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Der Aufruf zum Gebet: Die Kraft der Fürbitte

29/03/2022

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Im Herzen des christlichen Glaubens liegt eine tiefe Überzeugung: die Kraft des Gebets. Doch Gebet ist nicht immer nur ein persönliches Gespräch mit Gott. Oft nimmt es eine Form an, die über das eigene Ich hinausgeht und sich den Nöten und Hoffnungen anderer zuwendet. Dies ist der Kern dessen, was wir als Fürbitte kennen – ein Gebet, das für andere gesprochen wird. Es ist ein Ausdruck von Solidarität, Nächstenliebe und dem tiefen Wunsch, dass Gottes Gnade und Segen sich auf Mitmenschen ergießen mögen. Der Aufruf zum Gebet, insbesondere zur Fürbitte, ist ein zentrales Element vieler Gottesdienste und persönlicher Frömmigkeitspraktiken weltweit.

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Inhaltsverzeichnis

Die Fürbitte: Ein Gebet für Andere

Die Fürbitte, im Lateinischen als "intercessio" bezeichnet, ist das Gebet, bei dem Gläubige für die Anliegen, das Wohlergehen oder die Erlösung anderer Menschen oder Gruppen eintreten. Es ist ein Akt der stellvertretenden Gebets, bei dem man sich vor Gott für jemanden einsetzt, der selbst nicht beten kann, der in Not ist oder dessen Anliegen man unterstützen möchte. Diese Form des Gebets zeugt von der tiefen Verbundenheit innerhalb der Glaubensgemeinschaft und der Überzeugung, dass Gebet die Realität beeinflussen kann. Es ist ein Akt des Dienens und der Liebe, der über konfessionelle Grenzen hinweg praktiziert wird und eine Brücke zwischen dem Beter und dem Gebetsanliegen schafft. Die Bibel selbst enthält zahlreiche Beispiele für Fürbitten, von Mose, der für sein Volk eintritt, bis zu Jesus, der für seine Jünger betet.

Fürbitte in verschiedenen Kirchen

Die Praxis der Fürbitte ist in den unterschiedlichen christlichen Konfessionen weit verbreitet, wenngleich die Formen variieren können.

In der katholischen, orthodoxen und anglikanischen Kirche ist es eine lange etablierte Tradition, verstorbene Heilige oder die Gottesmutter Maria um ihre Fürbitte bei Gott zu bitten. Man glaubt, dass diese Heiligen, die bereits in der Gegenwart Gottes sind, als mächtige Fürsprecher wirken können. Diese Praxis unterstreicht die Gemeinschaft der Heiligen, die über den Tod hinausreicht.

In charismatisch geprägten Kirchen findet sich oft das sogenannte Segnungsgebet. Hier teilt eine hilfesuchende Person ihr Gebetsanliegen einem oder mehreren Betern mit. Diese beten dann im Beisein des Hilfesuchenden für ihn und sprechen ihm einen Segen zu. Der Fokus liegt hier oft auf direkter, persönlicher Interaktion und dem Glauben an die unmittelbare Wirksamkeit des Gebets durch den Heiligen Geist.

In vielen Freikirchen sind Gebetsversammlungen weit verbreitet, bei denen sich die Gemeinde trifft, um gemeinsam für bestimmte Anliegen Fürbitte zu halten. Dies kann von globalen Themen wie Frieden und Gerechtigkeit bis hin zu persönlichen Nöten einzelner Gemeindemitglieder reichen. Diese Versammlungen betonen die gemeinschaftliche Dimension des Gebets und die gegenseitige Unterstützung im Glauben. Die Vielfalt der Formen zeigt, wie zentral die Fürbitte in der christlichen Spiritualität verankert ist.

Die Fürbitte in der Heiligen Messe

Ein besonders prominenter Ort der Fürbitte ist die Liturgie, insbesondere die Heilige Messe in der katholischen Kirche, aber auch in lutherischen, anglikanischen, methodistischen und anderen westlichen Kirchen. Hier nimmt die Fürbitte einen festen Platz ein und wird als „Gebet der Gläubigen“ oder „Allgemeines Gebet“ bezeichnet.

Historische Entwicklung und Wiedereinführung

Es mag überraschen, dass das „Gebet der Gläubigen“ über viele Jahrhunderte kein fester Bestandteil der Heiligen Messe war. Es wurde erst durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) wieder in die Messfeier aufgenommen. Zuvor wurden Fürbitten in der römisch-katholischen Liturgie nur am Karfreitag gesprochen – eine Tradition, die sich bis ins 1. Jahrhundert zurückverfolgen lässt und somit eine bemerkenswert alte Wurzel hat. Die Wiedereinführung in die tägliche Messfeier war ein wichtiger Schritt, um die aktive Teilnahme und den „priesterlichen Dienst“ der gesamten Gemeinde stärker zu betonen. Das Konzil erkannte die Bedeutung dieses Gebets als Ausdruck der gemeinsamen Verantwortung und des Mittleramtes aller Getauften.

Ablauf und Struktur der Fürbitten

Das Fürbittengebet hat seinen festen Platz am Ende des Wortgottesdienstes, nach der Evangeliumslesung, gegebenenfalls der Homilie und dem Glaubensbekenntnis. Es ist der Moment, in dem die versammelte Gemeinde ihre Anliegen vor Gott bringt.

Die Fürbitten werden vom Hauptzelebranten der Heiligen Messe durch eine Einladung an die Gemeinde eingeleitet, die dazu auffordert, gemeinsam für die Anliegen zu beten. Das Vortragen der einzelnen Gebetsanliegen ist die Aufgabe des Diakons, des Lektors oder auch anderer Gläubiger, was die breite Beteiligung der Gemeinde unterstreicht.

Die Bitten selbst sind entweder einheitlich an Gott den Vater oder an Jesus Christus, den Herrn, gerichtet. Das Messbuch sieht eine bestimmte Reihung der Anliegen vor, die ein breites Spektrum abdecken soll:

  1. Für die Kirche und ihre Bedürfnisse, die Einheit der Christen und die Verbreitung des Glaubens.
  2. Für die Regierenden und für das Heil der ganzen Welt, für Frieden und Gerechtigkeit unter den Völkern.
  3. Für die Notleidenden, die Kranken, die Armen, die Verfolgten und alle, die Hilfe brauchen.
  4. Für die Ortsgemeinde oder -gemeinschaft, ihre spezifischen Anliegen und die einzelnen Mitglieder.

Von diesem Grundschema kann jedoch abgewichen werden, um auf aktuelle Ereignisse oder besondere Bedürfnisse der Gemeinde einzugehen. Die Nennung der einzelnen Gebetsanliegen wird von der Gemeinde mit einem gesungenen oder gesprochenen Gebetsruf beantwortet, der meist „Wir bitten dich, erhöre uns“ lautet. Dieser Ruf ist der Ausdruck der Zustimmung und des gemeinsamen Flehens der gesamten Versammlung. Den Abschluss bildet ein Gebet des Zelebranten und das gemeinsame „Amen“ der Gemeinde, das die Fürbitten besiegelt.

Fürbitten in anderen liturgischen Kontexten

Die Fürbitte ist nicht auf die Sonntagsmesse beschränkt, sondern durchzieht die gesamte Liturgie der Kirche in verschiedenen Formen.

Was ist ein Gebet?
„Das Gebet ist ein Reden des Herzens mit Gott in Bitte und Fürbitte, Dank und Anbetung.“ (Martin Luther und Johannes Brenz) Hier finden Sie Gebete für den Tages- und Jahreskreis, im Horizont der Lebensgeschichte und zu verschiedenen Themen. Öffne mir Augen, Ohren und Herz für Menschen und Aufgaben. Die Nacht ist vergangen.

Die Großen Fürbitten der Karfreitagsliturgie

In der Karfreitagsliturgie ist eine besonders alte und feierliche Form der Fürbitte erhalten, die als die „Großen Fürbitten“ bekannt ist. Sie ist dreiteilig strukturiert: Der Priester singt zunächst eine Einladung zum Gebet, in der er das Anliegen nennt. Daraufhin fordert er oder ein anwesender Diakon die Gemeinde auf, die Knie zu beugen. Nach dem Niederknien folgt ein Moment des stillen Gebets. Anschließend fordert der Priester „Erhebet euch“, und fasst das Gebetsanliegen mit einer feierlichen Oration zusammen, auf die alle mit „Amen“ antworten. Diese Form ist ein beeindruckendes Zeugnis der liturgischen Geschichte.

Eine historisch umstrittene Fürbitte innerhalb dieser Karfreitagsliturgie war die für die Juden aus dem 6. Jahrhundert. Sie wurde mehrfach geändert, da Historiker sie als Teil des christlichen Antijudaismus sehen und sie zur Beförderung des Antisemitismus beigetragen hat. Dies zeigt, dass auch liturgische Texte im Laufe der Geschichte kritisch reflektiert und angepasst werden müssen.

Fürbitte im Stundengebet

Auch das Stundengebet der Kirche, das von Priestern, Ordensleuten und vielen Laien gebetet wird, beinhaltet Fürbitten. In den Laudes, dem Morgengebet, werden sogenannte Preces (Bitten für den Tag) gesprochen. In der Vesper, dem Abendgebet, finden sich ebenfalls Fürbitten. Eine besondere Bedeutung hat die letzte Fürbitte der Vesper, die traditionell immer den Sterbenden oder Verstorbenen gewidmet ist, um deren ewige Ruhe und das Heil ihrer Seelen zu bitten.

Allerheiligenlitanei und Novenen

Die Allerheiligenlitanei, ein langes Bittgebet, beinhaltet in ihrem zweiten Teil eine Reihe von Fürbitten, die an die Großen Fürbitten der Karfreitagsliturgie erinnern und die Gemeinschaft der Heiligen anrufen. Auch die Gebetsform der Novene, eine neun Tage dauernde Gebetszeit, kann der Fürbitte für ein bestimmtes Anliegen gewidmet sein, oft in Vorbereitung auf ein Fest oder zur Erlangung einer besonderen Gnade.

Vergleich: Fürbitten in der Messe vs. Karfreitagsliturgie

Um die unterschiedlichen Ausprägungen der Fürbitte besser zu verstehen, lohnt sich ein kurzer Vergleich der Formen in der ordentlichen Heiligen Messe und der feierlichen Karfreitagsliturgie:

MerkmalHeilige Messe (Allgemeines Gebet)Karfreitagsliturgie (Große Fürbitten)
ZeitpunktNach Evangelium, Homilie und Glaubensbekenntnis (Ende Wortgottesdienst)Fester Bestandteil der Karfreitagsliturgie, nach der Verkündigung des Leidens Christi
StrukturEinleitung durch Zelebrant, Vortrag der Anliegen (Diakon/Lektor/Gläubige), Antwort der Gemeinde, Abschlussgebet ZelebrantDreiteilig: Einladung (Priester), Niederknien & stilles Gebet, Erheben & Oration (Priester)
Beteiligung der GemeindeAktiver Gebetsruf ("Wir bitten dich, erhöre uns") nach jedem AnliegenStilles Gebet während des Niederknien, "Amen" nach der Oration
Vortrag der AnliegenDiakon, Lektor oder andere GläubigePriester singt die Einladung zum Gebet
CharakterReguläres, wiederkehrendes Gebet der Gemeinde für verschiedene AnliegenFeierliches, altes Gebet mit festen Anliegen für die ganze Welt und die Kirche, oft mit historischer Tiefe

Dieser Vergleich macht deutlich, dass die Fürbitte in ihrer Essenz, dem Gebet für andere, konstant bleibt, sich aber in ihrer Form an den jeweiligen liturgischen Kontext anpasst, um ihre Wirkung und Bedeutung optimal zu entfalten.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was ist der Hauptzweck der Fürbitte?

Der Hauptzweck der Fürbitte ist es, im Gebet für die Anliegen, das Wohlergehen und das Heil anderer Menschen oder der Welt als Ganzes vor Gott einzutreten. Es ist ein Ausdruck der Nächstenliebe und der Überzeugung, dass Gebet eine positive Veränderung bewirken kann.

Wer darf Fürbitten vortragen?

In der Heiligen Messe werden die einzelnen Gebetsanliegen traditionell vom Diakon, einem Lektor oder auch von anderen geeigneten Gläubigen vorgetragen. Die Einleitung und der Abschluss der Fürbitten obliegen dem Hauptzelebranten.

Warum wurde die Fürbitte in der Messe wieder eingeführt?

Die Fürbitte wurde durch das Zweites Vatikanisches Konzil in die Messfeier wieder eingeführt, um die aktive Teilnahme der Gläubigen am Gottesdienst zu stärken und ihren „priesterlichen Dienst“ als getaufte Mitglieder der Kirche zu betonen. Es war eine Rückbesinnung auf alte christliche Traditionen.

Gibt es feste Regeln für die Anliegen der Fürbitten?

Ja, das Messbuch schlägt eine bestimmte Reihung vor: für die Kirche, für die Regierenden und das Heil der Welt, für die Notleidenden und für die Ortsgemeinde. Dieses Schema kann jedoch an spezifische Bedürfnisse oder aktuelle Ereignisse angepasst werden.

Ist Fürbitte nur in der Kirche möglich?

Nein, Fürbitte ist nicht nur Teil der Liturgie, sondern auch ein wichtiger Bestandteil des persönlichen christlichen Gebets. Jeder Gläubige kann und soll im Stillen oder in kleinen Gruppen für andere beten. Die gemeinschaftliche Fürbitte in der Liturgie ist eine öffentliche und feierliche Form dieser privaten Praxis.

Zusammenfassende Gedanken

Der Aufruf zum Gebet, insbesondere zur Fürbitte, ist weit mehr als nur eine liturgische Formalität. Er ist ein lebendiger Ausdruck des Glaubens, der Gemeinschaft und der Hoffnung. Ob in der feierlichen Atmosphäre der Heiligen Messe, im stillen Kämmerlein oder in der gemeinsamen Gebetsversammlung – die Fürbitte verbindet uns mit Gott und miteinander. Sie erinnert uns daran, dass wir nicht allein sind in unseren Freuden und Leiden und dass unser Gebet der Gläubigen für andere eine tiefe und wirkmächtige Kraft entfalten kann. Sie ist ein Zeugnis dafür, dass Nächstenliebe und Solidarität nicht nur in Taten, sondern auch im Gebet ihre höchste Form finden. Die Fürbitte ist somit ein unverzichtbarer Pfeiler des christlichen Lebens und ein fortwährender Aufruf zur Barmherzigkeit und zum Miteinander.

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