Was gibt es in der Fuggerei zu sehen?

Die Fuggerei: Einzigartige Sozialsiedlung Augsburgs

21/09/2025

Rating: 4.52 (9555 votes)

Inmitten der historischen Stadt Augsburg verbirgt sich ein Ort, der seit einem halben Jahrtausend ein Leuchtturm der sozialen Fürsorge ist: die Fuggerei. Sie ist nicht nur die älteste Sozialsiedlung der Welt, sondern auch ein lebendiges Denkmal für Menschlichkeit und Gemeinschaft, das bis heute Menschen in Not ein Zuhause und Würde schenkt. Ihre Geschichte ist eng verbunden mit dem Namen eines der reichsten Kaufmänner seiner Zeit, Jakob Fugger, dessen Vision bis heute fortlebt und weit über die Stadtgrenzen hinaus Bewunderung findet.

Wie viele Menschen leben in der Fuggerei?
„Hier ist man jemand, nicht nur ein Bewohner“, beschreibt er das Leben in der Fuggerei. Aktuell leben 145 Menschen in der Fuggerei - es sind finanziell bedürftige Familien, Alleinstehende und Paare aus Augsburg, die trotz Arbeit, Rente oder sozialer Leistungen am normalen Wohnungsmarkt keine Chance haben.

Die Fuggerei ist mehr als nur eine Ansammlung von Häusern; sie ist ein Mikrokosmos des Zusammenhalts, der Tradition und der gelebten Nächstenliebe. Hier finden Menschen, die unverschuldet in Not geraten sind, nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch eine Gemeinschaft, in der sie sich geborgen fühlen und „jemand sind, nicht nur ein Bewohner“, wie es Noel, ein ehemaliger Bewohner, treffend formulierte. Tauchen Sie ein in die faszinierende Welt der Fuggerei und entdecken Sie, was diesen Ort so einzigartig macht.

Inhaltsverzeichnis

Die Geburt einer Vision: Jakob Fuggers Vermächtnis

Die Wurzeln der Fuggerei reichen zurück ins frühe 16. Jahrhundert, eine Zeit, in der soziale Absicherung, wie wir sie heute kennen, praktisch nicht existierte. Armut war oft gleichbedeutend mit Obdachlosigkeit und Ausgrenzung. Wolf-Dietrich Graf von Hundt, der Administrator der Fuggerschen Stiftung, beschreibt die damalige Lage als „sehr viel prekärer und absoluter“. Wer nichts besaß und als mittellos bekannt war, dem wurde der Zugang zur Stadt Augsburg verwewehrt. Diese desolate Situation bewegte den tiefgläubigen und außerordentlich reichen Augsburger Kaufmann Jakob Fugger zutiefst.

Aus dieser inneren Überzeugung heraus fasste Jakob Fugger den Entschluss, eine Wohnsiedlung für bedürftige Augsburger Bürger zu stiften. Am 23. August 1521 wurde die Stiftungsurkunde unterzeichnet, die den Bau von 52 Wohnungen in den ersten sechs Gassen vorsah. Die Urkunde selbst zeugt von Fuggers Weitblick und seinem Wunsch, sein Vermächtnis für die Ewigkeit zu sichern: „Ich, Jakob Fugger, Bürger zu Augsburg, bekenne mit diesem Brief, der armen Leute Häuser am Kappenzipfel als Stiftung zu vollenden und die Nachfahren auf ewig mit der Vollstreckung zu verpflichten.“

Die Fuggerei wuchs schnell. Bereits im Todesjahr Jakob Fuggers, 1521, umfasste die Anlage 52 Häuser. Ursprünglich für Tagelöhner und Handwerker gedacht, die aufgrund wirtschaftlicher Not oder Krankheit keine andere Bleibe fanden, entwickelte sich die Fuggerei zu einem Modellprojekt sozialer Fürsorge, das bis heute Bestand hat.

Leben in der Fuggerei: Eine Gemeinschaft mit besonderen Regeln

Heute leben in der Fuggerei rund 150 Menschen in 67 zweigeschossigen Häusern. Die Bewohnerstruktur hat sich über die Jahrhunderte gewandelt, doch die Grundprinzipien und Bedingungen sind erstaunlich konstant geblieben. Wer hier wohnen möchte, muss drei wesentliche Kriterien erfüllen:

  • Man muss der katholischen Kirche angehören.
  • Man muss seinen Wohnsitz in Augsburg haben.
  • Man muss bedürftig sein.

Gerade in Zeiten akuter Wohnungsnot ist der Andrang auf eine Wohnung in der Fuggerei groß. Aktuell gibt es über 100 Berechtigte auf eine der begehrten Wohnungen. Der Bewerbungsprozess ist dabei sehr persönlich und umfassend, wie Wolf-Dietrich Graf von Hundt erläutert: „Ganz wichtig ist, dass Sie zu uns kommen, am liebsten live. Dann gibt es ein Gespräch mit den Sozialpädagogen bei uns, die erst einmal das grundsätzliche Setting prüfen. Dann schauen die auch: Gibt es neben der reinen finanziellen Bedürftigkeit weitere Bedürftigkeiten. Das heißt: Wird man gerade aus seiner Wohnung rausgeklagt? Droht Obdachlosigkeit?“

Die symbolische Miete und die Gebetspflicht

Das wohl bekannteste und oft bestaunte Detail des Lebens in der Fuggerei ist die Jahresmiete: Sie beträgt lediglich einen rheinischen Gulden, was heute einer Kaltmiete von nur 88 Cent pro Jahr entspricht. Diese symbolische Miete ist ein zentraler Pfeiler der Stiftungsphilosophie und soll sicherstellen, dass die Bewohner niemals durch Mietkosten überfordert werden.

Im Gegenzug für diese außergewöhnlich günstige Wohnmöglichkeit ist von den Bewohnern eine Gebetspflicht vorgesehen. Karolina Lenzgeiger, die seit zwei Jahren in der Fuggerei lebt, zählt auf: „Das 'Vaterunser,' das 'Gegrüßet seist Du, Maria' und das Glaubensbekenntnis.“ Diese drei Gebete sollen einmal täglich für den Stifter Jakob Fugger und seine Familie gesprochen werden. Obwohl niemand die Einhaltung dieser Pflicht kontrolliert, betrachten viele Bewohner sie als Ausdruck der Dankbarkeit und als „gute Gedanken“, wie Frau Lenzgeiger bemerkt. Johanna Grünwald, die seit 2013 in der Fuggerei wohnt und durch eine schwere Krankheit ihre Ersparnisse und ihren Beruf verlor, empfindet es als selbstverständlich: „Ich bete, dass die Stifter ihre Arbeit noch lange weiterführen.“ Für sie ist die Fuggerei ein Ort, an den Gott sie gelenkt hat, um wieder in Würde leben zu können.

Die Nebenkosten für Heizung und Strom sind, wie überall, auch in der Fuggerei eine Herausforderung, insbesondere angesichts steigender Energiepreise. Um die Bewohner nicht zu überfordern, werden diese Kosten monatlich abgerechnet, anstatt einer großen Jahresrechnung.

Architektur und Alltagsleben

Die Fuggerei mit ihren ockerfarben gestrichenen Häusern und den kleinen, grünen Holztüren strahlt eine einzigartige Atmosphäre aus. Miriam Sirch, Mitarbeiterin der Fuggerschen Stiftung, führt durch die Gassen, wie die „Herrengasse“, die Hauptstraße, oder die „Finstere Gasse“, die ihren Namen dem geringen Lichteinfall verdankt. Die Häuser sind zweigeschossig, die Wohnungen klein, aber gemütlich, oft nur zwei Zimmer umfassend. Die niedrigen Decken und kleinen Durchgänge zeugen von der Bauweise des Mittelalters, als die Menschen im Durchschnitt kleiner waren.

Wie heißt die Sozialpädagogin in der Fuggerei?
Immer ein offenes Ohr: Sozialpädagogin Michaela Huber (links) steht den Bewohnern der Fuggerei, hier Johanna Grünwald, stets mit Rat und Tat zur Seite. Manchmal kommt sie auch nur zum Plausch vorbei. © Annette Zoepf

Karolina Lenzgeiger zeigt stolz ihr kleines Reich mit Blick in den Park. Johanna Grünwald hat ihre barrierefreie Erdgeschosswohnung mit viel Liebe zum Detail eingerichtet, mit Psalm-Tafeln und einem Holzkreuz, die ihren tiefen Glauben widerspiegeln. Der Gemeinschaftsgeist ist ein wichtiger Aspekt des Lebens hier. „Wenn mich die Frau von nebenan ein paar Tage lang nicht sieht, lässt sie jemanden nachschauen, was los ist. Der Zusammenhalt ist einzigartig“, berichtet Johanna Grünwald.

Auch wenn die Fuggerei eine Attraktion für Touristen ist, ist sie vor allem ein Zuhause. Manchmal führt dies zu ungewollten Begegnungen, wenn Besucher die Häuser betreten, ohne zu wissen, dass sie bewohnt sind. Doch solche Vorfälle werden von den Bewohnern meist mit Humor genommen und dienen als Anekdoten für Gespräche unter Nachbarn.

Sicherheit und Unterstützung

Ein besonderes Merkmal der Fuggerei ist auch das Nachttor. Es schließt jeden Abend um 22 Uhr und öffnet morgens um 6 Uhr. Wer danach die Siedlung betreten oder verlassen möchte, muss eine kleine Gebühr an den Nachtwächter zahlen: 50 Cent zwischen 22 Uhr und Mitternacht, danach einen Euro bis 4:30 Uhr. Für manche Bewohner, wie Johanna Grünwald, fühlte sich das anfangs wie „eingesperrt“ an, doch sie ergänzt: „Aber eigentlich werden wir nur geschützt.“

Die Bewohner der Fuggerei erhalten umfassende Unterstützung. Sozialpädagoginnen wie Michaela Huber und Doris Herzog stehen ihnen mit Rat und Tat zur Seite, sei es bei Anträgen für Pflegegrade oder finanzielle Leistungen. Sie sind auch einfach zum Plausch da, wenn jemand ein offenes Ohr braucht. Auch Handwerker wie Siedlungs-Schreiner Arndt Baumann sind stets zur Stelle, um Reparaturen zu erledigen. Wöchentliche gemeinsame Frühstücke fördern zusätzlich die Gemeinschaft.

Finanzierung und Erhalt der Fuggerei

Die Fuggerei ist seit 500 Jahren eine Stiftung der Familie Fugger und wird bis heute von ihr finanziert. Das Fundament des Stiftungsvermögens bilden beeindruckende 3000 Hektar Waldbesitz. Das Holz wird an Baubetriebe, Schreinerwerkstätten und Möbelfirmen verkauft und bildet die wichtigste Einnahmequelle.

Doch die Stiftungen diversifizieren ihre Einnahmen, um den Erhalt der Fuggerei langfristig zu sichern. Dazu gehören auch Kiesabbau, Windenergie, die Organisation von Weihnachtsmärkten und Einnahmen aus Liegenschaften. Mit diesen Mitteln werden nicht nur die ockerfarbenen Häuser und die Figuren der schützenden Hausheiligen instandgehalten, sondern auch die gesamte Infrastruktur der Siedlung finanziert:

  • Das Administrationsgebäude
  • Der Pumpbrunnen
  • Zwei Museen, die den Alltag der Bewohner zeigen
  • Das Markusplätzle mit Biergarten
  • Eine Krankenstation
  • Zahlreiche Sitzbänke, die den Bewohnern vorbehalten sind
  • Die zur Anlage gehörende St. Markuskirche, die einen besonderen Status als Messpriesterstelle hat, in der ein Priester die Messe für die Fuggereibewohner hält.

Die Fuggerschen Stiftungen sind sich ihrer Verantwortung bewusst und arbeiten kontinuierlich daran, die Fuggerei für die Zukunft aufzustellen und ihre Idee weiterzutragen.

Die Fuggerei als Touristenattraktion und Vorbild für die Zukunft

Jährlich besuchen rund 200.000 Menschen aus aller Welt die Fuggerei, um sich ein Bild von dieser einzigartigen Sozialsiedlung zu machen. Sie werden mehrsprachig durch die Gassen geführt und erhalten Einblicke in ihre Geschichte und Funktionsweise. Viele Besucher äußern sich beeindruckt von der Architektur und der Bedeutung des Ortes. „Ich finde es wichtig, dass das hier erhalten ist, um es einfach der Nachwelt zur Verfügung zu stellen, um die Intention und den Zweck dahinter zu zeigen, und eben auch die Geschichte weiterzugeben“, sagt einer der Besucher.

Die Beständigkeit der Fuggerei über Jahrhunderte hinweg zeigt, dass soziale Fürsorge funktionieren kann, wenn die Habenden bereit sind zu geben. Alexander Graf Fugger-Babenhausen, der Vorsitzende des Fuggerschen Familien-Seniorats, unterstreicht das Ziel, „die Idee der Fuggerei in die Welt zu tragen und so neue Stifter zu begeistern.“

Zum 500-jährigen Bestehen der Fuggerei wurden bereits „Fuggereien der Zukunft“ angekündigt. Konkrete Projekte sind in Litauen geplant, um Altersarmut und Pflegenotstand zu bekämpfen, und in Sierra Leone, wo junge Frauen in einem Fischerdorf Bildungsangebote und Gesundheitsversorgung erhalten sollen. Auch in Deutschland, insbesondere in Städten mit hoher Wohnungsnot wie München, könnte eine solche Sozialsiedlung von großem Nutzen sein, wie Astrid Gabler, Sprecherin der Fuggerschen Stiftungen, anregt. Die Diskussion über potenzielle neue Standorte und die Zukunft der Fuggerei wird aktiv mit der Öffentlichkeit geführt, um das Erbe Jakob Fuggers lebendig zu halten und an die Bedürfnisse der heutigen Zeit anzupassen.

Wie viele Menschen leben in der Fuggerei?
„Hier ist man jemand, nicht nur ein Bewohner“, beschreibt er das Leben in der Fuggerei. Aktuell leben 145 Menschen in der Fuggerei - es sind finanziell bedürftige Familien, Alleinstehende und Paare aus Augsburg, die trotz Arbeit, Rente oder sozialer Leistungen am normalen Wohnungsmarkt keine Chance haben.

Häufig gestellte Fragen zur Fuggerei

Wie viele Menschen leben in der Fuggerei?

Aktuell leben etwa 150 Menschen in 67 zweigeschossigen Häusern der Fuggerei.

Was sind die Voraussetzungen, um in der Fuggerei wohnen zu dürfen?

Um eine Wohnung in der Fuggerei zu erhalten, müssen drei Hauptbedingungen erfüllt sein: Man muss katholisch sein, seinen Wohnsitz in Augsburg haben und bedürftig sein.

Wie hoch ist die Miete in der Fuggerei?

Die Kaltmiete beträgt lediglich einen rheinischen Gulden pro Jahr, was heute einer symbolischen Summe von 88 Cent entspricht.

Warum müssen die Bewohner der Fuggerei beten?

Als Teil des Mietvertrags und als Ausdruck der Dankbarkeit für den Stifter Jakob Fugger und seine Familie wird von den Bewohnern erwartet, täglich ein Vaterunser, ein Gegrüßet seist Du, Maria und das Glaubensbekenntnis zu sprechen. Dies ist eine seit der Gründung bestehende Tradition, die den göttlichen Beistand für die Stifterfamilie erbitten soll.

Was kann man als Tourist in der Fuggerei sehen?

Besucher können durch die historischen Gassen spazieren, die einzigartige Architektur der ockerfarbenen Häuser bewundern und zwei Museen besichtigen, die Einblicke in den Alltag der Bewohner geben. Dazu gehört auch das Markusplätzle mit Biergarten und die St. Markuskirche. Es gibt auch Führungen, die die Geschichte und Bedeutung der Fuggerei erläutern.

Wie wird die Fuggerei finanziert?

Die Fuggerei wird hauptsächlich durch das Vermögen der Fuggerschen Stiftungen finanziert. Die Haupteinnahmequelle sind die Erträge aus 3000 Hektar Waldbesitz. Weitere Einnahmen stammen aus Kiesabbau, Windenergie, Weihnachtsmärkten und Liegenschaften.

Gibt es Pläne für neue Fuggereien?

Ja, zum 500-jährigen Bestehen wurden Projekte für „Fuggereien der Zukunft“ angekündigt. Dazu gehören Initiativen in Litauen gegen Altersarmut und in Sierra Leone für Bildung und Gesundheitsversorgung. Auch die Möglichkeit weiterer Sozialsiedlungen in Deutschland, beispielsweise in München, wird diskutiert.

Wenn du andere Artikel ähnlich wie Die Fuggerei: Einzigartige Sozialsiedlung Augsburgs kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Religion besuchen.

Go up