30/04/2023
Die Begriffe „profan“ und „sakral“ sind tief in unserem Verständnis von Raum, Zeit und dem Göttlichen verwurzelt. Sie markieren eine fundamentale Unterscheidung, die nicht nur in religiösen Kontexten, sondern auch in unserem Alltag unbewusst eine Rolle spielt. Während das Sakrale das Heilige, das Göttliche, das Abgesonderte beschreibt, steht das Profane für das Alltägliche, Weltliche, das „Vor dem Heiligtum“ Liegende. Doch was bedeutet diese Unterscheidung im Kontext von Kirchengebäuden, und wie kann ein Ort, der über Jahrhunderte Gebet und Gottesdienst beherbergte, seine sakrale Bedeutung verlieren? Pfarrer Stefan Rau, Vorsitzender der Liturgiekommission im Bistum Münster, beleuchtet diese komplexe Frage und erklärt, warum eine Kirche nicht von Natur aus heilig ist und warum der Akt der Profanierung nüchtern und zugleich zutiefst emotional sein kann.

Die Profanierung ist ein Begriff, der oft mit Wehmut und Verlust verbunden ist. Im Kern bedeutet Profanierung die formale Aufhebung der Weihe oder Bestimmung eines Ortes oder Gegenstandes für sakrale Zwecke. Es ist ein Prozess, der eine Kirche aus ihrer exklusiven Nutzung für Gottesdienste herauslöst und sie dem weltlichen Gebrauch zuführt. Um dieses Konzept vollständig zu verstehen, müssen wir jedoch tiefer in die theologische und historische Bedeutung von Sakralität eintauchen und die Gegenüberstellung von Profan und Sakral beleuchten.
- Die Unterscheidung zwischen Profan und Sakral: Eine theologische Perspektive
- Der Akt der Profanierung: Ein schwieriger, aber notwendiger Schritt
- Die emotionale Bedeutung von Kirchengebäuden
- Abschied nehmen: Rituale und Empathie im Profanierungsprozess
- Häufig gestellte Fragen zur Profanierung von Kirchen
Die Unterscheidung zwischen Profan und Sakral: Eine theologische Perspektive
Die Begriffe „profan“ und „sakral“ sind untrennbar miteinander verbunden. „Profan“ leitet sich vom lateinischen „pro fanum“ ab, was wörtlich „vor dem Heiligtum“ bedeutet. Es beschreibt den Bereich, der außerhalb des geweihten oder heiligen Ortes liegt, den Bereich des Gewöhnlichen und Alltäglichen. Das Sakrale hingegen ist der dem Göttlichen gewidmete Bereich, der durch Riten, Weihen oder die Gegenwart des Heiligen ausgezeichnet ist. Diese Unterscheidung ist in vielen Religionen tief verwurzelt und findet sich bereits in den ältesten biblischen Texten.
Biblische Beispiele für Sakralität
- Der brennende Dornenbusch (Exodus 3, 1-6): Als Mose sich Gott in Form eines brennenden Dornenbusches nähert, fordert Gott ihn auf: „Zieh deine Schuhe aus; denn der Ort, auf dem du stehst, ist heiliger Boden.“ Hier wird die Heiligkeit nicht durch ein Gebäude, sondern durch die unmittelbare Gegenwart Gottes verliehen. Es ist eine temporäre und ereignisbezogene Heiligkeit, die den Ort für die Dauer der göttlichen Manifestation auszeichnet.
- Jakobs Traum von der Himmelsleiter (Genesis 28, 10-22): Nach seinem Traum, in dem er eine Leiter sieht, die Himmel und Erde verbindet, errichtet Jakob ein Steinmal und salbt es mit Öl. Er spricht: „Dieser Ort ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels.“ Hier wird ein gewöhnlicher Ort durch eine göttliche Erfahrung und eine rituelle Handlung zu einem heiligen Ort erklärt, einem Treffpunkt zwischen dem Irdischen und dem Himmlischen.
- Die Tempelreinigung durch Jesus (Matthäus 21, 12-17): Jesus vertreibt die Händler aus dem Tempel und zitiert: „Es steht geschrieben: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes genannt werden, ihr aber macht daraus eine Räuberhöhle.“ Dies verdeutlicht, dass die Heiligkeit eines Ortes auch von seinem Zweck und der Art seiner Nutzung abhängt. Eine Entweihung durch unheiliges Handeln kann die sakrale Bestimmung verletzen.
Diese Beispiele zeigen, dass Orte durch göttliche Offenbarung, rituelle Handlungen oder ihre Bestimmung für den Gottesdienst sakral werden können. Die Heiligkeit ist jedoch nicht immer intrinsisch, sondern oft zugeschrieben oder an eine Funktion gebunden.
Die prophetische und religionskritische Perspektive
Parallel zu dieser Betonung sakraler Orte gibt es in der Bibel auch eine starke religionskritische Strömung, die betont, dass Gott nicht auf von Menschen gemachte Strukturen beschränkt ist:
- Jesaja 66, 1: „Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel für meine Füße. Was wäre das für ein Haus, das ihr mir bauen könntet?“ Dieser Vers hinterfragt die Vorstellung, dass Gott in einem physischen Gebäude eingeschlossen oder begrenzt werden könnte. Er betont die Transzendenz und Allgegenwart Gottes, die über jede menschliche Konstruktion hinausgeht.
- Das Neue Testament: Die Kirche als „geistiges Haus“: Im Neuen Testament wird die Idee der Gemeinde als dem wahren Tempel Gottes stark hervorgehoben. „Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen“ (1. Petrus 2,5). Und in der Apostelgeschichte 17,24 heißt es: „Gott wohnt nicht in Tempeln, die von Händen gemacht sind.“ Die christliche Gemeinde selbst ist der „Tempel des Heiligen Geistes“ (1. Korinther 3,16), ein heiliger Bau, dessen Schlussstein Christus ist (Epheser 2,11-22).
Diese neutestamentlichen Aussagen sind für das Verständnis der Profanierung von Kirchengebäuden von entscheidender Bedeutung. Sie legen nahe, dass die wahre Kirche nicht aus Stein, sondern aus den gläubigen Menschen besteht. Theologisch gesehen brauchen wir zum Gebet und Gottesdienst kein physisches Kirchengebäude – man kann überall beten, und der Papst könnte prinzipiell in jedem Fußballstadion die Eucharistie feiern. Die Heiligkeit liegt in der Gemeinschaft und im Geist, nicht primär im Bauwerk.
Vergleich: Profan vs. Sakral
| Merkmal | Profan | Sakral |
|---|---|---|
| Definition | Alltäglich, weltlich, gewöhnlich, nicht heilig. | Heilig, geweiht, göttlich, vom Gewöhnlichen abgesondert. |
| Zweck | Für weltliche, allgemeine Nutzung bestimmt. | Für religiöse, kultische, spirituelle Zwecke bestimmt. |
| Beispiele (Ort) | Marktplatz, Wohnhaus, Bürogebäude, Stadion. | Kirche, Tempel, Altar, Pilgerstätte, Gebetsraum. |
| Beispiele (Gegenstand) | Alltagsgeschirr, Werkzeuge, Kleidung. | Kelch, Hostie, Reliquie, Ikon, Taufbecken. |
| Erwerb der Eigenschaft | Von Natur aus oder durch allgemeine Bestimmung. | Durch Weihe, Segnung, göttliche Gegenwart oder besondere Bestimmung. |
| Veränderbarkeit | Kann durch Weihe oder Nutzung sakral werden. | Kann durch Profanierung profan werden; Heiligkeit kann temporär oder funktionsgebunden sein. |
Der Akt der Profanierung: Ein schwieriger, aber notwendiger Schritt
Im kirchlichen Sinne bedeutet Profanierung, dass ein Kirchengebäude offiziell oder faktisch aus seiner exklusiven Nutzung für Gottesdienste und geistliches Tun genommen wird. Dies ist ein formaler Akt, der weitreichende Konsequenzen hat und oft durch gesellschaftliche Veränderungen bedingt ist.
Historische und moderne Gründe für Profanierung
Die Geschichte kennt zahlreiche Beispiele für die Profanierung von Kirchen. Nach der Säkularisation 1803 wurden viele Kirchen und Klöster enteignet, verkauft und zu Pferdeställen, Gefängnissen oder Steinbrüchen umfunktioniert. Ein extremer Fall war die „Schändung“ durch ein Kapitalverbrechen wie einen Mord in einer Kirche, was eine Neuweihe erforderlich machte. Heute ist die Situation anders: Kirchen werden von der Kirche selbst bewusst aus der Nutzung genommen, nicht wegen äußerer Gewalt, sondern weil sie nicht mehr unterhalten werden können, für die schrumpfenden Gemeinden zu groß sind, umgenutzt oder verkauft werden sollen.
Nach dem Kirchenrecht gibt es verschiedene Möglichkeiten der Profanierung, doch das Ziel ist immer dasselbe: Der Raum steht ab diesem Zeitpunkt nicht mehr exklusiv für Gottesdienste, für das Gebet, für geistliches Tun zur Verfügung. Das schlichte Verfahren besteht in der Regel im Verlesen eines Dekretes des Bischofs. Dies mag nüchtern klingen, doch für die betroffenen Gemeinden ist es ein zutiefst emotionales Ereignis.
Die emotionale Bedeutung von Kirchengebäuden
Obwohl wir theologisch keine Kirchengebäude zum Gebet benötigen, sind sie anthropologisch, also aus menschlicher Sicht, von höchster emotionaler Bedeutung. Eine Kirche ist für viele Menschen mehr als nur ein Gebäude; sie ist ein Ort der Erinnerung, des Trostes und der persönlichen Geschichte. Wenn das eigene Kind dort getauft wurde, man dort geheiratet hat, man täglich in der Mittagspause Stille gesucht und gebetet hat oder die Messe für die verstorbene Mutter dort gefeiert wurde, dann ist der Raum und seine Zukunft nicht egal. Die Kirche ist oft ein Ankerpunkt im Leben einer Gemeinschaft, ein Ort, der über Generationen hinweg wichtige Lebensereignisse begleitet hat.
Insofern ist es ein extrem emotionales Thema, wenn Kirchen geschlossen, profaniert, umgenutzt oder gar abgerissen werden. Das tut Gemeindemitgliedern und oft auch anderen Menschen, die eine persönliche Verbindung zum Gebäude haben, weh. Daher sollte man sehr gut überlegen und empathisch mit diesem Prozess umgehen. Es geht nicht nur um die Kälte eines Dekrets, sondern um den Abschied von einem Ort, der für viele Menschen ein Stück Heimat und spirituelle Geborgenheit darstellt.
Abschied nehmen: Rituale und Empathie im Profanierungsprozess
Da die Profanierung ein so sensibles Thema ist, stellt sich die Frage, wie sich eine Gemeinde würdig von ihrer Kirche verabschieden kann. Es gibt keine verbindlichen liturgischen Vorschriften für eine Profanierung, aber es existieren Vorschläge für Texte und Zeichenhandlungen. Die Deutsche Bischofskonferenz hat beispielsweise ein Papier entwickelt, in dem die Übertragung der Eucharistie aus dem Tabernakel eine große Rolle spielt. Dies symbolisiert den Auszug Jesu aus dem Gebäude.
Die Liturgiekommission im Bistum Münster hat jedoch einen anderen Vorschlag erarbeitet, der bewusst auf eine solche Inszenierung verzichtet. Sie schlagen eine eher schlichte Vesper vor, um die emotionale Situation der Gemeinde nicht noch zu verstärken und sie nicht noch trauriger zu machen. Der Grund dafür ist eine wichtige theologische Feinheit: Man möchte bei einer Profanierung nicht noch das Missverständnis liturgisch inszenieren, dass „diese Kirche ein heiliger Ort war, weil dort Jesus im Tabernakel wohnte – und jetzt zieht Jesus aus und verlässt uns.“ Die Präsenz Christi ist nicht an das Gebäude gebunden, sondern an die Eucharistie selbst und an die Gemeinschaft der Gläubigen.
Es ist selbstverständlich, dass mit der Eucharistie, aber auch mit Reliquien, wertvollen Bildern oder zum Beispiel einer Marienstatue, vor der viele Menschen gebetet und Kerzen angezündet haben, bei einer Profanierung würdig und achtsam umzugehen ist. Diese Gegenstände repräsentieren oft Jahrhunderte der Frömmigkeit und sind für viele Menschen von großer persönlicher und spiritueller Bedeutung. Hier ist es wohl das Wichtigste, die Gemeinde mit ihren Erinnerungen und Gefühlen in einem Abschiedsprozess ernst- und mitzunehmen. Ein solcher Prozess kann Trauerarbeit bedeuten, aber auch die Möglichkeit bieten, die Bedeutung der Kirche als lebendige Gemeinschaft neu zu entdecken, unabhängig von einem spezifischen Bauwerk.
Häufig gestellte Fragen zur Profanierung von Kirchen
Ist eine profanierte Kirche noch ein heiliger Ort?
Nach der Profanierung ist eine Kirche im kirchenrechtlichen Sinne kein heiliger Ort mehr, da sie ihrer sakralen Bestimmung entzogen wurde. Sie darf nicht mehr exklusiv für Gottesdienste genutzt werden. Für viele Menschen bleiben jedoch die persönlichen und emotionalen Erinnerungen an den Ort bestehen, was ihm eine subjektive, wenn auch keine liturgische, besondere Bedeutung verleiht.
Was passiert mit den sakralen Gegenständen aus der Kirche?
Sakrale Gegenstände wie die Eucharistie, Reliquien, liturgische Geräte oder Statuen müssen bei einer Profanierung würdig und achtsam behandelt werden. Die Eucharistie wird in der Regel in eine andere Kirche überführt. Wertvolle Kunstwerke oder Reliquien können in anderen Kirchen untergebracht, in kirchlichen Museen archiviert oder unter bestimmten Umständen auch verkauft werden, wobei der Erlös oft sozialen oder karitativen Zwecken dient. Das Wichtigste ist der respektvolle Umgang mit diesen Objekten.
Kann eine profanierte Kirche wieder geweiht werden?
Theoretisch ist eine Neuweihe einer profanierten Kirche möglich, wenn sie wieder für sakrale Zwecke genutzt werden soll. In der Praxis kommt dies jedoch selten vor, insbesondere wenn die Profanierung aufgrund mangelnder Nutzung oder hoher Unterhaltskosten erfolgte. Eine Neuweihe wäre nur sinnvoll, wenn sich die Umstände, die zur Profanierung führten, grundlegend geändert hätten und wieder eine aktive Gemeinde für das Gebäude vorhanden wäre.
Wer entscheidet über eine Profanierung?
Die Entscheidung über die Profanierung einer Kirche trifft in der Regel der zuständige Bischof der Diözese. Dies geschieht nach eingehender Prüfung der pastoralen, finanziellen und strukturellen Notwendigkeiten. Oft gehen dieser Entscheidung Konsultationen mit der betroffenen Gemeinde, dem Pfarrgemeinderat und anderen relevanten Gremien voraus, um die vielfältigen Perspektiven und Bedenken zu berücksichtigen.
Warum ist der Abschied von einer Kirche so schmerzhaft?
Der Abschied ist schmerzhaft, weil Kirchengebäude oft das Zentrum des Gemeindelebens sind und tiefe persönliche und kollektive Erinnerungen bergen. Sie sind Orte, an denen Menschen getauft, gefirmt, geheiratet und von ihren Lieben Abschied genommen haben. Der Verlust eines solchen Ortes kann das Gefühl des Verlusts einer spirituellen Heimat und eines Teils der eigenen Identität hervorrufen. Es ist ein Verlust, der Raum für Trauer und Verarbeitung erfordert.
Die Profanierung einer Kirche ist somit weit mehr als ein bürokratischer Akt. Sie ist ein komplexer Prozess, der theologische Erkenntnisse über die Natur der Kirche als „geistiges Haus“ aus „lebendigen Steinen“ mit der tiefen menschlichen Bindung an materielle Orte und Erinnerungen verbindet. Es erfordert Sensibilität und Empathie, um den Übergang von einem sakralen zu einem profanen Raum so zu gestalten, dass die Würde des Ortes und die Gefühle der Menschen gleichermaßen geachtet werden.
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