24/03/2023
Der Israelsonntag ist ein besonderer Tag im Kirchenjahr, der tief in der Geschichte und Theologie des Christentums verwurzelt ist und gleichzeitig eine Brücke zum Judentum schlägt. Er lädt christliche Gemeinden ein, sich mit den gemeinsamen Wurzeln ihres Glaubens auseinanderzusetzen und gleichzeitig die schmerzliche Geschichte der Beziehungen zwischen Christen und Juden zu reflektieren. Dieser Sonntag ist mehr als nur ein Gedenktag; er ist ein Aufruf zur Versöhnung, zum Verständnis und zur aktiven Solidarität.

- Wann wird der Israelsonntag gefeiert?
- Die Bedeutung des Israelsonntags: Eine Brücke zwischen Glauben und Geschichte
- Ein Blick in die Geschichte: Vom "Judensonntag" zur Neubesinnung
- Der Israelsonntag im Kirchenjahr: Farben und Akzente
- Biblische Grundlagen: Psalmen, Propheten und die Lehre Jesu
- Antisemitismus begegnen: Eine aktuelle Herausforderung
- Fürbitten: Gebete für Frieden und Verständnis
- Häufig gestellte Fragen zum Israelsonntag
- Warum ist der Israelsonntag wichtig für Christen?
- Was bedeutet die "bleibende Erwählung Israels"?
- Wie hat sich die Bedeutung des Israelsonntags im Laufe der Geschichte gewandelt?
- Gibt es eine Verbindung zwischen dem Israelsonntag und jüdischen Feiertagen?
- Welche Rolle spielt der Israelsonntag im Kampf gegen Antisemitismus?
Wann wird der Israelsonntag gefeiert?
Der Israelsonntag wird traditionell am zehnten Sonntag nach Trinitatis begangen. Dieses Datum ist nicht zufällig gewählt, sondern steht in enger Verbindung zum jüdischen Kalender. Es ist angelehnt an den Fasten- und Trauertag Tischa be Av, der am neunten Tag des Monats Av gefeiert wird. An diesem jüdischen Gedenktag wird der Zerstörung des Jerusalemer Heiligtums gedacht – ein Ereignis, das sowohl für das Judentum als auch für die frühe christliche Kirche von immenser Bedeutung war.
Die genaue Datierung variiert von Jahr zu Jahr, da sie vom Osterdatum und somit vom beweglichen Trinitatisfest abhängt. Es handelt sich also nicht um einen festen Kalendertag, sondern um einen variablen Sonntag im Spätsommer, der den Gemeinden jährlich Gelegenheit zur Besinnung gibt.
Der Israelsonntag erinnert an das enge Verhältnis von Christen und Juden, das oft von Missverständnissen, Leid und Verfolgung geprägt war. Im Mittelpunkt der Gottesdienste an diesem Tag stehen mehrere zentrale Aspekte:
- Die Trauer über das Unrecht, das Juden im Laufe der Geschichte angetan wurde.
- Die Schuld, die Christen und die Kirche auf sich geladen haben.
- Die Beziehungen zwischen Juden und Christen im Glauben an den selben Gott.
- Das Bekenntnis zur bleibenden Erwählung Israels als Gottes Volk.
Dieser Sonntag bietet den christlichen Gemeinden eine einzigartige Gelegenheit, sich mit den jüdischen Wurzeln ihres eigenen Glaubens auseinanderzusetzen. Es ist eine grundlegende theologische Erkenntnis, dass Jesus selbst Jude war, ebenso wie seine Jünger. Seine Lehren wurzeln tief in den jüdischen Glaubenstraditionen und der hebräischen Bibel. Das Verständnis dieser Verbindung ist essenziell, um die Botschaft des Christentums in ihrer ganzen Tiefe zu erfassen.
Ein Blick in die Geschichte: Vom "Judensonntag" zur Neubesinnung
Die Tradition des Israelsonntags reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Ursprünglich wurde er als „Gedenktag der Zerstörung Jerusalems“ gefeiert. Dieser Gedenktag erinnerte an die zweimalige Zerstörung des Tempels auf dem Tempelberg in Jerusalem:
- Der erste Tempel, der so genannte salomonische Tempel, wurde vor rund 2500 Jahren von den Babyloniern zerstört, was zur babylonischen Gefangenschaft des Volkes führte.
- Der zweite Tempel wurde vor rund 2000 Jahren von den Römern dem Erdboden gleichgemacht, wobei nur die Klagemauer übrig blieb. Das Heiligtum in Jerusalem war das unbestrittene Zentrum des jüdischen Kultes.
Bis in die 1960er Jahre hinein wurde dieser Sonntag oft als „Judensonntag“ bezeichnet. Die Zerstörung des Tempels wurde von Christen lange Zeit als Gericht Gottes über das jüdische Volk gedeutet, weil es Jesus nicht als seinen Messias erkannt habe. Diese theologische Deutung führte zu einer fatalen Haltung der Überlegenheit und mündete in eine christliche Judenfeindschaft, die über Jahrhunderte hinweg das Verhältnis schwer belastete. Der Fokus lag dabei oft auf der sogenannten „Judenmission“, der Bekehrung von Juden zum Glauben an Jesus als den wahren Messias und Sohn Gottes. Antijudaismus und Antisemitismus, oft theologisch begründet, haben zu unermesslichem Leid geführt, einschließlich Verfolgungen, Pogromen und letztlich dem Holocaust im Deutschen Reich.
Erst nach 1945, und nur langsam, begann ein tiefgreifendes Umdenken in der evangelischen Kirche. Angesichts der Schoa, des Völkermordes an den europäischen Juden, setzte eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Schuldgeschichte ein. Es entstand der Versuch, ein theologisches Verständnis des Judentums zu gewinnen, das frei von Antijudaismus und Antisemitismus ist. Der Wandel der Namen für diesen Sonntag – vom „Judensonntag“ zum „Israelsonntag“ – und die Wahl der Bibeltexte spiegeln dieses tiefgreifende Umdenken wider. Heute gibt der Israelsonntag Gelegenheit, der christlichen Schuldgeschichte und der bleibenden Erwählung Israels als Gottes Volk zu gedenken.
Der Israelsonntag im Kirchenjahr: Farben und Akzente
Innerhalb des Kirchenjahrs fällt der Israelsonntag in die lange Zeit nach Trinitatis, eine Phase, in der verschiedene Aspekte des christlichen Glaubens thematisiert werden. An diesem Sonntag sind zwei unterschiedliche Akzentsetzungen möglich, die sich auch in der liturgischen Farbe widerspiegeln:
- Freude an Israel und Gemeinsamkeiten (Liturgische Farbe: Grün): Unter der Überschrift „Christen und Juden – Freude an Israel“ können die christlichen Gemeinden die bleibende Erwählung des jüdischen Volkes und die tiefen Gemeinsamkeiten von Christentum und Judentum hervorheben. Dieser Ansatz betont die theologische Verbundenheit und die gemeinsame Geschichte des Glaubens an den einen Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Die grüne Farbe symbolisiert Wachstum, Hoffnung und die Lebendigkeit des Glaubens.
- Gedenken an Zerstörung und Buße (Liturgische Farbe: Violett): Alternativ können die Gemeinden der Zerstörung Jerusalems bzw. der Tempel in Jerusalem gedenken und damit den Akzent auf den Bußcharakter des Israelsonntags setzen. Hier steht die Schuld der Christen und der Kirchen in ihrer Geschichte gegenüber dem Judentum im Zentrum. Die violette Farbe ist traditionell mit Buße, Besinnung und Trauer verbunden und ruft zur Reue über vergangenes Unrecht auf.
Diese duale Möglichkeit der Akzentsetzung erlaubt es den Gemeinden, den Israelsonntag entsprechend ihrer theologischen Schwerpunkte und ihrer lokalen Gegebenheiten zu gestalten, stets aber mit dem Ziel, die Beziehung zum Judentum zu stärken und die eigene Verantwortung zu reflektieren.
Biblische Grundlagen: Psalmen, Propheten und die Lehre Jesu
Zwei Texte stehen traditionell im Mittelpunkt der Lesungen am Israelsonntag und unterstreichen die verschiedenen Facetten dieses Tages:
- Lukas 19, 41-48: Dieser Text bringt die tiefe Trauer Jesu über die Stadt Jerusalem zum Ausdruck. Jesus beklagt, dass ihre Bewohner nicht erkennen, „was dem Frieden dient“, und somit auch den Zeitpunkt verpassen, als sie vom – nach christlicher Auffassung – wahren Messias, nämlich Jesus Christus, besucht werden. Indirekt klingt hier der Aspekt der Verfolgung des jüdischen Volkes an. Tragischerweise wurde dieser Text in der Geschichte nicht selten antijudaistisch gedeutet, indem die Zerstörung Jerusalems und des Tempels als Rache für den Tod Jesu interpretiert wurde – eine Deutung, die heute als theologisch verfehlt und schädlich abgelehnt wird.
- Markus 12, 28-34: Hier wird erzählt, wie Jesus mit einem jüdischen Schriftgelehrten über das höchste Gebot spricht. Beide, Jesus und der Schriftgelehrte als Vertreter des Judentums, erkennen das Doppelgebot der Liebe – die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten – als das höchste Gebot an. Dieser Dialog hebt die theologische Verbundenheit des Christentums mit dem Judentum und die Treue Gottes zu seinem Volk hervor. Er zeigt, dass zentrale ethische und theologische Konzepte im Judentum und Christentum geteilt werden.
Die Wahl der Psalmen für den Israelsonntag hat sich im Laufe der Zeit ebenfalls gewandelt und entspricht der jüngeren Tendenz, der Verbundenheit mit dem Judentum und der eigenen Schuld gegenüber Israel zu gedenken:
- Nach der jüngsten Perikopenrevision ist dem Sonntag Psalm 122 zugeordnet. Dies ist ein Wallfahrtslied, das die Sehnsucht nach Jerusalem und seinen Frieden zum Ausdruck bringt („Betet für den Frieden Jerusalems!“). Er bringt gegenüber älteren Wochenpsalmen (wie Psalm 84 oder 106) Gottes bleibende Treue zu seinem jüdischen Volk zum Ausdruck und betont die gemeinsame Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit.
- Wenn der Israelsonntag schwerpunktmäßig der Zerstörung Israels gedenken soll, können auch Passagen aus Psalm 74 gelesen werden, in dem die Zerstörung des Heiligtums auf dem Berg Zion beklagt wird. Dieser Psalm spiegelt die tiefe Trauer und den Schmerz über den Verlust des zentralen Kultortes wider.
Antisemitismus begegnen: Eine aktuelle Herausforderung
In der heutigen Zeit erleben wir mit großer Sorge, wie Antisemitismus in Deutschland wieder salonfähig wird und sich in verschiedenen Formen manifestiert. Angesichts dieser Entwicklung rufen viele Landeskirchen ihre Gemeinden, insbesondere am Israelsonntag, dazu auf, Antisemitismus und Rassismus entschieden entgegenzutreten. Christinnen und Christen sind hier in besonderer Weise gefordert, ihre Solidarität gegenüber Jüdinnen und Juden auszudrücken und sich aktiv gegen jede Form von Judenfeindschaft zu positionieren.
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) tritt entschieden gegen Antisemitismus und alle Formen von Judenfeindschaft ein. Der Israelsonntag dient dabei als wichtiger Anlass, um:
- Für ein Bewusstsein für die Geschichte des christlichen Antijudaismus zu schaffen.
- Die bleibende Erwählung Israels als Gottes Volk zu bekräftigen.
- Die theologische Verbundenheit mit dem Judentum zu stärken.
- Gegenwärtigen antisemitischen Tendenzen klar entgegenzutreten und für eine offene, tolerante Gesellschaft einzutreten.
Es ist eine fortwährende Aufgabe, aus der Geschichte zu lernen und sich aktiv für Gerechtigkeit und Frieden einzusetzen, gerade im Hinblick auf die Beziehungen zwischen Christen und Juden.

Fürbitten: Gebete für Frieden und Verständnis
Die Fürbitten am Israelsonntag sind ein Ausdruck der Hoffnung und des Engagements der Gemeinden. Sie können die Bedeutung Jesu Christi für alle Menschen bedenken und gleichzeitig einer Vereinnahmung wehren, die die Eigenständigkeit des Judentums missachten würde. Beispiele für solche Fürbitten könnten sein:
- „Hilf, dass wir in ganzer Tiefe begreifen, was es heißt, dass dein Sohn in Israel zur Welt gekommen ist. Mach uns wachsam gegen jede Form von Antisemitismus und stärke unsere Entschlossenheit, uns für eine Welt ohne Hass einzusetzen.“
- „Breite deinen Frieden über Israel und seine Nachbarn aus, lass Gerechtigkeit auf der ganzen Erde walten und führe alle Menschen zu einem tieferen Verständnis und Respekt füreinander.“
Diese Gebete spiegeln den Wunsch nach Versöhnung, Frieden und einem respektvollen Miteinander wider, das die tiefe Verbundenheit und doch die unverwechselbare Identität beider Religionen anerkennt.
Häufig gestellte Fragen zum Israelsonntag
Warum ist der Israelsonntag wichtig für Christen?
Der Israelsonntag ist von zentraler Bedeutung, weil er Christen dazu anregt, sich ihrer jüdischen Wurzeln bewusst zu werden. Jesus und die frühen Apostel waren Juden, und viele christliche Lehren sind im Judentum verankert. Zudem dient der Tag der Buße für die historische Schuld des Christentums gegenüber dem Judentum und fördert das Engagement gegen Antisemitismus in der Gegenwart.
Was bedeutet die "bleibende Erwählung Israels"?
Die "bleibende Erwählung Israels" ist eine theologische Überzeugung, dass Gott seinen Bund mit dem Volk Israel nicht aufgehoben hat, auch nicht durch das Kommen Jesu Christi. Es bedeutet, dass Israel weiterhin eine besondere Rolle in Gottes Heilsplan spielt und als Gottes auserwähltes Volk bestehen bleibt. Diese Erkenntnis ist ein wichtiger Bestandteil des modernen christlich-jüdischen Dialogs.
Ursprünglich wurde der Israelsonntag (früher "Judensonntag") oft dazu genutzt, die Zerstörung des Jerusalemer Tempels als Strafe für die Ablehnung Jesu zu interpretieren und die "Judenmission" zu betonen. Nach dem Holocaust kam es zu einem tiefgreifenden Umdenken. Heute steht die Reue über christliche Schuld, die Solidarität mit dem Judentum und die theologische Verbundenheit im Vordergrund, weg von jeder Form des Antijudaismus.
Gibt es eine Verbindung zwischen dem Israelsonntag und jüdischen Feiertagen?
Ja, das Datum des Israelsonntags ist bewusst an den jüdischen Fasten- und Trauertag Tischa be Av angelehnt. An Tischa be Av gedenken Juden der Zerstörung beider Jerusalemer Tempel. Diese Anlehnung unterstreicht die gemeinsame Erinnerung an ein zentrales Ereignis, auch wenn die theologische Deutung unterschiedlich ist.
Welche Rolle spielt der Israelsonntag im Kampf gegen Antisemitismus?
Der Israelsonntag spielt eine entscheidende Rolle im Kampf gegen Antisemitismus. Er erinnert Christen an die historischen Verfehlungen ihrer Kirche und ruft sie auf, aktiv gegen Antisemitismus und jede Form von Judenfeindschaft aufzutreten. Er fördert Solidarität, Verständnis und den Einsatz für eine Gesellschaft, in der jüdisches Leben sicher und geachtet ist.
Der Israelsonntag ist somit ein Tag der Erinnerung, der Besinnung und der aktiven Gestaltung. Er mahnt zur kritischen Reflexion der eigenen Geschichte, stärkt die Verbundenheit mit dem Judentum und ruft dazu auf, sich entschieden gegen jede Form von Diskriminierung und Hass einzusetzen. Ein Tag, der in seiner Vielschichtigkeit die komplexe und doch so wichtige Beziehung zwischen Christentum und Judentum widerspiegelt.
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