Was sind böse Geister?

Besessenheit: Ein tiefgründiger Blick auf ein Phänomen

18/01/2024

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Das Phänomen der Besessenheit ist so alt wie die Menschheit selbst und findet sich in den Annalen fast jeder Kultur und Religion. Es fasziniert, beunruhigt und provoziert gleichermaßen. Was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff, der oft mit mysteriösen und furchterregenden Vorstellungen verbunden ist? Religionswissenschaftlich wird Besessenheit als ein außergewöhnliches Verhalten in einem veränderten Bewusstseinszustand beschrieben, bei dem die betroffene Person das Gefühl hat, von einem Geist oder einer Gottheit kontrolliert oder gesteuert zu werden. Doch diese Definition ist nur der Anfang einer komplexen Betrachtung, die von spirituellen Erlebnissen bis hin zu psychischen Herausforderungen reicht.

Was versteht man unter Besessenheit?
Als Besessenheit werden religiöse Extremzustände gedeutet, die in vielen Kulturen und Religionen vorkommen. Religionswissenschaftlich wird damit ein ungewöhnliches Verhalten in einem veränderten Bewusstseinszustand beschrieben, wobei sich die betroffene Person als durch einen Geist oder eine Gottheit besessen und gesteuert erlebt.
Inhaltsverzeichnis

Was ist Besessenheit? Definitionen und Deutungen

Der Begriff der Besessenheit ist bemerkenswert vielschichtig und seine Interpretation variiert stark je nach kulturellem und religiösem Kontext. Im weitesten Sinne umfasst Besessenheit Zustände, in denen eine Person das Gefühl hat, von einer äußeren Entität – sei es ein Geist, eine Gottheit oder eine dämonische Macht – eingenommen oder kontrolliert zu werden. Diese Erlebnisse können sich in ungewöhnlichen Verhaltensweisen, veränderten Stimmlagen oder dem Äußern von Botschaften manifestieren, die nicht der eigenen Persönlichkeit zuzuschreiben scheinen.

Interessanterweise kann Besessenheit sowohl positiv als auch negativ gedeutet werden. Eine positive Form findet sich beispielsweise in der biblischen Tradition, wo Propheten des Alten Testaments als vom Geist Jahwes erfüllt beschrieben werden. Solche Zustände werden oft als göttliche Inspiration oder als Kanal für transzendente Botschaften verstanden. Sie sind erwünscht und dienen einem höheren Zweck, wie der Übermittlung religiöser Lehren oder der Durchführung wundersamer Heilungen.

Dem gegenüber stehen die negativen Formen der Besessenheit, die oft mit der zerstörerischen Einwirkung dämonischer Mächte oder böser Geister in Verbindung gebracht werden. Diese werden als schädlich, störend und potenziell gefährlich angesehen und erfordern oft Rituale zur Befreiung, wie den Exorzismus. Die Grundlage für solche Deutungen ist häufig ein duales Weltbild, das eine klare Trennung zwischen Gut und Böse zieht und auch den Schamanismus sowie die charismatische Frömmigkeit prägt. Moshe Sluhovsky unterscheidet in diesem Kontext explizit zwischen heiliger und dämonischer Besessenheit, was die Bandbreite der Interpretationen verdeutlicht.

Besessenheit in verschiedenen Kulturen und Religionen

Das Phänomen der Besessenheit ist keineswegs auf eine einzige Kultur oder Religion beschränkt, sondern manifestiert sich in vielfältiger Weise rund um den Globus:

  • Spiritismus in afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Kulturen: Besonders in Brasilien sind spiritistische Praktiken und Ideen weit verbreitet. Ein Drittel der privaten Krankenhäuser dort wird von Spiritisten geleitet. Die Anthropologin Anna Theissen (2006) erklärt dies damit, dass der Spiritismus in Brasilien, aufgrund seiner bürgerlichen Werte und der Betonung eines theoretischen Studiums, intellektuell attraktiv für die städtische Ober- und Mittelschicht ist. Hier wird Besessenheit oft als moderne Form des Geisterkults verstanden, die Kommunikation mit der jenseitigen Welt ermöglicht.
  • Weltweite Pfingstgemeinden: In den Pfingstgemeinden ist Besessenheit ebenfalls ein häufig beobachtetes Phänomen. Hier manifestiert sie sich oft in charismatischen Praktiken wie dem Sprechen in Zungen (Glossolalie) oder dem Erleben von „Heiligem Geist“, kann aber auch negative Konnotationen haben, die einen „Befreiungsdienst“ erforderlich machen.
  • Europäische Esoterik-Szene: In weiten Teilen der gegenwärtigen europäischen Esoterik-Szene wird negative Besessenheit als Folge unsachgemäß angewandter spiritistischer Techniken eingeordnet. Im Gegensatz dazu wird sachgemäßes Vorgehen, wie etwa das Channeling, als hilfreiche Kommunikation mit jenseitigen Wesen interpretiert, die positive Führung und Erkenntnisse vermittelt.

Besessenheit in der Katholischen Kirche und der Pfingstbewegung

Abgesehen von Gesellschaften, die stärker in Stammeskulturen verwurzelt sind, spielen Besessenheitsphänomene in zwei christlichen Milieus eine besonders wichtige Rolle: in Teilen der katholischen Kirche und in der Pfingstbewegung.

Die Katholische Kirche und der Exorzismus

In der weltweiten katholischen Kirche sind exorzistische Praktiken nach wie vor weit verbreitet, nicht nur in Lateinamerika, Afrika und Asien, sondern auch in Europa. Allein im Großraum Paris werden jährlich etwa 1500 Exorzismen durchgeführt, und in Italien soll es über 300 offizielle Diözesan-Exorzisten geben. Pater Gabriele Amorth, der von der Diözese Rom bestellte Exorzist, berichtete, in seinem Leben bereits über 40.000 Teufelsaustreibungen durchgeführt zu haben (Singer 2006).

Nach langjährigen Diskussionen wurde in der katholischen Kirche im Jahr 1999 ein neuer Exorzismus-Ritus veröffentlicht, der seit 2009 auch in offizieller deutscher Übersetzung inklusive einer pastoralen Handreichung vorliegt. Dieser neue Ritus stellt eine bedeutsame Verbesserung gegenüber dem klassischen Ritual von 1614 dar. Das alte Ritual, das noch 1976 in Franken bei der Studentin Anneliese Michel insgesamt 67 Mal bei falscher Indikation vollzogen wurde und zu ihrem Tod durch Unterernährung und Entkräftung führte, zeigte die Gefahren eines unkritischen Umgangs auf. Die aktuelle Fassung enthält mehrere wichtige Änderungen:

  • Der Exorzist soll vor der Durchführung des Rituals Fachleute aus Psychiatrie und Psychotherapie hinzuziehen, um eine differenzierte Diagnose zu gewährleisten.
  • Die personale Ansprache und Erfragung des Namens der Dämonen ist in dem erneuerten Ritual weggefallen.

Diese Anpassungen verleihen dem überarbeiteten Ritus eher den Charakter einer Liturgie zur Befreiung vom Bösen, in der dem leidenden Menschen geistliche Hilfe und Unterstützung zugesprochen wird, statt einer direkten Konfrontation mit einem personifizierten Dämon. Dies spiegelt einen vorsichtigeren und verantwortungsvolleren Umgang mit dem Phänomen wider.

Die Pfingstbewegung und der Befreiungsdienst

Auch im Kontext pfingstkirchlicher und charismatischer Frömmigkeit ist Besessenheit ein wichtiges Thema (Kick & Hemminger 2003, Lemhöfer 2006). Hier wird oft ein „Befreiungsdienst“ praktiziert, eine Gebetspraxis, die darauf abzielt, okkulte Belastungen und dämonische Besessenheit zu brechen. Ziel ist es, die Macht widergöttlicher Dämonen zu zerschlagen und betroffene Personen endgültig von Fehlverhalten zu befreien (Hemminger 2003).

Allerdings birgt dieser Ansatz auch Risiken. Häufig liegt hier eine Dämonisierung des Weltbildes vor, die dazu führen kann, die eigene Verantwortung in eine Geisterwelt zu verlagern. Betroffene verstehen sich dann als hilflose Opfer und externalisieren ihr Fehlverhalten. In solchen Fällen sind einfühlsame und religiös kundige Psychotherapeuten gefragt, um diese Abwehrmechanismen zu erkennen und Hilfestellungen zur Entwicklung einer reifen Religiosität zu geben (von der Stein & Ruff 2010).

Besessenheit in der transkulturellen Psychiatrie

Die Migrationsströme der letzten Jahrzehnte haben dazu geführt, dass traditionelle Rituale, in denen Besessenheit vorkommt, heute auch in Europa stattfinden. Oft sind dies jedoch abgeschwächt-verwestlichte, „domestizierte“ Formen (Versteeg & Droogers 2007). Gerade unter Migranten sind die Vorstellung von der Existenz und Wirksamkeit böser Geister und der Wunsch nach entsprechenden Heilritualen verbreitet (Wohlfart & Özbek 2006; Strasser 2006).

Nach traditionell-islamischer Auffassung wirken gute und böse Geister („Dschinnen“) auf den Menschen ein; viele neurologische und psychiatrische Erkrankungen werden auf die Besessenheit mit einem bösen Geist zurückgeführt (Assion 2004). In der ethnopsychoanalytischen Tradition der transkulturellen Psychiatrie wird die Besessenheit manchmal mit einem Rollenspiel verglichen und der Psychoanalyse gegenübergestellt. Beide Techniken versuchen dabei nicht, den psychischen Konflikt als Grund für seelische Störungen unter Kontrolle zu bringen. Vielmehr bieten sie Deutungen und Handlungen an, ihn ins Symbolische zu verschieben und dadurch die negativen Symptome aufzuheben (Ndoyé 2006).

Bei einer entsprechenden kulturellen Adaptation soll es der symbolische Umgang mit den Phänomenen ermöglichen, die Wirkmacht von Geistern zu relativieren und die Eigenverantwortung für das Einschätzen und Handeln zu stärken. Dieses Vorgehen entspricht einer systemischen Sichtweise, die alle relevanten Einflussgrößen in die Behandlung einzubeziehen versucht.

Die Bedeutung einer Differentialdiagnose: Medizinische und Psychologische Perspektiven

Aus fachlicher Sicht werden Fremdeinwirkungen einer transzendenten Macht („Geist“) als Grund für ein früher als „hysterisch“ klassifiziertes Verhalten heute zumeist bestritten. Stattdessen werden innerweltliche Gründe wie elektrische Fehlentladungen im Gehirn (Epilepsie) oder starke Imaginationen (Trance) angeführt. Eine „aufgeklärte Psychotherapie“ soll zur Entdämonisierung seelischer Konflikte führen (Picker 2009). Allerdings rechnen die postmaterialistischen Ansätze der Transpersonalen Psychotherapie mit einem informationshaltigen Kosmos, dessen Botschaften zu entschlüsseln seien.

Vergleich: Religiöse vs. Medizinisch-Psychologische Deutung von Besessenheit

AspektReligiöse Deutung (traditionell)Medizinisch-Psychologische Deutung (modern)
UrsacheEinwirkung von Geistern, Dämonen, GottheitenNeurologische Störungen (z.B. Epilepsie), psychische Erkrankungen (z.B. dissoziative Störungen), Trancezustände
SymptomeVerändertes Verhalten, Sprechen in unbekannten Sprachen, ungewöhnliche Kraft, Wissen über verborgene DingeAnfälle, Persönlichkeitsveränderungen, Gedächtnisverlust, Halluzinationen, Dissoziation
BehandlungExorzismus, Gebet, rituelle Praktiken, spiritueller BefreiungsdienstMedikamentöse Therapie, Psychotherapie (Verhaltenstherapie, tiefenpsychologische Ansätze), interdisziplinäre Ansätze
ZielBefreiung von der äußeren Macht, Wiederherstellung des spirituellen GleichgewichtsSymptomlinderung, Krankheitsmanagement, Stärkung der Eigenverantwortung, psychische Stabilisierung

Psychodiagnostisch können veränderte Bewusstseinszustände ohne Krankheitswert, wie Glossolalie oder Channeling, die in bestimmten Gemeinschaften sozial erwünscht sind, von krankhaften Formen unterschieden werden. Es gibt eine weltweite, kulturell institutionalisierte Nutzung veränderter Bewusstseinszustände. Im christlichen Kontext spricht man dann allerdings anstelle von Besessenheit von Ergriffenheit. Krankheitswertig können solche Zustände werden, wenn die Betroffenen darunter leiden und sich selbst und anderen schaden.

Religionswissenschaftler kritisieren, dass die häufig erfolgte Pathologisierung von Besessenheit der Abwehr der in veränderten Bewusstseinszuständen zum Ausdruck gelangenden Inhalte diene. Dabei werde übersehen, dass solche Zustände und ihre kultische Verarbeitung für eine Gesellschaft wie für Einzelne auch therapeutische und ästhetische Aspekte enthalten. Mit ähnlicher Intention plädieren auch Psychotherapeuten für eine Entpathologisierung veränderter Bewusstseinszustände (Passie 2011, Vaitl 2012). Erst dann könne ihre psychologische Funktion verstanden werden.

Ob ein Besessenheits-Phänomen nun im Rahmen eines spiritistischen, eines christlich-fundamentalistischen oder eines transkulturell-systemischen Weltbildes gedeutet wird: Grundlegend wichtig ist eine klinisch-psychiatrische Differenzialdiagnose. Durch den Zuwachs an psychiatrischem Wissen können heute manche epileptischen Anfälle, die sowohl subjektiv als auch von außen betrachtet als Besessenheit wahrgenommen werden, sachgemäß als eine hirnphysiologische Störung angesehen werden. Dadurch sind sie erfolgreich behandelbar.

Die Abgrenzung zu einer dissoziativen Störung, d. h. der Abspaltung von Bewusstseinsanteilen, ist jedoch schwieriger vorzunehmen, weil diese Störung häufig gemeinsam mit anderen Krankheiten oder simuliert als „False Memory Syndrome“ auftritt (Dammann & Overkamp 2011). Dennoch führt das aktuelle Störungsverzeichnis psychischer Krankheiten (ICD-10) unter der Kategorie F44.3 die Trance- und Besessenheitsstörung mit folgenden Merkmalen auf: zeitweiser Verlust der persönlichen Identität und der vollständigen Wahrnehmung der Umgebung, zumeist begleitet von (unfreiwilligen) wiederholten Folgen von eingeschränkten Bewegungen, Stellungen und Äußerungen. Aktuellen Befunden zufolge sind 1 Prozent der Allgemeinbevölkerung und 5 Prozent der psychiatrischen Patienten von einer dissoziativen Identitätsstörung betroffen (Gast & Rodewald 2012).

Als „diagnostisches Dilemma“ beschreibt Vaitl (2012) das Fehlen einer einheitlichen Konzeptualisierung von dissoziativen Phänomenen und Störungen. Der Psychotherapeut klassifiziert Besessenheit und Trance als Sonderformen dissoziativer Bewusstseinsstörungen. Anders als bei der dissoziativen Identitätsstörung sei die Persönlichkeit im Besessenheitszustand nicht in andere Persönlichkeitsteile aufgelöst. Derartige Zustände kommen je nach Kulturkreis unterschiedlich häufig vor, müssen aber in jedem Fall von organischen oder wahnhaften Störungen sorgfältig abgegrenzt werden.

Empirische Studien und Expertenmeinungen

Für eine genauere Einschätzung dieser Graubereiche sind empirische Studien unerlässlich. In einer Pilotstudie hat Krenzlin (2007) sechs in Deutschland exorzistisch Tätige zu ihren Krankheits- und Heilungskonzepten befragt. Alle standen in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Ärzten und Therapeuten. Nur ein Interviewpartner benutzte den Terminus „Besessenheit“, während die anderen von „Besetzung“ oder „dämonischer Bindung“ sprachen. Bemerkenswert ist, dass vier der sechs Befragten die Heilung auf religiöse Faktoren zurückführten.

Eine Literaturstudie zu deutschsprachigen ärztlichen Beurteilungen von Besessenheit der letzten beiden Jahrhunderte fand 35 wissenschaftliche Publikationen (Demling & Thierauf 2010). Während die Mehrzahl der Ärzte die geschilderten Phänomene rein psychopathologisch einordnete – zumeist als „Hysterie“ –, sahen immerhin ein Siebtel der Forscher eine Einflussnahme äußerer, „dämonischer“ Mächte auf den Menschen, die auch ärztliches Handeln erfordere, als real gegeben an. Die Psychiater Demling und Thierauf empfehlen, zukünftig religiöse Aspekte, die sich auch in subjektiven Krankheitsmodellen ausdrücken können, stärker zu beachten.

Ein ausgewiesener Experte auf diesem Gebiet, der Psychiater und Jesuit Ulrich Niemann, berichtete, dass er in seinen letzten 25 Jahren Berufstätigkeit (nur) 15 Menschen fachlich-seelsorglich begleitet habe, die sich als vom Bösen überwältigt erlebten. Dass sich in über 90 Prozent der Anfragen andere Ursachen ergeben hätten, zeige, wie wichtig eine gründliche Psychodiagnostik sei, die allerdings die religiösen Prägungen und Überzeugungen sorgfältig mit aufnehmen müsse. Grundsätzlich müsse seitens der Kirchen zurückhaltend und sehr vorsichtig mit der diagnostischen Kategorie „Besessenheit“ umgegangen werden.

Häufig gestellte Fragen (FAQs) zu Besessenheit

Ist Besessenheit eine anerkannte Krankheit?
Nein, Besessenheit im traditionellen Sinne ist keine medizinisch oder psychologisch anerkannte Diagnose. Symptome, die früher als Besessenheit gedeutet wurden, werden heute zumeist als neurologische (z.B. Epilepsie) oder dissoziative Störungen (z.B. dissoziative Identitätsstörung, Trance- und Besessenheitsstörung gemäß ICD-10) eingeordnet und behandelt.
Gibt es heute noch Exorzismen?
Ja, Exorzismen werden in verschiedenen religiösen Kontexten weiterhin durchgeführt, insbesondere in Teilen der katholischen Kirche und der Pfingstbewegung weltweit. Auch außerhalb der verfassten Kirchen finden solche Rituale statt. Die katholische Kirche hat ihren Ritus jedoch überarbeitet, um eine sorgfältigere psychologische und psychiatrische Abklärung vorab zu gewährleisten.
Wie unterscheiden sich positive und negative Besessenheit?
Positive Besessenheit wird als ein erwünschter Zustand verstanden, bei dem eine Person als Kanal für göttliche oder spirituelle Botschaften dient (z.B. Propheten). Negative Besessenheit hingegen wird als eine schädliche Beeinflussung durch dämonische oder böse Geister angesehen, die Befreiung erfordert.
Welche Rolle spielt die Psychologie bei der Deutung von Besessenheit?
Die Psychologie versucht, die Phänomene, die als Besessenheit interpretiert werden, durch innerweltliche Ursachen zu erklären, wie psychische Konflikte, Traumata oder neurologische Dysfunktionen. Sie plädiert für eine „Entdämonisierung“ dieser Zustände und bietet therapeutische Ansätze zur Bearbeitung zugrunde liegender Probleme an.
Warum ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit wichtig?
Eine enge Zusammenarbeit zwischen medizinischen, psychotherapeutischen und kirchlichen Fachleuten ist entscheidend, um Betroffenen die bestmögliche Hilfe zukommen zu lassen. Dies verhindert vorschnelle Dämonisierungen oder reduktionistische Psychologisierungen und ermöglicht eine umfassende Begleitung, die sowohl die religiösen Überzeugungen als auch die psychische Gesundheit berücksichtigt.

Einschätzung und Ausblick

Das Phänomen Besessenheit wird in einigen Seelsorgekonzepten aufgegriffen und auf unterschiedliche Weisen integriert, insbesondere vor dem Hintergrund interkultureller Seelsorge und einer systemisch-psychotherapeutischen Sichtweise (Thurneysen, Scharfenberg, Josuttis, Zimmerling). Der Umgang mit dem Bösen bedarf jedoch einer stärkeren systematisch-theologischen Reflexion (Rust 2007).

Ein weiteres Problem sind die Konflikte, die verschiedene kulturelle Traditionen und Prägungen zwischen den europäischen Kirchen und ihren Partnern in Afrika, Asien und Lateinamerika hervorrufen (Edwards-Raudonat 2011, Quaas 2011). Eine Expertenkommission der Vereinigten Evangelischen Mission (VEM) hat 2012 ihren Gliedkirchen in Afrika und Asien empfohlen, den Befreiungsdienst in ihre Seelsorgepraxis zu integrieren, was aus europäischer Sicht oft unvorstellbar ist. Auch hier besteht theologischer Klärungsbedarf.

Aus psychiatrisch-psychotherapeutischer Sicht sind kulturverstehende Ansätze entwickelt worden, die das religiöse Überzeugungssystem in die Behandlung mit einbeziehen. Eine enge Kooperation von medizinischen, psychotherapeutischen und kirchlichen Fachleuten ist für eine angemessene Begleitung unerlässlich. Die Voraussetzungen dafür haben sich in den letzten Jahren verbessert. Es geht darum, jenseits einer reduktionistischen Psychologisierung und einer vorschnellen Dämonisierung in interdisziplinärer Zusammenarbeit konkrete Lebenshilfen zu erarbeiten. Erforderlich ist eine sowohl bodenständige wie auch religionssensible Psychologie, die den Einzelfall zu verstehen versucht. Betroffenen ist weder durch die Wegrationalisierung der dämonischen Dimension noch mit Verantwortungs-Projektion geholfen.

Generell gebührt dem Bösen keine übertriebene Aufmerksamkeit – nicht umsonst kommt es in keinem kirchlichen Glaubensbekenntnis vor. Ein erster Schritt kann darin bestehen, die Wirklichkeit der Engel, also der guten Mächte Gottes, wiederzuentdecken (Zimmerling 2001). Martin Luther hat noch täglich in seinem Morgen- und Abendsegen gebetet: „Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde.“ Das Gebet kann helfen, der Faszination der dämonischen Welt zu entgehen und eine gesunde spirituelle Haltung zu fördern.

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