26/11/2022
Im Islam sind Feste und alle religiösen Handlungen untrennbar mit der tiefen Verbundenheit zum allbarmherzigen Schöpfer verbunden. Sie dienen dazu, diese Beziehung zu stärken, zu erneuern und sind bedeutsame Anlässe, um Gottes zu gedenken, Ihm Dankbarkeit zu erweisen und Ihn zu preisen. Diese spirituellen Ereignisse sind mehr als nur Feierlichkeiten; sie sind Ausdruck einer Lebenshaltung, die jeden Moment als Geschenk und jede Gelegenheit zur Lobpreisung Gottes versteht. Während die meisten Muslime zwei große Feste im Jahr begehen – das Fest des Fastenbrechens (Îd al-Fitr) am Ende des Ramadans und das Opferfest (Îd al-Adhâ) –, sehen wahre Gottesfreunde das Leben selbst als ein ununterbrochenes Fest der Gegenwart Allahs. Sie betrachten die Welt mit Seinen Augen, erkennen in allem Seine Zeichen und finden so in jeder Erscheinung einen Grund zur Freude, wodurch die gesamte Welt zu einem Festplatz wird.

- Die Welt als Festplatz: Eine göttliche Perspektive
- Die Bedeutung islamischer Feste: Eid al-Fitr und Eid al-Adha
- Die wahre Natur der Festtagsfreude
- Eid al-Adhâ: Das Opferfest im Detail
- Die Verteilung des Opferfleisches: Soziale und spirituelle Dimension
- Das Schächten im Islam
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Fazit: Feste als Brücken zur Ewigkeit
Die Welt als Festplatz: Eine göttliche Perspektive
„Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen, des Allerbarmers“
Die islamische Lehre betrachtet die Welt nicht als einen bloßen Zufall, sondern als eine kunstvolle Schöpfung und einen Ort der Prüfung und des Genusses. Wie im Koran offenbart: „Fürwahr, Wir haben, was auf Erden ist, zum Schmuck gemacht, um die Menschen zu prüfen, welche von ihnen am besten sind in ihren Handlungen. Fürwahr, Wir werden, was auf Erden ist, wieder zu Staub werden lassen.“ (Sure 18:7-8). Dies verdeutlicht, dass das irdische Dasein eine Bühne ist, auf der die menschlichen Taten bewertet werden. Zugleich ist es auch ein Ort des Spiels und Zeitvertreibs, wie in Sure 6:32 beschrieben: „Doch was ist das Leben in dieser Welt anderes als Spiel und Zeitvertreib?“ Diese scheinbare Dualität offenbart sich in der Betrachtung der Welt als ein von Gott eingerichtetes Fest.
Der barmherzige Schöpfer, der freigiebige Versorger und der weise Baumeister hat diese Welt als ein prächtiges Fest für die Welt der Seelen, Geister und Engel erschaffen. Er hat sie mit dem einzigartigen Schmuck all Seiner Namen verziert, sodass jedes Lebewesen, ob groß oder klein, hoch oder niedrig, mit einem passenden Körper und Sinnesorganen ausgestattet ist, um die unzähligen Schönheiten und Gnadengaben dieses Festplatzes zu genießen. Jedes Wesen erhält ein einzigartiges körperhaftes Dasein, das es einmalig auf diese Bühne des Lebens entsendet. Dieses Fest ist nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich weit ausgedehnt, eingeteilt in Epochen, Jahre, Jahreszeiten, ja sogar Tage und Tageszeiten.
Jede dieser Zeitspannen, insbesondere der Frühling und Sommer, verwandelt die Erde in eine Reihe prächtiger Festveranstaltungen, die die Engel und Geister in den hohen Welten sowie die Bewohner der Himmel anziehen, um diese Schauspiele der göttlichen Kunst zu betrachten. Für nachdenkende Menschen ist diese Welt zudem ein unbeschreiblich schöner Studiersaal, in dem sie die Zeichen Gottes erkennen und über Seine unendliche Macht und Barmherzigkeit meditieren können.
Doch bei diesem Gastmahl Gottes, an diesem Festtag des Herrn, tritt dem Namen „Erbarmer“ und „Lebensspender“ auch der Name „der Vernichter“ und „der Todbringende“ entgegen, was sich in Trennung und Tod manifestiert. Auf den ersten Blick mag dies im Widerspruch zum Satz „Die Weite Meines Erbarmens umfasst alle Dinge“ stehen. Doch in Wahrheit gibt es tiefere Übereinstimmungen. Einer dieser Gesichtspunkte ist, dass der barmherzige Schöpfer in Seiner unendlichen Güte bei den meisten Geschöpfen einen Widerwillen gegen die Welt erweckt, sobald ihre Lebensaufgabe erfüllt ist. Er schenkt ihnen den Wunsch nach Ruhe und die Sehnsucht nach einem Übergang in eine andere Welt, weckt in ihren Seelen eine Sehnsucht nach ihrer ursprünglichen Heimat. Diese Transformation ist Teil Seiner grenzenlosen Barmherzigkeit. Ein Soldat, der im Kampf seine Pflicht erfüllt und stirbt, wird als Märtyrer geehrt; ein Opfertier erhält im Jenseits ewige Existenz und Belohnung. Dies zeigt, dass Gottes Barmherzigkeit weit über unser irdisches Verständnis hinausgeht.
Es ist auch nicht fern von der unerschöpflichen Schatzkammer der Barmherzigkeit, dass alle anderen Seelen, insbesondere die Tiere, die ihren natürlichen Dienst verrichten und den Befehlen des Hochgelobten gehorchen, sowie alle beseelten Wesen, die sich angestrengt haben, geistige Belohnungen erhalten. Sie sollten sich nicht gekränkt fühlen, wenn sie diese Welt verlassen müssen, sondern sich vielmehr darüber freuen, da dies ein Übergang zu etwas Besserem ist.
„Niemand kennt das Verborgene außer Gott!“
Der Mensch, als das würdigste aller beseelten Wesen, zieht den größten Nutzen aus diesen göttlichen Veranstaltungen. Doch er ist oft so sehr in diese Welt vernarrt und verliebt. Als Gabe der Barmherzigkeit wird er daher in einen Zustand der Sehnsucht nach der ewigen Welt versetzt, um einen Abscheu vor dieser vergänglichen Welt zu entwickeln. Wer nicht im Sumpf des Irrtums festsitzt, wird aus diesem Zustand Gutes gewinnen und in der Ruhe des Herzens hinübergehen. Hier sind fünf Beispiele für Betrachtungsweisen, die diesen Zustand der Sehnsucht hervorrufen:
- Im Herbst des Lebens zeigt Gott auf allen schönen Dingen den Stempel der Vergänglichkeit und des Zerfalls, wodurch die Bitterkeit des Lebens den Menschen vor dieser Welt zurückschrecken lässt und ihn zur Suche nach bleibenden Werten bewegt.
- Wenn 99 von 100 Freunden bereits in ein anderes Leben übergegangen sind, schenkt Gott dem Menschen aufgrund seiner aufrichtigen Liebe eine Sehnsucht nach dem Ort, zu dem seine Freunde gegangen sind, wodurch er seiner Todesstunde freudig entgegensieht.
- Gott lässt den Menschen durch manche Dinge seine unendliche Schwäche und Armut verspüren, gibt ihm zu verstehen, wie schwer die Bürde des Lebens ist, flößt ihm den tiefen Wunsch nach Ruhe ein und schenkt ihm eine wahre Begeisterung, nach einem anderen Land zu gehen.
- Einem gläubigen Menschen zeigt Er im Lichte des Glaubens, dass der Tod keine Hinrichtung, sondern ein Ortswechsel ist. Das Grab ist nicht die Öffnung zu einer finsteren Grube, sondern das Tor zu lichtvollen Welten. Diese Welt ist bei all ihrer Pracht verglichen mit dem Jenseits einem Kerker gleich. Dies bedeutet, aus dem Kerker dieser Welt heraus in die Gärten des Paradieses zu gehen, heraus aus dem lärmenden Treiben des körperlichen Lebens in eine Welt der Ruhe und zu einem Platz für einen Seelenflug. Es ist eine Reise, die man mit tausend Sinnen ersehnt; ja, es ist die Glückseligkeit.
- Einem Menschen, der auf den Koran hört, macht Gott durch das Wissen um die koranische Wahrheit klar, dass es für den, der das Wesen dieser Welt kennt, ganz und gar sinnlos ist, die Welt zu lieben und ihr verfallen zu sein.
Dies bedeutet, dass die Welt ein Buch des Einzigartigen ist, dessen Buchstaben und Worte nicht für sich selbst, sondern für die Merkmale und Attribute eines Anderen stehen. Sie ist ein Acker, auf dem man säen und ernten soll, aber die Spreu beiseitelegen muss. Sie ist ein Bildschirm, auf dem Bilder erscheinen und verschwinden, und man soll die Lichter betrachten und die Erscheinung der Namen verstehen, die sich auf ihm zeigen. Sie ist ein Marktflecken, auf dem man seine Besorgungen erledigt, aber nicht nutzlos den Karawanen hinterherläuft. Sie ist ein zeitweiliger Ausflugsort, den man als warnendes Beispiel betrachten und sich nicht von seinem äußerlich hässlichen Gesicht ablenken lassen soll, sondern von seinem verborgenen, schönen, auf die Ewige Schönheit gerichteten Antlitz. Und schließlich ist sie ein Gasthaus, in dem man mit Erlaubnis des freigiebigen Gastherrn isst und trinkt, Ihm dankt und im Rahmen der Gebote handelt, ohne sich unziemlich in ihr zu verlieren.
Durch diese Perspektiven offenbart der Koran die Geheimnisse hinter dem Gesicht dieser Welt und erleichtert den Menschen die Trennung von ihr, ja, macht sie den Erwachten sogar wünschenswert. So erkennen sie in allem, was geschieht, die Spuren Seiner Barmherzigkeit.
Die Bedeutung islamischer Feste: Eid al-Fitr und Eid al-Adha
Die islamischen Feste sind, wie bereits erwähnt, besondere Zeiten der Dankbarkeit und erlaubten, tiefen Freude. Sie fördern das Zusammenkommen von Freunden und Familien, stärken familiäre und verwandtschaftliche Beziehungen und schaffen eine Atmosphäre reiner Freude in Verbundenheit und Dankbarkeit zu Allah. Sie sind Ausdruck einer wahren Menschlichkeit, die sich im Besuch der Alten, Kranken und Armen zeigt und eine Brücke zwischen Reich und Arm schlägt.
Islamische Feste sind göttliche, himmlische Feste, die uns geistige Früchte schenken und uns mit jahrtausendealten Traditionen verbinden, die eine reiche religiöse, moralische und philosophische Dimension besitzen. Sie sind von entscheidender Bedeutung, da sie in unserer zunehmend materialisierten Welt Tage tiefer Spiritualität und Besinnung ermöglichen. Um in dieser Welt nicht Opfer oberflächlicher Verlockungen zu werden, ist es essenziell, eine geistige Haltung gemäß dem Sinn und der Wahrheit der Feste anzunehmen. Die folgenden Ratschläge helfen uns dabei, die Festtagsfreude auf die richtige Weise zu erleben.
»Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Allbarmherzigen«
Die Festtagsfreude im Islam ist nicht als gedankenloses Vergnügen gedacht, sondern als eine Gelegenheit zur Besinnung und Dankbarkeit. Eine tiefgründige Betrachtung der menschlichen Existenz offenbart, dass das gottvergessene Lachen dieser Welt die bittere Tatsache verschleiert, dass es einmal in Weinen umschlagen wird und nur zeitlich und dem Untergang geweiht ist. Die wahre, von Dankbarkeit begleitete Unterhaltung im Rahmen des Erlaubten führt zum Bewusstsein der göttlichen Gegenwart und vertreibt so die Gottvergessenheit. Diese Art der Freude ist beständig, da sie auf Belohnungen im Jenseits ausgerichtet ist und einem Herzen, das die Ewigkeit anbetet, sowie einem Geist, der ein unstillbares Verlangen nach Unsterblichkeit hat, wahre Freude schenkt.
Aus diesem Grund gibt es zahlreiche Überlieferungen, die dazu ermutigen, während einer Feier zu danken und Gottes zu gedenken. Dies dient dazu, Gottvergessenheit abzuwenden und zu verhindern, dass die Festtagsfreude in unerlaubte Bereiche abdriftet. Indem wir Dankbarkeit zeigen, verwandeln wir die Gnadengaben von Freude und Glück in einen Akt der Anbetung, wodurch die Wohltaten Gottes erhalten bleiben und sich noch vermehren. Denn die Dankbarkeit steigert die göttlichen Gnadengaben und vertreibt die Gottvergessenheit.
Eid al-Adhâ: Das Opferfest im Detail
Das Opferfest (türk. Kurbân Bayramı, arab. Îd al-Adhâ), das am 10. des islamischen Monats Dhul-Hiddscha stattfindet, ist das höchste islamische Fest und markiert das Ende des Haddsch, der Pilgerfahrt nach Mekka. Muslime feiern das Opferfest seit dem 2. Jahr (624) der islamischen Zeitrechnung. Der Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm) opferte selbst jedes Jahr ein Tier in Medina und schrieb es den Muslimen als göttlichen Auftrag und als Tradition Abrahams (Friede sei mit ihm) vor – als Vergegenwärtigung der Barmherzigkeit Gottes.
Im türkischsprachigen Raum wird für die Opfergabe der Begriff Kurbân verwendet, der linguistisch „Annäherung“ bedeutet. Er stammt vom Wortstamm Q-R-B (sich annähern, darbringen) ab, da die Opfergabe ein Mittel zur Annäherung an Allah darstellt. Die Araber verwenden für das Opfertier das Wort Udhija, abgeleitet vom Verb dahhaa, was „opfern“ oder „Opfer darbringen“ bedeutet. Fachspezifisch haben beide Bezeichnungen die gleiche Bedeutung: „Opfertier, Schlachtopfer“.
Takbir: Die Lobpreisung während der Festtage (Taschriq Takbir)
Eine besondere Praxis während des Opferfestes ist das Sprechen der Lobpreisungen, bekannt als Taschriq Takbir. Beginnend mit dem Morgengebet (Salat al-Fadschr) am 9. Dhul-Hiddscha (Tag des Arafat) bis zum Nachmittagsgebet (Salat al-Asr) des 13. Dhul-Hiddscha werden diese Takbire nach jedem Pflichtgebet gesprochen (wadschib), insgesamt 23 Gebete. Diese Lobpreisungen beziehen sich auf einen historischen Dialog zwischen dem Erzengel Gabriel, Prophet Ibrahim (Friede sei mit ihm) und Ismail (Friede sei mit ihm).

Die Überlieferung besagt: „Als Gabriel gemeinsam mit dem Opfertier, das als erwiesene Wohltat von Allah Taala ihm mitgegeben wurde, zu Ibrahim (Friede sei mit ihm) kam, rief dieser in der Befürchtung, Ibrahim (Friede sei mit ihm) würde seinen Sohn Ismail (Friede sei mit ihm) voreilig opfern, „Allahu Akbar, Allahu Akbar“ (Gott ist der Größte, Gott ist der Größte). Nachdem Ibrahim (Friede sei mit ihm) Gabriel erblickte, antwortete dieser ihm, indem er: „La ilâha illâ'llahû wa'llahû Akbar“ (Es gibt keinen Gott außer Allah, und Allah ist der Größte) sagte. Und nachdem auch Ismail (Friede sei mit ihm) das Opfertier, das als Ersatz für ihn herabgesandt wurde, erblickte, rief dieser die Lobpreisung (Tasbihat): „Allahû Akbar wa li'llâhi'l Hamd“ (Allah ist der Größte, und Allah gebührt aller Preis).“ Diese Lobpreisungen drücken die Dankbarkeit und Hingabe des Dieners gegenüber seinem Herrn aus. Die vollständigen Taschriq Takbire lauten also: „Allâhû - Akbar, Allâhû - Akbar, Lâ ilâha illâ'llâhu Wallâhu Akbar, Allâhû Akbar wa li'llâhi'l-Hamd.“ Es ist empfohlen (mustahab), den Taschriq Takbir gemeinsam mit der Gemeinde zu sprechen. Sollte jemand an den Tagen des Taschriq eine Gebetszeit vergessen und dieses Gebet nachholen, spricht er ebenfalls den Taschriq Takbir. Auch wenn der Imam den Takbir vergisst, sprechen die Nachbetenden diesen.
Sunna und Pflichten des Opferfestes
Das Opferfest beginnt traditionell mit einem Bad und einer körperlichen Reinigung. Anschließend wird gemeinsam das Festtagsgebet (Salat ul-Îd) verrichtet, wonach sich die Muslime gegenseitig gratulieren. Danach kehrt man nach Hause zurück, beglückwünscht die Familie zum Opferfest, frühstückt gemeinsam und schlachtet anschließend ein Opfertier. Tage zuvor werden Süßigkeiten vorbereitet und Fleischgerichte geplant. Das Opferfleisch wird an Arme, Verwandte und Nachbarn verteilt, Kranke, Alte, Verwandte und Freunde werden besucht und empfangen. Gemeinsame Mahlzeiten, Dankbarkeit gegenüber Allah und das Lobpreisen nach jedem Gebet sind zentrale Elemente. Kinder werden beschenkt. Indem die Muslime die stressige Welt für einige Tage hinter sich lassen, feiern sie gemeinsam das Opferfest als Ausdruck der Hingabe und als Erinnerung an die Opferwilligkeit Abrahams (Friede sei auf ihm).
Das Opferfest beginnt gemäß dem Mondkalender am 10. Dhul-Hiddscha und endet am Abend des 13. Dhul-Hiddscha, dem letzten Monat des islamischen Jahres, in dem die Pilgerfahrt vollzogen wird. Der 10. Dhul-Hiddscha wird als Yawm an-Nahr (Opfertag) bezeichnet, da an diesem ersten Tag die meisten Opferungen stattfinden. Die drei folgenden Tage (11. bis 13. Dhul-Hiddscha) nennt man traditionell Ayyam at–Taschriq (Tage der Austrocknung), was sich auf den damaligen Brauch bezieht, das Fleisch auf diese Weise zu konservieren. Taschriq kommt vom Verb scharraqa, welches unter anderem „in Streifen schneiden und an der Sonne trocknen“ bedeutet.
Haare und Nägel nicht schneiden vor dem Opfer
Es gehört zur Sunna, dass der Opfernde, der die Absicht hat, ein Opfertier darzubringen, ab dem Erscheinen des Neumondes des Monats Dhul-Hiddscha bis zur Opfergabe weder Haare noch Nägel kürzt. Hat jemand erst nach dem 1. Dhul-Hiddscha die Absicht gefasst, ein Opfertier zu schlachten, so soll er sich ab dem Zeitpunkt seines Entschlusses die Haare und Nägel nicht mehr schneiden. Es ist jedoch erlaubt, Haare und Nägel zu waschen oder aus gesundheitlichen oder hygienischen Gründen zu schneiden. Der Opfernde ähnelt damit sowohl innerlich als auch äußerlich dem Pilger: Wie der Pilger schlachtet er ein Opfertier, um Allah näher zu kommen; wie der Pilger, der sich im Ihram (Weihezustand) befindet, enthält er sich für eine bestimmte Zeit des Schneidens der Haare und Nägel.
Das Festgebet (Salat al-Îd/Bayram Namazı)
Die Teilnahme am Festgebet ist eine Soll-Handlung (wadschib). Mit der Verrichtung des Festgebetes kann man etwa 45 Minuten nach Sonnenaufgang beginnen. Das Festtagsgebet besteht aus zwei Rakat (Gebetseinheiten) und wird in der Gemeinschaft verrichtet. Es wird ähnlich wie das Pflichtgebet am Morgen verrichtet, jedoch mit zusätzlichen Takbiren. Im ersten Rakat werden drei Takbire nach dem „Subhaneke“ und vor der Koranrezitation (Qiraat) gesprochen, und die übrigen drei Takbire im zweiten Rakat nach der Koranrezitation. Der Takbir am Anfang ist Pflicht (fard). Diese zusätzlichen Takbire – sowie der Rukutakbir – sind vorgeschrieben (wadschib), während alle anderen gebetsinternen Takbire Sunna sind. Die Festtagspredigt wird nach dem Gebet gehalten und sollte das Thema „Die Opfergabe“ behandeln. Da während des Opferfestes, angefangen am Vortag, nach jedem Gebet der „Kurbântakbir“ vorgeschrieben ist, wird dieser Takbir auch nach der Predigt gerufen.
Die Verteilung des Opferfleisches: Soziale und spirituelle Dimension
Die Hadsch ist für Muslime der Höhepunkt ihres irdischen Lebens. Für alle erwachsenen und gesunden Muslime, die die Mittel dazu aufbringen können, ist es Pflicht, mindestens einmal im Leben nach Mekka zu pilgern. Dort durchlaufen sie die verschiedenen Stationen der Hadsch, die mit dem Opferfest ihren Höhepunkt finden. Die Pilger besuchen die Kaaba, umrunden sie siebenmal, gehen siebenmal zwischen den Orten Safa und Marwa, beten am Berge Arafat, steinigen symbolisch den Satan, opfern ein Opfertier und reinigen sich durch all diese Handlungen von ihren vorherigen Sünden und Fehlern, um wie neugeboren in ihre Heimat zurückzukehren.
Am Opferfest gedenken die Muslime der Propheten Abraham und Ismael (Allahs Friede und Segen auf ihnen). Der Koran berichtet, dass Abraham im Traum die Anweisung erhielt, seinen Sohn zu opfern (Sure 37:101-110). Beide zeigten sich in ihrer aufrichtigen Hingabe zu Gott bereit, dieser Prüfung zu begegnen. Gott löste Ismael jedoch durch ein herrliches Opfer aus, was die absolute Hingabe und den Gehorsam Abrahams belohnte und gleichzeitig die Unantastbarkeit menschlichen Lebens festlegte.
Ein zentraler Aspekt des Opferfestes ist die rituelle Schlachtung eines Opfertiers durch jede Familie, die finanziell dazu in der Lage ist. Hierbei steht nicht der Vorgang des Schlachtens oder das Fleisch im Vordergrund, sondern die Erfüllung einer rituellen Pflichthandlung. Der Koran verdeutlicht: „Weder ihr Fleisch noch ihr Blut erreicht Allah, sondern es erreicht ihn allein die Takwâ, die ihr ihm entgegenbringt.“ (Sure 22:37). Dies unterstreicht, dass die Absicht und die Frömmigkeit hinter der Tat entscheidend sind.
Aus diesen Versen lernen wir, dass Gott das Opfern von Menschen verbietet und uns stattdessen Nutztiere erschaffen hat, deren Verzehr erlaubt ist. Abraham lehrte uns die Art der Schächtung: Das Opfertier wird mit verbundenen Augen und drei gefesselten Füßen hingelegt und gen Mekka ausgerichtet. Nach der Beruhigung des Tieres wird die Kehle (Luft- und Speiseröhre) mit einem scharfen, zackenlosen Messer durchtrennt, damit das Tier ausbluten kann, da Blut im Islam als unrein gilt. Das arabische Wort „Kurbân“ für „Opfer“ leitet sich von „Karuba“ ab, was „nahe sein, nahe kommen, sich nähern“ bedeutet, was darauf hinweist, dass jede gute Handlung uns Gott näherbringt.
Es wird empfohlen, das geopferte Fleisch folgendermaßen zu verteilen:
| Anteil | Empfänger | Zweck |
|---|---|---|
| 1/3 | Arme und Bedürftige | Soziale Unterstützung, Brücke zwischen Arm und Reich |
| 1/3 | Freunde und Verwandte | Stärkung familiärer und sozialer Bindungen |
| 1/3 | Eigene Familie | Versorgung und gemeinsame Feier |
Muslime aus reicheren Ländern spenden das Opferfleisch oft auch an Muslime in ärmeren Ländern. Es wird zudem empfohlen, das Fleisch auch mit nichtmuslimischen Freunden oder Nachbarn zu teilen, um das soziale Band nicht nur zwischen Armen und Reichen, sondern auch zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zu stärken. Geopfert werden in der Regel Säugetiere wie Schafe und Ziegen, aber auch größere Tiere wie Rinder oder Kamele. Vor dem Schächten der Tiere wird am Vormittag des ersten Festtages ein besonderes Festgebet in der Gemeinschaft verrichtet, etwa 45 Minuten nach Sonnenaufgang. Nach dem Gebet werden Glückwünsche ausgetauscht, Kinder beschenkt und Verwandte, Freunde und Nachbarn besucht.
Der Segen des Opferfestes ist immens: Es ist die Erfüllung einer von Gott auferlegten religiösen Pflicht, die Befolgung einer Prophetentradition, die Beschenkung der Armen, das Gebet in der Gemeinschaft, die gemeinschaftliche Feier eines großen Festes und der Höhepunkt der Pilgerfahrt.
Das Schächten im Islam
Das Schächten eines Opfertieres während des Opferfestes wurde im zweiten Jahr der Hidschra zur Pflicht. Der Koran besagt: „Und für jede Gemeinschaft haben wir einen Ritus vorgesehen, um (beim Opfern) den Namen Allahs auf das zu erwähnen, das wir ihnen an Gaben von Vieh gewährt haben... Die Opferung von Vieh haben wir für euch zu einer von den gottesdienstlichen Handlungen gemacht...“ (Sure 22:34 ff.).
Die Pflicht zum islamischen Schächten wird auf Abraham zurückgeführt und ist an mehrere Bedingungen gebunden: Das Opfertier (Kamele, Rinder, Ziegen etc.) wird an drei Beinen gefesselt und mit verbundenen Augen gen Mekka ausgerichtet. Dann wird der Name Gottes ausgerufen, und mit einem scharfen Messer ohne Zacken wird die Kehle durchgeschnitten, sodass das Tier vollständig ausbluten kann. Nur dann ist das Fleisch „Halâl“, d.h. für den Verzehr erlaubt. „Verboten ist euch das von selbst Verendete sowie Blut und Schweinefleisch und das, worüber ein anderer Name aufgerufen wurde als Allah...“ (Sure 5:4). Und weiter: „So esst das, worüber Allahs Name ausgesprochen wurde ... Und esst nicht, worüber Allahs Name nicht ausgesprochen wurde...“ (Sure 6:118 ff.). Das Fleisch des geopferten Tieres wird mit den Verwandten, Nachbarn und den Bedürftigen geteilt, was die soziale Komponente und den Gemeinschaftsgedanken des Islam hervorhebt.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Was ist der größte Gott im Islam?
- Im Islam ist der größte Gott Allah, der einzigartige, allbarmherzige und allwissende Schöpfer des Universums. Alle religiösen Handlungen und Feste sind Ausdruck der Verbundenheit mit Ihm und dienen dazu, Ihm Dankbarkeit zu erweisen und Ihn zu preisen. Die Feste sind eine Möglichkeit, Seine Größe und Barmherzigkeit zu reflektieren.
- Warum feiern Muslime Feste?
- Muslime feiern Feste, um ihre Verbindung zum allbarmherzigen Schöpfer zu stärken, Ihm Dankbarkeit auszudrücken und Seiner zu gedenken. Die Feste, insbesondere Eid al-Fitr und Eid al-Adha, sind Anlässe für gemeinsame Freude, Stärkung familiärer und sozialer Beziehungen und zur Förderung der Spiritualität.
- Was ist der Unterschied zwischen Eid al-Fitr und Eid al-Adha?
- Eid al-Fitr (Fest des Fastenbrechens) markiert das Ende des Fastenmonats Ramadan und ist ein Fest der Freude und des Dankes für die erfüllte Fastenzeit. Eid al-Adha (Opferfest) ist das höchste islamische Fest und findet während der Pilgerfahrt (Haddsch) statt. Es erinnert an die Opferbereitschaft des Propheten Abraham und beinhaltet das Schlachten eines Opfertieres.
- Was ist das Taschriq Takbir und wann wird es gesprochen?
- Das Taschriq Takbir ist eine spezielle Lobpreisung ("Allâhû - Akbar, Allâhû - Akbar, Lâ ilâha illâ'llâhu Wallâhu Akbar, Allâhû Akbar wa li'llâhi'l-Hamd"), die während des Opferfestes gesprochen wird. Es beginnt mit dem Morgengebet am 9. Dhul-Hiddscha (Tag des Arafat) und endet mit dem Nachmittagsgebet am 13. Dhul-Hiddscha, und wird nach jedem Pflichtgebet rezitiert.
- Wie wird das Opferfleisch verteilt?
- Es wird empfohlen, das geopferte Fleisch in drei Teile zu teilen: ein Drittel für Arme und Bedürftige, ein Drittel für Freunde und Verwandte und ein Drittel für die eigene Familie. Dies fördert die soziale Gerechtigkeit und stärkt die Gemeinschaftsbindungen.
- Ist das Schächten im Islam Pflicht?
- Ja, das Schächten eines Opfertieres während des Opferfestes ist für Muslime, die finanziell dazu in der Lage sind, eine Pflicht (wadschib). Es ist eine rituelle Handlung, die auf den Propheten Abraham zurückgeht und die Hingabe zu Gott symbolisiert.
Fazit: Feste als Brücken zur Ewigkeit
Die islamischen Feste sind weit mehr als nur Tage der Ausgelassenheit; sie sind tief verwurzelte spirituelle Erfahrungen, die die Essenz des islamischen Glaubens widerspiegeln. Sie erinnern die Gläubigen an die unendliche Barmherzigkeit Gottes, die Bedeutung von Dankbarkeit und die Wichtigkeit von Hingabe im Leben. Indem Muslime diese Feste gemeinsam feiern, stärken sie nicht nur ihre familiären und sozialen Bindungen, sondern auch ihre Beziehung zum Schöpfer. Sie lernen, die Welt als einen Ort der Prüfung und der Schönheit zu sehen, der letztlich zu einer ewigen Heimat führt. Die Feste sind somit Brücken, die die Gläubigen von der Vergänglichkeit dieser Welt zur Beständigkeit des Jenseits führen und sie in ihrer Spiritualität und ihrem sozialen Verantwortungsgefühl stärken.
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