten Taten und unserer Opfer umfasst. Sie erfordert auch, dass wir unsere Schwächen, unsere Fehler, unsere dunkelsten Seiten – unsere Sünden – vor Gott bringen. Denn gerade dort, wo wir uns am verletzlichsten fühlen, wo wir uns schämen oder uns für unwürdig halten, ist Gottes Gnade am stärksten. Die Einladung, unsere Sünden zu übergeben, ist die ultimative Einladung zur Freiheit und Heilung. Es ist die Erkenntnis, dass Gott nicht nur unsere Perfektion will, sondern uns ganz, mit all unseren Brüchen und Unzulänglichkeiten. Erst wenn wir unsere Sünden hingeben, kann er uns wirklich vergeben und uns ganz machen.

Die transformative Kraft des Hingabegebets

Das „Nimm hin, Herr, und empfange“-Gebet ist daher weit mehr als eine bloße Formel. Es ist eine Haltung des Lebens, eine ständige Einladung, alles, was uns ausmacht, in Gottes Hände zu legen. Es ist ein Akt des tiefen Vertrauens, der uns lehrt, dass wir nicht alles kontrollieren müssen, sondern uns auf Gottes unendliche Weisheit und Liebe verlassen können. Die Hingabe führt zu einer tiefen inneren Freiheit, denn sie befreit uns von der Last, alles selbst tragen und meistern zu müssen. Sie ermöglicht uns, im Hier und Jetzt zu leben und die Fülle des Lebens in Gottes Gegenwart zu erfahren. Wenn wir wirklich glauben, dass Gottes Liebe und Gnade uns genügen, dann können wir loslassen und uns ganz seiner Führung anvertrauen.

Häufig gestellte Fragen zum Hingabegebet

Ist dieses Gebet nur für Priester oder Ordensleute gedacht?

Nein, absolut nicht. Obwohl es aus den Exerzitien des heiligen Ignatius stammt, die oft von Ordensleuten praktiziert werden, ist die Botschaft der Hingabe universell. Jeder Mensch, der eine tiefere Beziehung zu Gott sucht und bereit ist, sein Leben in Gottes Hände zu legen, kann und sollte dieses Gebet beten und leben. Es ist ein Gebet für alle Suchenden, unabhängig von ihrem Stand oder ihrer Lebenssituation.

Muss ich wirklich alles aufgeben, wie mein Eigentum oder meine Beziehungen?

Die Hingabe, von der hier die Rede ist, ist primär eine innere Haltung. Es geht nicht zwingend darum, physisch alles aufzugeben und Besitz oder Beziehungen zu verlassen. Vielmehr bedeutet es, sich von der inneren Anhaftung an diese Dinge zu lösen und bereit zu sein, sie Gott zur Verfügung zu stellen. Es ist die Bereitschaft, Gottes Willen über den eigenen zu stellen und zu erkennen, dass alles, was wir haben, letztlich ein Geschenk Gottes ist. Manchmal führt dies zu äußeren Veränderungen, aber oft ist es eine Transformation des Herzens und der Perspektive.

Was, wenn ich Angst vor der vollständigen Hingabe habe?

Es ist völlig normal, Angst oder Unsicherheit angesichts einer so radikalen Hingabe zu empfinden. Die Legende des Hieronymus zeigt, dass selbst Heilige damit ringen. Beginnen Sie klein. Bieten Sie Gott im Gebet konkrete Sorgen, Freuden oder Wünsche des Tages an. Üben Sie sich im Vertrauen in kleinen Schritten. Die Hingabe ist ein lebenslanger Prozess, kein einmaliger Akt. Gott zwingt uns nicht, sondern lädt uns liebevoll ein, uns ihm anzuvertrauen.

Wie oft sollte ich dieses Gebet beten?

Das „Sume Domine“ kann als tägliches Gebet oder als regelmäßige Praxis der Besinnung genutzt werden. Es ist weniger ein Gebet, das man mechanisch wiederholt, sondern vielmehr eine Haltung, die man im Alltag einnimmt. Man kann es morgens beten, um den Tag Gott anzuvertrauen, oder abends, um den Tag Revue passieren zu lassen und alles, was geschehen ist, in Gottes Hände zurückzulegen. Wichtiger als die Häufigkeit ist die aufrichtige Absicht und die Bereitschaft, sich immer wieder neu auf Gottes Willen einzulassen.

Das Gebet „Nimm hin, Herr, und empfange meine ganze Freiheit, mein Gedächtnis, meinen Verstand und meinen ganzen Willen, all mein Haben und Besitzen. Du hast es mir gegeben; dir, Herr, gebe ich es zurück. Alles ist dein, verfüge nach deinem ganzen Willen. Gib mir deine Liebe und Gnade, denn diese genügen mir“ ist eine Einladung zu einem Leben in tiefer Verbundenheit und Vertrauen zu Gott. Es ist ein Weg, der uns von der Last der Selbstkontrolle befreit und uns in die unendliche Liebe Gottes führt, die uns alles gibt, was wir wirklich brauchen.

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