31/05/2025
Lieber Dapsoli, deine Reise der Selbstfindung im Glauben ist zutiefst persönlich und verdient größten Respekt. Es ist bewundernswert, wie du dich mit deiner spirituellen Identität auseinandersetzt und nach dem Weg suchst, der sich für dich am authentischsten anfühlt. Die Entscheidung, sich einer bestimmten Rechtsschule innerhalb des Islam anzuschließen oder sich stärker mit ihr zu identifizieren, ist ein Zeichen von Reife und echtem Interesse am Glauben. Im Herzen des Islam steht das Gebet, die Salat, als direkte Verbindung zu Allah. Obwohl Sunniten und Schiiten die gleichen fundamentalen Säulen des Islam teilen, gibt es in der praktischen Ausführung des Gebets einige Unterschiede, die wir im Folgenden detailliert beleuchten werden.

Die Grundlagen des Gebets im Islam
Das Gebet, auch Salat oder Namaz genannt, ist eine der wichtigsten Säulen des Islam und eine obligatorische Pflicht für jeden erwachsenen Muslim. Es dient als regelmäßige Erinnerung an Allah, als Ausdruck der Dankbarkeit und Demut und als Mittel zur Reinigung der Seele. Sowohl Sunniten als auch Schiiten sind sich über die zentrale Bedeutung des Gebets einig und verrichten es fünfmal täglich.
Die Anzahl der Gebete: Eine Gemeinsamkeit mit Nuancen
Die grundlegende Verpflichtung zu fünf täglichen Gebeten ist für Sunniten und Schiiten gleichermaßen bindend. Diese Gebete sind:
- Fajr (Morgendämmerungsgebet)
- Dhuhr (Mittagsgebet)
- Asr (Nachmittagsgebet)
- Maghrib (Sonnenuntergangsgebet)
- Isha (Nachtgebet)
Der Hauptunterschied liegt nicht in der Anzahl der Gebete selbst, sondern in der Art und Weise, wie sie zeitlich angeordnet und verrichtet werden. Sunniten verrichten die fünf Gebete in der Regel zu fünf separaten Zeiten über den Tag verteilt. Schiiten hingegen haben die Möglichkeit, das Dhuhr-Gebet mit dem Asr-Gebet sowie das Maghrib-Gebet mit dem Isha-Gebet zu kombinieren. Dies bedeutet, dass ein Schiit die fünf Gebete an drei bestimmten Tageszeiten verrichten kann, nämlich am Morgen (Fajr), am Mittag/Nachmittag (Dhuhr und Asr kombiniert) und am Abend/Nacht (Maghrib und Isha kombiniert). Diese Praxis der Kombination wird durch Überlieferungen gestützt, die besagen, dass der Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm) dies ebenfalls tat, um seinen Anhängern Erleichterung zu verschaffen. Es ist wichtig zu verstehen, dass dies eine Erleichterung ist, keine Reduzierung der Gebetspflicht.
Wesentliche Unterschiede im Gebetsablauf zwischen Sunniten und Schiiten
Neben der zeitlichen Anordnung gibt es einige weitere rituelle Unterschiede, die den Übergang vom sunnitischen zum schiitischen Gebet bedeutsam machen. Hier sind die wichtigsten Punkte:
1. Die rituelle Waschung (Wudu)
Die rituelle Waschung vor dem Gebet ist für beide Rechtsschulen obligatorisch, jedoch gibt es einen kleinen, aber feinen Unterschied bei der Reinigung der Füße:
- Sunniten: Waschen die Füße bis zu den Knöcheln.
- Schiiten: Wischen (Masah) mit der nassen Handfläche über die Oberseite der Füße bis zu den Knöcheln. Dies basiert auf unterschiedlichen Interpretationen des entsprechenden Koranverses.
2. Der Gebetsruf (Adhan und Iqamah)
Der Adhan (Ruf zum Gebet) und die Iqamah (unmittelbarer Ruf zum Beginn des Gebets) haben im schiitischen Islam eine zusätzliche Phrase:
- Sunniten: Die Shahada (Glaubensbekenntnis) lautet: „Aschhadu an la ilaha illallah, wa aschhadu anna Muhammadan abduhu wa rasuluh.“ (Ich bezeuge, dass es keine Gottheit außer Allah gibt, und ich bezeuge, dass Muhammad Sein Diener und Gesandter ist.)
- Schiiten: Fügen nach der zweiten Shahada eine weitere Aussage hinzu: „Aschhadu anna Aliyan waliyullah.“ (Ich bezeuge, dass Ali der Stellvertreter/Freund Allahs ist.) Diese Phrase ist nicht Teil der ursprünglichen Shahada, sondern eine Bekräftigung der schiitischen Lehre der Imamatschaft. Manchmal wird auch „Hayya 'ala khayril 'amal“ (Eilt zum besten der Taten) hinzugefügt, was im sunnitischen Adhan nicht enthalten ist.
3. Die Gebetshaltung (Qiyam) und die Turbah
Während des Stehens im Gebet (Qiyam) gibt es einen bemerkenswerten Unterschied in der Armhaltung:
- Sunniten: Falten in der Regel ihre Hände über der Brust oder dem Bauchnabel (Qabdh).
- Schiiten: Lassen ihre Hände in der Regel an den Seiten herabhängen (Irsaal). Einige schiitische Gelehrte erlauben auch das Falten der Hände, aber die bevorzugte Methode ist das Herabhängenlassen, basierend auf Überlieferungen der Ahl al-Bayt (Prophetenfamilie).
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Prostration (Sujud):
- Schiiten: Prosternieren sich traditionell auf eine Turbah, ein kleines Stück getrockneter Erde oder Ton, oft aus Karbala. Der Grund dafür ist die Überzeugung, dass die Stirn während der Prostration direkt auf die Erde oder auf etwas Natürliches, das aus der Erde wächst und nicht essbar oder tragbar ist (wie Holz oder Stein), gelegt werden sollte, gemäß der Praxis des Propheten Muhammad. Dies symbolisiert Demut und die Verbindung zur Schöpfung Allahs.
- Sunniten: Prosternieren sich auf jeden sauberen Untergrund, oft auf einem Gebetsteppich.
4. Rezitationen und Bittgebete (Qunut)
Die Rezitationen von Suren aus dem Koran (insbesondere Al-Fatiha und eine weitere Sure) sind für beide Rechtsschulen identisch. Jedoch gibt es Unterschiede bei den zusätzlichen Bittgebeten:
- Schiiten: Verrichten den Qunut (ein Bittgebet) in der Regel in der zweiten Rak'ah (Gebetseinheit) *vor* dem Ruku (Verbeugung) in fast allen obligatorischen Gebeten.
- Sunniten: Verrichten den Qunut in der Regel nur in bestimmten Gebeten (z.B. im Witr-Gebet oder manchmal im Fajr-Gebet) und dort oft *nach* dem Ruku.
Nach dem Gebet verrichten Schiiten oft das "Tasbih al-Zahra", ein Dhikr (Gedenken an Allah), das aus 34-mal "Allahu Akbar" (Allah ist größer), 33-mal "Alhamdulillah" (Alles Lob gebührt Allah) und 33-mal "Subhanallah" (Gepriesen sei Allah) besteht. Dies ist eine Tradition, die auf Fatima al-Zahra, die Tochter des Propheten, zurückgeht.
Um die Unterschiede noch einmal zu verdeutlichen, hier eine Vergleichstabelle:
| Merkmal | Sunnitische Praxis | Schiitische Praxis |
|---|---|---|
| Anzahl der Gebete | 5 separate Gebetszeiten | 5 Gebete, oft kombiniert zu 3 Gebetszeiten |
| Wudu (Füße) | Füße werden gewaschen | Über die Füße wird gewischt (Masah) |
| Adhan/Iqamah | Standard-Shahada | Zusätzliche Phrase: "Aschhadu anna Aliyan waliyullah" |
| Hände im Qiyam | Über der Brust/dem Bauchnabel gefaltet | An den Seiten herabhängend (bevorzugt) |
| Prostration (Sujud) | Auf jedem sauberen Untergrund | Auf einer Turbah (Erde/Ton) oder natürlichem Material |
| Qunut | Oft nach Ruku, in spezifischen Gebeten | Vor Ruku in der 2. Rak'ah, in fast allen Gebeten |
| Nach dem Gebet | Allgemeines Dhikr | Oft Tasbih al-Zahra (34-33-33) |
Der Übergang zum schiitischen Gebet: Praktische Schritte
Da du bereits mit dem Gebet vertraut bist, ist der Übergang zum schiitischen Gebet eher eine Anpassung und Vertiefung als ein kompletter Neuanfang. Hier sind praktische Schritte, die du beachten kannst:
1. Informiere dich gründlich
Beginne damit, Bücher über das schiitische Gebet zu lesen oder Videos anzusehen, die die Abläufe demonstrieren. Achte auf die korrekte Aussprache der arabischen Rezitationen, die Reihenfolge der Bewegungen und die spezifischen Bittgebete wie den Qunut und das Tasbih al-Zahra. Es gibt viele Ressourcen, die dir dabei helfen können, die genauen Schritte zu lernen.
2. Übe die Wudu-Methode
Die Änderung beim Wischen der Füße ist eine der ersten praktischen Anpassungen. Übe das Wischen über die Füße, um sicherzustellen, dass du es korrekt ausführst.
3. Beschaffe eine Turbah
Eine Turbah ist leicht erhältlich in islamischen Geschäften oder online. Die Verwendung einer Turbah ist eine empfohlene, wenn auch nicht absolut zwingende, Praxis für Schiiten und hilft, die Authentizität des Gebets zu gewährleisten. Wenn keine Turbah verfügbar ist, kann man auch auf sauberem Stein, Erde oder einem anderen natürlichen Material prostrinieren.
4. Lerne die spezifischen Rezitationen und Bittgebete
Die zusätzlichen Phrasen im Adhan/Iqamah und die Texte für den Qunut sowie das Tasbih al-Zahra sind wichtig. Nimm dir Zeit, diese auswendig zu lernen und ihre Bedeutung zu verstehen. Die Absicht (Niyyah) ist entscheidend; es geht darum, mit aufrichtigem Herzen zu beten.
5. Passe die Gebetszeiten an
Wenn du dich für die kombinierte Gebetszeit entscheidest, achte darauf, Dhuhr und Asr sowie Maghrib und Isha in der korrekten Abfolge und ohne unnötige Pausen hintereinander zu verrichten. Dies erfordert möglicherweise eine Anpassung deines Tagesablaufs.
6. Suche dir eine schiitische Gemeinschaft
Der beste Weg, um sicher im schiitischen Gebet und Glauben Fuß zu fassen, ist der Kontakt zu einer schiitischen Gemeinde oder zu gebildeten schiitischen Gelehrten. Sie können dir praktische Anleitung geben, Fragen beantworten und dich auf deinem spirituellen Weg unterstützen. Viele schiitische Zentren bieten auch Kurse oder Gebetsanleitungen an.
Häufig gestellte Fragen
Muss ich meine Shahada neu sprechen, um Schiit zu werden?
Nein, die grundlegende Shahada, das Bekenntnis zum einen Gott und zu Muhammad als Seinem Gesandten, ist die Essenz des Islam und bleibt für Sunniten und Schiiten dieselbe. Die schiitische Ergänzung „Aschhadu anna Aliyan waliyullah“ ist eine Bekräftigung deiner Überzeugung bezüglich der Führung durch Imam Ali und die Imame der Ahl al-Bayt, aber keine neue Glaubensbekenntnis, die dich zu einem „neuen“ Muslim macht. Du wechselst die Rechtsschule (Madhhab), nicht die Religion.
Ist es erlaubt, als Schiit in einer sunnitischen Moschee zu beten?
Ja, es ist absolut erlaubt und sogar wünschenswert, die Einheit der Muslime zu wahren. Wenn du in einer sunnitischen Moschee betest, kannst du dich der Gemeinde anschließen und die Gebete mit ihnen verrichten. In diesem Fall würdest du dich den Gebetspraktiken der Gemeinde anpassen, zum Beispiel die Hände falten und auf den Teppich prostrinieren. Dein Gebet ist dennoch gültig, da die grundlegenden Säulen des Gebets erfüllt sind und die Niyyah (Absicht) zählt. Viele Schiiten passen sich an, um Zwietracht zu vermeiden und die Einheit zu fördern.
Was, wenn ich Fehler mache?
Allah ist der Barmherzigste. Niemand ist perfekt, und jeder macht Fehler, besonders wenn er etwas Neues lernt. Das Wichtigste ist deine Aufrichtigkeit und deine Bemühung. Wenn du einen Fehler machst, korrigiere ihn, wenn du ihn bemerkst, und vertraue darauf, dass Allah deine Bemühungen akzeptiert.
Gibt es weitere große Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten außer dem Gebet?
Ja, es gibt theologische und juristische Unterschiede, die jedoch über das Gebet hinausgehen. Die zentralsten Unterschiede liegen in der Frage der Nachfolge des Propheten (Imamat vs. Kalifat), der Autorität der Rechtsgelehrten, der Überlieferung (Hadith) und einigen juristischen Details in Bereichen wie Ehe, Erbschaft und Pilgerfahrt. Für den Anfang ist es jedoch am wichtigsten, sich auf die praktischen Aspekte des Gebets zu konzentrieren, da dies die häufigste und direkteste Form der Anbetung ist.
Dein Weg, Dapsoli, ist ein Zeugnis deines tiefen Glaubens und deines Wunsches, Allah auf die Weise anzubeten, die sich für dich am wahrhaftigsten anfühlt. Der Islam ist eine Religion der persönlichen Beziehung zu Gott, und die Suche nach Wissen und Verständnis ist ein edles Unterfangen. Möge Allah dich auf diesem Weg leiten und deine Gebete annehmen. Bleibe standhaft in deiner Suche nach Wissen und in deiner Hingabe.
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