Die zeitlose Bedeutung des Alten Testaments

19/04/2024

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In einer Zeit, in der die Relevanz des Alten Testaments für den christlichen Glauben oft hinterfragt oder missverstanden wird, bietet sich eine faszinierende Perspektive an: Das Alte Testament nicht als bloßes historisches Dokument zu sehen, sondern als lebendige Wurzel unseres Glaubens, die tief im Apostolischen Glaubensbekenntnis verankert ist. Viele Christen, und sogar Theologen, ringen mit der Frage nach der Bedeutung dieser ersten Hälfte der Bibel für ihr heutiges Leben und ihre Überzeugungen. Doch wie ein Baum ohne seine Wurzeln nicht gedeihen kann, so verliert auch unser Glaube an Tiefe und Verständnis, wenn wir die alttestamentlichen Grundlagen ignorieren. Benjamin Kilchör, Professor für Altes Testament, beleuchtet in seinem Werk „Das Alte Testament vom Glaubensbekenntnis her verstehen“ genau diese essenzielle Verbindung. Er zeigt auf, dass das Apostolische Glaubensbekenntnis, obwohl in seiner heutigen Form erst im 5. Jahrhundert entstanden, ein Konzentrat biblischer Wahrheit ist, das uns direkt ins Herz des Alten Testaments führt und dessen zeitlose Relevanz offenbart.

Die tiefen Wurzeln des Glaubensbekenntnisses im Alten Testament

Das Apostolische Glaubensbekenntnis ist nicht nur eine Sammlung von Dogmen, sondern ein lebendiges Zeugnis, das die Botschaft der Apostel in einem trinitarischen Bekenntnis verdichtet. Seit dem 16. Jahrhundert von den Reformatoren als grundlegend anerkannt, stellt es für viele moderne Theologen eine Herausforderung dar, da seine „alten Formeln“ neu interpretiert werden müssen, um für die Menschen von heute verständlich zu sein. Doch Benjamin Kilchör schlägt einen anderen Weg vor. Er argumentiert, dass das alte Bekenntnis „ganz zeitlos formuliert ist“ und uns direkt in das biblische Wort hineinführt – insbesondere in das Alte Testament. Es dient nicht nur als Verstehenshilfe für das Neue Testament, sondern zeigt auf, dass beide Teile der Heiligen Schrift eine untrennbare Einheit der Schrift bilden. Die Unsicherheit vieler Gemeinden und Pfarrschaften bezüglich der Bedeutung des Alten Testaments für den Glauben und das Leben als Christ wird hier direkt adressiert. Kilchör macht deutlich, dass die grundlegenden Aussagen des Apostolikums bereits tief im Alten Testament verwurzelt sind. Sein Buch ist so aufgebaut, dass es jedem einzelnen Artikel des Apostolikums folgt und hauptsächlich auf der Grundlage des Alten Testaments herausarbeitet, „wer der Gott ist, an den wir Christen glauben, und in welchem Verhältnis wir zu ihm stehen“. Das Glaubensbekenntnis ist demnach nicht einfach eine Sammlung von Aussagen über Gott, „sondern es setzt diejenigen, die es sprechen, in ein persönliches Verhältnis zu Gott“.

Gott als Schöpfer und die Gottebenbildlichkeit des Menschen

Ein herausragendes Beispiel für Kilchörs Vorgehensweise findet sich im ersten Kapitel seines Buches, das Gott als Schöpfer vorstellt. Hier widmet er sich der Gottebenbildlichkeit (imago dei) auf der Grundlage von 1. Mose 1,26–28. Die lateinisch als imago dei bezeichnete Gottebenbildlichkeit zielt darauf ab, dass der Mensch als Statthalter Gottes die himmlische Herrschaft auf Erden repräsentiert und das Geschenk des Lebens, das er von Gott empfangen hat, weitergibt. Auffällig ist die Formulierung „Wir/Uns“ in diesem Schöpfungsbericht. Während traditionell oft eine Deutung auf die Dreieinigkeit vorgenommen wurde, argumentiert Kilchör, dass dieser Plural nicht als direkter Hinweis auf die Trinität zu verstehen ist. Vielmehr verweist er auf die Vorstellung eines „Thronrates“ oder „Hofstaates“ Gottes, der ihn umgibt. Dies wird durch Stellen wie 1. Könige 22 gestützt, wo der Prophet Micha den Thron Gottes umgeben vom ganzen himmlischen Heer sieht, mit dem Gott sich berät. Der Mensch ist demnach nicht nur zum Bilde Gottes geschaffen, sondern auch zum Bilde dieser himmlischen Wesen, die ihrerseits Ebenbilder sind.

Diese Deutung wird durch Psalm 8,4–10 weiter untermauert. In vielen deutschen Bibelübersetzungen heißt es, Gott habe den Menschen „wenig niedriger gemacht als Gott“. Doch die Septuaginta, die griechische Übersetzung des hebräischen Alten Testaments aus vorchristlicher Zeit, übersetzt hier „Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Engel“. Dies deutet „Elohim“ nicht auf Gott selbst, sondern auf die himmlischen Wesen des göttlichen Thronrates. Der Hebräerbrief im Neuen Testament (Hebr 2,1–5) schließt sich dieser Deutung an, indem er Psalm 8 auf Jesus Christus bezieht, der in seiner Menschwerdung „eine kleine Zeit niedriger gewesen ist als die Engel“.

Die Ausführungen zur Gottebenbildlichkeit führen Kilchör schließlich zu 1. Mose 5,1–3, wo Adams Sohn Set nach seinem Bild gezeugt wird. Hier wird deutlich: Wie Adam und Eva „Gott gleich und nach seinem Bilde“ geschaffen sind, so ist Set „Adam gleich und nach seinem Bilde“ gezeugt. Ebenbildlichkeit bedeutet letztlich Kindschaft. Die volle Verwirklichung der Ebenbildlichkeit in 1. Mose 1–2 geschieht erst, wenn Gott dem Menschen seinen Atem einhaucht. Dies findet seine höchste Erfüllung in Jesus, der vom Heiligen Geist gezeugt wurde und somit der „Sohn Gottes“ ist – der Erstling all derer, die den Heiligen Geist empfangen (vgl. Röm 8,14–17). Der Satz des Apostolischen Glaubensbekenntnisses, „Ich glaube an Gott, den Vater“, führt uns folglich „zur Erschaffung des Menschen im Ebenbild Gottes zurück und sogar zur Erschaffung der himmlischen Welt, die in 1. Mose 1 nur angedeutet ist. Letztlich führt das Bekenntnis zu Gott dem Vater auch zu Jesus Christus als dem Sohn Gottes von Ewigkeit her“.

Um die tiefe Verflechtung alttestamentlicher Konzepte mit den Aussagen des Apostolischen Glaubensbekenntnisses zu verdeutlichen, dient folgende Tabelle als Übersicht der behandelten Themen:

SchlüsselkonzeptAlttestamentliche GrundlageVerbindung zum Glaubensbekenntnis
Schöpfung & Gottes Allmacht1. Mose 1-2 (Bericht über die Erschaffung von Himmel und Erde)"Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, Schöpfer Himmels und der Erde." Das Alte Testament legt hier das Fundament für Gottes souveräne Rolle.
Gottebenbildlichkeit (Imago Dei)1. Mose 1:26-28 (Mensch als Gottes Statthalter); Psalm 8 (Mensch wenig niedriger als Engel)Die Würde des Menschen als Abbild Gottes und seine Berufung zur Verantwortung. Bereitet das Verständnis für Jesus als das vollkommene Bild Gottes vor.
Gottes "Hofstaat" / himmlische Wesen1. Könige 22 (Micha sieht Gottes Thronrat); Implikation in 1. Mose 1:26 ("Wir/Uns")Zeigt Gott nicht als isoliert, sondern als umgeben von einem himmlischen "Kabinett", was seine Majestät unterstreicht.
Konzept der Kindschaft / Sohnschaft1. Mose 5:1-3 (Set als Adams Abbild); Röm 8:14-17 (Geist der Sohnschaft)Die alttestamentliche Idee der Ebenbildlichkeit als Kindschaft bereitet das Verständnis für Jesus als den ewigen Sohn Gottes und die Kindschaft der Gläubigen vor.

Die Einheit der Schrift: Altes und Neues Testament Hand in Hand

Kilchörs akribische Einzelbeobachtungen am alttestamentlichen Text und seine ständigen Bezüge zum Neuen Testament machen deutlich, wie tief die beiden Testamente miteinander verwoben sind. Es wird sichtbar, wie umfangreich und tiefgründig das Alte Testament die großen Themen des Neuen Testaments vorbereitet, insbesondere das Kommen des eingeborenen Sohnes. Seine Ausführungen zur Erniedrigung und Erhöhung Jesu Christi sind besonders hilfreich, um das Evangelium in seiner ganzen Fülle zu erfassen. Ein weiterer Pluspunkt des Buches ist die besonnene Art, mit der Kilchör schwierige theologische Themen wie Christi Abstieg in die Unterwelt behandelt (S. 110–117). Statt dogmatische Festlegungen zu treffen, werden verschiedene Auslegungsmöglichkeiten mit angemessener Zurückhaltung vorgestellt. Dies fördert ein offenes und gleichzeitig fundiertes Studium der Schrift.

Praktische Implikationen und vertiefte Erkenntnisse

Das gesamte Buch ist reich an bemerkenswerten Textbeobachtungen und praktischen Implikationen für den Glauben. Die konsequente Fokussierung auf biblische Texte, die verständlich ausgelegt und in Beziehung zu verwandten Texten gesetzt werden, überzeugt auf ganzer Linie. Auf diese Weise wird klar, dass das alte Apostolische Glaubensbekenntnis biblisch fest verankert ist und in seiner ursprünglichen Form auch in unsere spätmoderne Zeit hineinspricht. Für den Leser ist es äußerst angenehm, dass die relevanten Bibeltexte direkt im Buch aufgeführt werden (meist in der Übersetzung Luther 1984), was das Nachschlagen erspart und ein entspanntes Studium ermöglicht. Die im Anhang befindliche Tabelle mit alttestamentlichen Bibeltexten zum Glaubensbekenntnis sowie das Bibelstellenverzeichnis erweisen sich als nützliche Hilfen. Auch ein Blick in die Endnoten lohnt sich, da sie nicht nur Quellenangaben, sondern auch wertvolle Anmerkungen und weiterführende Literaturhinweise enthalten.

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur Bedeutung des Alten Testaments

Warum ist das Alte Testament für Christen heute noch wichtig?

Das Alte Testament ist die Grundlage und die Wurzel des christlichen Glaubens. Es offenbart Gottes Charakter, seine Heilsgeschichte mit der Menschheit und legt die prophetischen und theologischen Fundamente, auf denen das Neue Testament aufbaut. Ohne das Alte Testament wäre das Neue Testament unverständlich.

Was glauben evangelische Christen an die Bibel?
Ja, evangelische Christen glauben an die Bibel als das von Gott inspirierte und unfehlbare Wort Gottes. Sie glauben, dass die Bibel allein als Grundlage für ihren Glauben und ihr Leben dient und ihnen das notwendige Wissen und die Anweisungen gibt, um Gottes Willen zu erfüllen.

Wie hilft das Apostolische Glaubensbekenntnis, das Alte Testament zu verstehen?

Das Apostolische Glaubensbekenntnis fasst die Kernbotschaften des christlichen Glaubens zusammen. Kilchörs Ansatz zeigt, dass jede Aussage dieses Bekenntnisses ihre tiefen Wurzeln und Erklärungen bereits im Alten Testament findet. Es dient als Leitfaden, um die alttestamentlichen Texte neu zu erschließen und ihre Relevanz für unseren Glauben zu erkennen.

Ist das Alte Testament nur eine Vorbereitung auf das Neue Testament?

Obwohl das Alte Testament das Kommen Jesu Christi und das Neue Testament vorbereitet, ist es weit mehr als nur eine Vorstufe. Es ist ein integraler und eigenständiger Teil der Heiligen Schrift, der Gottes Bund mit seinem Volk, seine Gebote, Weisheit und Geschichte umfassend darlegt. Beide Testamente bilden eine untrennbare Einheit.

Welche Rolle spielt die "Gottebenbildlichkeit" im Alten Testament?

Die Gottebenbildlichkeit (imago dei) im Alten Testament (1. Mose 1:26-28) beschreibt den Menschen als Gottes Statthalter auf Erden, der Gottes Herrschaft repräsentiert und das Leben weitergibt. Sie ist ein zentrales Konzept für die Würde des Menschen und seine Beziehung zu Gott, das im Neuen Testament in Jesus Christus seine höchste Erfüllung findet.

Was ist das Apostolische Glaubensbekenntnis?
Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen. In der Evangelischen Kirche bekennt man sich zu wichtigen Glaubensinhalten, die in Bekenntnissen zusammengefasst sind. Das Apostolische Glaubensbekenntnis geht auf die Aussagen der Apostel über Jesus zurück.

Kann das Alte Testament mein persönliches Glaubensleben bereichern?

Absolut! Das Studium des Alten Testaments vertieft das Verständnis von Gottes Wesen, seiner Treue und seiner Heilsabsichten. Es bietet reiche Weisheit für das tägliche Leben, Einblicke in menschliche Natur und Gottes Gnade, und stärkt das Vertrauen in Gottes Plan für die Welt und jeden Einzelnen. Es hilft, die großen biblischen Erzählungen und Themen in einen größeren Kontext zu stellen und die Einheit des göttlichen Handelns über die gesamte Heilsgeschichte hinweg zu erkennen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Benjamin Kilchörs Buch „Das Alte Testament vom Glaubensbekenntnis her verstehen“ eine dringend benötigte Perspektive auf die Bedeutung des Alten Testaments bietet. Es ist ein Gewinn für jeden Christen, der seine Liebe zur Bibel vertiefen und die untrennbare Verbindung zwischen den alttestamentlichen Wurzeln und den neutestamentlichen Früchten des Glaubens erkennen möchte. Die akribische Textarbeit, die klare Sprache und die Fähigkeit, komplexe theologische Zusammenhänge verständlich zu machen, machen dieses Werk zu einer uneingeschränkten Empfehlung. Möge es dazu beitragen, die Wertschätzung für das Alte Testament in den Herzen vieler Gläubiger neu zu entfachen und zu festigen.

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