27/11/2023
Die erste Strophe eines alten Gebetsbuchs, gefunden in den Tiefen der Bergbaugeschichte, beginnt mit den eindringlichen Worten: „Wohl gebetet! / Denn zur Tiefe willst du fahren, / Gott allein kann dich bewahren, / Darum schaue erst hinauf! / Hol' vom Herrn dir ein Glück auf!“ Diese Zeilen, entnommen einem schmalen, handschriftlich verfassten Gebetbuch eines Bergmanns der Zeche Hannover aus dem Jahr 1850, sind weit mehr als nur ein religiöser Text. Sie sind ein tiefgreifendes Zeugnis einer Zeit, in der Gebet und Gesang untrennbar mit dem harten und gefährlichen Arbeitsalltag im Ruhrbergbau verbunden waren. Es war eine Ära, in der Spiritualität nicht nur eine private Angelegenheit war, sondern ein integraler Bestandteil der Arbeitswelt, der sowohl von staatlicher Seite als auch von den Zechenbetreibern gefördert wurde. Dieser Artikel taucht ein in die faszinierende Welt des Bergbaus des 19. Jahrhunderts und beleuchtet die zentrale Rolle, die Glaube und kollektive Andacht für die Bergleute spielten, um den täglichen Herausforderungen und Gefahren zu begegnen.

- Die spirituelle Verankerung im Bergbaualltag
- Das Gebetbuch der Zeche Hannover: Ein Fenster in die Vergangenheit
- „Grubenklänge“: Die musikalische und spirituelle Quelle
- Regulierung und Praxis: Das verpflichtende Morgengebet
- Der Wandel: Vom verpflichtenden Gebet zur freiwilligen Andacht
- Vergleich: Pflichtgebet vs. Freiwillige Andacht
- Gefahr und Glaube: Die spirituelle Resilienz der Bergleute
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Die spirituelle Verankerung im Bergbaualltag
Der Bergbau war seit jeher ein Beruf, der mit immensen Risiken und einer ständigen Konfrontation mit der Endlichkeit des Lebens verbunden war. Unter Tage lauerte die Gefahr in jeder Ecke: Grubenunglücke, Schlagwetterexplosionen, Wassereinbrüche und der mühsame, körperlich zermürbende Alltag forderten ihren Tribut. In dieser Umgebung bot der Glaube den Bergleuten nicht nur Trost und Hoffnung, sondern auch eine psychologische Stütze und ein Gefühl der Gemeinschaft. Das gemeinsame Gebet vor Schichtbeginn oder der Gesang bergmännischer Lieder stärkte den Zusammenhalt und verlieh den Männern die notwendige mentale Stärke, um sich täglich den Tiefen der Erde anzuvertrauen. Es war eine tief verwurzelte Tradition, die das Berufsgefühl und die Berufstreue maßgeblich prägte und ein kollektives Bewusstsein schuf, das über die individuelle Arbeitsleistung hinausging.
Das Gebetbuch der Zeche Hannover: Ein Fenster in die Vergangenheit
Das besagte Gebetbuch, ein unscheinbares, elfseitiges Manuskript, ist heute ein wertvoller Bestandteil des Archivbestands montan.dok/BBA 20: Fried. Krupp Bergwerke AG, Essen, das im Montanhistorischen Dokumentationszentrum des Deutschen Bergbau-Museums Bochum aufbewahrt wird. Obwohl es nur in Kopie vorliegt, die als Buch gebunden ist, bietet es einzigartige Einblicke in die religiöse Praxis der damaligen Zeit. Das Deckblatt trägt den maschinenschriftlichen Vermerk „Lieder- und Gebetbuch eines Bergmanns der Zeche Hannover aus dem Jahr 1850“, ergänzt durch einen handschriftlichen Eintrag: „Von Herrn Keinhorst am 18/I 1939 erhalten“. Hermann Keinhorst, eine Schlüsselfigur in der Kruppschen Verwaltung der Zechen Hannover und Hannibal, der ab 1905 dort tätig war und verschiedene Schriften zu den Bergwerken verfasste, spielte offenbar eine Rolle bei der Bewahrung dieses historischen Dokuments.
Die Zusammenstellung umfasst insgesamt 13 Gebete und Lieder. Auffällig ist, dass die Texte allesamt auf bekannten Vorlagen basieren. Nur vier Gebete oder Lieder wurden in ihrer Gänze abgeschrieben, während bei den anderen oft nur einzelne Strophen notiert wurden, teilweise unterbrochen von weiteren Liedern. Diese Praxis deutet darauf hin, dass das Büchlein möglicherweise als Gedächtnisstütze oder als persönliche Auswahl der für den Bergmann wichtigsten Texte diente.
„Grubenklänge“: Die musikalische und spirituelle Quelle
Die direkte Vorlage für die Texte des Gebetbuchs der Zeche Hannover bildete höchstwahrscheinlich die Liedersammlung „Grubenklänge“ der Gewerkschaft der Zeche Wiesche in Mülheim an der Ruhr, die 1838 und 1840 in zweiter Auflage herausgegeben wurde. Diese Sammlung war mit einem ambitionierten Ziel veröffentlicht worden: Sie sollte mittels passenden Gesangs ein starkes Berufsgefühl und eine unerschütterliche Berufstreue unter den Bergleuten an der Ruhr etablieren und pflegen. Die Herausgeber bedauerten in ihrer „Vorerinnerung“ das Fehlen der „schönen Eigentümlichkeit des bergmännischen Standes“ (S. VII), die in anderen Bergrevieren zu finden war, und kritisierten die „unedlen Lieder“ (S. VI), die die Bergleute im Ruhrtal aus Mangel an besseren Alternativen sangen.
Die „Grubenklänge“ wurden als „Blätter und Blüthen, am freundlichen Ruhrufer gelesen und mit den poetischen Erzeugnissen anderer Bergreviere zu einem Kranze gewunden […]“ (S. V) beschrieben. Die erste Auflage von 3000 Exemplaren war so schnell vergriffen, dass umgehend eine zweite Auflage folgen musste – ein deutliches Zeichen für die immense Nachfrage und die Bedeutung dieser Sammlung für die Bergleute. Auch heute sind noch einige Exemplare der „Grubenklänge“ im Montan.dok erhalten, die ihre historische Relevanz unterstreichen.
Laut Vorwort sollten die Lieder der „Grubenklänge“ primär bei bergmännischen Festen und Aufzügen zum Einsatz kommen. Doch auch für den harten Arbeitsalltag enthielten sie passende Texte, die sich im vorliegenden Gesangs- und Gebetbuch des Bergmanns wiederfinden. So beginnt die Sammlung mit dem in den „Grubenklänge“ als „Gebet nach der Schicht“ betitelten Text. Auf der zweiten Seite folgt der eingangs zitierte Text „Dem einfahrenden Knappen“. Viele weitere Texte des Büchleins drehen sich um die Themen Tod und Auferstehung, was angesichts der ständigen Lebensgefahr im Bergbau kaum überrascht. Der plötzliche, unvorbereitete Tod war ein allgegenwärtiger Schrecken, und so findet sich sogar Friedrich Schillers Gedicht aus Wilhelm Tell zu dieser Thematik auf Seite 9. Auch das Lied auf die Treue der Knappen zu Preußen, unter dem Titel „Bei einem Knappschaftsfest“ in den „Grubenklängen“ enthalten, fehlte nicht.
Die Gewerkschaft der Zeche Wiesche initiierte sogar eine regelrechte Gesangsausbildung für junge Bergleute mit einem engagierten Lehrer. Für die Zeche Hannibal, die eng mit der Zeche Hannover verbunden war, ist ab 1854 ebenfalls ein Gesangsverein unter der Aufsicht eines Lehrers belegt. Liebetraut Rothert hält es in ihrer sozialgeschichtlichen Betrachtung der beiden Zechen für wahrscheinlich, dass diese Sänger ebenfalls die „Grubenklänge“ nutzten, was die weite Verbreitung und den Einfluss dieser Sammlung unterstreicht.
Regulierung und Praxis: Das verpflichtende Morgengebet
Die Bedeutung des Gebets im Bergbau war nicht nur eine Sache der persönlichen Frömmigkeit oder der betrieblichen Förderung, sondern auch der staatlichen Verordnung. Bereits eine Verordnung aus dem Jahr 1758 in der Grafschaft Mark schrieb für alle Steinkohlenbergwerke vor, dass vor der Anfahrt das Morgengebet zu halten sei. Diese Regelung wurde in der revidierten Klevisch-Märkischen Bergordnung von 1766 für alle Bergwerke beibehalten. Zwischen 1818 und 1823 ergingen weitere bergbehördliche Verfügungen, die zur Sicherung eines pünktlichen Schichtbeginns die Einführung von Schichtglocken und Versammlungsräumlichkeiten verpflichtend machten, in denen eine Anwesenheitskontrolle möglich war. In diesem Kontext wurde das Schichtgebet weiterhin als nützlich erachtet und gefördert.
Ein Beispiel für die Wichtigkeit des Morgengebets liefert der Geschworene Klotz aus Essen, der 1818 mahnte, dass das Beten überall eingeführt werden solle, da er sich davon mehr Stetigkeit bei den notwendigen Versammlungen vor der Schicht versprach. Dies zeigt, dass das Gebet nicht nur eine religiöse, sondern auch eine disziplinarische Funktion hatte, die die Ordnung und Pünktlichkeit im Grubenbetrieb sicherstellen sollte.
Auch auf der Zeche Hannover, die im Jahr 1850, dem Datum des Gebetbuchs, noch keine aktiven Bergbauaktivitäten aufwies (die ersten Schächte wurden erst 1857 abgeteuft, obwohl 1847 Steinkohle festgestellt wurde), ist das Morgengebet von den Anfängen an bezeugt. Ein bemerkenswerter Fall aus dem Jahr 1858 illustriert die Verbindlichkeit dieser Praxis: Der Bergwerksleiter Christian Hostmann versuchte beim Bergamt, die Wiederbeschäftigung von Heinrich Bredenböcker zu verhindern, der kurz zuvor bei der Zeche entlassen worden war. Das Bergamt lehnte Hostmanns Antrag ab, da es bei seiner Untersuchung festgestellt hatte, dass Bredenböcker lediglich dreimal nicht zum Morgengebet erschienen war und sich somit nur eines „kleinen Vergehens“ schuldig gemacht hatte (montan.dok/BBA 20/978, Vorgang 28). Dieser Vorfall beweist eindrücklich, dass das Morgengebet auf der Zeche Hannover als verpflichtender Auftakt des Arbeitsalltags angesehen wurde und dessen Missachtung geahndet werden konnte.

Der Wandel: Vom verpflichtenden Gebet zur freiwilligen Andacht
Die Mitte des 19. Jahrhunderts brachte jedoch tiefgreifende Veränderungen mit sich. Im Zuge der Bergrechtsreform von 1851 bis 1865 wurde das Direktionsprinzip abgeschafft, und die Betriebsleitung ging zunehmend in Unternehmerhand über. Diese Entwicklung führte dazu, dass immer mehr Zechen aus ökonomischen Gründen auf das verpflichtende Schichtgebet verzichteten. Die dafür aufgewendete Zeit, die das Bergamt im Fall Bredenböcker als „kleines Vergehen“ einstufte, wurde nun als unproduktiver Faktor betrachtet, der die Effizienz des Betriebs minderte.
Diese Abschaffung stieß bei den Bergleuten jedoch auf Widerstand und Trauer. Eine Eingabe von Essener Bergleuten an den König aus dem Jahr 1867 beklagte diesen Zustand eindringlich: „Obwohl wir aber auch so vielen Unglücksfällen ausgesetzt sind […,] so ist uns doch auch die so schöne liebgewordene Einrichtung genommen worden, daß die Bergleute vor dem Anfahren gemeinsam mit dem verlesenden Steiger ihr Gebet verrichten. […] Wenngleich die Schicht durch das Morgengebet um etwa zehn Minuten verkürzt wurde, so ist es doch unverantwortlich, daß dieses Gebet auf fast allen Gruben in Wegfall gebracht worden ist“. Diese Klage verdeutlicht, wie sehr das gemeinsame Gebet zu einem liebgewonnenen Ritual geworden war, das den Bergleuten in ihrem gefährlichen Beruf Halt und Gemeinschaft bot, und dessen Verlust als schwerwiegender Einschnitt empfunden wurde.
Vergleich: Pflichtgebet vs. Freiwillige Andacht
Um die Entwicklung der Gebetspraxis im Bergbau besser zu verstehen, lohnt sich ein Vergleich zwischen der Zeit des verpflichtenden Gebets und der späteren Phase der freiwilligen Andacht:
| Merkmal | Pflichtgebet (vor ca. 1851) | Freiwillige Andacht (nach ca. 1851) |
|---|---|---|
| Zweck | Pünktlichkeit, Disziplin, moralische Stärkung, Sicherheit | Persönlicher Trost, Traditionspflege, Gemeinschaft, Umgang mit Gefahr |
| Initiator | Bergbehörden, Zechenbetreiber (staatlich/betrieblich verordnet) | Bergleute selbst, Knappschaftsvereine, private Initiativen |
| Charakter | Obligatorisch, integraler Bestandteil des Arbeitsbeginns | Freiwillig, oft in Vereinen oder im privaten Rahmen |
| Dauer | Verkürzte Schichtzeit (ca. 10 Min.) | Variabel, je nach Anlass und persönlicher Wahl |
| Motivation | Sicherung der Ordnung, Produktivität, Berufstreue | Tief verwurzelter Glaube, Bewältigung von Angst, Gemeinschaftsgefühl |
Gefahr und Glaube: Die spirituelle Resilienz der Bergleute
Das handschriftliche Gebetbuch und die „Grubenklänge“ sind eindringliche Zeugnisse der tiefen Spiritualität und der Notwendigkeit des Glaubens in einem Beruf, der täglich an die Grenzen des menschlich Erträglichen ging. Die Texte, die sich mit Tod und Auferstehung befassten, spiegeln die ständige Auseinandersetzung der Bergleute mit ihrer eigenen Sterblichkeit wider. Der Glaube bot ihnen nicht nur einen Rahmen für die Bewältigung von Trauer und Verlust, sondern auch eine Perspektive jenseits des irdischen Daseins, die Hoffnung spendete.
Es bleibt unklar, inwieweit das Lied- und Gebetbuch des Bergmanns tatsächlich bei den Andachten genutzt wurde, doch liegt dies nahe. Die Vielzahl an erhaltenen Gebets- und Liedbüchern im Bereich der Bibliothek des Montan.dok – neben den „Grubenklängen“ auch viele andere aus verschiedenen Regionen und Zeiten – unterstreicht die universelle Bedeutung von Gebet und Gesang im Bergbauzusammenhang. Sie waren nicht nur Ausdruck individueller Frömmigkeit, sondern auch ein kollektives Ritual, das half, die Härten des Bergbaulebens zu ertragen und eine einzigartige Kultur der Solidarität und des Glaubens unter Tage zu schmieden.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- War das Gebet für Bergleute verpflichtend?
Ja, für eine lange Zeit war das Morgengebet im Bergbau verpflichtend. Verordnungen aus dem 18. Jahrhundert und spätere bergbehördliche Verfügungen im frühen 19. Jahrhundert schrieben vor, dass das Gebet vor Schichtbeginn abzuhalten sei. Dies diente nicht nur religiösen Zwecken, sondern auch der Disziplin und Pünktlichkeit.
- Was ist das "Montan.dok"?
Das Montan.dok ist das Montanhistorische Dokumentationszentrum des Deutschen Bergbau-Museums Bochum. Es bewahrt und erforscht historische Dokumente und Zeugnisse des Bergbaus, darunter auch das hier beschriebene Gebetbuch.
- Was waren die "Grubenklänge"?
Die „Grubenklänge“ waren eine bedeutende Liedersammlung der Gewerkschaft der Zeche Wiesche aus dem Jahr 1838/1840. Sie wurde mit dem Ziel herausgegeben, ein starkes Berufsgefühl und Berufstreue unter den Bergleuten an der Ruhr zu fördern und diente als wichtige Vorlage für viele persönliche Gebet- und Liedbücher.
- Warum war Gebet im Bergbau so wichtig?
Gebet und Gesang waren im Bergbau aus mehreren Gründen wichtig: Sie boten Trost und Hoffnung angesichts der ständigen Gefahren und der hohen Sterblichkeit, stärkten den Zusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl der Bergleute und dienten auch als disziplinäres Element zur Sicherung der Ordnung und Pünktlichkeit vor Schichtbeginn.
- Wann endete die Tradition des verpflichtenden Gebets?
Die Tradition des verpflichtenden Gebets begann sich nach der Bergrechtsreform von 1851 bis 1865 aufzulösen. Aus ökonomischen Gründen verzichteten immer mehr Zechen auf das Schichtgebet, da die Betriebsleitung in Unternehmerhand überging und Effizienz in den Vordergrund rückte. Dies wurde von den Bergleuten jedoch oft bedauert.
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