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Ich will singen: Mehr als nur ein Gefühl

22/11/2022

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Manchmal sind es die kleinen Dinge, die uns zum Nachdenken anregen. Ein Kinderlied zum Beispiel, das man im Kopf hat: „Heut ist ein Tag, an dem ich singen kann.“ Es gibt sie, diese Tage, an denen alles leichtfällt. Die Sonne scheint, eine gute Nachricht erreicht uns, oder einfach nur die Vorfreude auf etwas Schönes lässt uns innerlich summen und singen. An solchen Tagen fällt es leicht, fröhlich zu sein, das Leben zu genießen und vielleicht sogar ein Lied auf den Lippen zu haben.

Was bedeutet das Wort „Ich will singen“?
Doch mir fällt auf: Da steht: „Ich will singen.“ Und das ist nicht der Ausdruck eines Gefühls, sondern eine Entscheidung. Und: „mein Leben lang“, das heißt: An allen Tagen meines Lebens, nicht nur an denen, an denen ich gut drauf bin.

Doch das Leben ist selten eine Aneinanderreihung solcher unbeschwerten Momente. Es gibt auch die anderen Tage: Tage, an denen Müdigkeit und Erschöpfung uns niederdrücken, an denen Sorgen uns belasten oder körperliche und seelische Schmerzen uns quälen. Besonders in den dunkleren Monaten des Jahres, wie dem Januar, können sich solche Tage häufen. An diesen Tagen mag uns der Sinn überhaupt nicht nach Singen stehen. Die Vorstellung, ein Loblied anzustimmen, scheint absurd, ja fast zynisch.

Gerade in diesen Kontrasten finden wir eine tiefere Wahrheit, die uns die biblischen Schriften eröffnen. Auf den ersten Blick mag ein Vers wie Psalm 104,33, der da lautet: „Ich will dem Herrn singen mein Leben lang und meinen Gott loben, solange ich bin“, sehr ähnlich klingen wie das einfache Kinderlied. Es klingt nach ungetrübter Freude und erfüllten Momenten. Doch bei genauerem Hinsehen offenbart sich ein entscheidender Unterschied, der unser Verständnis von Lobpreis und Glauben revolutionieren kann.

Inhaltsverzeichnis

Singen aus Gefühl oder aus Entscheidung? Der Kern von „Ich will singen“

Die Formulierung „Ich will singen“ ist weit mehr als der Ausdruck eines momentanen Gefühlszustandes. Sie ist eine bewusste und entschlossene Entscheidung. Während ein „Ich kann singen“ von unserer aktuellen Stimmung, unseren Umständen oder unserer körperlichen Verfassung abhängt, drückt ein „Ich will singen“ einen tieferen Entschluss aus, der über die augenblicklichen Gefühle hinausgeht. Es ist eine Haltung des Herzens, die man einnimmt, unabhängig davon, wie man sich gerade fühlt.

Der Zusatz „mein Leben lang“ verstärkt diese Bedeutung noch. Es bedeutet nicht nur an den Tagen, an denen die Sonne scheint und alles glattläuft, sondern an allen Tagen des Lebens. Dies schließt die müden Tage ein, die sorgenvollen Tage, die schmerzhaften Tage. Es ist ein Versprechen, eine Verpflichtung gegenüber Gott, die über die wechselhaften Gezeiten unserer Emotionen hinausgeht. Diese Unterscheidung ist fundamental für ein reifes Glaubensleben.

„Ich kann singen“ (Gefühl)„Ich will singen“ (Entscheidung)
Abhängig von Stimmung und UmständenUnabhängig von Gefühlen und äußeren Bedingungen
Ausdruck momentaner Freude oder LeichtigkeitAusdruck einer tiefen Haltung des Glaubens und Vertrauens
Geschieht, wenn man sich gut fühltGeschieht als bewusster Akt des Willens, an allen Tagen
Fokus auf das eigene ErlebenFokus auf Gott und seine Größe

Die Frage, die sich hier unweigerlich stellt, ist: Geht das überhaupt? Und warum sollte man das tun, Gott loben, wenn man sich doch eigentlich gar nicht danach fühlt? Die Antwort darauf finden wir in der Weite und Tiefe der biblischen Botschaft.

Wenn die Seele schweigt: Klage und Lob in der Bibel

Glücklicherweise ist die Bibel kein Buch, das uns vorschreibt, immer fröhlich zu sein und unsere Sorgen zu verbergen. Im Gegenteil, sie ist voll von ehrlichen menschlichen Erfahrungen. Neben unzähligen Lobliedern finden wir auch eine Fülle von sogenannten Klagegebeten. Psalmen wie Psalm 22 oder Psalm 88 sind tiefe, oft schmerzhafte Ausdrücke von Verzweiflung, Leid und dem Gefühl, von Gott verlassen zu sein. Diese Klagegebete zeigen uns, dass wir mit allem, was uns bewegt, mit allen unseren Gefühlen – auch den dunklen und schmerzhaften – zu Gott kommen dürfen. Wir können ihm unser Herz ausschütten, unsere Ängste, unsere Wut, unsere Trauer. Er ist groß genug, um all das zu tragen.

Doch gerade im Kontrast zu diesen Klagen entfalten die Loblieder ihre besondere Kraft. Wenn wir uns erlauben, unsere Klagen vor Gott zu bringen, entsteht ein Raum, in dem auch der Lobpreis seinen Platz finden kann. Die Loblieder sind nicht dazu da, unsere Gefühle zu unterdrücken, sondern unseren Blick zu lenken. Sie helfen uns, nicht bei uns selbst und unseren Problemen stehen zu bleiben, sondern unseren Fokus zu verschieben. Sie lenken unseren Blick weg von unseren Sorgen, unseren Schmerzen und unserer Begrenztheit hin auf Gott und auf seine unendliche Größe.

Der Blick weg von mir, hin zu Gott: Die Kraft der Schöpfung

Psalm 104 ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie Lobpreis unseren Blick weiten kann. Er ist ein Loblied auf die Schöpfung Gottes. Der Psalmist beschreibt, wie Gottes Macht und Herrlichkeit im gesamten Weltall sichtbar werden: von den majestätischen Bergen und tiefen Meeren bis hin zu den kleinsten Pflanzen und Tieren. Er spricht von den Wolken, die Gottes Wagen sind, vom Wind, der seine Boten trägt, von der Sonne und dem Mond, die ihren Lauf haben. Er preist die Vielfalt des Lebens, die Quelle des Wassers, die Nahrung für alle Geschöpfe.

Indem wir uns auf solche Texte einlassen, werden unsere Augen geöffnet für die unermessliche Macht, Weisheit und Fürsorge Gottes. Das ganze Universum, mit all seiner Schönheit und Komplexität, ist von ihm geschaffen. Er hält alles in seiner Hand – und wenn er das gesamte Weltall in seiner Hand hält, dann hält er auch uns und unser Leben. Diese Erkenntnis kann uns in den schwierigsten Zeiten Trost und Vertrauen schenken. Es ist die Erinnerung daran, dass wir nicht allein sind und dass unsere Probleme, so groß sie uns auch erscheinen mögen, im Kontext von Gottes unendlicher Macht und Liebe relativiert werden.

Es ist wahr, nicht immer können wir diese Größe sehen oder glauben. An manchen Tagen fällt es schwer, sich an diese Wahrheit zu klammern, besonders wenn die Last der Welt auf unseren Schultern liegt. Doch hier kommt die Entscheidung zum Tragen: Egal wie wir uns fühlen, die Erfahrung zeigt, dass es uns guttut, uns bewusst in solche Worte einzustimmen. Psalmen laut zu sprechen, andere Loblieder zu singen oder auch nur still über sie nachzudenken, kann eine transformative Wirkung haben.

Die positive Wirkung des Lobens: Glaube, Mut und Hoffnung

Die Entscheidung zum Lobpreis, selbst wenn wir uns nicht danach fühlen, ist ein Akt des Glaubens. Es ist ein Akt des Gehorsams und des Vertrauens. Und diese Akte haben konkrete, positive Auswirkungen auf unser Inneres:

  • Stärkung des Glaubens: Indem wir Gott für seine Eigenschaften und Taten loben, die wir vielleicht im Moment nicht spüren, bekräftigen wir unsere Überzeugung von seiner Existenz, seiner Macht und seiner Liebe. Es ist ein Training des Glaubensmuskels.
  • Schenkung von Mut: Wenn wir unseren Blick auf Gottes Größe und Souveränität richten, werden unsere eigenen Probleme kleiner. Das gibt uns den Mut, den Herausforderungen des Lebens zu begegnen, weil wir wissen, dass wir nicht allein sind.
  • Weckung von Hoffnung: Lobpreis erinnert uns an Gottes Treue in der Vergangenheit und seine Verheißungen für die Zukunft. Er lenkt unseren Blick auf das, was über unsere momentane Situation hinausgeht, und schenkt uns Hoffnung auf bessere Tage und auf Gottes endgültigen Sieg.

Es geht nicht darum, unsere Gefühle zu verleugnen oder eine Fassade der Fröhlichkeit aufzusetzen. Es geht darum, unseren Geist und unsere Seele auf eine tiefere Wahrheit auszurichten: auf die Wahrheit, dass Gott auch in den schwierigsten Zeiten gegenwärtig ist und alles in seiner Hand hält. Es ist eine proaktive Handlung, die uns aus der Spirale negativer Gedanken herausziehen kann.

Häufig gestellte Fragen zum Thema Lobpreis

Muss ich immer fröhlich sein, um Gott zu loben?
Nein, absolut nicht. Lobpreis ist eine Entscheidung, die über Ihre momentanen Gefühle hinausgeht. Sie dürfen Ihre Klage und Ihre Trauer vor Gott bringen. Der Lobpreis ist dann eine Haltung des Vertrauens, die Sie einnehmen, auch wenn Ihnen nicht danach zumute ist.

Was mache ich, wenn ich mich nicht danach fühle, Gott zu loben?
Gerade dann ist es wichtig, sich bewusst dafür zu entscheiden. Beginnen Sie vielleicht mit dem Lesen von Psalmen oder dem Hören von Lobliedern. Konzentrieren Sie sich auf Gottes Eigenschaften, seine Schöpfung oder seine Taten in der Geschichte. Manchmal folgen die Gefühle der Entscheidung.

Wie hilft mir das Loben in schwierigen Zeiten?
Lobpreis lenkt Ihren Blick weg von Ihren Problemen und hin zu Gott und seiner Größe. Er erinnert Sie daran, dass Gott alles in der Hand hat, was Ihnen Trost, Mut und Hoffnung schenken kann. Es stärkt Ihren Glauben und Ihre Resilienz.

Ist Lobpreis nur für gläubige Menschen relevant?
Die Idee, eine positive Haltung einzunehmen und sich auf größere Dinge zu konzentrieren, kann prinzipiell jedem Menschen helfen, mit Schwierigkeiten umzugehen. Im Kontext des Glaubens ist Lobpreis jedoch eine bewusste Anbetung und Anerkennung Gottes.

Fazit: Eine lebenslange Entscheidung für den Glauben

Und deshalb, in Anbetracht all dessen: Ja, ich will singen dem Herrn mein Leben lang und meinen Gott loben, solange ich bin, an allen Tagen meines Lebens. Nicht weil jeder Tag voller Sonnenschein ist oder weil ich mich immer fröhlich fühle, sondern weil es eine bewusste Entscheidung des Glaubens ist. Eine Entscheidung, die meinen Blick auf das richtet, was Bestand hat, wenn alles andere wankt. Eine Entscheidung, die mich daran erinnert, dass, was auch kommen mag, Gott alles in der Hand hat und er mich halten wird – auch heute, an diesem Tag, der vielleicht nicht nach Singen aussieht, aber dennoch ein Tag ist, an dem ich mich entscheiden kann, zu singen.

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