17/05/2021
Das Judentum, eine der ältesten monotheistischen Religionen der Welt, ist tief in einer Reihe von fundamentalen Prinzipien verwurzelt, die das Leben seiner Anhänger durch Jahrtausende hindurch geprägt haben. Diese Prinzipien sind nicht nur theologische Konzepte, sondern praktische Anweisungen, die den Alltag durchdringen und eine einzigartige Beziehung zwischen dem jüdischen Volk und seinem Schöpfer definieren. Im Zentrum dieser Grundsätze steht das „Schm'a Jisrael“, ein Glaubensbekenntnis, das die Essenz des jüdischen Glaubens in sich trägt und als ständiger Leitstern dient.

- Schm'a Jisrael: Das Herzstück des jüdischen Glaubens
- Die dreifache Liebe: Herz, Seele und Vermögen
- Die Gebote im Alltag leben: Von der Tora zur Mesusa
- Die Bedeutung von Treue und Verantwortung
- Jüdische Prinzipien im Überblick: Eine vergleichende Tabelle
- Häufig gestellte Fragen zu den Grundsätzen des Judentums
Schm'a Jisrael: Das Herzstück des jüdischen Glaubens
Das jüdische Glaubensbekenntnis, bekannt als „Schm'a Jisrael“ (Höre Israel), ist der zentrale Ausdruck der jüdischen Theologie. Es beginnt mit den epochalen Worten aus Deuteronomium 6,4: „Höre Israel, der Ewige, ist unser Gott, der Ewige ist einzig.“ Dieser Satz ist weit mehr als nur eine theologische Aussage; er ist eine Verpflichtung, ein Zeugnis und eine Lebensweise. Im hebräischen Text sind die Endbuchstaben des ersten und letzten Wortes – „Ajin“ und „Dalet“ – durch Großschreibung hervorgehoben. Zusammen bilden sie das Wort „Ed“, was „Zeuge“ bedeutet. Dies symbolisiert, dass dieser Satz Zeugnis ablegt für die unbeirrbare Treue des jüdischen Volkes zu Gott, die sich durch alle Jahrtausende seiner Existenz hindurch, in friedlichen Zeiten und erst recht in Zeiten der Verfolgung, manifestiert hat.
Die Einzigartigkeit Gottes, die hier als „Echad“ (einzig) betont wird, ist ein Eckpfeiler des judentums. Nach Rabbiner Dr. D. Hoffmann besagt dieser Satz, dass der wahre Gott nicht polytheistisch in verschiedenen Arten aufgelöst oder mit den Göttern anderer Völker vereinbart werden darf. Er ist einzig in Seiner Art und Seinem Wesen. S.R. Hirsch hebt die tiefere Wahrheit des „Echad“ hervor: „Dieses ganze gegensätzliche All, mit Himmel und Erde, ... mit bauenden und zerstörenden Kräften und Stoffen, mit all dem daraus sich erzeugenden Wechsel von Tag und Nacht, von Werden und Vergehen, von Blühen und Welken, von Leben und Sterben, von Haben und Verlieren, von Genießen und Darben, von Steigen und Fallen, von Lieben und Hassen, von Freud und von Leid, mit all den Gegensätzen... aus welchen das Menschenwesen selbst sich gewoben fühlt – ein Einziger, Gott, der eine Einzige ist es, der all diese Gegensätze geschaffen und hält, alle diese Gegensätze geordnet und leitet, der all die Gegensätze in uns gebildet“. Dies unterstreicht, dass selbst in der Vielfalt und den scheinbaren Widersprüchen der Welt eine einzige, vereinende göttliche Kraft wirkt. Rabbenu Efrajim fügt hinzu, dass die sechs Worte des Satzes auch zum Ausdruck bringen, dass sich der Herrschaftsbereich Gottes auf oben und unten sowie auf alle vier Himmelsrichtungen erstreckt, was seine Allgegenwart und universelle Herrschaft betont.
Die dreifache Liebe: Herz, Seele und Vermögen
Unmittelbar nach dem „Schm'a“ folgt das Gebot der Liebe zu Gott: „Und so sollst du lieben den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen“ (Dew. 6, 5). Diese dreifache Dimension der Liebe ist ein zentraler Pfeiler der jüdischen Ethik und Praxis. Der Baal Haturim weist darauf hin, dass die Buchstaben des hebräischen Wortes „Weahawta“ (du sollst lieben) in einer leicht veränderten Reihenfolge das Wort „haAwoth“ (die Väter) ergeben. Dies deutet darauf hin, dass die von uns geforderten drei Eigenschaften der Liebe in unseren Urvätern Awraham, Jizchak und Jakow beispielhaft verwirklicht wurden.
- Liebe mit dem Herzen – Awraham: Awraham (Abraham) verkörperte die Liebe zu Gott mit dem ganzen Herzen. Im Buch Nechemja heißt es über ihn: „Und Du fandest sein Herz treu vor Dir“ (Nech. 9, 8). Awraham bestand alle zehn ihm abverlangten Prüfungen und ließ sich durch nichts in seinem Vertrauen auf Gott beirren. Seine tiefe Liebe zu Gott setzte er in grenzenlose Liebe zu den Menschen um, die sich durch unermüdliche Gastfreundschaft und sogar den Einsatz für eine böse Gemeinschaft wie Sdom äußerte. Seine Treue und sein Vertrauen waren unerschütterlich, selbst als er bereit war, seinen Sohn Jizchak zu opfern.
- Liebe mit der Seele – Jizchak: Jizchak (Isaak) wird als der Urvater gesehen, der Gott mit seiner ganzen Seele liebte. Nach Auffassung unserer Weisen war er bereit, um der Liebe Gottes willen sein Leben hinzugeben. Er folgte seinem Vater auf dem Weg zur Akeda (Bindung Isaaks) und nur das Eingreifen eines Engels verhinderte sein Selbstopfer. Diese Hingabe bis zur Selbstaufgabe wird als „Kiddusch haSchern“ (Heiligung des Namens Gottes) verstanden. Ein berührendes Beispiel aus der späteren Geschichte ist Rabbi Akiwa, der Berichten zufolge mit dem Bekenntnis des „Schm'a Jisrael“ auf den Lippen sein Leben ließ, als er von den Römern zu Tode gefoltert wurde. Er teilte seinen Schülern mit, dass er sein ganzes Leben auf diesen Moment gewartet habe, um Gott selbst mit der Aufgabe seines Lebens zu dienen (Brachot 61b). Unzählige jüdische Kinder, Frauen und Männer folgten ihm durch die Geschichte, indem sie angesichts des Todes als letzten Widerstandsakt gegen ihre Verfolger das „Schm'a“ sprachen.
- Liebe mit dem Vermögen – Jakow: Jakow (Jakob), der dritte unserer Urväter, diente Gott mit seinem ganzen Vermögen. Er versprach Gott, von seinem Einkommen ein Zehntel abzusondern (Ber. 28, 22). Die Bereitschaft, von seinem Vermögen für gute Zwecke zu spenden, ist bis heute eine charakteristische Eigenschaft des jüdischen Volkes, denn Wohltätigkeit – „Tzedakah“ – wird im Judentum großgeschrieben. Dieses Dienen mit dem Besitz äußert sich aber auch im tagtäglichen Leben des Juden: Ein jüdischer Haushalt mit getrenntem Service für „Milchig“ und „Fleischig“ (Milch- und Fleischprodukte), eine koschere Pessach-Küche – all diese Ausgaben sind Ausdruck des Einsatzes, Gott mit dem eigenen Besitz zu dienen und seine Gebote zu ehren.
Die Gebote im Alltag leben: Von der Tora zur Mesusa
Die Tora fordert nicht nur die innere Haltung der Liebe und Hingabe, sondern auch deren praktische Umsetzung im Alltag. „Und es seien diese Worte, die Ich dir heute befehle, auf ('al') deinem Herzen“ (Dew. 6, 6). Die bewusste Wahl des Wortes „al“ (auf) anstelle von „in“ ist bedeutsam. Rabbi Menachem Mendel von Kozk erklärt dies treffend: Das menschliche Herz ist nicht immer bereit, die Worte Gottes aufzunehmen oder sie in sich eindringen zu lassen; oft ist es verschlossen. Doch es gibt Momente im Leben, in denen sich das Herz öffnet und empfänglich für das Wort Gottes ist. In solchen Augenblicken müssen uns die Gebote Gottes gegenwärtig sein, selbst wenn wir sie bisher nur „auf dem Herzen“ und nicht „in unserem Herzen“ getragen haben. Solche Augenblicke können unserem Leben eine unerwartete Wendung geben und uns auf den gewünschten Weg der Tora bringen.
Die Weitergabe und ständige Präsenz der Gebote ist ebenfalls ein zentrales Prinzip: „Und schärfe diese Worte deinen Söhnen ein und sprich von ihnen, wenn du in deinem Hause sitzt und wenn du auf dem Wege wanderst, wenn du liegst und wenn du aufstehst“ (Dew. 6, 7). Dies betont die ununterbrochene Pflicht des Torahstudiums und der Erziehung der Kinder in den göttlichen Lehren. Die Tora soll Teil jedes Aspekts des Lebens sein, sei es zu Hause oder unterwegs, Tag und Nacht.
Diese Gebote erhalten auch eine physische Präsenz im jüdischen Leben: „Binde sie zum Zeichen an deine Hand und trage sie als Stirnbinde zwischen deinen Augen“ (Dew. 6, 8) – dies sind die Anweisungen für die Tefillin (Gebetsriemen), kleine schwarze Lederkästchen, die Toraverse enthalten und beim Morgengebet angelegt werden, um die Worte Gottes buchstäblich an Herz und Verstand zu binden. „Und schreibe sie auf die Pfosten deines Hauses und an deine Tore“ (Dew. 6, 9) – dies bezieht sich auf die Mesusa, eine kleine Kapsel, die ebenfalls Toraverse enthält und am Türpfosten jüdischer Häuser angebracht wird. Die Mesusa beschützt und bewahrt die jüdische Familie in der räumlichen Dimension, ähnlich wie der Schabbat in der zeitlichen Dimension.
Die Bedeutung von Treue und Verantwortung
Die Tora warnt auch vor den Gefahren des Vergessens und der Abkehr von Gott, besonders in Zeiten des Wohlstands: „Wenn dich nun der Ewige, dein Gott, in das Land bringt, das er dir zu geben deinen Eltern Awraham, Jizchak und Jaakow geschworen hat, du große und vortreffliche Städte findest, die du nicht erbaut hast, Häuser alles Guten voll, die du nicht angefüllt hast, ausgehauene Zisternen, die du nicht ausgehauen hast, Wein- und Ölberge, die du nicht angelegt hast, und dies alles in Überfluss genießt, so nimm dich in Acht, dass du nicht des Ewigen vergessest, der dich aus dem Land Mizrajim, aus dem Sklavenhaus, geführt hat.“ (Dew. 6, 10-12). Diese Passage betont die Notwendigkeit, sich der Befreiung aus der Sklaverei und der göttlichen Güte stets bewusst zu sein und nicht hochmütig zu werden.
Das Verbot des Götzendienstes ist eine direkte Folge der Einzigartigkeit Gottes: „Den Ewigen, deinen Gott, sollst du fürchten, ihn gottesdienstlich verehren und bei seinem Namen schwören. Folgt nicht fremden Göttern von den Göttern der Völker, die um euch her sind, denn ein eifervoller Gott, der Ewige, dein Gott, ist unter dir, dass sein Zorn nicht über dich entbrenne und er dich vom Erdboden vertilge.“ (Dew. 6, 13-15). Die Ehrfurcht vor Gott und die ausschließliche Verehrung Seines Namens sind grundlegend, um die Reinheit des monotheistischen Glaubens zu bewahren.
Die Prinzipien des Judentums sind zeitlos aktuell und durchziehen die jüdische Geschichte wie ein roter Faden. Sie umfassen nicht nur theologische Überzeugungen, sondern auch eine umfassende Lebensphilosophie, die alle Aspekte des menschlichen Daseins berührt, von der persönlichen Spiritualität bis zur Gemeinschaft und darüber hinaus.
Jüdische Prinzipien im Überblick: Eine vergleichende Tabelle
Die hier besprochenen Grundsätze sind eng miteinander verknüpft und bilden ein kohärentes System, das das jüdische Leben leitet.
| Prinzip | Beschreibung | Relevante Tora-Stelle (Dewarim Kap. 6) | Praktische Auswirkung |
|---|---|---|---|
| Einheit Gottes (Echad) | Gott ist einzig, unteilbar und universell, der Schöpfer und Lenker aller Gegensätze im Universum. | V. 4: „Der Ewige ist einzig.“ | Ablehnung des Polytheismus, Fokus auf einen einzigen, allmächtigen Schöpfer. |
| Liebe zu Gott | Gott soll mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen geliebt werden. | V. 5: „Du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen.“ | Hingabe, Vertrauen, Opferbereitschaft, Wohltätigkeit (Tzedakah), Gastfreundschaft. |
| Ehrfurcht vor Gott | Gott soll gefürchtet und ausschließlich Ihm gedient werden, um Seine Gebote zu halten. | V. 13: „Den Ewigen, deinen Gott, sollst du fürchten, ihn gottesdienstlich verehren...“ | Respekt vor göttlichen Geboten, Vermeidung von Götzendienst, Demut. |
| Torahstudium & Weitergabe | Die Worte Gottes sollen ständig im Herzen sein, den Kindern eingeschärft und immer besprochen werden. | V. 6-7: „Die Worte, die ich dir jetzt befehle, sollen dir stets im Herzen bleiben. Du sollst sie deinen Kindern einschärfen und immer davon reden...“ | Lebenslanges Lernen, jüdische Bildung, Erziehung der nächsten Generation. |
| Praktische Gebotserfüllung | Die Gebote sollen durch physische Zeichen (Tefillin, Mesusa) und im Alltag (Kaschrut, Tzedakah) sichtbar gemacht werden. | V. 8-9: „Binde sie zum Zeichen an deine Hand. Trage sie als Stirnbinde... schreibe sie auf die Pfosten deines Hauses...“ | Tägliche Rituale, koschere Haushaltsführung, physische Erinnerung an Gottes Präsenz. |
| Treue & Dankbarkeit | Gott nicht vergessen, besonders in Zeiten des Wohlstands und der Segnung, und Ihn allein verehren. | V. 12-15: „so nimm dich in Acht, dass du nicht des Ewigen vergessest... Folgt nicht fremden Göttern...“ | Beständige Erinnerung an Gottes Güte, Vermeidung von Stolz, Festhalten am Bund. |
Häufig gestellte Fragen zu den Grundsätzen des Judentums
- Was ist das „Schm'a Jisrael“ und warum ist es so wichtig?
- Das „Schm'a Jisrael“ ist das zentrale jüdische Glaubensbekenntnis: „Höre Israel, der Ewige, ist unser Gott, der Ewige ist einzig.“ Es ist wichtig, weil es die absolute Einheit und Einzigartigkeit Gottes betont und als Zeugnis der ewigen Treue des jüdischen Volkes dient. Es ist das erste Gebet, das ein jüdisches Kind lernt, und oft das letzte Wort auf den Lippen eines sterbenden Juden.
- Wie drückt sich die Liebe zu Gott im Judentum aus?
- Die Liebe zu Gott drückt sich in drei Dimensionen aus: mit dem ganzen Herzen (unerschütterlicher Glaube und Vertrauen), mit der ganzen Seele (Bereitschaft zur Selbstaufopferung, auch Kiddusch haSchern genannt) und mit dem ganzen Vermögen (Einsatz von Besitz für gute Zwecke, Wohltätigkeit wie Tzedakah, und die Einhaltung der Kaschrut im Haushalt). Die Patriarchen Awraham, Jizchak und Jakow sind Beispiele für diese Formen der Liebe.
- Was sind Tefillin und Mesusa und welche Rolle spielen sie?
- Tefillin sind kleine schwarze Lederkästchen, die Toraverse enthalten und von jüdischen Männern beim Morgengebet an Arm und Stirn getragen werden, um die Worte Gottes an Herz und Verstand zu binden. Eine Mesusa ist eine kleine Kapsel mit Toraversen, die an den Türpfosten jüdischer Häuser angebracht wird. Beide dienen als physische Erinnerung und Verpflichtung, die Gebote Gottes ständig präsent zu halten und zu leben.
- Ist Wohltätigkeit (Tzedakah) ein Grundsatz im Judentum?
- Ja, Wohltätigkeit (Tzedakah) ist ein zentrales Prinzip im Judentum. Es ist nicht nur eine freiwillige Spende, sondern eine Verpflichtung und ein Akt der Gerechtigkeit. Sie ist eine direkte Manifestation der Liebe zu Gott mit dem „ganzen Vermögen“, wie sie von Jakow vorgelebt wurde und bis heute eine charakteristische Eigenschaft des jüdischen Volkes ist.
- Wie wichtig ist das Torahstudium in den jüdischen Grundsätzen?
- Das Torahstudium ist von größter Bedeutung. Die Tora gebietet, die göttlichen Worte ständig zu besprechen und den Kindern einzuschärfen, egal ob man zu Hause sitzt, auf dem Weg ist, liegt oder aufsteht. Dies betont die Notwendigkeit eines lebenslangen Engagements mit den göttlichen Lehren und deren Weitergabe an zukünftige Generationen, um die jüdische Identität und Tradition lebendig zu halten.
- Was bedeutet „Kiddusch haSchern“?
- „Kiddusch haSchern“ bedeutet die „Heiligung des Namens Gottes“. Es bezieht sich auf Handlungen, die Gottes Namen in der Welt ehren und heiligen, oft unter schwierigen Umständen. Ein herausragendes Beispiel ist die Bereitschaft, das Leben für den Glauben zu opfern, wie es von Jizchak symbolisiert und von Rabbi Akiwa und unzähligen jüdischen Märtyrern durch die Geschichte hinweg praktiziert wurde, oft mit dem „Schm'a Jisrael“ auf den Lippen.
Die Grundsätze des Judentums sind somit ein lebendiges Erbe, das die Vergangenheit ehrt, die Gegenwart prägt und die Zukunft inspiriert. Sie sind ein Zeugnis für die tiefe und dauerhafte Beziehung zwischen dem jüdischen Volk und dem Ewigen, seinem einzigen Gott.
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