Welche Zeugnisse gibt es zum Gebet?

Das Paradox des Gebets: Wenn Gott schweigt

25/02/2023

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Die Frage nach dem Gebet und seiner Erhörung gehört zu den wohl ältesten und hartnäckigsten Rätseln des menschlichen Glaubens. Seit Anbeginn der Zeit haben Menschen ihre Stimmen zu einer höheren Macht erhoben, ihre tiefsten Wünsche, Ängste und Hoffnungen vorgetragen. Wir bitten um Heilung für die Kranken, um Frieden in Kriegsgebieten, um Trost in der Not oder um persönliche Führung auf unserem Lebensweg. Doch nur allzu oft scheint die erhoffte, direkte Antwort auszubleiben. In solchen Momenten drängen sich bohrende Fragen auf: Kann Gott nicht helfen? Will er nicht eingreifen? Oder übersehe ich etwas Entscheidendes in meinem Verständnis des Gebets? Diese Fragen sind nicht nur theoretischer Natur, sondern zutiefst persönlich und können das Fundament unseres Glaubens erschüttern. Sie fordern die Theologie heraus, sich mit unseren Gebetspraktiken kritisch auseinanderzusetzen und das Bittgebet in den größeren Kontext unseres Gottesverständnisses zu stellen. Die Erfahrung, dass ein Gebet im alltagssprachlichen Sinn nicht erhört wird – also dass Gott die Situation nicht im Sinne des Gebets verändert –, scheint dabei eher die Regel als die Ausnahme zu sein, insbesondere wenn es um konkrete Anliegen geht. Aber bedeutet das, dass das Gebet sinnlos ist oder wir aufhören sollten zu bitten?

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Inhaltsverzeichnis

Die Herausforderung unerhörter Gebete

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Die Verwirrung und nicht selten auch die tiefe Enttäuschung, die aus dem Ausbleiben direkter Gebetserhörungen resultieren, sind universelle menschliche Erfahrungen. Wir bitten inständig um das Ende einer globalen Pandemie wie Covid-19, um Frieden in Krisengebieten, in denen unzählige Menschen leiden, oder um die wundersame Heilung eines geliebten Menschen, der mit einer schweren Krankheit ringt. Doch die Welt bleibt, wie sie ist, oder verschlechtert sich sogar. Auch das kollektive Gebet von Millionen für die Kirche hat die skandalösen Missbrauchspraktiken nicht verhindert. Steht man dann nicht vor der zynischen Frage, ob es ohne das Gebet vielleicht sogar noch schlimmer gekommen wäre? Eine solche Perspektive kann einen Gläubigen in eine tiefe Glaubenskrise stürzen.

Welche Arten von Theologie gibt es?
Biblische Theologie: Altes und Neues Testament. Historische Theologie: Kirchengeschichte von der Antike bis zur Neuzeit. Theologische Ethik: beschäftigt sich mit verschiedenen ethischen Konfliktfeldern in der gegenwärtigen Gesellschaft und reflektiert und diskutiert diese.
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Theologische Erklärungsversuche für dieses Phänomen gibt es viele, und sie versuchen, die scheinbare Passivität Gottes zu rationalisieren. Eine zentrale Begründungsfigur besagt, dass Gott nicht dauerhaft und willkürlich in die Weltordnung eingreifen kann, denn dies würde sie unzuverlässig und chaotisch machen. Ein Gott, der jeden Wunsch sofort erfüllt, würde die grundlegenden Prinzipien von Naturgesetzen, Ursache und Wirkung außer Kraft setzen und die uns bekannte Realität unmöglich machen. Die Welt wäre dann kein geordneter und verlässlicher Ort mehr, sondern ein Ort ständiger göttlicher Intervention, der keine eigenständige Entwicklung zuließe. Eine weitere Begründung beruft sich auf die menschliche Freiheit. Gott greift nicht in den Glauben oder die Entscheidungen eines Menschen ein, da unsere Freiheit ihm heilig ist. Er zwingt niemanden zum Glauben oder zu einer bestimmten Handlung, auch wenn dies kurzfristig das Leid mindern könnte, denn dies würde seine eigene Schöpfungsordnung, die den freien Willen als hohes Gut achtet, untergraben.

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Eine dritte Erklärung liegt an der Grenze unserer schlichten Definition von „erhört“: Möglicherweise erhört Gott anders, als wir gebetet haben. Eine leidvolle Erfahrung, die wir im Moment als unerträglich empfinden, kann zum Beispiel zu einer unerwarteten inneren Reifung, einer tieferen Einsicht oder einer neuen Perspektive führen, die wir im Moment des Leidens nicht erkennen können, die aber langfristig von größerem Wert ist als die sofortige Beseitigung des Problems. Dies verschiebt die Perspektive von der äußeren, situativen Veränderung hin zu einer inneren, transformativen Wirkung. Doch selbst wenn sich für alle ausbleibenden Erhörungen beste theologische Gründe fänden, könnte Gott wie Eltern erscheinen, die immer einen guten Grund haben, ihrem Kind eine Bitte abzuschlagen. Wird das Kind dann nicht irgendwann aufhören zu bitten, weil es frustriert ist, weil sich das Bitten schlicht nicht lohnt, weil die Eltern ohnehin immer schon wissen, was das Beste ist, und die kindliche Perspektive hier nicht mithalten kann?

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Warum beten wir, wenn Gebete „unmöglich“ scheinen?

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Angesichts der oft „miserablen Erfolgsrate“ des Bittgebets stellt sich die Frage, warum wir persistent weiterbeten und ob dies nicht nur Ausdruck von Naivität, gedankenloser Routine oder gar Realitätsverweigerung ist. Es gibt Gebete, die wir als „unmöglich“ empfinden, wie die inständige Bitte um die sofortige Beendigung eines komplexen Krieges, der tief in geopolitischen und menschlichen Konflikten verwurzelt ist. Wir wissen intuitiv, dass Gott einen Krieg nicht einfach „wegzaubern“ wird, so wie er auch nicht die Schwerkraft aufhebt, nur weil wir uns einen Moment lang wünschen, zu fliegen. Wenn wir also nicht an einen zaubernden Gott glauben – und all unsere Wirklichkeitserfahrung, auch die glaubende Wirklichkeitserfahrung, spricht gegen einen solchen Gott –, dann kann diese Bitte nicht in dem Sinn „ernst gemeint“ sein, dass wir erwarten, dass ein Krieg am Montag endet, nur weil wir am Sonntag im Gottesdienst darum gebetet haben.

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Warum bitten wir dann? Wir bitten, weil wir uns zutiefst Sorgen machen, weil wir Angst haben oder darunter leiden, eine Situation nicht ändern zu können, die uns schmerzt. Das Bittgebet wird so zu einem Medium, um unsere Sorgen, unsere Angst und unser Leid vor Gott zu tragen. Es ist ein Akt der Übergabe und des Ausdrückens unserer eigenen Hilflosigkeit. Wir bringen unsere Welt, unser Leben, unsere Gefühle, wie sie sind, vor ihn. Gerade an diesen „unmöglichen“ Bitten wird deutlich, dass wir unsere Anliegen an Gott in der Regel nicht so verstehen wie die Aufforderung: „Mach bitte die Tür zu.“ Es geht nicht um eine einfache Kausalität, die eine direkte, mechanische Reaktion Gottes erwartet, sondern um einen tieferen Ausdruck unserer menschlichen Verfassung vor dem Göttlichen. Es ist ein Akt des Kommunizierens unserer innersten Befindlichkeit und der Anerkennung einer höheren Instanz, die uns hört, auch wenn sie nicht immer unseren konkreten Wunsch erfüllt.

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Was wäre, wenn wir das Bittgebet streichen?

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Um die tiefere Bedeutung und den unersetzlichen Wert des Bittgebets besser zu erfassen, können wir eine Gegenprobe machen: Was wäre die Folge, wenn wir das Bittgebet, sowohl das private im Kämmerlein als auch das gemeinschaftliche in der Liturgie, vollständig streichen würden? Wir könnten Gott weiterhin danken, loben und anbeten, uns auf seine Größe und Güte besinnen. Aber wir würden nicht mehr bitten, weil er ja sowieso alles weiß, oder weil unsere „kleinlichen Wünsche“ ihn nicht beeinflussen sollen. Wir würden ihn nicht mehr mit unseren persönlichen Nöten „behelligen“. Die Gefahr wäre immens: Unser Gottesverhältnis würde zu einer blutleeren, distanzierten Verehrung eines höchsten Wesens, dem man sich gewissermaßen nur im Sonntagsstaat und sehr manierlich nähert. Wenn wir Angst haben und leiden, würden wir vielleicht resigniert sagen: „Du wirst es schon am besten wissen.“ Dies kann sehr abgeklärt wirken – vielleicht aber auch zu abgeklärt, zu distanziert, zu intellektuell?

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Demgegenüber betont die gesamte biblische Tradition, insbesondere die Psalmen, die Berechtigung der Klage, ja sogar der Anklage Gottes. Alles, was zu uns, unserem Leben und unserer Welt gehört, hat vor Gott seinen Platz. Das Bittgebet ermöglicht es uns, unsere ganze Menschlichkeit vor Gott auszubreiten, mit all unseren Fragen, unserem Schmerz, unserer Verzweiflung, unserer Wut und unserer Sehnsucht. Es ist ein Akt der radikalen Offenheit und des tiefen Vertrauens, der die Beziehung lebendig und authentisch hält, selbst wenn die erwartete Antwort ausbleibt. Es schafft einen Raum, in dem wir uns vollständig angenommen fühlen können, mit allen unseren Unzulänglichkeiten und unerfüllten Wünschen. Das Gebet ist dann nicht nur eine Bitte um Veränderung, sondern ein Akt der Selbstoffenbarung und der Beziehungsgestaltung.

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Der kommunikative Akt des Bittgebets

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Um die vielschichtige Natur des Bittgebets zu verstehen, können wir einen Blick auf die Kommunikationstheorie werfen. Kommunikationstheoretiker lehren uns, dass unsere Sprechakte eine Reihe von Bedeutungsebenen haben können, und häufig haben sie mehrere zugleich. Zum Beispiel: Eine einfache Bitte wie „Mach bitte die Tür zu“ ist nicht nur ein direkter Appell. Sie kann zugleich eine Information über die Lage sein (die Tür ist offen und es kommt Lärm von draußen herein), ein Selbstausdruck meiner Person und meiner Befindlichkeit (ich bin genervt und will hier in Ruhe arbeiten) und ein Ausdruck meiner Beziehung zum Gebetenen (der andere kennt mich und meine Lärmempfindlichkeit und versteht mich mit meiner leicht gereizten Bitte).

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Übertragen auf das Bittgebet, scheint zunächst die Dimension der Information problematisch. Es wäre ein Missverständnis zu meinen, wir wollten Gott über etwas informieren, das er noch nicht weiß, wenn wir unsere Bitte einleiten mit: „Der Krieg im Jemen will kein Ende nehmen.“ Der natürlich hinkende Vergleich mit dem zwischenmenschlichen Gespräch zeigt, dass auch dort nicht selten die Information eher eine scheinbare ist. Wenn mir eine Freundin von ihrer Zahnarztbehandlung berichtet, dann enthält das zwar auch Informationen. Aber diese sind für mich in der Regel nicht als solche relevant, sondern sie sind das Vehikel, mit dessen Hilfe meine Freundin ausdrückt, wie es ihr geht, was sie erlebt hat und wie sie sich dabei fühlt. Die Dimension des Appells ist diejenige, nach der unsere Eingangsfragen – „Kann er nicht? Will er nicht? Sehe ich es nicht?“ – fragen. Aber wie unsere „Gegenprobe“ gezeigt hat, weist unser Bittgebet auch auf andere, tiefere Dimensionen hin: Unser Bittgebet sagt etwas über uns und über unsere Beziehung zu dem, an den es sich richtet.

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Freilich sollte man vorsichtig sein, den Vergleich mit zwischenmenschlicher Kommunikation zu weit zu treiben. Modelle aus dem zwischenmenschlichen Bereich lassen sich nicht bruchlos auf unser Gottesverhältnis übertragen. Die Frage, wie Gott recht zu bitten sei, wird deshalb regelmäßig mit „Hygienevorschriften“ für das Bittgebet beantwortet. Dazu gehört insbesondere, dem Willen Gottes Vorrang vor der eigenen Bitte zu geben sowie nicht zu versuchen, Gott als Zauberer zu missbrauchen. Diese Regeln sollen sicherstellen, dass das Gebet eine demütige und respektvolle Haltung bewahrt und nicht zu einem Versuch wird, Gott zu kontrollieren oder zu instrumentalisieren.

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„Hygienevorschriften“ und das Problem der „richtigen“ Bitte

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Manchmal werden solche „Hygienevorschriften“ sogar als die eigentliche Antwort auf das Problem unerhörter Gebete verstanden. Denn letztlich sei das Einzige, worum es sich wirklich zu beten lohne, eben nicht dieses oder jenes konkrete Anliegen, sondern nur der Glaube beziehungsweise Gott selbst. Alle anderen Bitten seien letztlich doch unangemessen, kleinliche Versuche, Gott vor den Karren unserer Wünsche zu spannen. Gott um Gott bitten: das sei das einzige Gott angemessene und deshalb erhörungsgewisse Gebet, so die Argumentation.

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Also müsste man nur um das Richtige beten, damit Gott unser Gebet erhört: um ihn selbst? Ich will die immense geistliche Bedeutung dieser Bitte nicht schmälern, denn sie ist zweifellos zentral für ein tiefes Glaubensleben. Aber als pauschale Antwort auf die Frage nach der Erhörung des Bittgebets scheint sie mir problematisch. Denn zugespitzt ähnelt sie Lösungen des Theodizee-Problems, die Gott entlasten, indem sie alle Schuld dem Menschen geben: Wenn Gott mein Gebet nicht erhört, dann kann es nur daran liegen, dass ich um das Falsche gebetet habe, nämlich um „etwas“ statt um ihn selbst. Angesichts von Gebeten um das Ende von Krieg, Folter und Vergewaltigung halte ich eine solche Argumentation für zynisch. Sie verlagert die Last des unerhörten Gebets vollständig auf den Betenden und ignoriert die reale Not, die zu den Gebeten führt. Ganz abgesehen davon, dass meiner Erfahrung nach die Erhörung der Bitte um „Gott selbst“ – um den Glauben, um Gottes Geist, um die Bekehrung des eigenen Herzens – auch nicht immer durchschlagend zu sein scheint und oft ein lebenslanger Prozess ist, der Geduld und Ausdauer erfordert.

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Das biblische Zeugnis zum Gebet

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Gegen eine Disqualifikation aller „äußerlichen“ Bitten scheint auch das biblische Zeugnis zu sprechen. Dort wird nicht nur viel um Konkretes gebetet, sondern Jesus fordert auch ausdrücklich dazu auf (vgl. zum Beispiel Mt 7,7–11: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch aufgetan.“). Müsste man hier nicht noch weiter gehen und sagen: Das biblische Zeugnis entlarvt auch meine vorangehenden Überlegungen als zu zaghaft? Spricht es nicht laut und klar davon, dass wir nicht nur bitten dürfen und Gott uns hört, sondern auch davon, dass er erhört?

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Die Rückfrage muss aber erlaubt sein: Auf welches biblische Zeugnis bezieht man sich hier und wie? Die biblischen Zeugnisse zum Gebet sind ja durchaus vielfältig und komplex. In manchen Psalmen wird bekanntlich recht ungeniert um die Vernichtung der Feinde gebetet. Und im Buch Exodus, Kapitel 17, wird davon berichtet, dass das Volk Israel siegt, solange Mose die Hände erhoben hat. Als er müde wird und die Hände sinken lässt, beginnt sich das Kriegsglück zu wenden. Also stützen seine Begleiter seine Hände – und der Sieg ist Israel sicher. Solche Texte erscheinen auf den ersten Blick wie eine direkte Bestätigung einer mechanischen Gebetserhörung.

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Kaum jemand wird solche Texte heute einfach als Empfehlungen verwenden, worum und wie zu beten sei. Stattdessen wird im Blick auf die Feindpsalmen beispielsweise nicht selten empfohlen, sie sich in eben dem Sinn meiner obigen Überlegungen zu eigen zu machen: als Möglichkeit, alles, auch die finstersten Gedanken, tiefstliegenden Verletzungen und furchtbarsten Ängste noch vor Gott zu tragen. Ein solcher hermeneutisch intelligenter Umgang mit den biblischen Zeugnissen sollte uns auch im Blick auf Texte wie das siebte Kapitel des Matthäus-Evangeliums nicht verlassen. Dann lassen sie sich ihrerseits lesen als Ermutigung zu einer Gottesbeziehung, in der alles zur Sprache kommen darf. Im Zentrum steht bei Matthäus das Geschehen des Willens Gottes und das Kommen seines Reiches (vgl. den Kontext Mt 5–7). Aber auch die konkreten Bitten dürfen ihren Ort haben. Und wenn es heißt: „Oder ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet, oder eine Schlange, wenn er um einen Fisch bittet?“ (Mt 7,10), kann man das als Zusage gegen einen Verdacht hören, der einen angesichts von nicht erhörten Bitten beschleichen mag: ob Gott den Menschen tatsächlich zugewandt ist. Dass hier angesichts unserer Erfahrungen mit der Welt und mit einem Gott, der nicht eingreift, eine Ambivalenz bleibt, wird biblisch auch nicht verschwiegen, wenn man eben nicht nur einzelne Texte herausgreift: Man schaue nur zum Beispiel in die Klagepsalmen oder den markinischen Passionsbericht, die das Leid und die scheinbare Abwesenheit Gottes offen thematisieren.

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Fazit: Ganz Mensch vor Gott sein

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Das Bittgebet, so könnte man sehr schlicht sagen, erlaubt uns, vor Gott ganz Mensch zu sein, mit allem, was zu uns gehört. Freilich unter der Bedingung, dass wir Gott auch Gott sein lassen und aus ihm weder einen Zauberer, der auf Knopfdruck Wünsche erfüllt, noch einen quasi-menschlichen Gesprächspartner machen, den wir manipulieren könnten. Dann kann sich das Bittgebet jeder Phantasie enthalten, was Gott mit ihm „macht“, und sich vielmehr als Ausdrucksmedium verstehen: Indem ich Gott sage, was mich bewegt, sage ich, wer ich bin, wie ich zu ihm stehe und wer er für mich ist. Es ist ein Akt der Selbstoffenbarung und der Beziehungsaffirmation. Noch einmal: Damit soll keineswegs die Notwendigkeit theologischer Reflexion darauf bestritten werden, was Gott mit dem Bittgebet möglicherweise „macht“ oder bewirkt. Aber theologische Reflexion und glaubender Vollzug sind nicht einfach identisch; das Gebet ist primär ein Akt des Glaubens und der Beziehung, nicht eine theologische Abhandlung.

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Auch das Theodizee-Problem, die Frage nach der Vereinbarkeit von Gottes Allmacht und Güte mit dem Leid in der Welt, bleibt intakt. Der Vollzug des Bittgebets kann hier wohl nichts anderes tun als die Grundlinie des Glaubens halten: Er verweigert sich zu einfacher Antworten, warum diese Welt die beste sein soll, die Gott schaffen konnte; aber ebenso einer nur deshalb enttäuschungsfesten, weil bereits enttäuschten Folgerung, dass Gott nicht existiere. Das Bittgebet hält in allem und trotz allem an einer Gottesbeziehung fest, in der wir nicht distanziert-abgeklärt ein allwissendes und allmächtiges höchstes Wesen verehren, sondern unsere ganze Menschlichkeit vor Gott tragen – mit all unseren unvollkommenen Bitten, unserem Schmerz und unserem tiefen Vertrauen, dass er uns hört, auch wenn er anders antwortet, als wir erwarten.

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Häufig gestellte Fragen zum Gebet

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Warum werden Gebete oft nicht erhört?

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Gebete werden oft nicht im direkten, gewünschten Sinne erhört, weil Gott die natürliche Weltordnung nicht dauerhaft stören oder die menschliche Freiheit verletzen möchte. Ein ständiges Eingreifen Gottes würde die Verlässlichkeit der Welt aufheben und die Autonomie des Menschen untergraben. Manchmal erhört Gott auch auf eine andere, tiefere Weise, die zu innerer Reifung, Einsicht oder Stärkung führt, statt die äußere Situation sofort zu ändern. Dies kann ein Prozess sein, der über das hinausgeht, was wir unmittelbar erwarten.

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Sollte ich nur um „spirituelle“ Dinge beten?

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Nein, das biblische Zeugnis und die Natur des Bittgebets ermutigen dazu, alles vor Gott zu bringen – auch konkrete, „äußerliche“ Anliegen wie Gesundheit, Frieden oder materielle Bedürfnisse. Obwohl es wichtig ist, Gottes Willen Vorrang zu geben und ihn nicht zu instrumentalisieren, ist das Gebet auch ein Ausdruck unserer ganzen Menschlichkeit und unserer Beziehung zu Gott. Es ist legitim und heilsam, unsere gesamten Sorgen und Wünsche vor Gott auszubreiten.

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Was ist der Sinn des Bittgebets, wenn Gott sowieso alles weiß?

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Der Sinn des Bittgebets liegt nicht darin, Gott zu informieren, da er allwissend ist. Es ist vielmehr ein kommunikativer Akt des Selbstausdrucks und der Beziehungsgestaltung. Wir bringen unsere Sorgen, Ängste und Wünsche vor Gott, um unsere Menschlichkeit vor ihm auszubreiten, unsere Abhängigkeit auszudrücken und unser tiefes Vertrauen in ihn zu zeigen. Dadurch wird unser Gottesverhältnis lebendig gehalten und vertieft, unabhängig von der konkreten Erhörung.

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Wie interpretiert die Bibel unerhörte Gebete?

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Die Bibel zeigt eine Vielfalt von Gebetserfahrungen, einschließlich Klagepsalmen und Momenten des scheinbaren Schweigens Gottes, die die menschliche Not und Verzweiflung offenbaren. Während sie zur Bitte ermutigt und Verheißungen enthält, betont sie auch, dass Gott souverän ist und nicht immer nach unseren Vorstellungen handelt. Die Texte werden oft als Ermutigung verstanden, eine Gottesbeziehung zu pflegen, in der alles zur Sprache kommen darf, anstatt nur eine direkte Erhörungsgarantie im menschlichen Sinne zu geben.

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Ist es in Ordnung, Gott meine Sorgen zu bringen, auch wenn ich keine Lösung erwarte?

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Ja, absolut. Es ist nicht nur in Ordnung, sondern essenziell für ein authentisches Glaubensleben. Das Gebet ist ein Weg, Sorgen, Ängste und Leid vor Gott zu tragen, selbst wenn man keine sofortige oder „magische“ Lösung erwartet. Es dient dazu, die eigene Verfassung auszudrücken und die Beziehung zu Gott zu vertiefen, indem man sich ihm mit allem, was man ist, zuwendet. Es ist ein Akt der Hingabe und des tiefen Vertrauens, der dem Betenden inneren Frieden und eine Stärkung seines Glaubens bringen kann, auch wenn die äußeren Umstände unverändert bleiben.

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