08/02/2023
Die Jesiden sind eine geheimnisvolle und uralte Religionsgemeinschaft, deren Wurzeln tief in der Geschichte des Nahen Ostens verankert sind. Oft missverstanden und fälschlicherweise als „Teufelsanbeter“ abgestempelt, pflegen sie in Wirklichkeit einen einzigartigen monotheistischen Glauben, der Elemente aus verschiedenen alten Religionen wie dem Zoroastrismus, dem Mithraismus und lokalen kurdischen Überlieferungen in sich vereint. Ihre reiche mündliche Tradition und ihre besonderen Rituale machen das Jesidentum zu einer faszinierenden spirituellen Welt. Eines der zentralen Rituale, das den Eintritt in diese Gemeinschaft markiert, ist die Taufe der Kinder, die im Herzen ihres Glaubens, dem heiligen Tempel von Lalisch, stattfindet.

- Einzigartiges Gottesverständnis und die Rolle von Melek Taus
- Heilige Schriften und der Schöpfungsmythos
- Die Hierarchie der Jesidischen Gemeinschaft
- Religiöse Praxis und zentrale Riten
- Glaube an die Reinkarnation und das ewige Leben
- Die Herkunft der Jesiden und ihre bewegte Geschichte
- Häufig gestellte Fragen zum Jesidentum
- Verfolgung in der Neuzeit und der Kampf um den Erhalt
Einzigartiges Gottesverständnis und die Rolle von Melek Taus
Im Zentrum des jesidischen Glaubens steht ein einzigartiges Gottesverständnis. Gott ist der Schöpfer des Universums, und alles, was existiert, ist Teil seines göttlichen Weltplans – selbst das, was der Mensch als „böse“ empfindet. Für die Jesiden ist das scheinbar Böse im Grunde gut und kommt von Gott, da es als Mittel zu einem höheren Ziel dient. Der Mensch ist mit Verstand begabt und muss diesen nutzen, um zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, wodurch er für sein Denken und Handeln verantwortlich ist.
Eine zentrale Figur im Jesidentum, die oft zu Missverständnissen führt, ist Melek Taus, der Engel-Pfau. Entgegen der falschen Annahme, er sei eine antagonistische Kraft oder gar der Teufel, ist Melek Taus im jesidischen Glauben ein Ehrenamt und Ehrentitel für den Engel Ezazil (auch Azazil). Er ist der Anführer aller Engel und das Alter Ego Gottes, der sowohl Gutes als auch Böses geschehen lässt, aber seinem Wesen nach stets das Prinzip des Guten verkörpert. Melek Taus repräsentiert das positive, reine und helle Licht Gottes (kurdisch: Ronahi). Er widersetzt sich dem einen Gott nicht, sondern ist sein Stellvertreter und eine von ihm gewollte, institutionalisierte Macht, die Gott als Allmächtigen anerkennt.
Die Verehrung von Melek Taus ist eng mit der Symbolik von Licht, Sonne und Feuer verbunden. Im Sonnenlicht erkennen Jesiden Gottes Heiligkeit und die Fähigkeit, die Realität zu unterscheiden – zwischen Schwarz und Weiß, Tot und Lebendig, Böse und Gut. Diese Lichtsymbolik findet sich auch im Zoroastrismus, wo das Feuer ein zentrales Symbol der Verehrung ist und Ahura Mazda, der göttliche Inbegriff des Guten, aus dem Feuer hervorleuchtet. Die Verbindung zum Sonnengott Mithra aus altpersischen Mythen, dessen tausend Augen angeblich überall in der Welt hinreichen, erklärt auch die Bedeutung der Pfauenaugen im jesidischen Glauben, die als heiliges Symbol die Verkörperung von Melek Taus darstellen.
Heilige Schriften und der Schöpfungsmythos
Die jesidische Lehre wird hauptsächlich durch mündliche Überlieferungen weitergegeben, doch es gibt zwei wichtige heilige Bücher: das Mishefa Resh (Das Schwarze Buch) und das Kitab Al-Jilwah (Das Buch der Offenbarung).
Das Mishefa Resh (Das Schwarze Buch)
Das Mishefa Resh, dessen Autorschaft Al-Hassan Al-Basri zugeschrieben wird, ein offizieller Nachfolger von Sheikh Adi, enthält die jesidische Genesis. Es beschreibt die Weltentstehung detailliert:
- Im Anfang schuf Gott aus seiner Geist-Essenz eine weiße Perle und einen Vogel namens Angar, auf dessen Rücken Gott 40.000 Jahre ruhte.
- An sieben aufeinanderfolgenden Tagen schuf Gott sieben Engel, beginnend mit Anzazil (Melek Taus) am Sonntag, gefolgt von Dardail, Israfil, Mikail, Azrail, Shemnail und Nurail. Melek Taus wurde zum Anführer aller ernannt.
- Danach schuf Gott die sieben Himmel, die Erde, die Sonne und den Mond. Fahr ad-Din erschuf den Menschen, Landtiere, Vögel und Raubtiere.
- Die weiße Perle zerbrach in vier Stücke, aus deren Mitte eine Quelle hervorbrach, die sich zu einem Ozean sammelte.
- Gott erschuf Adam und Eva. Hier weicht der jesidische Mythos stark von anderen ab: Melek Taus riet Adam, vom verbotenen Weizen zu essen, nicht aus Böswilligkeit, sondern um die Vermehrung der Menschheit zu ermöglichen, da Gott ihm die Angelegenheit überlassen hatte.
- Ein zentraler Streitpunkt zwischen Adam und Eva war, wer der Erzeuger der Menschheit sei. Sie warfen ihren Samen in Gefäße: In Adams Gefäß fanden sich nach neun Monaten zwei Kinder (männlich und weiblich), deren Nachkommen die Jesiden sind. Evas Gefäß enthielt nur übel riechende Würmer. Daher haben auch Männer Brustwarzen, um die Kinder zu säugen, die aus Adams Gefäß hervorkamen.
- Die Nachkommen der späteren Kinder Adams und Evas sind die Juden, Christen, Muslime und andere Nationen. Die ersten rechtschaffenen Väter der Jesiden sind Sheth (Seth), Noah und Enosch.
Das Kitab Al-Jilwah (Das Buch der Offenbarung)
In diesem Buch spricht Gott in der ersten Person zu den Jesiden und offenbart sein Wesen, seine Allmacht und seine Gebote. Es betont, dass Gott die Geschicke der Gläubigen ohne ein offenbartes Buch lenkt und warnt vor Außenstehenden, die versuchen, die jesidischen Lehren zu korrumpieren. Es ermahnt die Gläubigen, Gottes Symbole und Bildnisse zu ehren und seinen Dienern (Gesandten, Propheten) zu gehorchen.
Die Hierarchie der Jesidischen Gemeinschaft
Die jesidische Glaubensgemeinschaft ist hierarchisch strukturiert und umfasst sieben wichtige Ämter, die jeweils spezifische Aufgaben und Verantwortlichkeiten tragen. Diese Ämter sind entscheidend für die Aufrechterhaltung der religiösen Ordnung und Praxis:
| Rang | Amt | Aufgaben und Bedeutung |
|---|---|---|
| 1. | Sheikh | Höchster in der Hierarchie; Diener des Heiligen Schreins von Sheikh Adi; zuständig für alle Rechtsangelegenheiten; fungiert als Jenseitsführer und vermittelt den Platz im Paradies; wählt „Jenseitsgeschwister“. |
| 2. | Emir | Direkter Abkömmling einer langen Ahnenreihe; verantwortlich für staatliche und weltliche Angelegenheiten; besitzt Befehlsgewalt. |
| 3. | Kawwal | Oberster Musikalienmeister und Hüter der heiligen Hymnen; bewahrt die mündliche Tradition der Musik. |
| 4. | Pir | Wörtlich „alter, weiser Mann“; spiritueller Führer; leitet Gläubige durch die Fastenzeit; kümmert sich um körperliche Belange und Glaubenssitten. |
| 5. | Kochak | Wörtlich „Prophet“; erfüllt religiöse Pflichten bezüglich des Jenseits; sorgt für Bestattungen, deutet Träume und prophezeit die Zukunft. |
| 6. | Fakir | Wörtlich „arm“; dient als Erzieher der Kinder der Gemeinschaft; gilt als direkt von Sheikh Adi eingesetzt. |
| 7. | Mullah | Unterrichtet jesidische Kinder im heiligen Wissen; hütet religiöse Geheimnisse und wohnt heiligen Zeremonien bei. |
Religiöse Praxis und zentrale Riten
Jesidische Gläubige praktizieren täglich religiöse Rituale. Obwohl es keine strikte Gebetspflicht gibt und das Vertrauen auf Melek Taus als ausreichend gilt, begeben sich Jesiden dreimal im Jahr zu einem heiligen Bildnis von Melek Taus, um dort zu beten. Im Gebet richten sie ihr Gesicht in Richtung Sonne, erheben die Hände, verbeugen sich und küssen den Boden. Zudem ist jeder Jeside verpflichtet, einmal täglich die Hand seines Jenseitsbruders bzw. seiner Jenseitsschwester sowie die Hand des Sheikh oder des Pir zu küssen.

Die jesidische Religion kennt drei zentrale Riten, die von Gläubigen vollzogen werden:
- Beschneidung der Jungen: Diese erfolgt auf freiwilliger Basis.
- Christliche Eucharistie: Ein Brauch, der eine klare Parallele zu Jesus aufweist. Gläubige sitzen um einen Tisch, wo ein Priester (Sheikh, Pir oder Mullah) einen Kelch fragt „Was ist das?“ (Ave Tschia) und antwortet: „Dies ist der Kelch Jesu“ (Ave Kasie Isayya), gefolgt von „Jesus ist darin gegenwärtig“ (Ave Isa naf runischtiyya). Der Priester trinkt daraus und gibt den Kelch weiter, bis er leer ist.
- Taufe: Das wichtigste Initiationsritual, das den Eintritt in die Gemeinschaft symbolisiert.
Die Taufe eines Kindes im Jesidentum
Die Taufe im Jesidentum ist ein tiefgreifendes und heiliges Ritual, das die Aufnahme eines Neugeborenen in die jesidische Gemeinschaft besiegelt. Sie erfolgt in der Regel kurz nach der Geburt und sollte idealerweise im heiligen Tempel von Lalisch stattfinden, dem wichtigsten Pilgerort der Jesiden im Nordwesten Kurdistans (heutiger Irak).
Der Taufvorgang wird von einem Sheikh durchgeführt, der das Kind dreimal im Weihwasser des Tempels tauft. Nach dem zweiten Eintauchen legt der Sheikh seine Hand auf das Haupt des Kindes und murmelt dabei eine heilige Formel: „Hol hola! Jesid ist ein Sultan. Du wurdest zum Lamm des Jesid; Du vermagst ein Märtyrer des Jesidentums sein.“ (Hol hola soultanie Azid, tou bouia berhe Azid, saraka rea Azid). Während der eigentlichen Taufhandlung verbleibt der Sheikh mit dem Kind allein im Taufgewölbe; die Eltern warten draußen.
Neben der Kindertaufe gibt es auch den Brauch, dass sich gläubige Jesiden einmal im Jahr zum Grabheiligtum des Sheikh Adi in Lalisch begeben. Wenn dies nicht möglich ist, beten sie in einem anderen Jesidenschrein. Bei dieser Pilgerreise nach Lalisch sollen die Gläubigen ihre Kleider mit dem Weihwasser des Tempels „taufen“ – ein Ritual, das die spirituelle Reinigung und Erneuerung symbolisiert.
Glaube an die Reinkarnation und das ewige Leben
Ein zentraler Aspekt des jesidischen Glaubens ist die Reinkarnation. Ein Jeside kann nur als Jeside geboren werden. Sollte ein Jeside jedoch sehr schlecht handeln und schwere Sünden begehen, so fällt seine Seele aus dem jesidischen Reinkarnationszyklus heraus und muss im Körper einer Person eines anderen Glaubens wiedergeboren werden. Dies unterstreicht die jesidische Lehre, dass es stets darum geht, gut zu handeln, gut zu reden und gut zu denken. Die Seele muss von aller Sünde und weltlicher Verunreinigung befreit werden, um dereinst in die himmlischen Regionen emporsteigen und dort für alle Ewigkeit leben zu können. Diese Vorstellung erinnert stark an das Konzept des Karma in hinduistischen, buddhistischen und jainistischen Glaubenssystemen.
Die Herkunft der Jesiden und ihre bewegte Geschichte
Die Ursprünge der Jesiden sind von vielen Geheimnissen umhüllt. Der Name „Jesid“ wird oft von „es kswede dam“ („die von Gott Erschaffenen“) oder vom alt-iranischen „yazata“ („göttliches Wesen“) abgeleitet. Aufgrund ihrer Sprache, Kurmanji-Kurdisch, werden die Jesiden dem kurdischen Kulturkreis zugerechnet, und einige Historiker betrachten sie als die ersten Kurden überhaupt. Manche Jesiden glauben sogar, dass die Kurden ursprünglich Jesiden waren, die sich später durch die Konversion zum Islam von ihrem alten Glauben abwandten.
Ein zentraler Mythos besagt, dass die Jesiden die ersten Menschen waren, die aus dem Garten Eden in die Welt kamen, wobei Eden dort gelegen haben soll, wo sich heute Lalisch befindet. Dies untermauert ihren Glauben, dass ihre Religion die älteste überhaupt ist und von ihnen eine ganze Weltzivilisation hervorgegangen ist. Ihr Kalender ist mit 6.765 Jahren (im Jahr 2016) deutlich älter als der jüdische, christliche oder islamische Kalender.
Trotz ihrer reichen Kultur und uralten Traditionen wurden die Jesiden im Laufe der Geschichte immer wieder verfolgt. Die Invasionen der Araber im 7. Jahrhundert und der Mongolen im 13. Jahrhundert zwangen viele Jesiden zur Flucht in die Berge. Auch während des Osmanischen Reiches hielt die Verfolgung an. Nach dem Irakkrieg von 1991 erhielten die Jesiden in einem autonomen Kurdistan besondere Rechte, konnten Schulen errichten und ihre Identität in sogenannten „Lalish-Zentren“ bewahren.

Häufig gestellte Fragen zum Jesidentum
Sind Jesiden Teufelsanbeter?
Nein, das ist eine falsche und missverständliche Unterstellung. Jesiden sind Monotheisten und verehren den einen Gott. Melek Taus, der Engel-Pfau, ist nicht der Teufel, sondern der höchste Engel und Gottes Stellvertreter, der das Prinzip des Guten verkörpert.
Was ist die Rolle von Melek Taus?
Melek Taus ist der Anführer der Engel und Gottes Stellvertreter auf Erden. Er ist das reine und positive Licht Gottes und spielt eine zentrale Rolle in der jesidischen Mythologie und Spiritualität. Er ist keine von Gott getrennte oder ihm entgegengesetzte Entität.
Können Jesiden ihren Glauben wechseln?
Traditionell kann ein Jeside nur als Jeside geboren werden. Der Übertritt zum Jesidentum ist nicht vorgesehen. Allerdings besagt der Glaube an die Reinkarnation, dass eine Seele, die sehr schlechte Taten begeht, aus dem jesidischen Reinkarnationszyklus fallen und in einem Körper einer Person eines anderen Glaubens wiedergeboren werden kann.
Wo befindet sich das spirituelle Zentrum des Jesidentums?
Das spirituelle und geographische Zentrum des Jesidentums ist der heilige Tempel von Lalisch im Nordwesten des heutigen Irak. Er ist der wichtigste Pilgerort für Jesiden weltweit und der Ort vieler heiliger Rituale, einschließlich der Taufe.
Wie alt ist der jesidische Kalender?
Der jesidische Kalender ist mit 6.765 Jahren (Stand 2016) einer der ältesten bekannten Kalender der Welt. Er ist deutlich älter als der jüdische, christliche oder islamische Kalender, was den jesidischen Anspruch auf eine sehr alte Religion untermauert.
Verfolgung in der Neuzeit und der Kampf um den Erhalt
Die Jesiden haben eine lange Geschichte der Verfolgung hinter sich, die bis in die heutige Zeit reicht. Besonders dramatisch ist die Lage seit dem Aufkommen des sogenannten „Islamischen Staates“ (ISIS) im Irak und in Syrien. Tausende jesidische Frauen, Mädchen und Kinder wurden entführt, versklavt und ermordet. Diese Gräueltaten gleichen einem Völkermord und drohen, diese uralte Religionsgemeinschaft zu zerstören. Trotz dieser unermesslichen Leiden versuchen die Jesiden, ihre religiöse Identität und ihre Traditionen in den verbliebenen Lalish-Zentren zu bewahren und weiterhin in Frieden zu leben, während die Weltgemeinschaft auf ihre Not aufmerksam gemacht wird.
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